Kolumne

Hilfen für zu Hause : Kindeswohlgefährdung nicht aus den Augen verlieren

Schule ist ein geschützter Raum – nicht nur zum Lernen, schreibt die Kolumnistin und Lehrerin Ulrike Ammermann. Hier werden Probleme sichtbar, die sich häufig außerhalb der Schule abspielen. Im Lockdown ist das natürlich schwieriger, deshalb plädiert Ammermann dafür, gerade jetzt besonders genau hinzusehen, ob es den Schülerinnen und Schülern zu Hause gut geht.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann / 07. Januar 2021 / 1 Kommentar
„Wir Pädagoginnen und Pädagogen müssen uns um unsere Schülerinnen und Schüler sorgen – auch außerhalb der Schule", schreibt Ulrike Ammermann.
©Nicolas Armer/dpa

Jeder Mensch zwischen 6 und 16 Jahren geht in Deutschland zur Schule. Das bedeutet: Schulen sind die wohl einzige Institution des Landes, wo sich alle treffen. Alle – egal, ob wohlhabend oder arm, ob mit Papa, Mama und Geschwistern, ob mit alleinerziehender Mutter oder zwei Vätern. Alle, ob mit eigenem Kinderzimmer oder nur einem Raum für die gesamte Familie. Alle, ob zufrieden und behütet oder vernachlässigt und in Gefahr.

Es gab viele Gründe, den Lockdown im Sommer zu beenden. Einer war: Wir wollten unsere Schützlinge unbedingt mal wieder mit eigenen Augen sehen.

Neben vielem anderen bieten unsere Schulen tagsüber einen geschützten Raum zum Lernen und Leben. Manchmal müssen wir unseren Schützlingen aber auch Hilfen für zu Hause organisieren, im schlimmsten Fall gemeinsam mit den Jugendämtern ein neues Zuhause finden. Es gab viele Gründe, den Lockdown im Sommer zu beenden. Einer war: Wir wollten unsere Schützlinge unbedingt mal wieder mit eigenen Augen sehen. Wir mussten uns vergewissern, ob es ihnen gut geht. Zum Beispiel Nuria, deren Mutter verschiedene Drogen konsumiert und mit der 15-Jährigen alle paar Wochen bei einem neuen Freund lebt. Oder der 14-jährige Misha, der im Klassenraum oft schreckhaft reagiert, so als habe er Angst vor dem nächsten Schlag.

Die Schule ist neben dem Elternhaus die einzige Institution, die ein unabhängiges Erziehungsrecht hat. Niemand erlebt Kinder und Jugendliche im Laufe eines Tages länger als Lehrerinnen, Sonder- und Sozialpädagogen. Meist bis 16 Uhr, gelegentlich sogar bis 18 Uhr bleiben Kinder und Jugendliche in unserer Obhut. Vom Matheunterricht morgens um 8 bis zur Fahrradwerkstatt um 17 Uhr verleben wir viel gemeinsame Zeit. Manchmal entstehen dabei enge Bindungen zwischen den Pädagoginnen, Pädagogen und den Kindern. Beim gemeinsamen Fahrradschrauben traut sich ein Kind schon mal, etwas von zu Hause zu erzählen, das im Zusammenhang mit der binomischen Formel nie zur Sprache käme. Dass dem Papa neulich die Hand ausgerutscht ist oder wie doll enttäuscht die Mama war, als die Vier in Mathe unterschrieben werden musste.

Drei Mädchen auf der Polizeiwache

Das Erziehungsrecht ist mit einer Pflicht verbunden: Wir Pädagoginnen und Pädagogen müssen uns um unsere Schülerinnen und Schüler sorgen – auch außerhalb der Schule. Die Verantwortung dafür tragen wir gemeinsam mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamts. Es gibt genaue Vorgaben, wie wir vorgehen müssen, wenn wir den Eindruck haben, dass die häusliche Erziehung und Betreuung nicht die beste ist.

Neulich hatten drei meiner Sechstklässlerinnen eine nicht ganz so kluge Idee, als sie sich gerne schminken wollten. Leider fehlte ihnen dafür ausreichend Taschengeld. Also haben sie im Drogeriemarkt ein paar unbedingt wichtige Utensilien „einfach so“ mitgenommen. Wird schon keiner merken. Der Ladendetektiv bemerkte es leider aber doch und ließ die drei Mädchen zur Polizeiwache bringen. Dort wurden sie ausführlich befragt, anschließend mussten die Eltern ihre Kinder abholen. Denn die sind mit ihren elf Jahren noch nicht strafmündig. Alles erledigt also.

Nicht ganz. Ein paar Wochen später wollte Vanessa mir in der großen Pause etwas erzählen, es sei aber ein bisschen peinlich. Streng musste ich nicht mehr sein, das hatten Mama und Papa schon übernommen. Aber ein kleines bisschen wollte sie sich über eine Beichte bei ihrer Klassenlehrerin reinwaschen. Wir haben ausführlich darüber geredet, warum wir nicht stehlen sollen. Und auch darüber, dass sie und ihre Freundinnen einen Fehler gemacht haben, aber deshalb keine schlechten Menschen seien. Das war ihr wichtig, anders hätte sie ihre Schuld nicht gut ausgehalten.

