Kolumne

Lehrerarbeitszeit : Es ist nicht nur Unterricht!

Ein realistisches Bild der Lehrerarbeitszeit ist längst überfällig und muss dringend angegangen werden, findet Schulportal-Kolumnist Bob Blume. Denn eines sollte klar sein: Lehrerinnen und Lehrer arbeiten nicht nur während der Zeit, in der sie unterrichtend vor einer Klasse stehen. Dieser Eindruck würde aber in der Gesellschaft immer noch viel zu sehr vorherrschen.

Bob Blume Bob Blume 26. Oktober 2022
Bei Lehrkräften ist nicht allein die Zeit vor der Klasse oder in der Schule Arbeitszeit. Das gelte es endlich klarzustellen, meint Kolumnist Bob Blume.
©Sebastian Gollnow/dpa

Eines vorab: Ich bin großer Unterstützer der öffentlich-rechtlichen Medien. Umso mehr war ich wie viele andere bestürzt über die Praktiken, die in den letzten Wochen im Hinblick auf Postenvergabe und Einnahmen herauskamen. Man muss ich auf einen guten öffentlich-rechtlichen Rundfunk verlassen können. Ich hole deshalb so aus, weil ich deutlich machen möchte, wie sehr mich eine Meldung auf Instagram ärgerte, die im April dieses Jahres gepostet und auch nach wütenden Kommentaren nicht gelöscht worden ist. Dort heißt es:

„Eine volle Stelle an Grundschulen in Baden-Württemberg bedeutet in Baden-Württemberg rechnerisch 28 Wochenarbeitsstunden Arbeitszeit. Kretschmanns Idee: Wer jetzt einen 50-Prozent-Job hat, würde künftig 15 statt 14 Stunden arbeiten.“

Das, was dort zu lesen ist, ist falsch. Und es setzt den Rahmen für eine Diskussion, die auf einer falschen Grundlage fußt und damit Ressentiments schürt, anstatt zu informieren oder aufzuklären.

Unterrichtszeit ist nicht gleich Arbeitszeit

Denn selbstverständlich beinhaltet eine volle Stelle in Baden-Württemberg nicht 28 Stunden Arbeitszeit. Sondern Unterrichtszeit. Das heißt also nur, dass eine Lehrperson mit 28 Stunden Deputat 28 Stunden in der Klasse steht und unterrichtet. Aber dieser Unterricht ist damit noch nicht vorbereitet, nicht nachgearbeitet und korrigiert wurde auch noch nicht.

Und natürlich wurde in diese Arbeitszeit auch noch nicht eingerechnet, was man außer der reinen Unterrichtszeit und der unterrichtsnahen Lehrarbeit noch bearbeiten muss. Das aufzuzählen würde den Rahmen der Kolumne sprengen, aber da ich geradezu hoffe, dass dieser Text auch Menschen erreicht, die keine Lehrerinnen und Lehrer sind, seien einige Beispiele gegeben: Konferenzen, Dienstbesprechungen, Kooperationszeiten, Sitzungen von Arbeitsgruppen, Vertretungsstunden, von der GLK beschlossene Aktivitäten, pädagogische Tage, Schulfeste, Elternsprechstunden, Konfliktmanagement – all das sind Dinge, die weder im Deputat noch in einer Wochenarbeitszeit abgebildet werden.

Das Deutsche Schulportal hat jüngst herausgearbeitet, dass mindestens 50 Prozent der Lehrkräfte über dem Durchschnitt arbeiten, und das bedeutet über einer Wochenarbeitszeit von 46 Stunden hinaus. Die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer macht Überstunden, heißt es dort.

Momente der Teilhabe werden auf den gesamten Beruf übertragen

Die Falschmeldung des ZDF – ja, man muss es so nennen – hat also einen sehr schädlichen Effekt. Sie bestätigt ein „Wissen“ über die Arbeit von Lehrpersonen, das deshalb in Anführungsstrichen gesetzt wurde, weil es ein Halbwissen ist, das sich aber wie Wissen anfühlt.

Als ich darüber nachdachte, warum sich das Image von Lehrkräften, die angeblich vormittags recht und nachmittags frei haben, sich noch so beharrlich hält, ging mir ein Licht auf: Es gibt schlicht keinen Beruf, an dem so viele Menschen so viele Jahre live teilhaben, zumindest eben an Teilen des Berufes. Die daraus entstehende Teilerfahrung, die jeder für sich als eine absolute Wahrheit empfinden kann, kennen vielleicht am ehesten Journalistinnen und Journalisten, sowie und Politikerinnen und Politiker. Auch dort werden die Momente der Teilhabe auf den gesamten Job übertragen: So denken manche, Politikerinnen und Politiker würden nur arbeiten, wenn sie ein TV-Interview geben und Journalistinnen und Journalisten, wenn sie einen Artikel schreiben – in einem durch, ohne Recherche, Gegencheck und Lektorat, versteht sich. Nur mit Lehrerinnen und Lehrern verbringt man – zwangsläufig – noch mehr Zeit.

