Kolumne

Deutschklasse : „Individualisierter Unterricht braucht eine Zweitkraft“

In einer Deutschklasse der Grundschule werden Kinder unterrichtet, die ohne Kenntnisse der deutschen Sprache in die Schule gekommen sind. Hier sollen sie so vorbereitet werden, dass der Anschluss an die Regelklasse gelingt. Die Kinder im Alter zwischen sieben und elf Jahren kommen aber nicht nur mit unterschiedlichen Sprachen in die Schule, sondern auch mit ganz verschiedenen Lernerfahrungen. Wie kann Unterricht in einer so extrem heterogenen Gruppe funktionieren? Kolumnistin Sabine Czerny beschreibt ihren Alltag in der Deutschklasse, ihre Erfahrungen – und auch, wo die Probleme in dem differenzierten Unterricht liegen.

Sabine Czerny Sabine Czerny 19. November 2021
Ein Junge sitzt vor einem Arbeitsheft
Die Kolumnistin Sabine Czerny sichtet eine Vielzahl von Arbeitsheften, um für jedes Kind das passende zu finden.
©Foto: Arno Burgi/dpa-

Dieses Jahr unterrichte ich eine Deutschklasse. In eine solche Klasse gehen Kinder, die aus anderen Ländern zugezogen sind und bisher kein Deutsch verstehen und sprechen. Die Kinder sind zwischen sieben und elf Jahre alt, und ihre jeweiligen Lernstände befinden sich zwischen dem vorschulischen Niveau und dem Niveau der fünften Klasse. Sie treten zudem fortlaufend während des Jahres in die Klasse ein und sollen möglichst nach einem halben Jahr in die jeweilige Regelklasse übertreten.

Der Unterricht in einer solchen Klasse hält viele Herausforderungen bereit – beginnend damit, der extremen Heterogenität gerecht zu werden. Es gibt diese immensen Altersunterschiede, und zusätzlich hat jedes Kind seinen ganz eigenen Lernstand, bedingt durch die Vorerfahrungen, die es gemacht bzw. nicht gemacht hat, aber auch abhängig von der bereits in der Klasse verbrachten Zeit.

Es gibt in einer solchen Klasse Kinder, die kommen im Alter von zehn Jahren und können Mengen bis „Vier“ nicht bestimmen, andere wiederum haben sich mittlerweile die deutsche Sprache gut angeeignet, beschäftigen sich mit Grammatik und Rechtschreibung und haben sich zwischenzeitlich bereits die wichtigsten Grundlagen der Mathematik angeeignet.

Und jedem Kind möchte man gerecht werden.

In der Deutschklasse entscheidet sich der weitere Bildungsweg

Und was daran so bedeutsam ist: Letztlich entscheidet sich am erfolgreichen Arbeiten in der Deutschklasse der Lebensweg der Kinder – inwieweit der Anschluss an die Regelklasse gelingt und ob ein Übertritt in eine höhere Schule möglich ist. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Kinder in der deutschen Sprache Analphabeten sind, häufig aber auch in ihrer Muttersprache nicht lesen und schreiben können. Sie müssen daher oft erst einmal grundlegende Kompetenzen und Arbeitstechniken erwerben. Und da viele Kinder kein Deutsch verstehen, genügt eine kurze Erklärung nicht – jedes Kind braucht seine eigene Zeit, in der man ihm zeigt, wie etwas geht.

Auch in den vergangenen Jahren habe ich schon sehr intensiv in solchen Klassen und Lerngruppen gearbeitet und möchte deshalb nun in dieser Kolumne über das Unterrichten in solch heterogenen oder stark differierenden Klassen und Lerngruppen berichten.

Eins gleich mal vorweg: Es ist herausfordernd, mit diesen Kindern zu arbeiten – aber auch superspannend. Und es kann gelingen. Es kann sogar sehr vorteilhaft für die Kinder sein, aber: Soll es wirklich gut werden, kommt es zuvor auf etwas ganz Wichtiges an.

Differenzierung in gemeinsame Lernzeiten und individuelle Phasen

Grob gesagt differenziere ich auf zweierlei Art und Weise. In den „gemeinsame Zeiten“ indem ich jedes Kind, seinem Lernstand entsprechend, mit ins Klassengeschehen integriere und individuell Hilfestellung gebe – dem einen mehr, der anderen weniger – und sowohl die Aufgabenstellungen als auch den Erwartungshorizont individuell anpasse. Dies ist zum Beispiel der Fall bei Übungen zur Sprache, zum Lesen, zum Verschriften, in Kunst und Musik. Auf diese Weise arbeiten wir gemeinsam an gleichen Inhalten oder mit gleichen Kompetenzen – und doch jede/r anders.

Kinder brauchen das Miteinander – es macht ihnen Freude –, und sie brauchen auch die Stillarbeitsphasen, in denen sie sich ganz auf ihren individuellen Lernweg konzentrieren.