Tränen vor dem Elterngespräch

Alles erledigt also? Nein, noch immer nicht. Kurz darauf wollten wir die Eltern ihrer Freundin zum Gespräch in die Schule einladen. Das Mädchen brach in Tränen aus, als ich nach der Unterschrift ihrer Eltern fragte. Nein, den Brief habe sie Mama und Papa noch nicht gezeigt, ich müsse den unbedingt unter den Tisch fallen lassen. In dem Gespräch mit den Eltern sollte es zwar um andere Dinge gehen, aber sie könne sich jetzt keinen Ärger mehr erlauben. Ihr Vater sei so wütend geworden, als er sie auf der Polizeiwache habe abholen müssen. Er habe angedroht, sie zu seinem Bruder zu geben, der habe sie früher geschlagen. Die Mutter hatte ihre Tochter einen ganzen Monat lang ignoriert. Beim nächsten kleinen Vorfall drohe Schlimmeres – das Mädchen war in Tränen aufgelöst.

Wir müssen mit den Eltern über geeignete Erziehungsmaßnahmen reden und ihnen Hilfe anbieten.

Die Eltern haben wir trotzdem zum Gespräch geladen. Parallel habe ich die zuständige Sozialpädagogin hinzugezogen und die Leiterin der Unterstufe. Wir müssen mit den Eltern über geeignete Erziehungsmaßnahmen reden und ihnen Hilfe anbieten. Vielleicht sollten sie ein Gruppenangebot für Eltern und Kinder nutzen, um besser zu lernen, wie man einem Kind Grenzen setzt, ohne ihm Gewalt anzutun.

Welche Hilfsangebote sind bei Kindeswohlgefährdung sinnvoll?

„Wichtig ist, dranzubleiben“, erklärt Sozialpädagogin Amelie Reichel das Konzept der sozialpädagogischen Arbeit an Schulen. „Wir müssen immer wieder nachfragen: Nützt Ihnen das konkrete Hilfsangebot? Können wir gemeinsam die Kindheit Ihres Kindes besser begleiten?“ In einigen Fällen reiche das schon. Wenn nicht, müssten die Sozialpädagogen gemeinsam mit dem Kind, seinen Eltern und dem Jugendamt weitergehende Unterstützung ermöglichen.

Auch Roland Schmitz, Koordinator für Kinder- und Jugendschutz im Jugendamt des Bezirksamtes Hamburg-Nord, weist auf die bunte und diverse Hilfslandschaft in allen Hamburger Stadtteilen hin: „Wir haben ein sehr ausgefeiltes, fallunabhängiges Kooperationssystem in Hamburg. Und wir stehen in engem Kontakt mit den Schulen vor Ort.“ Wenn die Eltern die beteiligten Pädagogen von der Schweigepflicht entbunden haben, gibt es „früh ein Fachgespräch, um abzuklären, mit welchen Maßnahmen wir dem Kind am besten helfen.“

Das Jugendamt setzt zunächst auf Freiwilligkeit

Zunächst setze man auf Freiwilligkeit, betont Schmitz. Wenn man da nicht weiterkomme, könne das Jugendamt das Familiengericht anrufen und beispielsweise einen Teilentzug der elterlichen Sorge beantragen – die Hürden dafür seien aber hoch. „Ohne eine Entscheidung des Familiengerichts können wir nicht gegen den Willen der Eltern handeln.“

Für Vanessa und ihre Freundinnen reichen unsere gemeinsamen Hilfsangebote wahrscheinlich aus. Ob es auch Nuria trotz der ständigen Umzüge ihrer Mutter, trotz der ständig neuen Bezugspersonen gelingt, einigermaßen unbeschadet durch ihre Kindheit zu kommen, bleibt abzuwarten. Jugendamt und Schule bleiben dran.

 

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einer Hamburger Stadtteilschule Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.

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11.01.2021 Thorsten K.

Hinschauen setzt Offenheit und Fachlichkeit voraus

Dieser Aufruf ist auf der ganzen Linie zu unterstützen. Seiner Umsetzung steht jedoch die Schwierigkeit der fehlenden Lehrer-Qualifizierung entgegen. Zur Beziehungsarbeit gehört es beispielsweise, die Botschaft zu entschlüsseln, die hinter der wörtlichen Aussagen Heranwachsender steht; Störungen sind als Beziehungsangebote zu verstehen und es ist ihrem Phänotyp das eigentliche Anliegen zu entnehmen. Schlussendlich ist es wichtig, dass Lehrer die Bereitschaft ausstrahlen, sich auf Kontakt und Begegnung einzulassen, ohne dabei in Bezug auf die Nähe-Distanz-Regulation in Unsicherheit zu geraten. Was jedoch nur gelingt, wenn man das solide erlernt hat. Und all das findet in der Lehrerausbildung keinen Raum, weshalb zu befürchten steht, dass Lehrer tatsächlich nur einen kleinen Bruchteil der Katastrophen mitbekommen, die sich im häuslichen oder erweiterten sozialen Umfeld ihrer Schutzbefohlenen gerade abspielen.