Der Kampf gegen Vorurteile wird oft als Jammerei abgetan

Als Schülerin oder Schüler ist man aber tatsächlich „nur“ bei jenen Stunden dabei, die das ZDF fälschlicherweise als Arbeitsstunden präsentierte. Alles andere bekommt man nicht mit.

Man denkt also, nach der Schulzeit zu wissen, was Lehrende arbeiten. Ich stelle mal die These in den Raum, dass es uns bei jedem anderen Beruf auch so gehen würde, wenn wir über 13 Jahre jeden Tag bei dessen Ausübung dabei wären. Wir würden meinen zu wissen, was diesen Beruf ausmacht, auch wenn wir nur einen Teil mitbekämen.

Eine Reaktion von Lehrkräften, zumal im digitalen Raum, ist es, gegen diese Vorurteile zu kämpfen. Leider verfehlt dieses oft genug die Wirkung, denn erstens wird das Ganze schnell als Jammerei wahrgenommen (die dann gerade jene nicht verstehen, die meinen, sie wüssten, was Lehrkräfte tun). Und zum anderen kennt leider auch jeder eine Lehrkraft, auf das die Klischees zutreffen. Was ist also zu tun?

Tu Gutes und sprich darüber!

Als ich im Referendariat war, hat mein damaliger stellvertretender Schulleiter eine einfache – und bekannte – Formel gesprochen, wie man sich in die Schule einbringen könnte und wie dies auch anerkannt wird: Tu Gutes und sprich darüber! Ich denke, dass dies insbesondere für Lehrkräfte (aber natürlich auch für viele, nein, alle sozialen Berufe) gilt. Wir müssen Missstände benennen, gute Projekte reichweitenstark präsentieren, aber auch immer wieder deutlich machen, wenn gesellschaftlich manifestierte Vorurteile falsch sind.

Davon haben alle etwas. In puncto Arbeitszeit bedeutet das, dass nicht nur jene ein besseres Bild von dem Beruf bekommen, deren Nebenberuf es ist, unsachliche Behauptungen ins Netz zu schreiben. Sondern ein realistischeres Berufsbild wirkt auch auf jene, die darüber nachdenken, Lehrer:in zu werden. Denn wenn die Attraktivität eines Berufes sich darauf begründet, dass man vermeintlich nur halbtags arbeitet und dafür sehr gut bezahlt wird, ist es kein Wunder, wenn auch jene den Beruf anstreben, die sich dann holen, was ihnen vermeintlich versprochen worden ist.

Ein realistisches Bild der Lehrerarbeitszeit ist überfällig und ist mit das Erste, das angegangen werden muss. Damit aber Kommunikation, die dies benötigt, nicht am Einzelnen hängt, sollte grundsätzlich darüber diskutiert werden, ob ein Deputatsmodell noch zeitgemäß ist. Andere Länder zeigen, dass Transparenz der Arbeitszeit auch bei Lehrkräften möglich ist.

Ich muss nun wieder meinen Unterricht vorbereiten. Damit ich abends frei haben kann. Und vielleicht am nächsten Vormittag auch mal recht habe.

Zur Person

  • Bob Blume ist Oberstudienrat am Windeck-Gymnasium in Bühl und unterrichtet die Fächer Englisch, Deutsch und Geschichte. Zuvor arbeitete er an einer Realschule im Schwarzwald.
  • Neben seiner Arbeit als Lehrer betreibt er einen Youtube-Kanal und einen Blog, in dem er über die Herausforderungen des Referendariats, die Chancen der Digitalisierung und politische Themen schreibt.
  • Als „Netzlehrer“ ist er auf Twitter unterwegs und betreibt auch einen Podcast mit diesem Namen. Nebenher publiziert er für Zeitungen und veröffentlicht Texte in verschiedenen Online-Magazinen – wenn er nicht mit seiner Tochter und seiner Frau das Leben in den Offenburger Weinbergen genießt.
  • Er ist Autor des Buches „Deutschunterricht digital. Vom didaktischen Rahmen zur praktischen Umsetzung.“, erschienen im Beltz-Verlag. Im Mai 2022 erschien sein Buch „10 Dinge, die ich an der Schule hasse und wie wir sie ändern können“ im Mosaik Verlag – ein Aufruf zum Handeln, um die Schulen ins 21. Jahrhundert zu führen.