Und in den „individuellen Arbeitsphasen“ sehe ich es als meine Aufgabe, passende Materialien für jedes Kind bereitzustellen. Die bearbeiten sie in ihrem eigenen Tempo, üben, verinnerlichen, automatisieren und schreiten so in ihrem individuellen Lernprozess voran. Diese Methode wende ich insbesondere in schriftlichen Deutsch- und Mathematikübungen an.

Diese Mischung aus „gemeinsamen Zeiten“ und „individuellen Übungsphasen“ halte ich für essenziell. Kinder brauchen das Miteinander – es macht ihnen Freude –, und sie brauchen auch die Stillarbeitsphasen, in denen sie sich ganz auf ihren individuellen Lernweg konzentrieren.

„Neulinge“ in den Deutschklassen schauen sich viel von den „alten Hasen“ ab

Was sind aus meiner Sicht die Vorteile dieser Arbeitsweise?

Dieses kunterbunte Miteinander vieler Kulturen, Sprachen und Glaubensrichtungen, das unterschiedliche Alter, das jeweils fremdartige Essen zur Pause  bereichert uns alle. Und infolge der fortlaufenden Differenzierung gerade beim Spracherwerb schauen sich die fortlaufend dazukommenden „Neulinge“ allmählich viel von den „älteren Hasen“ ab. So begegnen sie z. B. schon früh grammatikalischen Strukturen und Rechtschreibung und auch die „alten Hasen“ festigen Inhalte schon allein durch die immer wiederkehrende Wiederholung. Durch den völlig unterschiedlichen Lernstand der Kinder wird so täglich ein breiter und vielfältiger Lernbereich aufgefächert.

Diese Methode habe ich vor Jahren bereits das „Mosaiklernen“ genannt.  Dafür bietet man innerhalb eines kleinen Zeitfensters einen bunten Strauß an Inhalten an – und die Kinder nehmen genau das davon auf, was für sie gerade passend ist, bereiten damit zukünftige Lernfelder vor und erweitern und füllen so ihr individuelles Wissens- und Kompetenzmosaik. Ich schätze diese Arbeitsweise sehr – für die Kinder ist sie an sich entspannt, und sie nehmen verhältnismäßig viel Lernstoff auf, denn ein Großteil des Lernens läuft über das Unterbewusstsein.

Für individuelle schriftliche Arbeiten in der Klasse bin ich dankbar für die Vielfalt unseres Verlagswesens. Ich sichte für die Kinder eine Vielzahl von Arbeitsheften. Das ist durchaus aufwendig (und überdies bezahle ich die Prüfexemplare aus eigener Tasche), aber auf diese Weise kann ich für jedes Kind wirklich das passende Arbeitsheft finden.

Viele der Kinder müssen in diesen wenigen Monaten ja recht viele Inhalte nachlernen. In der Regel sind sie gut zwei Jahre in Mathematik dem deutschen Lehrplan hinterher und auch das, was sie gegebenenfalls gelernt haben, zeigt oft große Defizite auf. So können sie zwar teils mechanisch mit Hilfe der Finger addieren und subtrahieren, haben aber keinerlei Zahlvorstellung. In Deutsch gilt es zunächst mechanisch, dann sinnerfassend Lesen zu lernen, Wörter und Sätze richtig zu schreiben, die Schreibschrift zu erwerben, ebenso wie einen möglichst umfangreichen Wortschatz und die wichtigsten Grundlagen der deutschen Grammatik. Da braucht es Material, das sie gut verständlich und doch auf das Wesentliche konzentriert anleitet um rasch voranzuschreiten.

Jedes Kind kann mit Arbeitsheften in seinem eigenen Tempo lernen

Der große – um nicht zu sagen: riesengroße – Vorteil dieser Arbeitshefte ist, dass die Kinder so viel arbeiten können, wie sie möchten. Weder ich als Lehrkraft noch die anderen Kinder setzen ihnen Grenzen – sie haben es selbst in der Hand, wie viel sie davon als Lernstoff erarbeiten und wie rasch sie vorankommen. Jedes Kind kann in seinem eigenen Tempo lernen. Und nicht nur einmal ist es passiert, dass ein Kind nach einem verregneten Wochenende in die Schule kam und mir strahlend ein vollständig ausgefülltes Übungsheft präsentierte. Einfach, weil es Lust zum Lernen gehabt hatte.

Schon aufgrund ihrer Machart, der Farbe, der Gestaltung sind diese Arbeitshefte meist sehr motivierend. Schon der Ausblick auf ein neues Heft ist für die Kinder häufig ein großer Anreiz – teils schaukeln sich die Kinder gegenseitig hoch, wenn sie zufällig mal das gleiche Heft bearbeiten. Ich stemple jede fertige Seite ab, und die Kinder lieben den Klang, wenn ich 20 oder noch mehr Seiten auf einmal abstempele.

