Kolumne

Geschichtsunterricht : Die Welt retten – in nur 45 Minuten?

Geschichtsunterricht soll Schülerinnen und Schüler dazu anregen, sich selbst ein Urteil zu bilden. Er soll jungen Menschen helfen, sich im Hier und Jetzt zu orientieren. Er soll letztlich einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte leisten. Wie soll das in nur 45 oder 90 Minuten pro Woche gelingen? Lehramtsstudentin Hanin Ibrahim plädiert in ihrer Kolumne für das Schulportal dafür, dem Geschichtsunterricht in der Schule einen höheren Stellenwert und mehr Zeit einzuräumen.

Geschichtsunterricht Mädchen im Museum
Spuren von Geschichte finden sich fast überall - im Museum, oft aber auch direkt vor der Haustür.
©plainpicture/R. Schönebaum

Die Stadt im Mittelalter und der Vertrag von Versailles – warum sollten meine Schülerinnen und Schüler dazu etwas lernen wollen? Interesse für Geschichte zu wecken und sie auf die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler zu beziehen, das ist die hohe Kunst des Geschichtsunterrichts, dem eine relativ komplexe Didaktik zugrunde liegt. Diese ist aber längst nicht die einzige Herausforderung, die in oft nur 45 oder 90 Minuten pro Woche zu bewerkstelligen ist.

Geschichte ist nicht gleich Vergangenheit

Geschichtsunterricht hat das Potenzial, einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte zu leisten. Immerhin werden vergangene und bis heute fortwirkende Konflikte und Umgangsweisen im Geschichtsunterricht betrachtet, gedeutet und beurteilt. Es werden Kriege, Revolutionen, Migrationsbewegungen, Kolonisierung, Demokratien und Diktaturen thematisiert, aber auch Erfindungen, Erinnerungskultur und gesellschaftliche Klassen. Das Repertoire an Medien und Zeugnissen ist nicht weniger vielfältig. Allein Bild- und Textquellen variieren stark in Form und Bedeutung. Geschichte findet sich aber auch direkt vor der Haustür, manifestiert in Gebäuden oder Denkmälern. Und nicht zuletzt auch in unserer sich wandelnden Sprache.

Geschichte ist quasi alles und überall, oder, andersherum: Alles Gewordene hat auch eine Geschichte. Eine? Damit fängt es bereits an. „Die eine“ Geschichte, die gibt es nicht. Geschichte ist immer der Versuch, Vergangenheit zu rekonstruieren. Deutungen und Urteilsbildungen ermöglichen Orientierung für das eigene Handeln im Hier und Jetzt und auch in der Zukunft. Das Deuten beinhaltet immer die Perspektive derjenigen Person, die die Deutung vornimmt. Aber auch die Perspektive derjenigen Personen, die die jeweiligen Quellen hinterließen. Quellenmaterial liegt ohnehin größtenteils vor allem von herrschenden Gesellschaftsschichten vor und – Überraschung – vor allem aus männlicher und „weißer“ Perspektive.

Historisches Lernen ist komplex und braucht Zeit

Geschichte ist also auch der bewusste Umgang mit Vormacht und mit Unterdrückung. In den wenigen Zeugnissen sogenannter „stummer Gruppen“ manifestiert sich ihr geringer Einfluss. Hier zeigt sich eine weitere Herausforderung von Geschichtsunterricht: Er soll multiperspektivisch sein. Das heißt, es soll Quellenmaterial verschiedener Personen unterschiedlicher sozioökonomischer Standpunkte verwendet werden. Es geht also nicht nur darum, gegensätzliche Meinungen abzubilden, sondern auch darum, die gesellschaftliche Rolle der Autorinnen und Autoren und mit ihr einhergehende Privilegien zu rekonstruieren. Darüber hinaus soll der Geschichtsunterricht die Verknüpfung zeitlicher Dimensionen veranschaulichen – ohne dabei zu suggerieren, historische Entwicklungen seien schicksalshafte Fügungen. Es muss deutlich werden, dass es stets Handlungsalternativen gab und gibt.

Schülerinnen und Schüler sollen dazu angeregt werden, Geschichte selbst nachzuerzählen und sich eigene Urteile zu bilden. Weg von Zahlen, Fakten und der „Geschichte großer Männer“ stehen jetzt gesellschaftliche und politische Strukturen im Vordergrund: Es geht nicht mehr um „Hitlers Machtergreifung“, sondern darum, wie es, gesamtgesellschaftlich betrachtet, zu den nationalsozialistischen Gräueltaten kam. Es geht auch nicht mehr um „Kolumbus’ Entdeckung Amerikas“, sondern darum, ob dies überhaupt eine „Entdeckung“ war und welche Gewaltverbrechen sich dahinter verbergen. All diese und weitere geschichtsdidaktische Leitprinzipien tragen dazu bei, dass im Unterricht „Historisches Lernen“ stattfindet. Mit oft nur 45 Minuten pro Woche gestaltet sich das allerdings als denkbar schwierig.

