Kolumne

Schulanfangsphase : „Kinder müssen nicht alles auf einmal lernen“

Codieren und decodieren, Urheberrecht und Algorithmen – schon Schulanfängerinnen und Schulanfänger sollen lernen, was viele Erwachsene nicht verstehen. Grundschullehrerin Sabine Czerny findet solche Vorgaben realitätsfern und fordert, endlich auch mal  „Nein“ zu sagen zu noch mehr neuen Inhalten in den Lehrplänen. Kinder würden nicht alles auf einmal lernen, sondern in klaren aufeinanderfolgenden Schritten, schreibt die Schulportal-Kolumnistin.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 09. Oktober 2020 / 1 Kommentar
Hände, die sich melden
Es scheint, als sollten sich schon die Kinder im Grundschulalter am besten mit all dem beschäftigen, was wir nach zig Jahren Schule, Studium und Berufserfahrung wissen.
©Jens Büttner/dpa

In meiner letzten Kolumne hatte ich vorgeschlagen, eine abgespeckte Version unserer digitalen Welt für Kinder zum Lernen zur Verfügung zu stellen. Die Reaktionen waren zwiespältig. Neben viel Zustimmung kam der Einwand, dass auch die Kleinsten schon in der richtigen, durchaus komplexen und gefährlichen Welt des Internets lernen müssten, anstatt in einem geschützten, reduzierten und kindgerechtem Übungsraum. Selbstverständlich sollten auch Erstklässlerinnen und Erstklässer bereits mit dem Urheber- beziehungsweise Nutzungsrecht von Bildern vertraut sein und diese bei einer Verwendung in selbstgedrehten Filmen beachten.

Wo Erstklässler in ihrem Lernprozess stehen und was sie leisten können

Ist das so? Für mich macht diese Aussage auf erschreckende Weise deutlich, wie sehr die Vorstellungen darüber, wo Kinder in ihrem Lernprozess stehen und was sie leisten können, immer mehr von der Realität abweichen. Es scheint, als würden wir davon ausgehen, dass Kinder all die notwendigen Vorerfahrungen und Grundlagen bereits bei der Einschulung mitbringen, dass sie kombinieren und vernetzt denken können wie Erwachsene und mit ihren sechs oder sieben Jahren entsprechend selbstständig lernen und arbeiten. Darüber hinaus wird offenbar übersehen, dass in der Schule bis zu 28 Kinder mit einer Lehrkraft arbeiten Die Kinder erhalten ihre Informationen also zunächst in der Gruppe und müssen diese erst einmal selbstständig aufnehmen und umsetzen können – eine völlig unterschätzte Fähigkeit. Eine Eins- zu Eins-Begleitung eröffnet ganz andere und viel weitreichendere Möglichkeiten, aber die Voraussetzungen und Bedingungen in der Schule sind eben gänzlich anders.

Es scheint, als würden wir davon ausgehen, dass Kinder all die notwendigen Vorerfahrungen und Grundlagen bereits bei der Einschulung mitbringen, dass sie kombinieren und vernetzt denken können wie Erwachsene und mit ihren sechs oder sieben Jahren entsprechend selbstständig lernen und arbeiten.

Als ich Junglehrerin war, lernten Kinder in der Schule beispielsweise Mathematik noch nach Piaget, der klare Schritte aufzeigte, wie Kinder zunächst überhaupt eine Zahlvorstellung aufbauen. Dieser Vorgang dauerte Monate und wurde bei jeder Zahlenraumerweiterung und bei jeder neuen Rechenoperation wiederholt und vertieft. Ich erinnere mich gut, dass es bei dieser früheren Lehrpraxis sehr selten vorkam, dass Kinder keine fundierte Zahlvorstellung entwickelten. Heute ist das leider anders. Heute gibt es zunehmend Kinder, die beim Wechsel auf die weiterführenden Schulen noch keinen Überblick über die Zahlenabfolge haben, keine Mengenvorstellung besitzen, den Zehnerübergang nicht beherrschen und denen das Grundverständnis der Rechenzeichen fehlt. Damit scheitern sie dann beim Rechnen in komplexeren Zahlenräumen unweigerlich. Früher war es nahezu undenkbar, dass ein Kind als funktionaler Analphabet die Grundschule verlässt, selbst wenn es zum Schuleintritt kein Deutsch konnte. Heute passiert das zunehmend. Bei den Inhalten und der Stofffülle des heutigen Lehrplans, gerade in den ersten beiden Jahrgangsstufen, geht man offensichtlich davon aus, dass man grundlegende Themen nur mal kurz antippen muss, es aber weder eines eigenen pädagogischen Aufbaus noch des besonderen Übens dieser Fertigkeiten bedarf. Gibt ja genug „Wichtigeres“…

