Kolumne

Regelklassen oder Willkommensklassen : „Ein Sprachbad ohne Vorkenntnisse hat wenig Sinn“

Willkommensklasse oder Regelklasse – nach welchem Prinzip sollten die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine in das deutsche Bildungssystem integriert werden? Sabine Czerny, Lehrerin einer Deutschklasse, wie die Willkommensklassen in Bayern genannt werden, hat darauf eine klare Antwort. In ihrer Kolumne für das Schulportal beschreibt sie, warum das Lernen einer anderen Sprache im sogenannten Sprachbad kein Selbstläufer ist.

Sabine Czerny Sabine Czerny 13. April 2022 Aktualisiert am 10. Mai 2022
Schultisch mit Materialien zum Deutsch lernen
Wichtig ist das Lesen und Schreiben bei der Frage nach der Integration in die Regelklasse, meint Sabine Czerny.
©Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild

Tausende von geflüchteten ukrainischen Schulkindern sollen nun hier in Deutschland ein Bildungsangebot erhalten. Und es stellt sich wie auch bei den anderen Migrations- und Flüchtlingskindern erneut die Frage, ob diese sofort in Regelklassen gegeben werden oder erst separat in einer Willkommensklasse lernen. Es gibt sehr gute Gründe sowohl für das eine als auch für das andere. Letztlich sollte für jedes Kind individuell beraten und entschieden werden. Die für eine Entscheidung zu berücksichtigenden Aspekte sind dabei vielfältig.

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Der für mich entscheidende Aspekt ist das Lesen und in der Folge daraus auch das Schreiben. Kinder werden nur dann, wenn sie Deutsch lesen und verstehen können, unser Schulsystem erfolgreich durchlaufen können. Deshalb muss nach meiner Auffassung dafür gesorgt werden, dass jedes Kind, egal welchen Alters, egal welcher Herkunft, lesen und schreiben lernt.

Was wir dabei aber gern vergessen, ist, dass jedes dieser Kinder, das aus einem anderen Land zu uns kommt, in der Regel in der deutschen Sprache Analphabet ist. Selbst die Kinder, die die lateinischen Buchstaben gelernt haben, können deshalb noch lange nicht lesen, da die Aussprache in jeder Sprache anders ist. Probieren Sie doch einmal, Französisch, Ungarisch oder Finnisch ohne Vorkenntnisse korrekt auszusprechen. Wir sind in diesen Sprachen Analphabeten, trotz gleicher Schriftzeichen. Die korrekte Aussprache ist demnach extrem wichtig, andernfalls ist eine Wortschatzerweiterung, die über lediglich Gehörtes hinausgeht, sehr schwierig.

Viele der zugezogenen Kinder kommen aber aus Ländern, die ganz andere Schriftzeichen haben. Sie schreiben arabische, kyrillische oder asiatische Schriftzeichen – auf der Welt gibt es laut Wikipedia 294 bekannte Schriftsysteme.

Das heißt, wir müssen als Erstes sehen, wo ein Kind im Schriftspracherwerb steht und wie das in der jeweiligen Schule am besten aufgefangen werden kann, denn es stehen ja nicht jeder Schule alle Möglichkeiten zur Verfügung.

Entscheidend sind die Vorerfahrungen

Hat ein Kind bereits eine Sprache sicher lesen und schreiben gelernt, verfügt es bereits über die Fähigkeit, Buchstaben zu Wörtern zusammenzuziehen, Lauten Schriftzeichen zuzuordnen und Schriftzeichen in Laute zu übersetzen, dann ist das bereits eine sehr gute Grundlage. Wenn das Kind dann auch insgesamt noch lernerfahren ist, entweder durch seine Muttersprache oder eine bereits erlernte Fremdsprache die lateinischen Buchstaben nutzt, kann es in der Regel in eine Regelklasse gehen, sodass es neue Freunde finden und dem normalen Regelunterricht folgen kann, ohne Zeit „zu verlieren“.

Es ist aber  unabdingbar, diesen Kindern mit zusätzlichen Förderstunden die deutsche Aussprache und das Verschriften zu lehren und, um auf ein wirklich gutes Sprachniveau zu kommen, flüssig sinnerfassend Lesen zu üben, sich mit Wortschatzerweiterung, Grammatik, Satzbau und vielem mehr zu beschäftigen. Hilfreich sind dafür einschlägige Arbeitshefte oder auch digitale Formate, die ein Selbststudium unterstützen können. Nach meiner Erfahrung betrifft das aber meist ältere Kinder, eher selten Kinder, die in die Grundschule kommen.

Kinder, die über so eine Vorerfahrung nicht verfügen, benötigen speziellen Unterricht, um die Buchstaben, das Lesen und Schreiben zu lernen. Das geht definitiv nicht nebenbei in einer Regelklasse. Und selbst Förderstunden reichen meist nicht aus, weil gerade bei den Kleinen ein sehr beständiger Übungsprozess nötig ist. Lesen kann man sich nicht selbst beibringen, man muss die Laute hören und vorgesprochen bekommen und die zugehörigen Schriftzeichen sehen. Das Zusammenlesen von Lauten zu Worten stellt eine echte Herausforderung dar – und das oft über viele Wochen, wenn nicht Monate. Die Kinder buchstabieren die Wörter, und nur durch kontinuierliches Vor- und Nachsprechen gelingt das Zusammenlesen. Hinzu kommt, dass viele unserer Buchstabenkombinationen anders gesprochen werden als geschrieben, z. B. wird [äu] als oi gelesen, [chs] als x, was alles nicht selbsterschließend ist. Alles in allem eine sehr mühsame Arbeit, die ein Klassenleiter nicht „nebenher“ leisten kann. Erst wenn man Worte korrekt ausspricht, kann man mit gutem Material alleine weiterarbeiten, seinen Wortschatz und die Grammatik erweitern und weiteres Wissen ansammeln. Ebenso verhält es sich mit dem Verschriften: Aus den Wörtern müssen Laute herausgehört und Besonderheiten wahrgenommen werden, so werden zum Beispiel viele a, die man hört, als r geschrieben, wie bei Birne [Biane] oder Sommer [Somma]. Ein anderes Beispiel sind Verlängerungen von Buchstaben: wie ie bei Biene, -h bei Bahn oder gar beides wie bei ziehen. Das ist nicht nur Rechtschreibung, das ist Grundlage zum Spracherwerb.

