Kolumne

Kommunikation in der Schule : „Ey Sis, was geht?“ – Bindung und Abgrenzung in der Jugendsprache

Menschen nutzen Sprache, um miteinander zu reden, um miteinander in Verbindung zu treten, um ein Wir-Gefühl zu erzeugen. Nicht immer sollen alle anderen auch mitreden können. Nein, manchmal sollen sie das ausdrücklich nicht. Darum benutzen manche Gruppen das Fach-Chinesisch ihrer Branche, andere besonders viele Anglizismen und wieder andere ihren Dialekt. Teenager nutzen dazu Jugendsprache. Erwachsene sollen da nicht mitmachen.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann 24. November 2022
In einem Chat auf dem Bildschirm eines Smartphones steht der Satz "Aber er war echt smash" geschrieben.
Auch in den Chats nutzen Jugendliche ihre ganz eigene Sprache. Smash ist das Jugendwort 2022 geworden - und bedeutet in diesem Chat in etwa, dass er ziemlich toll ist...
©Fabian Sommer/dpa

Ich bin Frau Ammermann. Meine Schülerinnen und Schüler sprechen mich mit „Frau Ammermann“ an, etwas anderes kommt nicht in Frage. Ich bin nicht „Ulrike“, nicht „Ey hör mal“, „Kannst du mal …?“ und auch nicht „Du, sag mal.“. Alle meine Kids kennen meinen vollen Namen, er steht in meiner Schul-E-Mail und ich setze ihn unter Elternbriefe. Die 14-Jährigen meiner achten Klasse würden nie auf die Idee kommen, mich anders als mit „Frau Ammermann“ anzusprechen. Ich habe trotzdem ein ganz gutes Verhältnis zu den meisten von ihnen. Jedenfalls nehme ich das an, wenn Juliko* über den halben Pausenhof sprintet, nur um mir schnell zu erzählen, dass sie sich mit ihrer Mutter wieder vertragen hat. Oder wenn Jonas erleichtert aufschaut, sobald ich den Raum betrete, denn nun kann ich endlich den Streit zwischen Gregorij, Paul und Mustafa schlichten.

Murmeln für höfliche Umgangsformen

Wir sagen in meiner Gegenwart „bitte“ und „danke“, fragen mit „Wie bitte?“ nach, wenn wir etwas nicht richtig gehört haben. „Hä?“ ist streng verboten. Die Strenge kommt nicht von mir, die Schülerinnen und Schüler haben da untereinander einen sportlichen Wettbewerb entwickelt, der manchmal auch mich trifft, wenn ich mal vergesse, welche eiserne Regel ich in der Klasse eingeführt habe. „´Hä` sagen wir nicht, bei uns heißt das ´Wie bitte`“, schallt mir dann ein leicht höhnischer Chor entgegen. Überhaupt sind wir einigermaßen höflich. Zugegeben, das klappt nicht immer, aber immer öfter. Nach jeder Doppelstunde nutzen wir zwei Murmelgläser, um Umgangsformen und Lernverhalten zu bewerten. Hat es die Klasse geschafft, vernünftige Arbeitsaufträge zu vereinbaren und die auch noch in der verabredeten Zeit mehrheitlich zu bearbeiten, dann gibt es dafür zwei Murmeln. Waren keine Beleidigungen, wie „Hurensohn“, „Motherfucker“ oder „Du Arsch“ zu hören, gibt es auch dafür zwei Murmeln. Wenn die Klasse ihr Murmelglas voll hat, dürfen sie sich dafür was wünschen, einen Ausflug zur Eisdiele oder einen Film mit so viel Chips, wie jeder möchte – das wird meistens gewählt. Danach werden alle Murmeln mit lautem Getöse wieder in das Basis-Glas geschüttet und das Spiel geht von vorne los. Meine Klasse ist ziemlich gut darin, ihr Murmelglas einigermaßen schnell wieder zu befüllen. Wenn jede Doppelstunde perfekt verläuft, wäre es in einer Woche möglich. So perfekt sind sie nicht, aber drei Wochen schaffen sie in guten Phasen. Kurz: Wir unterhalten uns in der Klasse meist in vollständigen Sätzen auf Hochdeutsch, nutzen Höflichkeitsfloskeln und vermeiden Beleidigungen.

