Kolumne

Neue Prüfungskultur : Kaum einer mag Prüfungen – muss das so sein?

Als Marcel Georg vor einem Jahr ins Referendariat startete, wollte er neue Impulse setzen. Wichtig war ihm vor allem auch, neue Prüfungsformate zu entwickeln und eine neue Prüfungskultur zu etablieren. Wo er sich dafür Anregungen geholt hat und welche Erfahrungen er in der Umsetzung gemacht hat, beschreibt er in seiner Kolumne für das Schulportal.

Marcel Georg Marcel Georg 04. November 2021 1 Kommentar
Referendar versucht neue Prüfungsformate in der Klasse
Neue Prüfungsformate in der Schule zu etablieren, ist für junge Lehrkräfte eine Herausforderung.
©Maskot/Getty Images

November 2020, mein Start ins Referendariat. Mein Wunsch, möglichst guten Unterricht zu gestalten, ist groß. Am Anfang des Jahres hatte ich mich in Vorbereitung auf eine Lernreise zum Thema Digitalisierung viel mit dem Potenzial von Digitalität als Bestandteil von Lehr-Lern-Prozessen auseinandergesetzt. Ich entdeckte den „Routenplaner digitale Bildung“. Dort fand ich viele Ansätze, die ich unter „Reformpädagogik“ zusammenfassen würde, verbunden mit dem, was sich als „Kultur der Digitalität“ beschreiben lässt. Spannend!

Zusätzlich lernte ich darüber Twitter neu kennen: Die Autor:innen und viele andere Akteur:innen aus dem Bildungsbereich geben dort regelmäßige kostenlose „Fortbildungen” in Form ihrer Gedanken und Unterrichtsansätze als Tweets und Links. Viele Fragen, wie ich Herausforderungen im Unterricht begegnen kann, wurden im „Twitterlehrerzimmer“, kurz: twlz.de, praxis- und lösungsorientiert aufgriffen.

Lernende fragen immer nach der Prüfung

Mit diesen Anregungen gestaltete ich also meinen Unterricht, unterstützt durch das Studienseminar. Weitere Impulse erhoffte ich mir durch das im Frühjahr 2021 gegründete Institut für zeitgemäße Prüfungskultur. Auf der Website blieb ich gleich beim Motiv der Gründung hängen: „Wir können uns die schönsten Dinge für den Lernprozess ausdenken. Lernende werden immer danach fragen, welche Prüfungen am Ende auf sie warten.“

Genau das hatte ich in meiner bis dahin noch kurzen Zeit in der Schule bei Krankheitsvertretungen oder im  Referendariat ebenfalls wahrgenommen. Schüler:innen stellen – verständlicherweise – fast immer die Frage nach der Relevanz der bearbeiteten Themen für die Klausur. Ich nahm dies als Impuls, mich noch mal selbst zu fragen: An was denke ich, wenn ich an Prüfungen denke?

Zunächst fiel mir da mein Lehramtsstudium ein. Ich habe es mit einer Masterarbeit abgeschlossen, in der ich eine Stundenreihe im Fach Politik theoretisch fundiert entwickelt und anschließend durchgeführt habe. Kompetenzerleben – check!

Wie sieht eine zeitgemäße Prüfungskultur überhaupt aus?

Ansonsten war in meinem schulischen Werdegang eine Prüfung aber eine Klausur, in der ich Thema Y auswendig lernte, meine Kenntnisse am Tag X wiedergab und mich danach dem nächsten vorgegebenen Thema mehr oder weniger motiviert zuwandte. Also zwei ganz unterschiedliche Erfahrungen.

Aber was genau ist jetzt eine „zeitgemäße“ Prüfungskultur, und was sind die Ansätze des Instituts? Ich klickte mich weiter durch die Website und fand diese Merkmale: dialogisch, prozessorientiert, Kommunikation und Zusammenarbeit einfordernd … wow!

Voller Elan versuchte ich dann, auf Basis dieser Merkmale eine Prüfung für meine Einführungsphase in die Oberstufe in Politik und Wirtschaft zu konzipieren. Inmitten von Distanz-, Wechsel- und Präsenzunterricht war das doppelt komplex, da zu keinem Zeitpunkt klar war, ob es jetzt eine Klausur sein muss oder eine Klausurersatzleistung werden darf.

Unterstützung durch das Studienseminar

Es musste dann doch eine Klausur sein, was viele der Merkmale erst mal ausschließt. Mein Weg durch die Hintertür war dann eine Open-Book-Klausur. Die Schüler:innen durften sich zwei Wochen vor der Klausur einen Podcast zum Thema Wirtschaft aussuchen, sich Notizen machen und diese sowie ein mobiles Endgerät mit in die Klausur nehmen. Die Aufgabenstellung gab es erst am Tag der Klausur, und zur Bearbeitung waren 90 Minuten vorgesehen. Zusammenarbeit zwischen den Schüler:innen war demnach vorab möglich; ebenso das Nutzen weiterer Quellen, die die Schüler:innen auch selbst kritisch prüfen mussten. Hier findet sich eine detaillierte Beschreibung mit Material.

Dieser neue Blick auf Prüfungen stellte für mich vieles infrage – und ich hatte das dringende Bedürfnis, mich auszutauschen. Meine zwei Hauptanlaufstellen dafür waren das Studienseminar und meine Ausbildungsschule, die auch der Ort ist, an dem ich die Formate umsetze.

