Kolumne

Lehramtsstudium : Wie aus einem studentischen Projekt ein Modul im Studium wird

Viele Studierende beklagen, dass das Lehramtsstudium nicht ausreichend auf den komplexen Beruf als Lehrerin oder Lehrer vorbereite, und wünschen sich neue Inhalte. Die Projekte der studentischen Initiative „Kreidestaub“ möchten genau hier ansetzen. Mittlerweile haben schon mehr als 2.000 Studierende in ganz Deutschland diese Projekte wahrgenommen. Die Lehramtsstudenten Claudius Baumann und Marcel Georg waren in Berlin und Rheinland-Pfalz an der Entwicklung von „Kreidestaub“-Formaten beteiligt und beschreiben hier, mit welchen Herausforderungen die Integration in universitäre Curricula verbunden ist.

Marcel Georg und Claudius Baumann Marcel Georg und Claudius Baumann 17. August 2021 Aktualisiert am 26. Oktober 2021
Studierende arbeiten in einem Seminarraum an einem gemeinsamen studentischen Projekt
Studierende, die im Lehramtsstudium ein eigenes Projekt umsetzen wollen, sollten sich Verbündete suchen.
©Klaus Vedfelt/GettyImages

Als wir anfingen, Lehramt zu studieren, stellten wir fest, dass uns im Studium etwas fehlt. In Schulpraktika stellten wir unabhängig voneinander fest, dass die Kompetenzen, die wir bis dahin im Studium erworben hatten, nicht ausreichen. Daher wollten wir etwas verändern in der Lehrerbildung. Aber wie funktioniert das?

Die Gruppe der studentischen Initiative Kreidestaub in Mainz, in der Marcel mitwirkt, hat das Projekt Lernreise, bei dem Lehramtsstudierende jedes Semester durch Deutschland reisen, verschiedene Schulen besuchen und sich deren Arbeit genauer ansehen, schließlich ins Regelstudium integrieren können. Und Claudius hat in Berlin, ausgehend von einer Lernreise, zusammen mit seiner Kommilitonin Anne Wilke ein Projekt zum Thema „Pädagogische Beziehungen“ initiiert, dazu ein Seminarformat konzipiert und es an der TU Berlin über mehrere Semester hinweg als anrechenbares Modul etabliert.

Im Lehramtsstudium bleibt kaum Zeit, um eigene Projekte zu entwickeln

Das liest sich jetzt ein wenig wie: „Gesagt, getan!“ Ganz so einfach ist es aber leider nicht. Einerseits haben wir die Entwicklung und Umsetzung dieser Formate als große Bereicherung erlebt: Schließlich entwickeln wir aus einer intrinsischen Motivation heraus Seminarformate, probieren diese mit Studierenden aus und erfahren somit bereits auf mehreren Ebenen einen Kompetenzzuwachs. Andererseits erfordern diese Projekte ein großes ehrenamtliches Engagement, da sie in der Regel weder finanziell noch in Form von ECTS-Punkten, also Punkten für Studienleistungen, entlohnt werden. Wir wünschen uns daher, dass studentisch entwickelte Formate im Regelstudium auch angerechnet werden – und Gleiches muss auch für die Teilnahme an solchen Projekten gelten.

Hinzu kommt, dass Studierende ohnehin durch das Regelstudium und eventuelle Nebenjobs häufig sehr belastet sind und ihnen daher keine Zeit für freiwillige Angebote bleibt.

Deshalb ist es wichtig, dass studentisch initiierte Formate einen Weg ins institutionalisierte Lehramtsstudium finden, um so für möglichst viele Studierende zugänglich zu sein. Wir konnten als Akteure in ebensolchen Anerkennungsprozessen Erfahrungen sammeln und haben daraus vor allem drei zentrale Lehren gezogen:

1. Gemeinsam mit anderen Studierenden Konzepte entwickeln

Die Veränderung bestehender Strukturen ist eine Aufgabe, die für eine Person allein zu groß ist. Wichtig ist daher, sich Verbündete zu suchen. Vereint hat man viel mehr Kapazitäten, um sich in Projekte einzuarbeiten und gemeinsam Konzepte zu entwickeln. Außerdem ist das auch eine ideale Vorbereitung auf die kollegiale Zusammenarbeit später in der Schule.

Claudius hat beispielsweise auf seiner Lernreise unter den anderen Student:innen eine Verbündete für das Thema „Pädagogische Beziehungen“ gefunden: „Allein wäre ich wahrscheinlich nicht aktiv geworden. Doch zu zweit, mit Anne Wilke, und mit der Unterstützung von Kreidestaub konnte aus dem Interesse für ein im Lehramtsstudium vernachlässigtes Thema ein Seminarangebot für Studierende werden: Als wir bemerkten, dass wir uns für das gleiche Thema interessieren, haben wir viel diskutiert, Literaturrecherche betrieben und uns gegenseitig motiviert, etwas zum Thema „Pädagogische Beziehungen“ zu initiieren, weil es an der Uni nicht vorkam.

