Kolumne

Videochat : Ein virtuelles Klassenzimmer gegen die Langeweile

Wie lässt sich die Motivation beim Lernen zu Hause während der Corona-Krise aufrechterhalten? Virtuelle Werkzeuge zum gemeinsamen Lernen können dabei helfen. Die Hamburger Lehrerin Ulrike Ammermann hat mit ihren Schülerinnen und Schülern in den vergangenen Wochen der Schulschließung neue Methoden des Lehrens und Lernens ausprobiert und schreibt darüber in ihrer Schulportal-Kolumne.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann / 28. April 2020
Mit Hilfe von digitalen Lernplattformen wie Moodle können Schülerinnen und Schüler auch zu Hause in einem virtuellen Klassenzimmer lernen.
©dpa

Lernen kann man nur selbst. Das ist eine Binse, eigentlich weiß das jeder, der schon mal was gelernt hat. Aber noch nie ist mir das so bewusst geworden wie unter diesen verrückten Umständen, die das Coronavirus uns allen gerade aufnötigt. Die moderne Didaktik sieht auch in normalen Zeiten Lehrende eher als Begleiter von Lernprozessen denn als Vortragende, die über einen bestimmten Stoff dozieren. Trotzdem schnüren wir ein Korsett aus Regeln und Verboten, an die sich unsere Schülerinnen und Schüler im Klassenzimmer halten müssen. Das fängt schon mit eben diesem Zimmer an. Wir bestimmen den Raum. Und wir legen auch die Zeit fest, an die sich alle halten müssen. Um acht fängt der Unterricht an. Basta.

Auch Kinder und Jugendliche haben einen inneren Schweinehund

Seit Corona ist alles anders: Auf einmal fängt der Unterricht dann an, wenn unsere Schülerinnen und Schüler das wollen. Wenn sie bereit sind. Die meisten möchten lernen. Natürlich nicht immer, manchmal möchten sie gerade lieber Fußball spielen oder eine Fee malen. Auch Kinder und Jugendliche haben Interessen und einen inneren Schweinehund. Aber die beglückende Erkenntnis dieses Ausnahmezustandes namens Corona bleibt: Sie wollen. Auf dieses Wollen bin ich als Lehrerin unbedingt angewiesen. Denn die Rahmenbedingungen, die die Schule uns normalerweise auferlegt, sind weggefallen.

Wenn so viel auf dem Schreibtisch liegt und niemand sagt, um acht machen wir Mathe, um zehn Deutsch und heute Nachmittag Englisch, dann kann das sehr einschüchternd wirken.

Natürlich haben wir unsere Schülerinnen und Schüler sofort mit Aufgaben, Hilfestellungen und Abgabeterminen versorgt. Nach einer Weile zeigte sich aber, dass sie damit überfordert sind. Und zwar durch die Bank weg alle, die Fünftklässlerinnen und Fünftklässler genauso wie die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe. Wenn so viel auf dem Schreibtisch liegt und niemand sagt, um acht machen wir Mathe, um zehn Deutsch und heute Nachmittag Englisch, dann kann das sehr einschüchternd wirken. So sehr, dass viele Kinder erst einmal nichts für die Schule gemacht haben. Natürlich haben sie trotzdem eine Menge getan: auf der Playstation gezockt, mit den Geschwistern gestritten, sich gelangweilt. Genau diese Langeweile war ein Geschenk.

Per Bildtelefonie den Schreibtisch aufräumen

Regelmäßig habe ich meine Schülerinnen und Schüler angerufen. Am Anfang bekam ich auf meine Fragen – Wie geht es dir? Was machst du so den ganzen Tag? Kommst du mit den Aufgaben zurecht? – oft ein eintöniges „Ja, gut“, gefolgt von einem schnellen, erleichterten „Tschüss, Frau Ammermann“ zu hören. Aber das hat sich inzwischen geändert. Die ersten Schülerinnen und Schüler gaben zu, dass ihnen doch ein bisschen langweilig war. Die ersten Eltern schrieben Textnachrichten, so ginge das nicht weiter, ihr Kind sei lustlos, aggressiv, apathisch, hyperaktiv.

So unterschiedlich die Reaktionen waren, gemeinsam war ihnen die Langeweile. Die habe ich genutzt und mit dem ersten Kind via WhatsApp-Bildtelefonie den Schreibtisch im Kinderzimmer aufgeräumt. Mit den Elfjährigen habe ich über die Zeit viele, viele Stunden individuelle Lernbegleitung gemacht. Das Telefon filmt uns, während Niklas mir seine Aufgaben vorliest und wir besprechen, wie man sie bearbeiten könnte. Das tut er dann sehr gewissenhaft, während ich E-Mails beantworte oder die Wäsche bügele. Genau genommen bügele ich gerade sehr viel Wäsche, denn das tue ich auch, wenn Cem mir erzählt, wie er die Bonusaufgabe vom Arbeitsblatt – ein eigener Film – bearbeiten möchte. Dazu muss er sich ein kurzes Drehbuch überlegen und Dialoge aufschreiben. Das Ergebnis, das er mir später schickt, kann sich sehen lassen. Genau wie der Film, den Greta und Elif in ihren jeweiligen Kinderzimmern gedreht und später zusammengeschnitten haben.

