Kolumne

Außerhalb des Unterrichts : Gemeinsam aus der Haut fahren – so viel Freiraum muss sein!

Selbstbestimmtes Lernen braucht Freiraum außerhalb des Unterrichts, schreibt der Lehrer Bob Blume in seiner Kolumne für das Schulportal. In der Theater AG etwa können die Schülerinnen und Schüler das Glück des gemeinsamen Lernens erleben, sie übernehmen Verantwortung für ihr Handeln und wachsen über sich selbst hinaus. All das brauchen Kinder und Jugendlich nach den Schulschließungen und Reglementierungen mehr denn je.

Bob Blume Bob Blume 29. September 2021
Teenager auf der Bühne
In der Theater AG muss man sich gegenseitig vertrauen, denn man läuft in merkwürdigen Posen, verzieht das Gesicht, macht manchmal komische Laute.
©Getty Images

Eine Schülerin tippt mir auf die Schulter, während ich dabei bin, einer anderen Gruppe bei ihrer Probe Intensität zu entlocken. Sie fragt, ob sie mit einer anderen Schülerin in einen weiteren Raum gehen könne, um einen Redebeitrag zu üben. Selbstverständlich kann sie.
Also üben sie, kommen nach eineinhalb Stunden wieder und zeigen vor der gesamten Theater AG, was sie erarbeitet haben.
Danach wird die Zwölftklässlerin zu meiner Co-Regisseurin.
Gerade sie! Aus Bulgarien nach Deutschland gekommen, hat sie sich in Windeseile in die neue Sprache eingearbeitet. Aber eines war bestehen geblieben: ihre Schüchternheit, gepaart mit wenig Selbstvertrauen.
Zumindest bis zur Aufführung.

In der Theater-AG zeigen sich die unterschiedlichen Facetten der Schülerinnen und Schüler

In der Theater AG zeigen sich die unterschiedlichen Facetten der Schülerinnen und Schüler schnell. Man muss sich gegenseitig vertrauen, denn man läuft in merkwürdigen Posen, verzieht das Gesicht, macht manchmal komische Laute. Alles, um seinen Körper, seine Stimme und seinen Geist neu kennenzulernen, um dann, viel später, in der Lage zu sein, in eine andere Rolle zu schlüpfen, aus der Haut zu fahren.
Zu Beginn der AG hatte die Schülerin sich nicht getraut, einen Satz lauter zu sprechen als im Flüsterton. Nun also ist sie selbst Regisseurin. Schreitet in großen Schritten, um Selbstbewusstsein zu verdeutlichen. Spricht laut und deutlich. Und reißt am Ende das Publikum in der Aufführung genauso mit wie alle anderen Schüler:innen, für deren Leistung es Standing Ovations gibt.

Es gibt keine andere schulische Zusammenarbeit, in der ich je so viel Entwicklung erlebt habe wie in der Theater-AG. Persönliche Entwicklung, soziale Entwicklung, kognitive Entwicklung. Zwölftklässler:innen, die mit Achtklässler:innen zusammenarbeiten, als seien sie in einer Klasse. Diese sowieso oftmals künstliche Zuschreibung spielt hier keine Rolle mehr. Die Gruppe arbeitet zusammen – eben weil sie eine Gruppe ist.

Meist geht es in den Proben um mehr als um das Theaterstück. Die Schüler:innen führen ernsthafte Gespräche über das Älterwerden, helfen einander auf, wenn es schulischen oder familiären Stress gibt. Und sie ziehen sich eben auch mal für eineinhalb Stunden zurück, um einen Text zu studieren. Keine vorgegebene Methode. Kein digitales Hilfsmittel. Keine bestimmte Sozialform. Keine eingreifende Lehrerkraft.

Und doch – oder gerade deshalb! –: Hier wird gelernt. Die Kompetenzen aufzuzählen, die in der Theater-AG gefördert werden, wäre gleichbedeutend damit, den Bildungsplan von oben nach unten abzuhaken. Zumindest aber jene „Leitgedanken zum Kompetenzerwerb“, für die im Schulalltag meist keine Zeit bleibt, weil alle damit beschäftigt sind, die Kleinstkompetenzen abzuhaken oder dem ominösen „Stoff“ nachzujagen.
Warum? Wir haben zu viel zu tun und zu wenig Zeit.

Fast alle dieser Angebote haben gemeinsam, dass ein Raum entsteht, der nicht sofort eingeteilt, verwaltet und abgeprüft wird. Und diesen Raum brauchen die Schüler:innen gerade jetzt mehr als je zuvor.