Die Verlagshefte ergänze ich um selbst erstellte individuelle Übungsblätter oder -hefte, falls ein Inhalt nicht verstanden wurde oder vertieft werden sollte. Aber letztlich sind die Verlagshefte schon von sich aus gewinnbringend. Sie sind individualisiert einsetzbar, motivierend, oft – zum Glück – selbsterklärend, häufig stringent und logisch aufgebaut mit immer wiederkehrenden Aufgabenstellungen.

Ganz ehrlich: Nur auf diese Weise gelingt es, dass ein Großteil der Kinder in dieser kurzen zur Verfügung stehenden Zeit so viel lernt, dass sie ansatzweise eine Chance haben, den Anschluss an die Regelklasse zu schaffen. Wie gesagt, manchmal müssen sie in der kurzen Zeit den Kernstoff mehrerer Jahre Mathematik auffassen!

Wo sind Problematiken?

Zum einen ist es für mich als Lehrkraft einfach anstrengend. Ich muss jede Minute präsent sein, mich von Minute zu Minute eines jeden Kindes annehmen und individuell reagieren. An manchen Tagen ist meine Tagesenergie schon nach wenigen Stunden aufgebraucht, insbesondere in Zeiten, wo die Klasse „voll“ ist – und das ist sie erst mit 20 Kindern. Das sind einfach zu viele Kinder, insbesondere da einige auch Defizite im Sozialverhalten haben, lernunerfahren sind und über noch wenig Anstrengungsbereitschaft und innere Ruhe verfügen.

Die wenigsten von ihnen werden zu Hause unterstützt. Meist kann ich schon froh sein, wenn sie ihre Arbeitsmaterialien dabeihaben. Zudem brauche ich auch Zeit für jedes einzelne Kind. Da viele von ihnen überhaupt erst mal lesen lernen müssen und dieser Prozess viele Monate dauert, hilft das geschriebene Wort nicht – ich muss mit jedem Kind die Aufgaben durchgehen, jedem alles einzeln erklären, vormachen, zeigen. Die Inhalte beginnen bei vorschulischen Lernerfahrungen, wie zählen und schneiden und ziehen sich dann durch vier, teilweise fünf Schuljahre und damit zig unterschiedlichen Themen die alle unterschiedliches Anschauungsmaterial benötigen.

Jedes Kind bräuchte mindestens 15 Minuten Alleine-Zeit pro Tag

Dass Schüler sich untereinander helfen, ist leider nur selten möglich. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Sprachen verstehen sie einander kaum, und ihr Deutsch ist meist noch nicht gut genug. Die Aufmerksamkeitsspanne, in der die Kinder in Stillarbeit arbeiten, beträgt maximal 30 bis 45 Minuten. Um einem Kind die anstehenden Lerninhalte zu erklären oder auch das Gute und Fehlerhafte bearbeiteter Aufgaben zu besprechen, benötige ich pro Kind gut 15 Minuten. Das bedeutet in der Praxis: An einem Tag kann ich, rein rechnerisch, mit vier, eventuell fünf Kindern einzeln arbeiten – wenn … die anderen Kinder in dieser Zeit tatsächlich leise für sich arbeiten.

An einem Tag kann ich, rein rechnerisch, mit vier, eventuell fünf Kindern einzeln arbeiten – wenn … die anderen Kinder in dieser Zeit tatsächlich leise für sich arbeiten.

Häufig bleibt es aber nicht leise, wenn ich nicht mehr präsent den Raum fülle, weil ich einem einzelnen Kind meine Aufmerksamkeit schenke. Und das ist auch das größte Problem … Ich müsste mich teilen können, damit ich für jedes Kind wenigstens einmal am Tag ausreichend Zeit habe. Das ist aber leider nicht möglich. Ich bräuchte also dringend eine Zweitkraft, eventuell sogar, zumindest zeitweise, eine dritte.

Wenn wir individualisierten Unterricht machen möchten – egal, ob in einer Deutschklasse oder in einer Regelklasse –, erfordert das Personal. Eine Lehrerin für 20 Kinder – individuell begleitet, jedes auf einem anderen Lernstand, beschäftigt mit jeweils einem anderen Lerninhalt, mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, unterschiedlicher Arbeitshaltung und unterschiedlichen Bedürfnissen – ist ein Unding. Zumindest wenn es nicht nur um Beaufsichtigung gehen soll, sondern um ein nachhaltiges, effektives und inhaltsreiches Lernen.

Wenn individualisiertes Lernen stattfinden soll, muss der Personalschlüssel ausreichend sein, damit jedes Kind jeden Tag ausreichend individuelle, ungestörte Besprechungszeiten mit der Lehrkraft hat. Dann aber kann es funktionieren – und das sogar mit vielen Vorteilen gegenüber dem derzeit oft für alle Kinder gleichgeschalteten Unterricht.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München derzeit eine Deutschklasse. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.