Oft wird argumentiert, dass die Kinder ja noch keinen Wortschatz hätten, um lesen lernen zu können. Oder es besteht der Anspruch, dass Kinder jedes Wort, das sie lesen und schreiben, verstehen müssten. Doch das ist meiner Erfahrung nach genau andersrum: Die Kinder lernen mechanisch lesen, d. h. sie sprechen die Wörter richtig aus, ohne sie alle verstehen zu müssen. Sie üben an so vielen Wörtern, dass es eine Überforderung wäre, auch noch zu verlangen, dass sie sich gleichzeitig diesen Wortschatz aneignen. Der Wortschatz wird parallel dazu aufgebaut, und alle drei – Lesen, Schreiben und Wortschatz – verbinden sich nach einigen Wochen oder Monaten und bilden dann eine gute Grundlage für alles Weitere.

Echte Integration benötigt gute Sprache

Ich würde allerdings nicht nur aus diesem Grund für Willkommensklassen plädieren, auch wenn viele Expertinnen und Experten zur sofortigen Einschulung in die Regelklasse raten. Die Begründung, dass die Kinder dort sofort sozial integriert und im Sprachbad sehr schnell und problemlos Deutsch lernen würden, ist häufig unzulänglich. Die meisten ankommenden Kinder verstehen kein Wort Deutsch und können sich dementsprechend auch nicht verständigen. Der Satz „Kinder lernen das doch ganz schnell“ stimmt nicht so ohne Weiteres. Wenn Kinder nicht sehr stark vorgebildet sind, sodass sie sich deutsche Wörter leicht merken und an ihr vorhandenes Wissensnetz anschließen, dauert es oft Wochen bis Monate, bis sie von allein in Sätzen sprechen.

Nach einigen Wochen ist höchstens eine Grundverständigung, oft noch mit viel Gestik und Mimik, möglich. Für eine echte Integration benötigt es aber Sprache, gute Sprache. Das sehr hochgehaltene Sprachbad hat seine Berechtigung, aber nur bei Vorhandensein gewisser Grundlagen, an die die Kinder dann ihnen unbekannte Worte, die sich aus dem Zusammenhang erklären, anbinden. Ein undifferenziertes Sprachbad ist furchtbar anstrengend und wenig sinnvoll, das kann jeder auf einem arabischen Bazar oder in der chinesischen U-Bahn ausprobieren.

In einer Willkommensklasse wird sehr gezielt ein grundlegender Wortschatz aufgebaut, und die Kinder üben das Sprechen. Dies ist in der Regelklasse eher schwierig umzusetzen, da Kinder anfangs oft die gleichen und doch einfachen Dinge üben, um sie dann auch gesichert zur Verfügung zu haben. Allein Sätze wie „Ich brauche bitte …“ oder „Kannst du mir bitte …“ spricht man manchen Kindern wochenlang vor, damit sie nicht immer nur „Helfen“ sagen, denn damit würden sie auf einem eher niedrigen Sprachstand bleiben. Will man, dass Kinder ein gutes Deutsch lernen, muss man sie darin unterstützen, in ganzen, wenn auch anfangs einfachen Sätzen zu sprechen. Im Regelklassenverband würde das sehr viel zusätzliche Aufmerksamkeit und individuelle Zuwendung der Lehrkraft benötigen.

Teilnahme am Regelunterricht in einzelnen Fächern

Durchaus denkbar ist natürlich eine Teilnahme am Regelunterricht in einzelnen Fächern, wenn das organisatorisch möglich ist. Es wird aber oft übersehen, dass selbst Fächer wie Mathematik schon auf einem umfangreichen Wortschatz fußen, der die Kinder gerade in den ersten Monaten häufig überfordert.

Meines Erachtens sollte das Ziel einer Willkommensklasse zum einen sein, den Kindern ein gutes Ankommen zu ermöglichen und ihnen Lesen, Schreiben und  einen fundierten Wortschatz zu vermitteln, so dass sie ausreichend Deutsch verstehen und sich verständlich ausdrücken können. Zum anderen gilt es, jedes Kind individuell so zu begleiten, dass es, möglichst schnell, den Anschluss an die jeweilige Regelklasse schafft. Denn nur, wenn Kinder auch die notwendigen Arbeitstechniken beherrschen und insbesondere in den Fächern, bei denen die Inhalte auf vorher Gelerntes aufbauen, wie z.B. in Mathematik, deutscher Grammatik und Englisch auf dem Stand ihrer Altersgenossen sind, können sie erfolgreich am Unterricht teilnehmen und sich letztlich auch integrieren und wohlfühlen.

Für diese Aufgaben benötigt die Willkommensklasse einen besonderen Rahmen. Wie der gestaltet sein muss, beschreibe ich in der nächsten Kolumne.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München derzeit eine Deutschklasse. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.