Kolumne

Fernunterricht : „Kinder lernen nicht von allein“

Vom 16. bis zum 10. Januar bleiben alle Schulen geschlossen, an den Tagen vor und nach den Ferien gibt es Fernunterricht. Doch wie geht es dann weiter? Kolumnistin Sabine Czerny beschreibt, warum Fernunterricht oder Wechselunterricht bei längerer Dauer für viele Grundschulkinder mit großen Lernrückständen verbunden wäre. Kinder müssten erst an schulisches Lernen herangeführt werden. Sie brauchen Anleitung und kleinschrittige Zugänge. Denkbar wären eher individuelle Lösungen mit den Kindern und Familien, so Czerny.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 15. Dezember 2020 / 2 Kommentare
Ein Junge sitzt zu Hause am Schreibtisch und lernt
Das Lernen der Kinder zu Hause hängt sehr stark davon ab, ob und inwieweit vor Ort jemand ist, der das Kind begleitet.
©Ulrich Perrey/dpa

Was für eine Zeit: Corona hält uns ganz schön auf Trab, gefühlt täglich gibt es neue Richtlinien. Nachdem erst vor Kurzem der Grenzwert der Inzidenz von 50 auf 200 pro Hunderttausend vervierfacht wurde, ab dem zumindest für Klassen ab Jahrgangsstufe 7 Wechselunterricht angeordnet werden kann, wurden die Schulen – Gott sei Dank – nun doch eine Woche vor Weihnachten komplett geschlossen um die Fallzahlen drastisch zu senken.

Für die Grundschüler meiner Ansicht nach ein Segen: Lieber kurze strenge Schulschließungen um dann mit Inzidenzen unter 35 pro Hunderttausend einigermaßen normal lernen zu können, statt wochen- oder monatelanger Wechselunterricht beziehungsweise Regelunterricht mit doch sehr starken Beeinträchtigungen. Stark erschwerte Verständigung und verhinderte Mimik durch die Masken, Kälte, Außenlärm, langwieriges Händewaschen, eingeschränkter oder ganz untersagter Sport- und Musikunterricht, weder in der Pause noch im Unterricht ein echtes Miteinander, hauptsächlich Frontalunterricht statt buntem Gemisch aus Partner-, Gruppen-, Projekt- und Stationenarbeit und einiges andere sind gutem, effektivem Lernen nicht wirklich zuträglich. Wann die Schulen im Januar wieder öffnen wird man sehen und auch, ob es erneut zu einem Anstieg der Zahlen kommt und die Politik erneut vor der Frage steht, wie sie den Schulbetrieb dann regelt.

Im Frühsommer zeigten sich viele positive Aspekte des Wechselunterrichts

Bezüglicher der Frage nach Wechsel- oder Fernunterricht gibt es verschiedene Gesichtspunkte, die je nach Blickwinkel unterschiedlich bewertet werden können. Im Frühsommer zeigten sich viele positive Aspekte des Wechselunterrichts in geteilten Klassen: Die individuelle Betreuung war durch die verkleinerte Gruppengröße besser möglich. Die Kinder konnten sich intensiver beteiligen. Ein zumindest etwas größerer Arbeitsplatz erwies sich ebenso wie die reduzierte Geräuschkulisse als sehr dienlich. Und die reduzierten Inhalte brachten eine Konzentration auf das Wesentliche und ein tieferes Verständnis mit sich.

Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Wechselunterricht und Fernlernen in Coronazeiten durchaus problematische Aspekte haben. Letztlich wurde in den Monaten der Schulschließungen und des anschließenden Wechselunterrichts im ersten Halbjahr deutlich, dass es abhängig vom Elternhaus eine große Bandbreite völlig unterschiedlicher Auswirkungen auf die Grundschulkinder gab. Eine eher kleine Gruppe hat nach meiner Wahrnehmung viele Kompetenzen erworben, teilweise über die vorgegebenen schulischen Inhalte hinaus und insbesondere im Digitalen. Diese Kinder haben teils weit effektiver und fokussierter gelernt und konnten in individuellen Begabungen und Interessen gefördert werden.