Wissen Sie, Frau Ammermann, es ist voll peinlich, wenn Sie dabei sind, wenn wir einen Liebesfilm schauen und zwei sich küssen – das ist dann cringe.

Aber das ist doch cringe!

Immer Hochdeutsch? Natürlich nicht. Ein Drittel meiner Achtklässler stammt aus russischen Familien, ein Mädchen ist vor einem knappen Jahr aus der Ukraine nach Hamburg gezogen. In die Klasse geht außerdem eine Polin, ein Mädchen ist aus einer syrischen Familie und eines aus einer kurdisch-irakischen Familie. Außerdem haben wir einen Afghanen, ein Mädchen aus Nigeria, zwei Kroatinnen und ein Mädchen aus einer slowakischen Roma-Familie, die zu Hause Englisch sprechen, weil die Eltern unterschiedliche Roma-Sprachen als Muttersprachen haben. Gut die Hälfte der Mädchen und Jungen ist aus Hamburg oder Schleswig-Holstein. Sie merken es schon: Es ist kompliziert. Wir haben Einflüsse aus vielen Teilen der Welt. Da wird schon mal „dawei“ gerufen, wenn es schnell gehen soll oder eben „wallah“. Da hört sich Empörung schon mal an wie bei Jessica: „Bruder“ ruft sie, „Horrorfilme sind echt nicht mein Ding. Das ist voll eklig.“ Sie will das Murmelglas schon mal nicht für einen, ich zitiere: „voll widerlichen Horror-Scheiß“ einlösen, lieber eine Highschool-Komödie. Wenn die Teenies miteinander reden, dann sind viele Sachen „voll korrekt“ oder eben „ganz schön cringe“. Stoße ich zufällig zu einer solchen Unterhaltung dazu, erklären sie mir ihren Sprachgebrauch manchmal. „Wissen Sie, Frau Ammermann, es ist voll peinlich, wenn Sie dabei sind, wenn wir einen Liebesfilm schauen und zwei sich küssen – das ist dann cringe.“ Meist haben die Vierzehnjährigen das aber sehr gut im Griff. Ich bin nicht dabei, wenn Mustafa seine Jungstruppe um sich versammelt, um – „wallah“ – den Arschlöchern aus der b beim Pausen-Fußball mal so richtig zu zeigen, wer hier am besten spielen kann. Ich bin auch nicht dabei, wenn Julia erzählt, wie „sweet“ Julian aus der Neunten ist und ihre Freundinnen sich mit Tipps überbieten, wie sie seine Aufmerksamkeit gewinnen kann. Denn das alles geht mich ja auch gar nichts an. Ich bin hier schließlich Frau Ammermann und nicht Ulrike.

Smash – oder was wissen Erwachsene schon von Jugendsprache!

Nur neulich, da fühlten sie sich doch genötigt, mir mal was zu erklären. Im Deutschunterricht hatte ich ihnen erzählt, dass „smash“ als neues Jugendwort des Jahres gewählt worden sei. Das fanden meine Schülerinnen und Schüler dann aber wirklich „cringe“. „Wissen Sie“, erklärte mir Tatjana mit einem gewissen Ernst, „Erwachsene verstehen das nicht so gut. Niemand bei uns in der Schule sagt smash.“ Auch Jessica findet es abwegig, dass irgendwelche Erwachsenen (sie meint damit alle ab der zehnten Klasse) über ihre Unterhaltungen abstimmen. „Selbst wenn das mal wer gesagt hat“, meint sie, „jetzt würde es keiner mehr freiwillig machen.“ Und so muss es ja auch sein, Jugendsprache brauchen Jugendliche, um sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen. Das wäre ja noch schöner, wenn die Alten sich da einmischen würden.

* Namen der Schülerinnen und Schüler geändert.

 

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einem Hamburger Gymnasium Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.