Kolumne

Sprache : Lernt mehr Gedichte mit den Kindern!

Gedichte haben die Kraft, die Seele zu berühren und den Klang der Sprache sichtbar zu machen. Sie schulen die Merkfähigkeit und vieles mehr. Doch immer seltener werden in den Schulen Gedichte gelernt. Grundschullehrerin und Schulportal-Kolumnistin Sabine Czerny beschreibt, warum sie mit den Kindern regelmäßig Gedichte lernt und wie das am besten gelingt.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 23. Dezember 2019
ein Mädchen trägt ein Gedicht vor
Gedichte haben – ähnlich wie Musik und Gesang – die Kraft, unsere Seele zu berühren, starke Emotionen auszulösen.
©Getty Images

„Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus. …“ („Weihnachten“ von Joseph von Eichendorff)

Was machen diese Zeilen mit uns? Mich jedenfalls machen sie augenblicklich andächtig und besinnlich. Gedichte haben – ähnlich wie Musik und Gesang – die Kraft, unsere Seele zu berühren, starke Emotionen auszulösen. Schon dadurch sind sie enorm wertvoll, gerade in einer Zeit, die geprägt ist von Rastlosigkeit. Gedichte können ein Geschenk sein, das uns innehalten lässt, uns Momente der Ruhe und der Emotionen schenkt und unsere Seele wiegt.

In den Schulen werden kaum mehr Gedichte gelernt

In den Schulen allerdings werden kaum noch Gedichte gelernt. Meist fehlt die Zeit und die Muße – wie für so vieles andere auch. Und manch einer Lehrkraft, manch einem Schüler, einer Schülerin oder auch deren Eltern fehlt das Wissen um den Wert von Gedichten. Nicht wenige sehen das Erlernen eines Gedichts als unsinnig, gar als Tortur oder Strafe an.

Dabei hat das Lernen von Gedichten noch weit mehr Wertvolles zu bieten. Es schult die Merkfähigkeit, es hilft unseren Sprachausdruck zu verfeinern, zu differenzieren und zu rhythmisieren. Der Sprachklang wird melodischer, der Sprachfluss wird weicher, der Ausdruck bewusster. Der Wortschatz wird erweitert. Alte, teils schon vergessene Wörter haben oft eine ganz besondere Schwingung.

Aber an all diese Schätze kommt man nicht einfach so – sie wollen geborgen werden. In der Grundschule macht es wenig Sinn, ein Gedicht zum Lernen mit nach Hause aufzugeben. Kleine Kinder können noch nicht alleine auswendig lernen. Sie brauchen dafür ein Gegenüber, das mit ihnen lernt. Und oft ist da niemand. Dieser innere „Zwiegesprächs-Partner”, den wir Erwachsenen haben, mit dem gemeinsam wir etwas durchdenken oder sozusagen „selber mit uns“ besprechen, den müssen Kinder erst entwickeln. Der bildet sich erst ab dem Grundschulalter allmählich heraus. Ältere Kinder sind bereits in der Lage, Gedichte allein zu erarbeiten – aber auch ihnen macht es mehr Freude, das in Gemeinschaft  mit den anderen und der Lehrkraft zu machen.

Was ist ein Schlüssel zum Gedichte-Lernen – in der Schule oder auch zu Hause? Rechtzeitig beginnen! Letztlich erlernt man Gedichte durch Vorsprechen, Nachsprechen, Miteinander-Sprechen – immer wieder und noch einmal. Eichendorffs Weihnachtsgedicht  an einem Tag zu pauken wäre anstrengend und gehirnphysiologisch auch nicht sinnvoll. Im Gedächtnis behält man etwas durch stetige Wiederholungen.

Jeden Tag ein paar Minuten reichen aus

Ob ich den Kindern ein Gedicht vorab als Ganzes aufsage oder ob ich es stückchenweise jeden Tag aufblättere, entscheide ich bei jedem Gedicht neu. Ich spreche vor, die Kinder sprechen nach. Jeden Tag ist dafür im Morgenkreis eine kurze Zeit reserviert – zwei, drei Minuten reichen dafür völlig aus. Wichtig ist die Regelmäßigkeit.

