Kolumne

Digitale Kompetenzen : Grundschulkinder brauchen ein geschütztes Übungsnetz

Auch Lehrkräfte an Grundschulen sollen digitale Medien im Unterricht und für das Lernen zu Hause einsetzen. Doch wie erlernen die Grundschulkinder den sicheren Umgang mit dem Internet? Sabine Czerny, Grundschullehrerin und Kolumnistin für das Schulportal, plädiert für ein geschütztes „kidnet“, in dem die Jüngsten sich Schritt für Schritt digitale Kompetenzen aneignen können.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 19. August 2020
Grundschüler nutzen ein Tablet. Viele Schulen stehen bei der Digitalisierung des Lernens erst am Anfang. Doch Corona habe da sicherlich einen Schub gebracht.
Corona hat der Digitalisierung an Schulen einen Schub gebracht: Jetzt sollen Schulen, Lehrende und Lernende ganz schnell fit gemacht werden.
©Armin Weigel/dpa

Dass die Digitalisierung in unseren Schulen noch nicht angekommen ist, hat sich während der Corona-Krise deutlich gezeigt. Jetzt sollen Schulen, Lehrende und Lernende ganz schnell fit gemacht werden.

Während der Schulschließungen hat sich gezeigt, dass die Probleme der Grundschulkinder weniger beim inhaltlichen Lernen lagen, sondern vielmehr bei dem Organisatorischen und Strukturellen drum herum. Selbst wenn zu Hause ein Computer und ein Internetanschluss mit ausreichend Datenvolumen vorhanden waren, wollten viele Eltern ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt damit arbeiten lassen. Deutlich wurde auch, dass Menschen, die täglich mit dem Internet arbeiten, völlig unterschätzen, welche Anforderungen damit an jemanden gestellt werden, der das nicht gewohnt ist. Nicht nur viele Kinder, sondern auch zahlreiche Eltern waren überfordert damit, die hinterlegten Informationen, Aufgaben und Lernvideos auf Lernplattformen abzurufen, selbst wenn diese übersichtlich gestaltet waren. Wer sich auskennt, sieht die Buttons, die er braucht – wer sich nicht auskennt, wird erschlagen von einer Fülle an Möglichkeiten, und es kommt dann oft mehr einem Glücksspiel gleich, was als Nächstes passiert.

Kinder brauchen Reduktion und Sicherheit

Das Internet, aber auch die zugehörige Technik sind hochkomplex. Es ist ja nur ein erster Schritt, eine App anzuklicken – entscheidend aber ist, sich irgendwann wirklich ins große bunte Treiben stürzen zu können: sich informieren und an Interaktionen mit anderen beteiligen zu können, eine große Vielfalt an Anwendungen kompetent nutzen und miteinander kombinieren zu können.

Wer sich auskennt, sieht die Buttons, die er braucht – wer sich nicht auskennt, wird erschlagen von einer Fülle an Möglichkeiten.

Bei kleinen Kindern haben wir eine ganz besondere Situation, die wir beachten müssen, wenn wir sie in die digitale Welt einführen möchten und das über das Anklicken einer App hinausgehen soll. Sie sind eben noch Kinder, haben noch keine ausgereifte Persönlichkeit und fangen gerade erst an komplexer zu denken, mehrere zusammenhängende Dinge auf einmal zu machen und sich in ihrer Welt zu orientieren. Was uns Erwachsenen trivial scheint – oben unten rechts links, das Differenzieren und Kategorisieren –, ist für Kinder oft alles andere als einfach. Kindern fehlen zudem häufig noch Grundfertigkeiten wie sinnerfassendes Lesen und sinngebendes und korrektes Schreiben. Zum richtigen Tippen-Lernen ist bei ihnen die Hand meist noch nicht ausreichend ausgebildet, die Feinmotorik bisher zu wenig trainiert. Im „Adlersuchsystem“ auf dem Keyboard die jeweils richtige Taste zu finden kann lange dauern und auch schief gehen. Und ganz allgemein drohen Kinderseelen Gefahren im Netz, vor denen sich Kinder nicht zu schützen wissen, angefangen von Peter Pervers und einschlägigem Bildmaterial bis hin zu Abofallen.

Was die kleinen Lernenden brauchen, ist demnach zweierlei: Reduktion und Sicherheit. Die Kunst als Grundschullehrkraft ist, Komplexes so zu vereinfachen, dass Kinder es aufnehmen können. Gleichzeitig muss aber das Wesentliche des Sachverhalts enthalten sein, sodass von da aus schrittweise die Komplexität wieder aufgebaut werden kann.