So entwarfen wir gemeinsam einen Seminarplan und planten Seminarsitzungen, holten uns Feedback von Studierenden bei Kreidestaub, machten Werbung für unser Projekt und führten es dann gemeinsam im Sommersemester 2018/19 erstmalig und ehrenamtlich durch. Das Seminar war ein Erfolg, sodass wir uns anschließend um eine Förderung von der Uni bewerben und das Seminar als studentisches Lehrformat in einem Wahlmodul anbieten konnten.

Auch im Studium selbst lassen sich Verbündete finden. Wenn man zum Beispiel in einem Seminar spannende Beiträge hört, kann man die Personen am besten gleich ansprechen, sich vernetzen und sich austauschen zu Schule, Bildung und Wünschen an die Lehrkräftebildung. Auch Fachschaften können ein guter Anlaufpunkt sein, um Mitstreiter:innen zu treffen.“

2. Unterstützung bei Dozierenden suchen

Bei Marcel war der Weg über die Fachschaft nicht der richtige. „Dort konnte ich keinen Anschluss finden und suchte daher den Kontakt mit Vertreterinnen und Vertretern der Universität. Nach einigen Gesprächen konnte ich eine Professorin für unser Projekt begeistern. Daher ist es auch immer ein guter Weg, Dozierende oder Mitglieder des Zentrums für Lehrerbildung anzusprechen, die Lust auf Innovation und Weiterentwicklung und ein offenes Ohr für studentische Perspektiven haben.

Zum Teil verfügen sie über mehr Handlungsspielräume, als man sich vorstellen kann. Gewinnt man sie als Schirmherr:innen für eigene Ideen oder Projekte, können sie mit ihrem Namen oder mit universitären Sach- und Finanzmitteln unterstützen. Außerdem kennen sie in der Regel auch mögliche Grauzonen, in denen eine Anrechnung der neuen Formate im Regelstudium ermöglicht werden kann. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es sehr schwierig ist, Projekte anzubieten, wenn es keine kooperierenden Akteure an der Universität gibt.“

3. Stellen im System finden, um Projekte anzugliedern

Wichtig ist außerdem, die Stellen im System Universität und Lehramtsstudium zu identifizieren, an die Projekte angegliedert werden können. Das können unserer Erfahrung nach vor allem Ergänzungsbereiche, Wahlmodule oder nicht-verpflichtende Angebote sein. An diesen Stellen kann das Einbringen neuer Formate häufig unkomplizierter funktionieren als in großen Basismodulen.

Mit der Orientierung an diesen drei Erfahrungswerten hat es Kreidestaub geschafft, unterschiedliche studentische Formate an Universitäten zu etablieren, die von Studierenden wahrgenommen und regulär angerechnet werden konnten und können.

Wir freuen uns über jedes studentisch entwickelte Format. Klar ist aber auch, dass studentische Initiativen kein Ersatz dafür sein können, die Lehrkräftebildung strukturell neu zu denken: Eine stärkere Theorie-Praxis-Verzahnung, die Implementierung gesellschaftlich relevanter Diskurse zum Beispiel zu Inklusion oder Bildungsgerechtigkeit und damit verbundener universitärer Angebote sind denkbare Teile dieser strukturellen Neuausrichtung. Von Studierenden konzipierte und angebotene Seminare können zwar kurzfristig eine Hilfe sein. Sie können jedoch keine dauerhaften Lückenfüller eines überarbeitungsbedürftigen Lehramtsstudiums sein.

Zur Person

Marcel Georg hat ein studentisches Projekt umgesetzt
©privat

Marcel Georg ist Lehramtsstudent an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz für die Fächer Politik, Englisch und Sport für gymnasiales Lehramt. Er ist seit 2017 für den Kreidestaub-Standort Mainz aktiv und war dort daran beteiligt, das Format „Lernreise“ für Studierende anrechenbar zu machen und das Format in ein Regelstudienseminar zu übertragen. Außerdem setzt er sich dafür, eine stärkere Vernetzung des Schulverbunds „Blick über den Zaun“ mit Kreidestaub anzubahnen, und engagiert sich sonst vor allem in standortübergreifenden Arbeitsgruppen.

Claudius Baumann
Claudius Baumann
©privat

Claudius Baumann  ist Lehramtsstudent an der Freien Universität Berlin für die Fächer Geschichte, Philosophie und Ethik in der Sekundarstufe I und II. Er engagiert sich seit Ende 2017 bei Kreidestaub für den Standort Berlin und Potsdam und hat zusammen mit Anne Wilke das Projekt Beziehung entwickelt. Er ist außerdem in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv und Teil des Organisationsteams des Lehramtsfestivals.