Im Studienseminar wurde ich in meinem Vorhaben unterstützt: Im Seminar durfte ich den anderen Referendar:innen das Konzept vorstellen, und wir diskutierten gemeinsam die Vor- und Nachteile. Im Studienseminar wurde außerdem eine Gesprächsrunde zur neuen Lernkultur in der Digitalität initiiert – sogenannte „Digitalks“. Für mich wurde dabei greifbarer, dass Lernen und Lehren ein sich verändernder Prozess ist, bei dem (Abschluss-)Prüfungen in der derzeitigen Form kein unumstößliches Etwas darstellen.

Im Kollegium scheuten viele höheren Zeitaufwand

Die Reaktionen an der Schule zu meinem neuen Prüfungsformat waren gemischt – sowohl bei den Schüler:innen als auch im Kollegium. Die Möglichkeit, zu überprüfen, wo und wie ich meinen Unterricht noch „zeitgemäßer“ gestalten kann, ergab sich für mich noch mal durch folgende Rückmeldung einer Schülerin:

„Meine Meinung zu der Open-Book-Klausur ist einerseits positiv und andererseits negativ. Es war cool, mal was Neues auszuprobieren und ein wenig Abwechslung zu haben. Das Recherchieren im Internet ist effizienter, und es gibt mehrere Quellen, die man vergleichen kann. Da kommt aber der negative Part der Open-Book-Klausur zum Vorschein. Im Internet ist nicht alles zuverlässig und seriös. Das kann zu falschen Informationen führen und Punkte in der Klausur kosten.“

Manche Kolleg:innen wollten sich inhaltlich damit gar nicht auseinandersetzen und verwiesen auf den erhöhten (Zeit-)Aufwand. Andere Kolleg:innen stimmten mir zu, unterstützten mich und erkannten das Zeitgemäße an dieser Art der Klausur.

Woher kommt der Glaube, dass ich, wenn ich nur oft genug das Gleiche tue, es dann besser kann?

Während ich im Corona-Schuljahr 2020/21 die Klausur noch so durchführen durfte, wie oben beschrieben, sieht es dieses Schuljahr allerdings anders aus: Die Schulleitung hat Bedenken, ob das Format der Klausur adäquat auf den Leistungskurs bzw. das Abitur vorbereite, da es unter anderen Rahmenbedingungen geschrieben wird. Das bedeutet, dieses Jahr gibt es wieder nur das klassische Format: einen Text zu Beginn, dann 90 Minuten Zeit, diesen allein und ohne Hilfsmittel zu bearbeiten. Die Nutzung von Lexika oder Wikipedia ist genauso wenig vorgesehen wie der Austausch mit anderen.

Für mich sind solche Prüfungsbedingungen im Jahr 2021 schwer nachvollziehbar. Woher kommt der Glaube, dass ich, wenn ich nur oft genug das Gleiche tue, es dann besser kann?

Digitale Werkzeuge für Prüfungen benutzen

Ein bisschen Hoffnung habe ich aber doch, dass neue Prüfungsformate Zukunft haben und zu einer neuen Prüfungskultur führen. Zum einen ist es eine in vielen Bereichen anerkannte Trainingsmethode, möglichst viel Varianz in den Übungsablauf zu bringen, um sich optimal auf eine Prüfung vorzubereiten. Die Sportwissenschaften zum Beispiel geht davon aus, dass sich Trainingserfolge vor allem dann einstellen, wenn ich im Bewegungsablauf möglichst viel ausprobiere.

Zum anderen hat die Ständige wissenschaftliche Kommission der Kulturministerkonferenz (KMK) in ihrer jüngsten Stellungnahme zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ ausdrücklich empfohlen, „Länderverordnungen über Klassenarbeiten und zentrale Abschlussprüfungen um Ausführungen zur obligatorischen Nutzung digitaler Werkzeuge bei der Aufgabenbearbeitung“ zu ergänzen. Das lässt hoffen.

Ich werde weiter Klausuren ersetzen, wo immer es geht, und versuchen, die Klausuren, die ich schreiben lassen muss, so zu gestalten, dass sie dem entsprechen, was die Schüler:innen auch außerhalb der Schule vorfinden: den Umgang mit einer Vielzahl an Ressourcen, Kommunikation und Kollaboration.

Zur Person

  • Marcel Georg ist Lehrer im Vorbereitungsdienst in Hessen mit den Fächern Englisch, Politik und Wirtschaft und Sport für Gymnasien.
  • Er engagiert sich seit 2017 für das Netzwerk Kreidestaub und dessen Standort Mainz und war dort daran beteiligt, das Format „Lernreise“ für Studierende anrechenbar zu machen und das Format in ein Regelstudienseminar zu übertragen.
  • Gerade ist er dabei, das Prinzip Lernreise auch an seinem Studienseminarstandort zu implementieren, und engagiert sich außerdem dafür, eine stärkere Vernetzung des Schulverbunds „Blick über den Zaun“ mit Kreidestaub anzubahnen.
Marcel Georg hat ein studentisches Projekt umgesetzt
©privat

Für das Schulportal schreiben Mitglieder von Kreidestaub regelmäßig Kolumnen, in denen sie Schule aus der Sicht von Studierenden betrachten. Kreidestaub e. V. ist eine deutschlandweite studentische Initiative. Ihr Ziel ist die Verbesserung der Lehrkräftebildung. Seit 2013 vernetzt sie junge Menschen, die den Anspruch haben, gute Schule zu machen. Sie entwickelt und initiiert vor allem praktisch orientierte Projekte, durch die die Lehrkräftebildung wirkungsvoll ergänzt werden kann.