Medienkompetenz nach dem Prinzip der sich erweiternden Räume

Diese Methode folgt dem für die Entwicklung des Kindes grundlegenden „Prinzip der sich erweiternden Räume“: Für das Sicherheitsgefühl des Kindes – und damit für die Entwicklung von Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit und schlussendlich Kompetenz – ist es wichtig, dass sich das Kind in dem Bereich, in dem es agiert, kompetent fühlt und diesen kontrolliert. Auf dieser Grundlage ist es dann auch bereit, freudig neue und größere Räume zu erobern. Das Kind kann dann in der Gewissheit handeln, „die Dinge zu steuern“, statt unsicher zu werden, sich bedroht zu fühlen oder gar „von den Dingen getrieben“.

Wollen wir schon bei den Kleinsten anfangen, sie im Klassenverband fit für die digitale Welt zu machen, benötigen wir also etwas Vergleichbares wie den Verkehrsübungsplatz zum Radfahren-Lernen. Was wir brauchen, wären „abgespeckte“ Versionen sowohl des Internets als auch verschiedener Anwendungen, extra für Kinder. Es genügt nicht, umgekehrt, im weltweiten Web Kinderseiten anzubieten – denn die Komplexität insgesamt und auch die Gefährdung bleiben dabei gleich. Ganz im Gegenteil müssen eben gerade diese beiden Aspekte, Komplexität und Gefährdung, zum Start in die digitale Welt kindgerecht sein.

Ich stelle mir das so vor: Alle Kinder einer Klasse haben das gleiche, sehr einfach aufgebaute Gerät, bei dem es, neben einer Kopfhörerbuchse mit Volumenschalter, erst mal nur einen An/Aus-Schalter gibt und einen Knopf, der die Kinder auf die Startseite (zurück)führt. Die Lehrkraft kann die Voreinstellungen für diese Startseite vornehmen, sodass dort nur das zu finden ist, was derzeit benutzt werden soll. So könnte man bei den Kleinsten anfangen, sie damit vertraut zu machen, eine App zu öffnen und damit etwas zu lernen, etwa mit einer Rechenapplikation.

Ein für Kinder erstelltes Netz ist frei von Gefahren

Als Nächstes gibt die Lehrkraft zum Beispiel das „kidnet“ frei, ein nur für Kinder erstelltes Netz, in dem alle Textbeiträge, Bilder und Videos kontrolliert bzw. am besten eigens dafür hergestellt wurden. Es gibt darin eine Suchmaschine, sodass die Kinder anfangen können, kindgerecht aufbereitete Informationen zu bestimmten Themen zu suchen, sich zu informieren und diese Informationen dann präsentieren zu können. Zunächst vielleicht einfach analog auf Plakaten oder in Lapbooks, später kann auch eine digitale kindgerechte Präsentationsmöglichkeit freigeschaltet und damit gelernt werden, dies ist dann ja auch sehr individualisiert möglich. Ein Kind sucht zum Beispiel Informationen zum Thema Elefant, findet im „kidnet“ dazu vier Textbeiträge, zehn Bilder und zwei Videos. Eine überschaubare Menge, sodass das Kind all das lesen und sehen kann und auf diese Weise auswählen und kombinieren lernt. Dieses „kidnet“ ist frei von Gefahr, weil eben alle Beiträge kontrolliert eingestellt wurden und niemand Außenstehendes etwas hinzufügen kann. Schließlich geht es darum, dass Kinder zunächst mal die Anwendungen und das Vorgehen im Netz lernen, und dafür benötigen sie das richtige Material.

Als Nächstes schaltet der Lehrer eventuell eine E-Mail-Anwendung frei, ab jetzt erscheint diese zum Anklicken auf der Startseite. Dort gibt es erst mal nur einen „Posteingang“ und einen „Gesendet“-Ordner – Vereinfachung ist wichtig! Die Mails werden automatisch nach einer vom Lehrer vorgegebenen Zeit gelöscht. Jedes Kind hat ein Passwort und eine E-Mail-Adresse, aber ein Versenden und Empfangen mit diesen Daten ist erst mal nur im Klassenverband möglich, auch um die Kinder vor Gefahren zu schützen. Später könnte man den Kreis der Empfänger und Sender ausweiten, zum Beispiel auf eine Patenklasse zur Brieffreundschaft – das Programm erlaubt jedenfalls nur die von der Lehrkraft konkret freigegebenen Adressen. Zudem hat die Lehrkraft jederzeit Einsicht in alle E-Mails. Auch dabei geht es noch nicht um die Anwendung an sich, sondern darum, dass die Kinder den E-Mail-Verkehr erst einmal lernen: das Senden und Empfangen und Antworten. Und im weiteren Verlauf, stets neu freigeschaltet von der Lehrkraft, das Anfügen eines Anhangs, das Weiterleiten von Mails oder Bildern …

Die Erfahrung hat leider gelehrt, dass die bisher verfügbaren Filter nicht ausreichen, um das richtige Internet kindersicher zu machen.

