Kolumne

Grundschule : Gruppenarbeit – die Königsdisziplin im Unterricht

Kooperatives Lernen wird zurecht schon in der Grundschule gefordert, doch einfach ist das nicht. Kooperative Lernformen erfordern bestimmte Fähigkeiten, die von den Kindern erst gelernt werden müssen. Sabine Czerny, Grundschullehrerin und Schulportal-Kolumnistin, beschreibt, wie Gruppenarbeit gelingen kann.

Sabine Czerny Sabine Czerny 15. März 2022
Kinder bauen zusammen einen Turm
Mit spielerischen Aktivitäten kann man Fähigkeiten für das kooperative Lernen einüben.
©iStock

Erfolgreiches kooperatives Lernen und Arbeiten, insbesondere in heterogenen Gruppen, ist eine der am meisten geforderten und gewünschten Fähigkeiten – nicht nur unter beruflichen Aspekten, sondern auch im sozialen Miteinander in einer Welt, in der sich immer mehr verschiedene Lebensvorstellungen und kulturelle Hintergründe vermischen und begegnen. So ist es wenig überraschend, dass die „Gruppenarbeit“ bereits bei den Kleinsten im Lehrplan der Schulen steht.

Je nach räumlichen und personellen Rahmenbedingungen werden Gruppenarbeiten mehr oder weniger regelmäßig in Schulklassen durchgeführt, doch macht sich oft Frust breit, sowohl bei den Kindern als auch bei den Lehrkräften: Einzelne Kinder arbeiten nicht mit, andere stören, der Zeitaufwand ist enorm und meist reicht der vorgegebene Zeitrahmen nicht aus; die Ergebnisse bleiben hinter den Erwartungen zurück, häufig entsteht der Eindruck, dass einzelne Kinder der Gruppe für alle gearbeitet haben.

Doch warum ist das so, und – muss das so sein?

Jedes Gruppenmitglied muss anspruchsvolle Fähigkeiten mitbringen

Das oft nicht bewusst erkannte Problem ist, dass die Gruppenarbeit zu einer der anspruchsvollsten Arbeitsformen überhaupt gehört, für die jedes einzelne Gruppenmitglied einige – schon für sich gesehen ambitionierte – Fähigkeiten mitbringen muss. Die Gruppenarbeit ist sozusagen die Königsdisziplin. Häufig wird sie jedoch gleichwertig zu anderen Unterrichtsmethoden – Unterrichtsgespräch, Stillarbeit oder Lehrer-/Schülervortrag – gewählt. Das kann in der Regel nicht gut gehen. Denn wenn Gruppenarbeit gelingen soll, muss sie in ganz besonderer Weise vorbereitet werden.

So müssen im Vorfeld bei jedem Einzelnen bereits bestimmte Fähigkeiten ausgebildet werden: Es bedarf einer Selbstkompetenz, die sich aus verschiedenen Facetten zusammensetzt. Schüchterne Kinder werden sich beispielsweise kaum beteiligen. Sie müssen vorher schon gelernt haben, sich mit eigenen Beiträgen aktiv einzubringen, sich selbstbewusst dem Geschehen zu stellen und auch vor der Klasse zu sprechen. Das gelingt gut, wenn zum Beispiel in absoluter Regelmäßigkeit Anlässe dafür geschaffen werden, sodass das für die Kinder zur Normalität wird. Möglich ist das unter anderem beim Erzählen im Morgenkreis, im Rahmen der selbstverantworteten Portfolioarbeit, die man immer wieder frei sprechend präsentieren kann, beim Erlernen und anschließend zunächst gemeinsamen, dann alleinigen Vortragen eines Gedichtes oder auch beim Singen eines Liedes allein oder in einer Kleingruppe vor der Klasse. Entscheidend ist, dass im Vorfeld dafür gesorgt wurde, dass das Kind sich absolut sicher fühlt, dann gelingt der Einzelbeitrag. Die Kinder erwerben so das Selbstverständnis, sich einzubringen, und auch das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Heißt konkret: Es darf dabei nicht um das Gedicht an sich gehen oder den Inhalt des Vortrags, sondern der sicher erworbene Inhalt wird genutzt, um das Kind zum Sprechen vor der Klasse zu befähigen – bestenfalls so, dass es sich von sich aus dazu bereit erklärt und Freude daran empfindet.

Sinnerfassendes Lesen ist Voraussetzung für den Austausch über Inhalte

Darüber hinaus werden für die Gruppenarbeit natürlich fachliche Kompetenzen benötigt. Diese unterscheiden sich je nach Inhalt der Gruppenarbeit. In der Regel zählt dazu aber die Fähigkeit, sinnerfassend lesen und Arbeitsanweisungen verstehen zu können, Wichtiges zu erkennen, Aussagen zusammenzufassen und gegebenenfalls mit eigenen Worten wiedergeben zu können. Nur dann ist eine Diskussion oder ein Austausch über die Inhalte wirklich möglich. Wir erinnern uns, dass ein Kind mindestens hundert Wörter die Minute lesen können muss, um den Sinn überhaupt erfassen zu können. Lesen und auch Schreiben sind elementare Fähigkeiten, die jedoch bei vielen Kindern in der dritten oder vierten Klasse noch nicht vollumfassend ausgeprägt sind. Ähnlich verhält es sich, wenn Kinder aus Grafiken oder Bildern Informationen entnehmen und daraus Erkenntnisse ableiten sollen.