Nicht einmal viele Erwachsene erfassen, was binäre Systeme sind

Schaut man sich zum Beispiel die für die Grundschule von Arbeitsgemeinschaften empfohlenen Inhalte des Fachbereiches Informatik an, schlagen nicht nur Grundschullehrkräfte die Hände über dem Kopf zusammen. Und das nicht allein deshalb, weil noch mehr Stoff in der gleichen Zeit vermittelt werden soll. Schon in den allerersten Schuljahren sollen die Kinder binäre Systeme decodieren und encodieren und sich mit Algorithmen  beschäftigen. Im Gespräch mit Befürwortern hört man dann, dass das mit „Arm rauf bei 0 und Arm runter bei 1“ alles ganz leicht für Kinder lernbar sein. Ja, aber damit ist es doch nicht getan!? Nicht einmal viele Erwachsene erfassen, was binäre Systeme sind, auch nicht mit Arm rauf, Arm runter. Da gehört schon deutlich mehr dazu und insbesondere die Fähigkeit, komplex, analytisch und abstrakt denken und hinter die Dinge blicken zu können. Fähigkeiten, die sich im Allgemeinen eben erst im Alter von etwa zehn Jahren ausbilden. Ansonsten bleibt es bei einem – noch dazu relativ langweiligen – Kinderspiel mit Arm rauf und Arm runter…und mit welchem Nutzen?

Und ja, wenn ein Elternteil eines Kindes Informatikerin oder Informatiker ist, diese Begriffe im Alltag mit Zusammenhängen und konkreten Anwendungen immer wieder verwendet werden, man immer mal wieder gemeinsam am Computer sitzt, aufhören kann, wenn das Kind müde ist oder keine Lust hat, völlig individuell und flexibel auf sein Kind eingehen kann, in der passenden Millisekunde einen Tipp geben, übernehmen oder wieder an das Kind abgeben kann … ja, dann mag es sein, dass dieses privilegierte Kind mit all den Vorerfahrungen und all der Begleitung schlussendlich weiß, was es da tut und damit arbeiten kann, auch im Grundschulalter.

So begleitet kann ein Kind eventuell auch nach dem fünften gemeinsam gedrehten Film einen Film zu einem Thema alleine drehen (und nicht nur die Kamera irgendwo draufhalten), obwohl es erst sieben Jahre alt ist. Und ja, vielleicht kann es dann, nachdem es das zigmal dezidiert mit seinen Eltern gemacht hat, auch die Juristensprache des Urheberrechts bei der Bildverwendung verstehen und selbst beurteilen, ob es dieses Bild in seinem Film nun verwenden darf oder nicht. Dann weiß es vielleicht tatsächlich, welche der 20 Buttons im E-Mail-Programm es wann drücken muss. Dann hat es genug Dickpics gesehen, die seine Eltern die Problematik thematisierend aufgegriffen haben, dass es weiß, dass diese für sein Alter noch nicht angebracht sind, es aber auch nicht mehr davor erschrickt.