Projektwochen als Teil des Geschichtsunterrichts?

Was also tun? Ein Patentrezept gibt es wohl nicht, und das Outsourcen hin zu Projektwochen oder freiwilligen AGs hilft genauso wenig. Denn es ist der reguläre Geschichtsunterricht, in dem das Historische Lernen stattfinden soll. Darum kommt es darauf an, die wenige zur Verfügung stehende Zeit bestmöglich zu nutzen. Das wiederum funktioniert nur mit einer guten Vorbereitung und Planung, die vom Ende her denkt: Welche Kompetenzen sollen Schülerinnen und Schüler erlangen? Was muss die Klasse vor den Ferien können und wissen? Welche Form der Leistungsüberprüfung steht an, welche Lernprodukte können die Schülerinnen und Schüler erstellen? Wie bringen Lehrkräfte unterschiedliche geschichtsdidaktische Leitprinzipien unter, und welche Materialien eignen sich zur Bearbeitung?

Schülerinnen und Schüler wollen sich dann mit Vergangenheit beschäftigen, wenn sie erkennen, dass die Auseinandersetzung mit Vergangenheit etwas mit ihrer Lebenswelt zu tun hat.

Über der exemplarischen Thematisierung von Vergangenem steht bestenfalls in jeder Stunde eine gut durchdachte historische Leitfrage, die eine geschichtsdidaktische Problemstellung beinhaltet. Hier kommt die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Schülerinnen und Schüler wollen sich dann mit Vergangenheit beschäftigen, wenn ich es als Lehrerin schaffe, ihnen ein lösenswertes Problem darzubieten. Wenn sie erkennen, dass die Auseinandersetzung mit Vergangenheit etwas mit ihrer Lebenswelt zu tun hat und sie daraus Erkenntnisse für ihre eigenen Handlungen gewinnen können. Dann erhöht sich die Motivation, sich mit dieser Problemstellung auseinanderzusetzen und sich eine Meinung dazu bilden zu wollen.

Kriege, konkurrierende politische Systeme, Klassismus, Migration, Religionen – das sind Ereignisse und Ebenen, die die Menschheit immer schon prägten. Sich damit zu beschäftigen, welche Entwicklungen daraus zu verschiedenen Zeiten resultierten, wie Menschen handelten und welche alternativen Optionen es vielleicht gegeben hätte, all das führt dazu, sich zu orientieren und Haltungen zu gegenwärtigen Geschehnissen entwickeln zu können.

Geschichtsunterricht braucht mehr Zeit

Der Unterricht kann jedoch noch so gut geplant sein – Historisches Lernen braucht Zeit. Durch die auf Basis geschichtsdidaktischer Prinzipien angeleitete Auseinandersetzung mit Geschichte kann Demokratie als fragiles und schützenswertes Gut gesehen werden. Dann nehmen Schülerinnen und Schüler wahr, wie hart erkämpft das Frauenwahlrecht ist, und lernen es damit stärker zu schätzen. Oder sie erkennen Diskriminierung und Ausgrenzung als existenzielle Bedrohung.

Als Geschichtslehrerinnen und -Geschichtslehrer tragen wir also ein Stück weit dazu bei, die Welt zu retten. Und da frage ich mich schon: Was ist uns die Lösung gesellschaftlicher Konflikte wert, wenn Geschichtsunterricht immer weiter gekürzt und nur als Nebenfach unterrichtet wird?

Zur Person

Hanin Ibrahim
Lehramtsstudentin Hanin Ibrahim
©privat
  • Hanin Ibrahim studiert im Lehramtsmaster an der Freien Universität Berlin die Fächer Geschichte und Deutsch. Während ihres Bachelorstudiums war sie drei Jahre lang als studentische Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte an der FU Berlin tätig.
  • Sie schrieb bis April 2021 den Newsletter der Initiative Kreidestaub und hat dort 2019 das Format „Themenstunden“ mit ins Leben gerufen. Dabei bieten externe Expertinnen und Experten ein- bis zweitägige Workshops zu bildungspolitisch relevanten Themen an, die im Studium bislang fehlen.
  • Für das Schulportal schreiben  Mitglieder von Kreidestaub regelmäßig Kolumnen und betrachten darin Schule aus der Sicht von Studierenden.