Auch muss die Gestaltung der Präsentation gelernt worden sein, sei es beispielsweise das Arrangement eines Plakats oder eine digitale Präsentation, und damit auch die Fähigkeit, sich gegebenenfalls selbstständig Bilder, Papier oder andere Materialien zu beschaffen. Das heißt, es werden sich nur die Kinder in der Gruppe beteiligen können, die die notwendigen Fähigkeiten und eine grundlegende Selbstständigkeit bereits erworben haben.

Zu guter Letzt benötigen die Kinder die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen zu agieren. Sie müssen aktiv zuhören können, benötigen Empathie, müssen wissen, wann sie sich zurückhalten und wann sie sich einbringen sollten bzw. wie sie ein anderes Kind mit einbinden können, sie müssen abwägen können und Kompromisse schließen, sie müssen von sich aus Angebote zur Übernahme von Aufgaben machen oder auch Aufgaben übernehmen, selbst wenn sie keine Lust haben. Diese Fähigkeiten lernt man natürlich hauptsächlich in der Gemeinschaft, aber der Lehrkraft muss bewusst sein, dass diese Fähigkeiten erworben werden müssen und nicht grundsätzlich schon vorhanden oder im Elternhaus bereits erlernt worden sind. Hierfür gibt es zahlreiche gruppen- und vertrauensbildende Spiele und Aktivitäten, wie zum Beispiel „Der gordische Knoten“, „Wende den Teppich“ oder auch „Teamturm“. Sehr gut eignen sich hierfür auch „echte“ Gruppenarbeiten, bei denen es allerdings nicht in erster Linie um den Inhalt geht, sondern um das gemeinsame Miteinander. Die Aufgabe selbst muss also so gewählt sein, dass jedes Kind sie leicht bewältigen kann. So können Türme gebaut werden, für die jedes Kind vorab Materialien bekommt, die es selbst einbringen soll oder die Kinder erhalten vertraute Inhalte, wie z.B. Obst und den Auftrag, in der Gruppe eine Obstschale zu gestalten, für die jedes Kind eine andere Frucht malt und diese später vorstellt.

Die Lehrkraft muss ihre Kinder also sehr gut kennen und jedem Kind die individuelle Herausbildung dieser grundlegenden Fähigkeiten ermöglichen. Auch muss sich die Lehrkraft bewusst sein, was sie mit der Gruppenarbeit bezwecken möchte, und in Abhängigkeit davon die Gruppengröße wählen und die Gruppen einteilen, das Material zusammenstellen und die Arbeitsaufträge erstellen. Es ist ein völlig anderes Setting, ob die Gruppen zum Beispiel arbeitsteilig arbeiten oder alle den gleichen Auftrag erhalten.

Manchmal hilft es, Rollen in der Gruppe festzulegen

Lässt man die Kinder die Gruppen selber bilden oder wählt die Lehrkraft aus? Können alle Kinder gut eingebunden werden? Falls nicht, welche zusätzlichen Möglichkeiten gibt es? Störende Kinder können beispielsweise einen Beobachtungsauftrag bekommen und anschließend davon berichten. Kinder, die sprachlich noch Probleme haben, erhalten einen Gestaltungsauftrag, der bei der Präsentation wichtig wird. Soll es überhaupt eine Präsentation geben oder genügt heute die Sichtung des Materials? Über welchen Zeitraum ist die Gruppenarbeit geplant, sind es wenige Minuten, weil es nur darum geht, Informationen aus einem Text zu entnehmen und sich darüber auszutauschen, bevor man im Plenum weiterarbeitet, oder ist es ein mehrwöchiges Projekt? Gruppenarbeit ist nicht gleich Gruppenarbeit. Manchmal helfen in der Gruppenarbeit festgelegte Rollen: Wer ist der, der den Austausch leitet? Wer ist der, der schreibt? Wer ist der, der die Ergebnisse vorträgt? Bei weiteren Gruppenarbeiten können diese Rollen auch ausgelost werden. Letztlich hängt alles von der Lehrkraft ab – gelingt es ihr, die für ihre Kinder jeweils angemessenen Ziele zu setzen, diese gemeinsame Arbeit gut vorzubereiten und mit der Zeit die kooperative Kompetenz der Kinder auszubilden, dann können – in der Königsdisziplin – auch gemeinsam Inhalte kompetent erarbeitet und präsentiert werden.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München derzeit eine Deutschklasse. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.