Kolumne

Bewertung im Lockdown : Ein kurzer Traum vom Lernen ohne Noten

Schon oft wurde vom angst- und bewertungsfreien Lernraum Schule geträumt. Auf eine gewisse Art hatte Lehrerin Ulrike Ammermann mit ihren Schülerinnen und Schülern genau das in den letzten Monaten erfahren: Klassenarbeiten wurden nicht geschrieben, Referate nicht gehalten, Hausaufgaben nicht vor der Klasse vorgelesen und besprochen. Stattdessen haben die Schülerinnen und Schüler individuelle Rückmeldungen erhalten, an deren Ende keine Note stand.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann / 08. Juli 2020
Zeugniskopf mit Schriftzug und Kugelschreiber
In den meisten Bundesländern gab es keine Noten für Aufgaben, die im Fernunterricht bearbeitet wurden. Zeugnisse gibt es trotzdem.
©Sebastian Gollnow/dpa

Wenn Menschen mit unguten Emotionen an ihre eigene Schulzeit denken, dann oft, weil sie auch Jahrzehnte später noch das eklige Gefühl in der Magengrube abrufen können, das eine Fünf auslöste. Oder weil diese eine fiese Biologielehrerin, damals in der sechsten Klasse, die mündliche Leistung im Unterricht ganz ungerecht bewertet hat. Während des Homeschoolings war alles anders. Keine Schülerin und kein Schüler bekamen den Daumen hoch oder runter gezeigt. Niemand erhielt eine Eins, die er stolz herumzeigen konnte. Aber auch kein Kind musste eine Sechs ertragen, die es einem unvorteilhaften Vergleich mit den Mitschülerinnen und Klassenkameraden ausgesetzt hätte.

Niko zum Beispiel ist regelrecht aufgeblüht. In der Klasse ist er ein stiller Schüler, der sich kaum je freiwillig meldet.

War das nun besser? Ja, habe ich öfter in den letzten Wochen gedacht. Niko zum Beispiel ist regelrecht aufgeblüht. In der Klasse ist er ein stiller Schüler, der sich kaum je freiwillig meldet. Und wenn er doch mal drankommt, dann braucht er quälend lange, bis er antworten kann. Mit ihm konnte ich per Videokonferenz gut in die Gedichtanalyse einsteigen. Nebenbei habe ich einen fundierten Eindruck gewonnen, wie gut er analytisch denken kann. Profitiert hat zum Beispiel auch Veronika, die mit ihrer Familie aus Polen nach Hamburg gekommen ist und noch nicht so sicher lesen kann wie die anderen Fünftklässler. In unseren Videotelefonaten ist sie viel besser geworden. Außerdem konnten wir in aller Ruhe über das Gelesene sprechen. Und siehe da, sie hat das Kinderbuch, das wir gerade lesen, erstaunlich gut verstanden.

Die Bewertung der Mitarbeit macht oft 60 Prozent der Zeugnisnote aus

Oder war die fehlende Benotung vielleicht schlechter? Schlechter, weil Kinder und Jugendliche den Vergleich mit ihren Klassenkameraden brauchen. Geradezu drängend wurde ich von manchen gefragt: „War ich gut, Frau Ammermann?“ Wenn ich dann erklärt habe, was gut bearbeitet worden war und wo man noch mehr tun könnte, dann reichte das als Antwort nie. „Nein! Was für eine Note wäre das?“

Auch im normalen Schulalltag sind unsere Noten von „sehr gut“ bis „ungenügend“ eine Aufgabe, die leichter schief als gut geraten kann.

Auch im normalen Schulalltag sind unsere Noten von „sehr gut“ bis „ungenügend“ eine Aufgabe, die leichter schief als gut geraten kann. Um sich das bewusst zu machen, genügt eine einfache Rechenaufgabe. In einer durchschnittlichen Klasse sitzen 24 Schülerinnen und Schüler. Mit der Lehrerin teilen sich also 25 Menschen 45 Minuten lang – die Dauer einer Unterrichtsstunde – einen Raum. Gehen wir nun davon aus, dass die Lehrkraft 10 Minuten der Unterrichtszeit braucht, um in das Thema einzuführen und Fragen zu stellen. Wenn wir weiter annehmen, dass weitere 10 Minuten dafür gebraucht werden, einen kurzen Text zu lesen und eine Grafik anzuschauen, bleiben 25 Minuten Redezeit für die 24 Schülerinnen und Schüler übrig. Halt, nicht ganz … – ein paar Minuten gehen drauf für das Austeilen von Arbeitsmaterialien, Melden und Abwarten.

Nehmen wir an, das klappt alles reibungslos, sodass es nur etwa 5 Minuten in unserer Modellstunde in Anspruch nimmt. Dann sind am Ende 20 Minuten übrig, die sich 24 Schülerinnen und Schüler teilen müssen. Weniger als 1 Minute pro Person. Diese Leistung muss die Lehrerin gerecht bewerten. Nicht so einfach, denn die Lehrkraft muss ja auch den Unterricht leiten und gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern nach Lösungen und Antworten suchen. Worauf sollte sie sich konzentrieren? Falsche Antworten oder leicht schiefe Überlegungen geraderücken? Einen klugen Impuls geben? Emre in der letzten Reihe zur Ruhe ermahnen, damit Sonja zu Ende reden kann? Oder in Gedanken eine rote Drei hinter deren Vortrag setzen?

Auch wenn nicht jede Unterrichtsstunde genau so abläuft – das Problem der Knappheit von Raum und Zeit bleibt. Die Bewertung der Mitarbeit im laufenden Unterricht soll vielerorts 60 Prozent der Zeugnisnote ausmachen. Die übrigen 40 Prozent werden aus den Noten der Klassenarbeiten dazugerechnet. In den Hauptfächern werden meist zwei Klassenarbeiten pro Halbjahr geschrieben, in den Nebenfächern sogar nur eine. In allen Fällen sind das isolierte Momentaufnahmen. Das kann der Moment sein, in dem es lief wie geschmiert. Oder der Augenblick, in dem Clara sich plötzlich nicht mehr erinnern konnte, wie die binomische Formel noch mal ging.

Bewerten können wir diese Wochen nicht – Zeugnisse gibt es trotzdem

So seltsam, wie dieses Schuljahr war, so gut wir Lehrerinnen und Lehrer die Fortschritte unserer Schützlinge begleiten konnten – bewerten können wir diese vielen Wochen des Homeschoolings nicht wirklich. Dafür sind die Bedingungen einfach zu unterschiedlich. Wie soll ich den Lernfortschritt von Ole bewerten, dessen Mutter Germanistik-Professorin ist? Und vor allem: Wie soll ich ihn vergleichen mit den Leistungen seiner Klassenkameradin Mahlia, deren Eltern kein Deutsch sprechen und die, anders als Ole, nicht mal einen Schreibtisch hat geschweige denn Ruhe zum Arbeiten?

Am Ende geben wir trotzdem Zeugnisse aus. Mit richtigen Noten drauf. So schnell passt die Politik die entsprechenden Verordnungen nicht an.

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einem Hamburger Gymnasium Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.