Miteinander reden, sich sehen und austauschen in der Videokonferenz

Alles, was man in einem Klassenzimmer tut, kann man im Prinzip auch in einem virtuellen Raum machen, mithilfe von Skype, Zoom oder Moodle: miteinander reden, sich dabei sehen, Arbeitsergebnisse auf einer Tafel festhalten und Dokumente mit schriftlichen Bearbeitungen austauschen. Schülerinnen und Schüler gelten als die „Digital Natives“. Wenn diese Zuschreibung stimmt, dann höchstens für Smartphones und bestimmte Apps. Mit den Funktionen eines Videokonferenzprogramms etwa gehen meine Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschüler nicht ganz so selbstverständlich um: „Frau Ammermann, ich kann mich hier nicht einwählen.“ „Wo ist denn diese Chatfunktion?“ Außerdem hat längst nicht jede Schülerin oder jeder Schüler einen Computer zu Hause. Und ein geteilter Bildschirm mit zehn oder mehr Teilnehmenden macht aus einem Telefonbildschirm ein Wimmelbild.

Die erste Stunde unseres virtuellen Unterrichts haben die Schülerinnen und Schüler damit verbracht, immer wieder ungläubig zu fragen, „Jenny/Leon/Can, warst du das?“, sich kaputtzulachen, die Musik im Hintergrund aufzudrehen und die diversen Hintergrundoptionen auszuprobieren, sodass man noch schlechter erraten konnte, ob gerade Julia geredet hat oder doch eher Kathleen. Dabei hatte ich sehr genau überlegt, welche Fragen ich mit den Jugendlichen bearbeiten wollte, hatte Folien vorbereitet, Textbausteine für den Chat vorformuliert, allen Schülerinnen und Schülern den Text mit Aufgaben lange vorher geschickt.

In dieser ersten virtuellen Stunde haben meine Schülerinnen und Schüler und vor allem ich gelernt, was alles nicht geht. Große Gruppen in Klassenstärke gehen nicht.

Nichts hat geklappt. In dieser ersten virtuellen Stunde haben meine Schülerinnen und Schüler und vor allem ich gelernt, was alles nicht geht. Große Gruppen in Klassenstärke gehen nicht. Das erfordert sehr viel Disziplin und noch mehr Geduld. Man kann nicht zustimmend nicken, Melden wird leicht übersehen und das Dazwischenreden stört noch stärker als im echten Klassenzimmer. Das heißt, als Teilnehmerin oder Teilnehmer muss man warten können, bis die Moderatorin im Chat sieht, dass man etwas sagen möchte.

Regeln für das gemeinsame Lernen im virtuellen Klassenzimmer

Beim nächsten Mal habe ich die Gruppe radikal verkleinert. Drei bis fünf Teilnehmende sind ideal. Die erhalten vorher einen Link zur Videokonferenz und eine Erinnerung, ihre Arbeitsmaterialien bereitzulegen, gegebenenfalls schon mal Fotos von den Hausaufgaben zu machen. Plus eine starke Struktur, die ich in den ersten Minuten erkläre und parallel als Chatnachricht an alle rausschicke. Eine Art Fünf-Punkte-Plan fürs gemeinsame Lernen. Dann wurde es beglückend. Die 16-Jährigen haben sehr genau den theoretischen Text zu den Funktionen der Poesie gelesen, nachgedacht, ihre Positionen immer wieder korrigiert. Und keiner hat auf die Zeit geachtet. Es gab Momente, da habe ich, ich bin mir sicher, gesehen, wie es Klick gemacht hat in ihren Köpfen. Anders als sonst oft, konnten sie kein Ende finden. Hätte ich nicht die nächste Videokonferenz vereinbart gehabt, sie hätten noch lange so weiterlernen wollen. Ist das nicht schön?

Noch schöner war nur das Kompliment, das mir der elfjährige Niklas machte. „Erst dachte ich ja“, sagte er mit großem Ernst, „das wird so voll anstrengender Unterricht, wo Sie die ganze Zeit reden. Aber jetzt genieße ich das Deutschlernen richtig.“ Ich glaube ihm das. Wenn ich morgens nicht pünktlich unseren virtuellen Unterricht beginne, ruft er mich um eine Minute nach zehn an: „Wann fangen wir endlich an?“

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einem Hamburger Gymnasium Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.