Kolumne

Elternrolle : Lasst die Hausaufgaben in der Schule!

Acht Stunden in Schule und Hort und danach noch Hausaufgaben zu Hause? Was bringt das?, fragt sich unser neuer Kolumnist Fabian Soethof, Vater von zwei Kindern – das eine bereits in der Schule, das zweite folgt nach den Sommerferien. Er sei kein Lehrer und will auch keiner sein. Kinder und Eltern sollten ihre wenige gemeinsame Zeit am Nachmittag doch besser für andere gemeinsame Aktivitäten nutzen.

Fabian Soethof Fabian Soethof 17. Juni 2022
Vater und Sohn bei Hausaufgaben
Nach Arbeit und acht Stunden Schule würden Vater und Sohn lieber anderes gemeinsam machen als Hausaufgaben.
©iStock

Bevor unsere Kinder in die Schule kamen, sah ich ihrer und unserer Zukunft recht blauäugig entgegen: Noten, Wissen und die schlechte alte deutsche Tugend der Gehorsamkeit – das würde mir alles egal sein. Am wichtigsten sei es doch, dass unsere Jungs zu selbstbewussten, selbstbestimmten, aufrichtigen, empathischen und kreativen Individuen heranwüchsen. Nun, während unser Erstgeborener bald in die dritte und sein kleiner Bruder in die erste Klasse kommt, sehe ich das noch immer so. Ich spüre bloß: Unser Schulsystem teilt diesen Ansatz nur bedingt.

Ob in staatlicher oder privater Trägerschaft, ob nach Montessori, Waldorfpädagogik oder mit einem Inklusionsschwerpunkt: Früher oder später kommt der Punkt, an dem das Lehrpersonal ein Häkchen hinter die Vermittlung von bestimmten, im Rahmenlehrplan vorgesehenen Inhalten setzen muss. Das mag theoretisch sinnvoll sein, soll dies doch Kompetenzen vermitteln, mit denen Schüler:innen eines Tages den „gesellschaftlichen Anforderungen gewachsen“ sein sollen.

Aber ich bin sein Vater. Kein Lehrer, kein Pädagoge.

Praktisch aber heißt dies, selbst für Eltern von Erst- und Zweitklässlern wie uns, erstens, dass individuelle Förderschwerpunkte nur punktuell gesetzt werden können: Wenn der Sohn zum Beispiel so gut und gerne wie ein Viertklässler lesen kann, aber keinen Bock auf Mathe hat, dann kriegt er bald Probleme. Und damit es nicht so weit kommt, heißt dies für uns zweitens: Wir setzen uns zwangsläufig schon mit einem Achtjährigen am Nachmittag an den Tisch und üben Addition und Subtraktion mit Zehnerübergang sowie das kleine Einmaleins. Obwohl er und wir lieber anderes täten.

Hausaufgaben am Nachmittag – der Familie tut man damit keinen Gefallen

Damit mich niemand falsch versteht: Ich will meinem Sohn das Lernen nicht verweigern – im Gegenteil! Was 3 mal 9 ergibt und 61 minus 12, weiß ich auch. Aber ich bin sein Vater. Kein Lehrer, kein Pädagoge. Ich weiß nicht, wie ich ihm am sinnvollsten den Rechenweg erkläre und wie ich ihn ohne Druck oder Belohnungssystem dazu motiviere, sich für wenigstens zehn Minuten zu konzentrieren – und das an einem Nachmittag, nachdem er schon acht Stunden in Schule und Hort verbracht hat und ich pausenlos gearbeitet habe. Ich befürchte, dass wir einem Zweitklässler – zumal einem, der ohnehin schon jetzt keine Lust auf Schule hat – und uns als Familie damit keinen Gefallen tun.