Zu manchen Gedichten erfinde ich Bewegungen oder Gesten, die das Merken erleichtern. Weit wichtiger aber ist die Betonung – die Kinder müssen erst erfahren, wie man ein Gedicht ansprechend vorträgt. Zudem ist ihnen oft gar nicht bewusst, wie viele Modulationen ihre Sprache bereithält – leiser oder lauter sprechen, tiefer, höher, gedehnter, geheimnisvoll, weich oder hart …

Ein großer Vorteil beim gemeinsamen Lernen ist, dass alle Kinder mitlernen und nicht nur diejenigen Kinder, deren Eltern sich zu Hause mit ihnen hinsetzen würden.

So arbeiten wir uns jeden Tag voran. Jeden Tag kommt etwas Neues dazu. Ein großer Vorteil beim gemeinsamen Lernen ist, dass alle Kinder mitlernen und nicht nur diejenigen Kinder, deren Eltern sich zu Hause mit ihnen hinsetzen würden. Meine Erfahrung zeigt, dass man gut drei bis vier Wochen Zeit einplanen sollte, bei anstehenden Aufführungen lieber auch noch ein zwei Wochen mehr, damit die Kinder sich wirklich sicher im Text und in der Intonation fühlen.

Wenn wir das gesamte Gedicht mehrfach gemeinsam gesprochen haben, spreche ich irgendwann nicht mehr mit, helfe höchstens hin und wieder bei einem Hänger. Und bislang hat es dann nie mehr lange gedauert, bis die ersten Kinder das Gedicht ganz allein oder nur gemeinsam mit einem oder zwei Klassenkameraden aufsagen wollten.

Gedichte stärken das Selbst der Kinder

Und an dieser Stelle bekommen Gedichte noch einen weiteren Wert, der weit über das Gedicht selbst hinausgeht: Sie stärken das Selbst der Kinder.

Heutzutage sollen Kinder immer früher Referate halten und etwas präsentieren – oft schon mit sechs Jahren in der ersten Klasse. Viele fühlen sich dabei unsicher oder verweigern sich völlig. Sich vor eine Gruppe von Menschen zu stellen und zu sprechen – alle Blicke auf sich gerichtet, jedes Wort, jede Bewegung wird wahrgenommen und gesehen – ist nicht immer eine leichte und selbstverständliche Sache. Nicht wenige Kinder erleben ihren ersten Auftritt dieser Art eher als traumatisierend. Sich in eine solch exponierte Rolle zu begeben verbinden sie nicht unbedingt mit Freude und der Eröffnung von Möglichkeiten, sondern eher mit Unwohlsein und Scheitern.

Gibt man Kindern Gelegenheit, den Zeitpunkt ihrer Präsentation selber zu wählen, treten sie ganz anders vor die Gruppe.

Hier kann das Vortragen von Gedichten eine positive Entwicklung in Gang setzen, wenn man sich und den Kindern Zeit lässt und „Kairos“ abwartet – wie die alten Griechen „den richtigen Augenblick“ nannten. Gibt man Kindern Gelegenheit, den Zeitpunkt ihrer Präsentation selber zu wählen, treten sie ganz anders vor die Gruppe. Inhaltlich können sie sich am Gerüst des Gedichts festhalten. Jedes Kind hat es inzwischen so oft gesprochen, dass das Kind sich ganz darauf konzentrieren kann, sich in die Rolle des Vortragenden einzufinden: auf beiden Beinen stehen, dem Publikum zugewandt, womöglich ein Lächeln im entspannten Gesicht. Die Freude daran, für ein paar Minuten die Hauptperson zu sein und die volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Danach der Applaus, eventuell eine Rückmeldung – und dann aber auch wieder das Erleben, aus dieser hervorgehobenen Rolle herauszutreten. All das sind wichtige Erfahrungen, die bewusst erlebt werden sollten.

Bislang haben wir es im Morgenkreis so praktiziert, dass die Kinder zunächst  in diesem Rahmen das Gedicht allein aufsagen durften. Später habe ich ihnen dann angeboten, das Set-up so zu verändern, dass die anderen Kinder auf ihren Plätzen sitzen und die Vortragenden sich tatsächlich vor die Klasse stellen. Manche Kinder müssen erst ein paar Mal erleben, wie andere das machen, bis sie sich das selber zutrauen. Bislang war es aber immer noch so, dass sich spätestens nach dem dritten, vierten Gedicht im Schuljahr jedes Kind von sich aus gemeldet hat, um allein vor der Klasse vorzutragen. Und nach dem Vortrag die strahlenden Gesichter – unbezahlbar.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.