Einige Kinder haben im Fernunterricht nichts gelernt oder sogar Gelerntes vergessen

Auf der anderen Seite finden sich Kinder, die teilweise nicht nur nichts gelernt, sondern sogar bereits Gelerntes wieder vergessen haben. Diese Kinder haben vermutlich mindestens ein halbes Schuljahr verloren und das sogar, wenn die Lehrkraft jeden Tag digital Kontakt mit ihnen hatte, Lernvideos geschickt und individuell zugeschnittene Aufgaben gestellt hat. Das Lernen der Kinder hing sehr stark davon ab, ob und inwieweit vor Ort jemand war, der das Kind begleitet und das Lernen eingefordert hat.

Die höhere Infektionsgefahr außen vor lassend, höre ich viele Grundschullehrkräfte, die letztlich mit Blick auf die Kinder vorziehen, die ganze Klasse gemeinsam zu unterrichten, als im Wechsel, in Schichten oder im Fernlernen zu arbeiten. Ihnen ist wichtig, mit jedem Kind in unmittelbarer Interaktion sein zu können und das mit so viel Zeit und so wenig Unruhe und Ungewohntem wie möglich.

Schulisches Lernen ist zielgerichtet, inhaltsreich, aufbauend

Es wird oft davon ausgegangen, dass Kinder selbstständig lernen. Das tun sie in der Regel zunächst nicht. Schulisches Lernen unterscheidet sich da stark von situativem und biologischem Lernen. Es ist zielgerichtet, inhaltsreich, aufbauend und vernetzend, fordernd, häufig eher abstrakt und theoretisch, übungsintensiv und durchaus anspruchsvoll.

Arbeitstechniken und Abläufe müssen erst erlernt werden. Die Fähigkeit, Aufgabenstellungen zu verstehen und umzusetzen, muss erst erworben werden.

Kinder müssen erst an schulisches Lernen herangeführt werden, sie brauchen Anleitung und kindgerechte, kleinschrittige Zugänge. Arbeitstechniken und Abläufe müssen erst erlernt werden. Die Fähigkeit, Aufgabenstellungen zu verstehen und umzusetzen, muss erst erworben werden. Manche Kinder müssen regelrecht „angefüttert“ werden, wie es im Lehrerjargon heißt. Diese Kinder tun von sich aus nichts, nehmen sich nichts vom Angebotenen und entwickeln auch nichts Eigenes. Ihnen fehlt häufig auch die notwendige Anstrengungsbereitschaft. Kindern im Grundschulalter gelingt es zudem auch kaum, sich selbst zu motivieren oder gar zu disziplinieren. Es braucht einen Menschen, der das lenkt und leitet.

Das Wesentliche in der Grundschule ist das Befähigen zum Lernen

Das Wesentliche in der Grundschule ist also nicht nur das Fachliche an sich, sondern vor allen Dingen die Organisation von Lernen und das Befähigen dazu. Aus diesem Grund würde auch die vorgeschlagene Videoschalte ins Klassenzimmer wenig Sinn machen. Es gibt eher selten einen sehenswerten Fachvortrag, stattdessen viele mundgerecht portionierte Wissenshappen, die erst durch das Wirken der Lehrkraft ihren Platz beim Kind finden.

Man würde sehen – von Gesellschaft und Politik in der Regel völlig unterschätzt –, wie eine Lehrkraft den Tag strukturiert, mit Ritualen und Gleichklang emotionale Sicherheit bei den Kindern schafft, durch Zugewandtheit, einem Lächeln und Achtsamkeit Beziehung und Vertrauen ermöglicht, Anspannung und Entspannung rhythmisiert, das Miteinander von vielen Kindern auf kleinem Raum gestaltet und lenkt, auf Befindlichkeiten und Bedürfnisse eingeht, hier hilft, das Heft zu finden, dort ein Kind beim Namen anspricht, um es aus der Abgelenktheit zu holen, anderen mit Mimik und Gestik Rückmeldung gibt, hier merkt, dass ein Kind Schwierigkeiten hat, und diesem noch einmal etwas erklärt, während andere schon Zusatzaufgaben benötigen, immer wieder ermuntert und Impulse zum Weiterdenken gibt. Bis hoffentlich jedes Kind sich mit dem Unterrichtsinhalt beschäftigt, bevor die Konzentration nach wenigen Minuten vorbei ist und die Lehrkraft auch darauf wieder pädagogisch versiert reagieren wird. Lernen muss gestaltet werden.

