Kolumne

Fernunterricht : „Wir können das jetzt – und wir wollen das auch weiterhin!“

Solange das Virus nicht unter Kontrolle ist, sollten Schulen weiter beim Fernunterricht bleiben, meint Kolumnistin Ulrike Ammermann. Schließlich haben sich die meisten Schulen inzwischen ganz gut auf das Distanzlernen eingestellt. Die Lehrerin sieht im Schulalltag, wie löchrig Hygienekonzepte sind. Deshalb sollte die Betreuung vor Ort nur jenen Kindern und Jugendlichen vorbehalten sein, die sie tatsächlich dringend brauchen.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann 25. März 2021 Aktualisiert am 26. März 2021
ein Lehrer sitzt am Laptop
Viele Schulen haben sich inzwischen gut auf den Distanzunterricht eingestellt. Die Hygienekonzepte im Wechselunterricht dagegen sind löchrig.
©Felix Kästle/dpa

Unterricht vor Ort mit „echten“ Menschen, die sich treffen, bietet viele Vorteile. Kinder und Jugendliche lernen erstaunlich viel im Miteinander. Einander wirklich zuzuhören, aufeinander einzugehen, eine Organisation zu finden, in der jedes Mitglied seine Fähigkeiten optimal einbringen kann. Viele beklagen seit dem ersten Lockdown, wie schlecht das alles im Homeschooling per Videokonferenz funktioniere. Und es stimmt ja: Wir alle haben eine Weile gebraucht, für all das eine Übersetzung ins Digitale zu finden.

Aber, erstens, es geht. Und zweitens: Vieles andere lernen Kinder mindestens genauso gut – in manchen Fällen sogar besser – im Fernunterricht: die binomischen Formeln ebenso wie die richtige Schreibweise von Wörtern mit „s“, „ss“ oder „ß“. Selbst Gruppenarbeiten funktionieren über das schulische Videokonferenztool erstaunlich gut. Und manches klappt eben sogar noch besser. Binnendifferenzierung, individuell genau abgestimmte Begleitung beim Lernen, können wir im Fernunterricht jedenfalls besser organisieren, als wenn alle durch den Klassenraum wuseln.

Kinder wollen in die Schule

Die tolle Erkenntnis in der Krise: Die meisten Kinder gehen gern zur Schule. Richtig gern sogar. Es ist also keine Frage, dass es für das psychische Wohlbefinden unserer Kinder besser wäre, wenn sie sich wieder in der Schule begegnen. Fast alle unsere Schülerinnen und Schüler finden es viel lustiger, die besten und selbst die nicht ganz so guten Freunde auf dem Schulhof zu treffen und zwischendurch ein bisschen Unterricht zu machen.

Zwischenzeitlich hatten wir einen regelrechten Run auf die Notbetreuung unserer Schule. Fast alle meine Sechstklässler haben vor ein paar Wochen entdeckt, wie dringend sie in die Schule müssen. Täglich klingelte mein Handy. Immer gab es einen neuen Grund, warum man unbedingt auf die plötzlich heiß begehrte Liste für die Notbetreuung müsse: Sie seien allein zu Hause – bloß die Oma sei da. Zu Hause könnten sie sich nicht konzentrieren. Die Geschwister seien so doof. Das Internet funktioniere bei ihnen nicht so gut. Außerdem sei es zu Hause schrecklich langweilig. Es hat uns viele Telefonate mit den Eltern (und manche Kinderträne) gekostet, die 12-Jährigen, die wirklich dringend in der Notbetreuung sein sollten, von denjenigen zu unterscheiden, die auch gut zu Hause klarkommen.

Denn natürlich gibt es nach wie vor Kinder und Jugendliche, die tatsächlich besser bei uns in der Schule als den ganzen Tag zu Hause aufgehoben sind.

Integraler Teil des Fernunterrichts: die Notbetreuung

Denn natürlich gibt es nach wie vor Kinder und Jugendliche, die tatsächlich besser bei uns in der Schule als den ganzen Tag zu Hause aufgehoben sind. Marie* zum Beispiel, deren Mama vor ein paar Wochen zufällig mitbekam, dass ihre Tochter im Internet einen netten Jungen kennengelernt hatte. Das Mädchen hatte sich sogar schon auf den Weg gemacht, um den unbekannten Mann zu treffen – so groß war ihre Neugierde und die Lust, endlich mal wieder was zu erleben. Zum Glück wurde der Ausflug noch rechtzeitig entdeckt. Die Sozialpädagogin unserer Klasse hat sich dann mit Marie in der Schule getroffen. In einem langen Gespräch hat das Mädchen hoffentlich ein Verständnis dafür entwickelt, dass da draußen nicht nur wohlmeinende Menschen unterwegs sind. Fürs Erste geht Marie jetzt wieder in die Schule, statt tagsüber ganz allein zu Hause zu sein – alle Erwachsenen in ihrer Familie haben Jobs mit Anwesenheitspflicht.

