Kolumne

Lehramtsausbildung : „Das Praxissemester – ein ausbaufähiger Lichtblick im Studium“

Seit 2015 gibt es in Berlin das Praxissemester, bei dem etwa 2.000 Lehramtsstudierende für fünf Monate an Schulen hospitieren und unterrichten. Es ist fester Bestandteil des Master of Education und hat das Ziel, Theorie und Praxis reflektiert zu verzahnen. Hanin Ibrahim und Claudius Baumann haben ihr Praxissemester mitten in der Corona-Krise absolviert. Hier berichten sie von ihren Erfahrungen. Für das Schulportal schreiben Mitglieder der studentischen Initiative „Kreidestaub“ regelmäßig Kolumnen, in denen sie Schule aus der Sicht von Studierenden betrachten.

Hanin Ibrahim und Claudius Baumann Hanin Ibrahim und Claudius Baumann 14. April 2021 Aktualisiert am 16. April 2021
Praxissemester junge Frau an der Tafel Klassenraum
Ein Praxissemester gehört in vielen Bundesländern zum Lehramtsstudium inzwischen dazu. In der Corona-Krise wurde es zu einer Erfahrung der besonderen Art.
©Philipp von Ditfurth/dpa

Im Praxissemester sollen Lehramtsstudierende Unterricht beobachten, mit der Unterstützung ausgebildeter Mentorinnen und Mentoren Unterricht planen und durchführen und diesen mit Dozentinnen und Dozenten der Fachdidaktiken an den Universitäten reflektieren. Zusätzlich wird in einem Lernforschungsprojekt die Unterrichtsqualität beobachtet und datengestützt untersucht. So weit zum Konzept.

Wir haben beide im Wintersemester 2020/21, also mitten in der Corona-Pandemie, unser Praxissemester an zwei Berliner Schulen – einer Integrierten Sekundarschule und einem Gymnasium – absolviert und berichten hier von unseren Erfahrungen.

Überlastung programmiert

An der Freien Universität Berlin studieren wir Geschichte und Deutsch bzw. Geschichte und Philosophie/Ethik auf Lehramt. Das Praxissemester empfanden wir trotz der besonderen Situation als bereichernd und lehrreich, gleichzeitig stießen wir aber auch unabhängig von der Pandemie auf Herausforderungen.

In der Einführungsveranstaltung für den Master hieß es von einem Dozenten: „Im Praxissemester sollten Sie nicht nebenbei arbeiten.“ Es scheint also bekannt zu sein, dass die Anforderungen im Praxissemester extrem hoch sind. Wow, dachten wir uns, wie soll das denn funktionieren? Vorarbeiten, um die Miete für fünf Monate beiseitezulegen, ist im Studium kaum möglich. Während des Praxissemesters sind neben zwölf Wochenstunden in der Schule fünf universitäre Begleitveranstaltungen zu besuchen sowie vor- und nachzubereiten, die überwiegend nachmittags bis abends stattfinden. Dazu kommt die Vor- und Nachbereitung von Unterricht, was besonders zu Beginn extrem zeitaufwendig ist. Arbeiten ist da nebenbei tatsächlich kaum möglich – für die meisten Studierenden aber notwendige Realität.

Ohne Begleitung keine Professionalisierung

Vonseiten der Universität gibt es während des Praxissemesters in beiden Fächern je ein Begleitseminar. Dort werden fachdidaktische Prinzipien im Hinblick auf die konkrete Unterrichtsplanung thematisiert und Erfahrungen reflektiert. Der Fokus des erziehungswissenschaftlichen Begleitseminars liegt allein auf datengestützter Unterrichtsevaluation. So entsteht eine Leerstelle im Hinblick auf Themen wie pädagogische Beziehungsgestaltung, Classroom Management oder diskriminierungssensibles Unterrichten. Gerade diese Themen nehmen allerdings in der Erfahrungswelt von Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern häufig viel Raum ein. Ein Begleitseminar, das auf fächerübergreifende pädagogische Unterrichtsaspekte abzielt, wäre daher eine Bereicherung.

In der Schule gibt es Mentorinnen und Mentoren, die sich in der Regel eine Entlastungsstunde zur Betreuung der Studierenden anrechnen können. Leider ist dies nicht flächendeckend der Fall. Auch die Zuteilung von Mentorinnen und Mentoren für beide Fächer wird nicht überall gewährleistet. Solche strukturellen Missstände können zu Betreuungsdefiziten führen. Es darf nicht Aufgabe der Studierenden sein, eine im Konzept vorgesehene Begleitung selbstständig einfordern und organisieren zu müssen.

Hanin Ibrahim
Lehramtsstudentin Hanin Ibrahim
©privat

Meine Berufswahl wurde durch das Praxissemester noch einmal deutlich bestärkt, und ich habe durch das Praxissemester einen guten Einblick in die Berufspraxis erhalten.

Einer der schönsten Momente war am Montag nach den Herbstferien, als die 7c nach der Hofpause in den Raum stürmte, wo ich gleich Deutsch unterrichten sollte, und einzelne Schülerinnen riefen: „Juhu! Sie ist noch da!”

Lehramtsstudent Claudius Baumann
©privat

Idealerweise haben die Mentorinnen und Mentoren eine entsprechende Qualifizierung durchlaufen, kennen das Praxissemesterformat und ihre damit einhergehenden Betreuungsaufgaben, die im Leitfaden für das Praxissemester festgeschrieben sind. Dazu gehört die Einbindung in schulische Strukturen und außerunterrichtliche Aktivitäten, das Schaffen von Hospitations- und (angeleiteten) Unterrichtsgelegenheiten, die Unterstützung in der Unterrichtsvor- und -nachbereitung sowie das Anleiten von Orientierungs- und Reflexionsgesprächen.

