Kolumne

Soziales Miteinander : Die Klassengemeinschaft ist aus den Fugen geraten

Nach der verordneten Distanz während der Corona-Pandemie ist das austarierte Gebilde der Klassengemeinschaft in Auflösung begriffen. Das eingeübte soziale Ballett sei völlig aus dem Tritt geraten, schreibt die Kolumnistin Ulrike Ammermann. Wie lässt sich das Klassengefüge wieder richten? Die Lehrerin versucht es zum Beispiel mit neuen Regeln und einem Trainingsprogramm zum sozialen Leben.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann 20. Oktober 2021
Nach dem Homeschooling muss sich das soziale Gefüge in der Klasse erst wieder neu finden. Das bringt Unruhe.
©Getty Imgaes

Monatelang haben unsere Kinder keine Schule mehr von innen gesehen. Die lange Phase des Lernens und Lebens auf Distanz zur Peergroup fordert nun ihren Preis. Die überschwängliche Wiedersehensfreude der ersten Tage und Wochen des neuen Schuljahres ist abgeklungen. Die ersten Streitereien auch.

Trotzdem ist noch längst nicht alles wieder gut. Im Gegenteil. Eine Klassengemeinschaft ist ein fein austariertes Gebilde. Freund und Feind wechseln im Lauf eines Schülerlebens gelegentlich, ab der siebten Klasse kommen die ersten Liebesbeziehungen dazu – eine Art soziales Ballett, das sich überwiegend geschmeidig verändert. Bis die Pandemie all das in den Wartemodus versetzte. Währenddessen haben die Familien monatelang unter enormen Belastungen Familienleben, Schule und Arbeit unter einen Hut bringen müssen. Wenig überraschend, war das in vielen Elternhäusern eine Zerreißprobe.

Krachend fliegt der Stuhl bis fast ganz nach vorne. Jonas’ Mutter ist am Wochenende ausgezogen. Nur weiß ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und selbst wenn, ich hätte keine Zeit für die Erkenntnis. Marius schreit in gespielter Empörung laut auf, Laura und Elif lachen kreischend fast genauso laut.

Ich halte mir die Ohren zu und denke einen winzigen Moment: Wie gut, dass Avid gerade so ausdauernd schwänzt, dessen Gebrüll würde uns allen den Rest geben. An Unterricht ist gerade nicht zu denken. Egal, wie oft ich auf unsere Klassenregeln verweise – bei jeder Störung löst sich die Konzentration der Kids im Nu in nichts auf.

Die Anfangseuphorie des neuen Schuljahres jedenfalls ist verflogen. Dabei hatten sich nach den Sommerferien alle so doll auf die Zeit in der Schule gefreut.

Die Jugendlichen müssen ihren Platz in der Klasse neu aushandeln

Schule ist ein toller Ort, um miteinander zu lernen. Wir lernen besser, wenn ein echter Mensch aus Fleisch und Blut uns etwas erklärt. Wir lernen noch besser, wenn wir unser neues Wissen wiederum jemand anderem erklären können und wenn wir das neue Wissen ausprobieren. Genau dieses Miteinander macht Schülerinnen und Schülern Spaß. Sie fordern Gruppenarbeitsphasen aktiv ein. Sie wollen miteinander reden, miteinander an Problemen knobeln und auch mal streiten.

Nur haben meine Schülerinnen und Schüler in der langen Phase des Homeschoolings verdrängt, was Schule eben auch bedeutet. Etwa, dass man immer 90 Minuten lang Raum und Zeit mit 23 bis 29 Menschen teilen muss. Das bedeutet, dass man manchmal warten muss, bis man endlich auch mal was sagen darf. Und dann hat es die blöde Jasmin aus der ersten Reihe schon vorher gesagt.

Das bedeutet, dass es fast nie so richtig still ist, sodass man sich gar nicht so gut konzentrieren kann beim Lesen eines schwierigen Textes. Das will man vielleicht aber auch gar nicht, jedenfalls nicht die ganzen langen 15 Minuten. Denn viel lustiger ist es ja, ein Papierkügelchen auf Alexander zu pfeffern oder Nina per Zettel zu fragen, wie sie den blonden Jungen aus der Nachbarklasse findet.

Das bedeutet auch, dass manche Arbeitsphase schon wieder zu Ende ist, bevor die eigene Gruppe fertig geworden ist. Julia schreibt halt immer so ordentlich und so superlangsam. Und überhaupt: Wieso teilt einen diese ungerechte Lehrerin eigentlich mit Julia und Kayla in eine Gruppe ein, statt mit den besten Kumpels?!

Und leider gibt es auch mit den besten Kumpels Ärger. Der absichtlich ins Gesicht geschossene Fußball aus der großen Pause ist noch nicht vergessen. Das alles hat Reibungen zur Folge. Die Jugendlichen müssen in ihren Gruppen Freundschaften, Fehden und den eigenen Platz in der Gruppe neu aushandeln.

Was ist nun wichtiger: den Schulstoff aufholen oder wieder eine Klasse werden? Die Kids nehmen uns die Entscheidung ab.