Oder Jeremy*. Seine Mutter ist zwar tagsüber meist zu Hause, aber so richtig gut klappt das Eltern-Kind-Verhältnis in seiner Familie nicht. Jeremys Vater ist früh gestorben. Und der Junge hat eine ausgeprägte Form von ADHS, die ihn zuweilen aggressiv werden lässt. Damit kann seine Mutter schlecht umgehen. Sie ist oft nicht gut in der Lage, die Elternrolle einzunehmen, etwa indem sie ihrem Kind einen strukturierten Tag vorgibt. Das aber braucht der Junge dringend. Und deshalb geben wir ihm das in der Notbetreuung in der Schule, wo er richtig aufblüht. In der Schule ist Jeremy ein aufgeweckter, interessierter Junge, der konzentriert an neuen Aufgaben arbeitet und viele Freunde hat. Zu Hause verliert er den Tag-Nacht-Rhythmus, schaut bis morgens um fünf gewaltverherrlichende Serien auf Netflix und haut auch selbst mal kräftig zu.

Konzepte für psychische und körperliche Gesundheit

Für Kinder wie Marie oder Jeremy, denen in der Corona-Krise Schaden an Leib und Seele droht, bieten wir Betreuung und Unterricht in der Schule vor Ort an. Alle anderen Kinder und Jugendlichen, die die Schule „einfach nur so“ krass vermissen, können noch eine Weile zu Hause lernen. So lange, bis wir das Virus wirklich unter Kontrolle haben und alle Mitglieder der Schulgemeinschaft geimpft sind. Sonst geht der Zyklus aus Schulöffnungen und steigenden Infiziertenzahlen nur wieder in eine neue Runde.

Wir wissen mittlerweile, dass Kinder sich ähnlich häufig anstecken wie Erwachsene, das konnten zum Beispiel Forscher der US-amerikanischen Princeton University in einer Studie darlegen. Außerdem haben die Öffnungen nach dem ersten Lockdown ganz gut gezeigt, wie löchrig die Umsetzung von Hygienekonzepten im Alltag ist. Auf dem Papier lesen sich solche Konzepte ganz wunderbar: getrennte Alterskohorten, unterschiedliche Unterrichtszeiten, abgetrennte Pausenbereiche, Maskenpflicht, regelmäßiges Stoßlüften, Einbahnwege auf dem gesamten Schulgelände – alles tolle Maßnahmen.

Das beste Hygienekonzept ist eben immer noch das, bei dem wir gar nicht erst in Versuchung kommen, uns die Hand zu geben, gemeinsam über einen Scherz zu lachen oder uns tief in die Augen zu blicken.

Aber eine Kette ist eben doch immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Und das schwächste Glied an einer Schule ist beispielsweise die Fünftklässlerin, die ganz dringend aufs Klo muss, obwohl gerade die Sechstklässler Pause haben. Das schwächste Glied kann aber auch der verlockende Abenteuerspielplatz direkt vor dem Schulgelände sein, wo Jannis und Laura sich händchenhaltend in die Augen schauen, während jüngere Geschwister an der Kletterwand toben. Vielleicht ist das schwächste Glied die Lehrerin, die „nur eben noch“ den Chemie-Versuch zum Abschluss bringen will und darüber das Lüften vergisst. Oder das schwächste Glied ist der Respekt vor dem schriftlichen Abitur, der Hannah, Anton, Elif und Sophie eng aneinandergekuschelt zur Aula schlendern lässt.

Das beste Hygienekonzept ist eben immer noch das, bei dem wir gar nicht erst in Versuchung kommen, uns die Hand zu geben, gemeinsam über einen Scherz zu lachen oder uns tief in die Augen zu blicken. Auf all das können wir eine Weile mal verzichten. Denn eines haben wir in der Corona-Krise begriffen: Schule ist nicht ein Ort! Schule entsteht, wenn Menschen miteinander lernen, lehren und leben. Wir brauchen den Austausch, das Erklären, Ausprobieren, Nachfragen und Noch-mal-Probieren, um zu lernen. Aber dafür müssen wir uns nicht immer alle im selben Raum aufhalten. Das geht auch über gemeinsame Videokonferenzen, viele Telefonate und Gruppenarbeiten an Padlets.

* Namen der Kinder geändert

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einer Hamburger Stadtteilschule Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.