Auf die Entwicklung schauen, nicht auf die Fehler

Und wir schauen viel zu oft auf die Fehler. Nichts verdeutlicht dies mehr als die Reaktion eines Vaters auf das Spiel seiner Tochter. Sie hatte, in einem weiteren Stück, auf der Bühne gesessen, auf ihre Schauspielkolleg:innen reagiert, selbst gesprochen und geschauspielert. Aber, und das wollte der Vater anmahnen, sie habe nicht das gleiche Talent wie der Star des Ensembles. Sei nicht so sehr in der Rolle aufgegangen. Das Urteil des Vaters: Theaterspielen sei nichts für sie. Da hätte ich aus der Haut fahren können. Denn wer so denkt, hat nichts verstanden von Schule.

Denn ja: Es gibt Talente. Aber diese Schülerin saß auf der Bühne, sie machte mit, sie reagierte. Und jeder, der erlebt hat, wie schwer ihr dies zunächst gefallen ist, wie sehr sie sich aufraffen musste, um diese Schritte zu gehen, hätte diese Schritte gewürdigt, diesen Prozess und diese Entwicklung. Aber solch eine Weiterentwicklung braucht eben auch Zeit, lässt sich nicht abhaken oder abprüfen.

Dieses ausführlich geschilderte Beispiel der Theater-AG soll verdeutlichen, was alles geschehen kann, wenn es mal nicht darum geht, von der einen künstlich definierten Miniaturkompetenz zur nächsten zu hasten. Wenn es mal nicht darum geht, den „Stoff“ durchzupeitschen, damit der Vorstrukturierung des Schulbuchs Genüge getan wird. Wenn man mal in die Tiefe und Breite gehen kann, statt Fähigkeiten zu simulieren, die dann abgeprüft werden können.

Und wenn nun jede:r die Freiheit bekommt, sich gemeinsam mit anderen auszuprobieren, kann gelernt werden. Ohne Prüfungen! Ohne Noten! Ohne Druck!

(Zugegeben: In der Theater AG ergibt sich der Druck spätestens dann, wenn es zur Aufführung kommen soll. Aber das ist ein anderer, ein freudig erwarteter Druck, der abfällt, wenn der Applaus kommt. Weil man stolz ist auf sich selbst, auf seine Leistung und seine Entwicklung. Und nicht, weil man als Austauschwert eine Ziffer bekommt.)

Die Theater-AG bietet Freiraum für das soziale Miteinander

Davon mal abgesehen, dass ich tatsächlich jeder Lehrperson empfehlen würde, mal eine Theater-AG zu leiten oder vielleicht als Hilfsperson dabei zu sein, gibt es natürlich auch zahlreiche andere AGs, in denen Gemeinsamkeit und verantwortungsvolles Handeln eingeübt werden. Und zwar, ohne dass alle Beteiligten das Gefühl hätten, dass diese Übung etwas mit monotonem Wiederholen zu tun hätte.
Fast alle dieser Angebote haben gemeinsam, dass ein Raum entsteht, der nicht sofort eingeteilt, verwaltet und abgeprüft wird. Und diesen Raum brauchen die Schüler:innen gerade jetzt mehr als je zuvor. Nicht nur, weil hier soziale Räume entstehen, die es erlauben, durchzuatmen. Sondern auch, weil das, was nachgeholt werden muss, nicht (nur) Lernstoff ist, sondern vor allem das Glück des sozialen Miteinanders.

Die Erkenntnis sollte sein: Freiraum ergibt Freude und Neugierde, die auch in andere Bereiche überschwappen können. Vielleicht in eine Theater-AG, in der man gemeinsam aus der Haut fahren kann.

Und zwar nicht mit Frust, sondern mit Enthusiasmus, Freude und Optimismus.

Zur Person

  • Bob Blume ist Oberstudienrat am Windeck-Gymnasium im baden-württembergischen Bühl und unterrichtet die Fächer Englisch, Deutsch und Geschichte. Zuvor arbeitete er an einer Realschule im Schwarzwald. 
  • Neben seiner Arbeit als Lehrer betreibt er einen Youtube-Kanal und einen Blog, in dem er über die Herausforderungen des Referendariats, die Chancen der Digitalisierung und politische Themen schreibt. 
  • Als „Netzlehrer“ ist er auf  Twitter  unterwegs und betreibt auch einen Podcast mit diesem Namen. Nebenher publiziert er für Zeitungen und veröffentlicht Texte in verschiedenen Online-Magazinen – wenn er nicht mit seiner Tochter und seiner Frau das Leben in den Offenburger Weinbergen genießt.

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