Was ist nun wichtiger: den Schulstoff aufholen oder wieder eine Klasse werden? Die Kids nehmen uns die Entscheidung ab. Jonas, dessen Mutter vor zwei Tagen mit den kleineren Geschwistern ausgezogen ist, hat gerade andere Sorgen als binomische Formeln. Und die lässt er an seinen Klassenkameraden aus. Mehmet ist noch immer stinksauer wegen des Fouls beim Fußballspielen. Einer der Erzieher musste extra aus der Tagesbetreuung kommen, um die beiden Streithähne auseinanderzuzwingen. Ich rufe Jonas’ Vater an und schicke den Jungen nach Hause.

Trainingsprogramm zum sozialen Lernen in der Klassengemeinschaft

Es knallt an allen Ecken und Enden: Unsere Abläufe und Rituale scheinen vergessen. Gemeinsam mit der Sozialpädagogin der Klasse erarbeiten wir ein Trainingsprogramm zum sozialen Leben. Unsere Schülerinnen, Schüler und wir alle müssen wieder lernen, aufeinander achtzugeben.

Wir fangen mit einfachen Übungen zur Wahrnehmung an. Sprechverbot. Je zwei Kids stellen sich einander gegenüber und imitieren abwechselnd die Bewegung des oder der jeweils anderen. Am Anfang fällt es den meisten schwer, nicht zu reden. Mit der Zeit werden die Bewegungen, die vor- und nachgemacht werden, kleiner und subtiler. Wir alle werden ruhiger.

Was kann ich tun, wenn ich gerade ganz doll wütend werde? Wir probieren in Rollenspielen schwierige Situationen durch. Die Klassenkameradinnen und -kameraden, die im Stuhlkreis um die beiden Schauspieler herum sitzen, geben nach der kurzen Szene Tipps, wie man die Eskalation des Streits verhindern kann.

Wie kann ich um Hilfe bitten, wenn es mir gerade nicht gut geht? Gemeinsam überlegen wir Gesprächsformen, die Gesprächseröffnungen leichter machen sollen. In der Aufgabenstunde fangen die Mädchen und Jungs in kleinen Runden jedes Gespräch mit einem kleinen privaten Erlebnis an: Was war heute schön? Was war nicht so super? Meine Aufgabe dabei ist es, Gruppen zusammenzustellen, in denen sich eine positive Dynamik entwickeln kann. Seitdem unternimmt Jonas wieder öfter was mit dem stillen Timon.

Schon seit der fünften Klasse ist der Schulalltag in kleinen Ritualen strukturiert. Jetzt, nach der langen Zeit der verordneten Vereinzelung, sind die Kids aus etlichen Abläufen hinausgewachsen. Wie aus ihren alten Pullis – es passt nicht mehr. „Aber, Frau Ammermann, wir sind jetzt in der Siebten und keine Babys mehr!“ Zur gemeinsamen Begrüßung am Morgen wollen die Teenager nicht mehr aufstehen.

Wir reden lange im Klassenrat über Rituale und welche Funktionen sie erfüllen. Damit alle im Raum zur selben Zeit mit der Unterrichtsarbeit anfangen können, zähle ich jetzt immer langsam von fünf bis null. Dann sollte jeder das richtige Buch, seine Arbeitsmappe und den Collegeblock bereitliegen haben.

„Aber was, wenn es jemandem gerade nicht so gut geht?“, Smilla meint die Frage ernst. Aber natürlich kann sie auch eine prima Ausrede sein, gleich zu Stundenbeginn auf der Toilette zu verschwinden – dafür müsste man sonst ja die kostbare Pausenzeit opfern. Hinterher hält es aber alle anderen auf, denn derjenige, der später in der Unterricht kommt, muss erst rausfinden, was gerade ansteht.

Regeln setzen sich durch, wenn sie Sinn machen

Regeln setzen die meisten am besten dann um, wenn sie den Sinn einsehen. Noch besser werden Regeln nur noch umgesetzt, wenn sie selbst beschlossen wurden. Also strukturieren wir gemeinsam eine Doppelstunde: 1. Begrüßung, 2. Besprechen der Leitfrage und des Stundenthemas, 3. Klären, wie gearbeitet werden soll: allein, in Zweierteams oder in größeren Arbeitsgruppen, 4. Arbeit in verschiedenen Phasen und 5. Formulieren des Ergebnisses, 6. Ausblick auf noch anstehende Aufgaben. Erst nachdem wir Punkt 3 geklärt haben, ist ein guter Moment, sich eine frische Flasche Wasser zu holen oder mal auf Toilette zu gehen.

Die Struktur gibt auch Freiheit. Wenn ich weiß, wann ich was machen kann, ohne die Arbeit meiner Klassenkameradinnen und -kameraden zu stören, kann ich einiges selbstbestimmt entscheiden. Die meisten Siebtklässler verstehen das ganz gut. Jedenfalls sind die im Klassenrat am Ende der ersten Woche ganz zufrieden, wie die Dinge laufen. Außer, diese Regeln betreffen sie selbst. „Frau Ammermann, ich kann nichts dafür – ich hatte einen Lach-Flash!“ Elif ist ehrlich empört, dass ich sie verwarne, als sie mit ihrem lauten Lachen und Kreischen alle aus der Konzentration reißt. Ich fürchte: An der Frage, was ein Notfall ist, müssen wir noch ein bisschen arbeiten.

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einer Hamburger Stadtteilschule Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.