Viele Kinder im Grundschulalter sind noch nicht in der Lage, sich selbst zu organisieren

All dieses Unmittelbare und von der Lehrkraft Ausgehende und Gestaltete ist auf die Distanz nicht möglich, auch nicht digital. So wertvoll die Digitalisierung ist und wäre, sie kann nicht auffangen, dass viele Kinder im Grundschulalter noch nicht in der Lage sind, sich selbst zu organisieren und selbstständig zu arbeiten und schon gar nicht viele Stunden am Stück.

Selbst der Wechselunterricht wäre daher problematisch, möchte man die Abhängigkeit vom Elternhaus aufbrechen. Aufgaben und Vorgehensweisen müssen im Vorfeld zeitaufwändig so erklärt werden, dass Kinder allein damit arbeiten können, da schriftliche Aufgabenstellungen meist nicht verstanden werden – viele sind dennoch überfordert oder vergessen, was zu tun ist. So muss im Nachhinein erneut alles besprochen oder gar neu erarbeitet werden, um sicherzugehen, dass jedes Kind alles verstanden hat.

Individuelle Lösungen mit den Familien finden

Es spricht also pädagogisch einiges für den Regelbetrieb in der Grundschule, dafür benötigt es aber geringe Fallzahlen. Für die Grundschule wäre als Modell zur Kontaktreduktion bei höheren Fallzahlen wohl am ehesten sinnvoll, mit jeder Familie einzeln zu entscheiden, ob das Kind in dieser Ausnahmesituation besser zu Hause oder besser in der Schule lernt. So können dann auch am besten die individuellen Bedingungen mit einfließen, zum Beispiel inwieweit überhaupt jemand zu Hause ist, der sich kümmert, inwieweit eine digitale Begleitung möglich ist, ob Familienmitglieder der Risikogruppe angehören oder welche generelle Einstellung vorherrschend ist.

Wichtig wäre in jedem Fall, den Lehrplan endlich an die außergewöhnliche Situation anzupassen ebenso wie die Vorgaben für die Leistungsmessung und die Zeugniserstellung.

Sollten die Schulen länger geschlossen bleiben, wäre es gerade für Grundschulkinder, deren Eltern nicht die Möglichkeit haben, sich zu kümmern, wichtig, echten Kontakt mit dem Lehrer oder der Lehrerin zu haben. So wäre denkbar, dass sie einzeln einige Male die Woche in die Schule kommen, gemeinsam mit der Lehrkraft unter Einhaltung der AHAL-Vorgaben individuelle Aufgaben besprechen und so Begleitung und Rückmeldung erfahren. Wichtig wäre in jedem Fall, den Lehrplan endlich an die außergewöhnliche Situation anzupassen ebenso wie die Vorgaben für die Leistungsmessung und die Zeugniserstellung. Hier könnte mit klaren, reduzierten Vorgaben viel Ruhe in die Schulen gebracht werden.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.

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2 Kommentare

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07.01.2021 Kerstin R.

Kinder lernen stets und ständig sehr gern 🤩

Sie lernen, wenn es sich für sie selbst lohnt, wie z. Bsp. in den 1. Jahren soooooo viel und dann kommen die Erwachsenen und meinen den Kindern zu zeigen, was und wie schnell sie irgend etwas zu lernen haben. Besser wäre es gemeinsam zu lernen und den Kindern es zu überlassen, was. Wir können Impulsgeber sein. Oder die Kinder kommen und fragen ...
21.12.2020 Uta-G. S.

Kinder lernen gern

einfach mal dem Spruch im Adventskalender (21.12.) Glauben schenken.