Während des Homeschoolings im Zuge der Corona-Pandemie klafften Wunsch und Wirklichkeit, Anspruch und Umsetzung noch weiter auseinander: Da sollten wir als Eltern bitte schön täglich vormittags mit dem Schulkind Aufgaben erledigen, es zu Videokonferenzen mit der Lehrerin und seinen Mitschüler:innen animieren, Mittagessen kochen, den Haushalt schmeißen – und als Arbeitnehmer:innen im Homeoffice gleichzeitig unseren Job erledigen. Wir haben diese Zerreißprobe irgendwie bestanden und wie all die anderen #Coronaeltern gemerkt: All das geht eigentlich unmöglich zusammen. Unsere nervliche Gereiztheit dürfte auch an unseren Kindern nicht spurlos vorbeigegangen sein. Und dass wir mit unserem didaktischen Latein bald am Ende waren und noch immer sind, ebenfalls.

Lehrer:innen haben oft mehr Geduld als Eltern

Auch ich war früher schlecht in Mathe (und bin es wohl bis heute). Ich erinnere mich daran, wie mir mein Vater früher einmal bei den Hausaufgaben half. Das Ergebnis war richtig – und laut Lehrerin trotzdem falsch: „Wir“ hatten die Aufgabe auf einem anderen Weg gelöst als dem in der Schule gelehrten. Gut, mein Vater hatte diesen Weg gewählt, er war nicht meine Idee, von daher war es fair, dass Frau Teschner nicht zufrieden war. Aber grundsätzlich sollte in Mathematik doch das Ziel das Ziel sein, egal, welchen Weg man wählte, oder? Selbst denken statt Schema F?

Die Lehrer:innen unserer Kinder sind nicht nur fachlich, sondern auch pädagogisch geschulter und erfahrener – und eventuell trotz zu großer Klassen geduldiger – als wir. Außerdem verbringen sie mehr Zeit als wir Eltern mit der Vermittlung des jeweiligen Stoffs an ihre Schüler:innen. Natürlich kenne ich als Vater oder meine Frau als Mutter unseren Sohn besser als andere Menschen, aber eben auch anders. Es sollten deshalb die Lehrer:innen sein, die in der Wahrnehmung ihrer Klasse fürs Lernen im Allgemeinen und zum Beispiel für Mathe, Sachkunde oder Rechtschreibung im Speziellen stehen.

Als Elternteil will ich meinem Kind lieber ein sicherer Hafen und Ruhepol sein und niemand, der es weiter nervt und Druck macht.

Ich beantworte zu Hause gern jede Frage, so gut ich kann, und helfe. Und dass es während des Corona-Homeschoolings vielleicht unvermeidbar war, dass Eltern Lehrer:innen spielen mussten, sehe ich teilweise ein. Aber sollte dies nicht die Ausnahme gewesen sein, anstatt die Regel? Als Elternteil will ich meinem Kind lieber ein sicherer Hafen und Ruhepol sein und niemand, der es weiter nervt und Druck macht. Davon kriegt es in unserer Gesellschaft sowieso schon viel zu viel und wird in Zukunft leider noch mehr statt weniger davon verspüren.

Wir versuchen unseren Söhnen deshalb zu vermitteln: Ja, selbst die beste Schule mit dem besten und bemühtesten Lehrpersonal und den wenigsten Hausaufgaben macht nicht immer Spaß und zu oft Druck, das ging uns damals auch so. Aber ist es nicht auch oft ganz schön cool, in die Schule zu gehen? Außerdem lernt man dort nicht nur fürs Berufsleben: Habt ihr diese Woche eigentlich schon Taschengeld gekriegt und ausgerechnet, wie viele Bonbons oder Lego-Sets ihr euch vom Ersparten kaufen könnt?

Zur Person

  • Fabian Soethof ist Journalist und Redakteur. Seit 2016 leitet er die Online-Redaktion des „Musikexpress“, seit Ende 2017 in Teilzeit.
  • Er bloggt unter newkidandtheblog.de über Elternthemen zwischen Wahn und Sinn und hat im März 2022 sein erstes Sachbuch veröffentlicht: „Väter können das auch! Es ist Zeit, Familie endlich gleichberechtigt zu leben“ (Kösel-Verlag).
  • Mit seiner Frau und zwei Kindern (8 und 6) lebt er in Berlin-Kreuzberg.
Fabian Soethof