Bei den Kleinen muss jeder Schritt einzeln erlernt und mehrfach geübt werden. In ähnlicher Weise könnten im Folgenden ein speziell für diesen Zweck programmiertes Chatprogramm eingeführt werden und auch Videokonferenzen, bzw. padlets mit Austauschfunktion – ebenfalls nur klassenintern unter Aufsicht und Kontrolle der Lehrkraft. So wäre dann schon mal die Kommunikation zur Lehrkraft sowie zu Mitschülerinnen und Mitschülern möglich. Datenschutzrechtlich gibt es keine Probleme, da alles in dem geschützten und geschlossenen Bereich der jeweiligen Anwendungen des speziell dafür entwickelten Kids-Übungs-Webs abläuft. Die Erfahrung hat leider gelehrt, dass die bisher verfügbaren Filter nicht ausreichen, um das richtige Internet kindersicher zu machen.

Sollten Kinder dann auch zu Hause mit ihrem Gerät arbeiten, kann die Lehrkraft zum einen die Freigabezeiten bestimmen, aber auch auf der Startseite direkt und übersichtlich zum Beispiel Videos oder Arbeitsaufträge hinterlegen. Denkbar wäre auch, dass die Lehrkraft URLs, also Website-Adressen, aus dem „großen Internet“ verlinkt, die sie als sinnvoll erachtet, zum Beispiel die täglichen „logo!“-Kindernachrichten des ZDF. Das Ganze ist so programmiert, dass nur auf diesen angegebenen link zugegriffen werden kann, aber nicht von dort aus weitergesurft werden kann. So könnte die Lehrkraft gezielt im Global Web bereits vorhandene Materialien und Angebote in den geschützten Raum des „kidnet“ einbinden. Das Kind kann gefahrlos und ohne Hilfe von Erwachsenen damit arbeiten.

Kinder befähigen, Dinge zu hinterfragen

Die Inhalte im „kidnet“ sollten so konzipiert sein, dass damit – nach Freischaltung durch die Lehrkraft – gezielt zu kritischen Themen wie Fake News, Cybermobbing, Werbung, Kontakt zu Fremden oder Ähnlichem gearbeitet werden kann. So sollen die Kinder zunehmend befähigt werden, Dinge zu hinterfragen und sich der Gefahren bewusst zu werden. Wichtig ist bei alledem, dass das „kidnet“-Angebot, infolge der Auswahl durch die Lehrkraft, übersichtlich bleibt: Gerade Kinder lernen vielfach exemplarisch.

In diesem in sich abgeschlossenen „Digital-Kids-Paket“ wäre also zunächst enthalten:

  • ein umfangreiches Kindernetz mit kontrollierten Informationen in Form von Text- und Bildmaterial,
  • eine interne vereinfachte E-Mail-Anwendung,
  • eine interne Chat-App,
  • eine App, die Videokonferenzen ermöglicht,
  • ein padlet bzw. eine Plattform zum internen Austausch
  • ein kindgerechtes Schreibprogramm,
  • ein vereinfachtes Speicher- und Ordnungssystem,
  • eventuell eine vereinfachte Möglichkeit zur Präsentation,
  • ein stark vereinfachtes Programm zur Bildbearbeitung,
  • gegebenenfalls später weitere Applikationen – das Angebot soll und kann ja durchaus erweitert werden.

Die Lehrkraft trägt jeweils die Verantwortung für ihre Klasse, schafft die Zugänge und wählt aus all den Möglichkeiten sinnvoll aus, sodass die Kinder Schritt für Schritt die wesentlichen Anwendungen kennenlernen und einüben sowie dabei die für Internet-User notwendige kritische und kompetente Haltung erwerben.

Höhere Klassenstufen wechseln in das reale Internet

Nachdem sich in den vergangenen Monaten gezeigt hat, wie viel Geld Deutschland zur Verfügung stellen kann, bin ich eigentlich sicher, dass so ein „kidnet“ und zugehörige Anwendungen vom Bund –und somit werbefrei – finanziert, programmiert und erstellt werden können, damit alle Kinder gleichermaßen profitieren und die Qualität der Ausbildung sichergestellt ist. Mit konkretem Material dieser Art würde es eventuell auch Lehrkräften, die ihrerseits unsicher sind, leichter fallen, sich auf die Digitalisierung einzulassen und Kinder adäquat zu unterrichten.

Es ist davon auszugehen, dass die Kinder das im geschützten Bereich des „kidnets“ erworbene Wissen im privaten Bereich sowieso zunehmend in der „großen Welt des Internets“ anwenden. Unabhängig davon wird aber, je nach Einschätzung der Lehrkraft, in höheren Klassenstufen auch im schulischen Bereich in das reale Internet gewechselt werden, wo dann noch die richtigen Herausforderungen warten, zum Beispiel Interaktionen mit Unbekannten, Werbung, Abofallen, Bewertungen, eine unkontrollierte internationale Bandbreite an Inhalten und zahlreiche weitere Anwendungsmöglichkeiten. Aber dann wissen die auf die von mir beschriebene Weise schrittweise herangeführten Schülerinnen und Schüler (hoffentlich) auch schon besser, mit dieser Vielfalt umzugehen.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.