Kinder, die nie das Gefühl kennenlernen, etwas wirklich verstanden zu haben

Aber die meisten Kinder sind nicht so privilegiert. Immer weniger Eltern haben die Zeit und die Kraft, ihre Kinder beim Lernen zu begleiten oder den Alltag, gerade auch vor der Einschulung, so zu gestalten, dass die Kinder vielfältige Erfahrungen sammeln können und bereits breit aufgestellt in die Schule kommen. Die Schere klafft immer weiter auseinander. Da sind die paar wenigen, die das Privileg genießen, zu Hause Unterstützung zu haben. Auf der anderen Seite steht die zunehmende Zahl an Kindern, die alles allein meistern müssen, die durch die Fülle der Inhalte und die Geschwindigkeit schon von Anfang an straucheln und überfordert sind, die Lücken und Defizite aufbauen und nie das Gefühl kennenlernen, etwas wirklich verstanden zu haben und zu können.

Ist das wirklich das, was wir wollen? Ist es richtig, das zu fordern, was wir Erwachsenen gerne hätten? Es scheint, als sollten sich schon die Kinder im Grundschulalter am besten mit all dem beschäftigen, was wir nach zig Jahren Schule, Studium und Berufserfahrung wissen. Und am besten sollten sie sich auch noch mit all dem beschäftigen, was wir selbst nicht sicher beherrschen. Oder wäre es nicht sinnvoller, endlich wieder anzuerkennen, was Kinder sind und was sie brauchen? Zu akzeptieren, dass es einen sinnvollen Aufbau braucht, ein kindgerechtes Grundgerüst zum Lernen und dass alle Kinder eine Chance haben müssen, dem Unterricht folgen zu können, auch wenn daheim keine Eltern sind, die helfen und unterstützen?

Schulunterricht, die inhaltlichen Forderungen und die Rahmenbedingungen gerade in der Grundschule müssen so sein, dass alle Kinder, auch ohne zusätzliche häusliche Unterstützung und Vorarbeit, sich eine gute Basis aufbauen. Und das heißt: reduzieren, angemessene kindgerechte inhaltliche Ansprüche und Anforderungen, ein sinnvoller pädagogischer Aufbau, ausreichend Zeit zum Üben, unbedingt die für eine solche Arbeit wirklich dienlichen Materialien und genug Personal, damit jedes Kind wenigstens ein paar Minuten am Tag persönlich begleitet werden kann und individuelle verbale Rückmeldung erhält.

Für Erstklässler ist es wichtig, lesen und schreiben zu lernen

Wir sollten uns unbedingt wieder darauf besinnen, schrittweise vorzugehen. Kinder müssen nicht alles auf einmal lernen. Es genügt völlig, wenn sie sich mit dem Urheberrecht erst dann beschäftigen, wenn sie ausreichend gut und reflektierend lesen gelernt haben. Und wenn die Thematik für sie wirklich relevant wird, weil sie als Teenager zum Beispiel ihren Film online stellen möchten. Für Erstklässlerinnen und Erstklässler ist erst einmal wichtig, überhaupt lesen und schreiben zu lernen und etwa einen Suchbegriff richtig in das richtige Textfeld eingeben zu können.

Ich wünsche mir, dass wir wieder den Mut haben, „Nein“ zu sagen. Nein, das ist zu früh, nein, das ist zu viel, nein, das ist zu schwer.

Ich wünsche mir, dass wir wieder den Mut haben, „Nein“ zu sagen. Nein, das ist zu früh, nein, das ist zu viel, nein, das ist zu schwer. Und auf die Kinder zu schauen, anstatt uns selbst profilieren zu wollen – sei es als Bundesland, sei es als die zuständige Arbeitsgemeinschaft, sei es als Lehrkraft. Unsere Kinder werden nicht besser, nur weil das auf dem Papier Geschriebene, das Geforderte hochtrabend und spektakulär ist. Die Diskrepanz zu dem, was für unsere Kinder wirklich gut und sinnvoll ist, wird so immer größer.

Nicht immer früher, höher, schneller, weiter, sondern übersichtlicher, konzentrierter und gründlicher sollte unsere Devise sein, Stimmigkeit und Passung unser Ziel und Maßstab.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.