Vielen Mentorinnen und Mentoren fehlt die Qualifizierung

Die Mentorinnen und Mentoren sind die wichtigsten Bezugspersonen der Lehramtsstudierenden im Praxissemester. Die freiwillige Qualifizierung erfolgt über ein Weiterbildungsangebot der Universitäten im Umfang von 19,5 Stunden. Wer die Betreuung von Lehramtsstudierenden ohne die Qualifizierung wahrnimmt, kann sich mithilfe des Leitfadens einen Überblick verschaffen.

Direkt zu Beginn unseres Praxissemesters mussten wir allerdings feststellen, dass die Mentoring-Qualifizierung mehr Mythos als Realität ist und dass viele Mentorinnen und Mentoren über das Praxissemesterformat nicht hinreichend unterrichtet sind. Gerade weil es um die Professionalisierung angehender Lehrkräfte geht, ist die Mentoring-Qualifizierung so wichtig“.. Lehrkräfte sollten in ihrer Funktion als Mentorinnen und Mentoren zu professionellen Beraterinnen und Beratern für die Studierenden werden und sie fachdidaktisch und pädagogisch betreuen.

Wir sind durchaus auf engagierte und hilfsbereite Kollegen und Kolleginnen getroffen, die immer ansprechbar waren und uns Hospitationen angeboten haben, die mit uns Lernmaterialien geteilt und uns durch praktische Hinweise unterstützt haben. Es wäre jedoch sinnvoll, wenn die Unterstützung der Studierenden nicht an einzelnen Personen hinge, sondern wenn sie – wie in der Konzeption vorgesehen – strukturell verankert wäre und qualifiziert ausgeübt würde.

Praxissemester verzahnt Theorie und Praxis

Spätestens seit wir das Praxissemester selbst absolviert haben, stellt es für uns eine wichtige Säule im Lehramtsstudium dar. Eine reflektierte Verzahnung von Theorie und Praxis kommt so das erste Mal im Rahmen des Studiums vor. Die Begleitung an Schule und Universität sowie die Möglichkeit, Unterricht zu planen und zu geben, ohne dass dies benotet wird, waren für uns von großem Wert. Wir durften erstmals Lerngruppen über mehrere Monate begleiten, wodurch wir im Vergleich zu Praktika, die meist von kürzerer Dauer sind, oder zu selbst organisierten Lehrgelegenheiten einen realistischeren Einblick in den Schulalltag und wertvolles Feedback bekamen.

Ohne Willkommenskultur wird der Einstieg für Studierende unnötig erschwert.

Prägend war auf der anderen Seite an einer unserer Schulen vor allem der Personalmangel, der sich in unzähligen Ausfallstunden, vollen Vertretungsplänen und einem Kollegium zeigte, das vor lauter Fluktuation keinen Wert auf die Begrüßung neuer Kolleginnen und Kollegen legte. Ohne Willkommenskultur wird der Einstieg für Studierende unnötig erschwert. Wir hatten den Eindruck, dass Lehrerinnen und Lehrer leider häufig noch immer eher als Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer unterwegs sind, anstatt ihr Kollegium als Ressource und Unterstützung zu begreifen.

Die Corona-Pandemie hat für zusätzliche Probleme gesorgt

Deutlich verschärft wurden die Probleme für unseren Durchgang durch die Ausnahmesituation aufgrund der Corona-Pandemie. Unser Praxissemester war in besonderer Weise geprägt von Unsicherheiten, Störungen und ständigen Planänderungen.

Zwar begann das Praktikum regulär Anfang September, der Seminarbeginn an der Uni wurde pandemiebedingt jedoch auf November verschoben – gleichzeitig hatten wir den Druck, so früh wie möglich unsere Unterrichtsbesuche, Beobachtungs- und Evaluationsaufgaben zu schaffen. In den Seminaren und auch in der Schule hieß es immer wieder:Bitte legen Sie sich die Termine für die Unterrichtsbesuche möglichst direkt in den September oder Oktober. Wer weiß, ob die Schulen bis Januar geöffnet bleiben.“

Durch den Lockdown war Praxissemester fünf Wochen kürzer

So kam es, dass Unterrichtsbesuche noch vor Beginn des jeweiligen Begleitseminars stattfanden, während wir erst im November erste Informationen zu unseren Evaluationsaufgaben oder für Sprachbildungsbeobachtungen erhielten. Ab Mitte Dezember blieben die Schulen dann geschlossen. So war der Präsenzbetrieb insgesamt fünf Wochen kürzer als regulär geplant. Bei einer unserer Schulen war es kein Problem, in die digitale Infrastruktur eingebunden zu werden – bei der anderen hingegen schon, sodass sich das Praktikum quasi in Luft auflöste.

All diese schwierigen Situationen und Erfahrungen boten uns insgesamt wichtige Impulse und Anregungen für individuelle Lern- und Reflexionsprozesse. Das Praxissemester stellt einen Lichtblick im Studium dar, der allerdings ausbaufähig ist – an der Umsetzung des Formats muss noch weitergearbeitet werden: Es braucht Entlastung durch finanzielle Unterstützung der Studierenden, die nebenbei arbeiten müssen. Mehr Lehrerinnen und Lehrer müssen die Mentoring-Qualifizierung durchlaufen und die ihnen für die Betreuung zustehenden Entlastungsstunden auch wirklich zugeteilt bekommen. Außerdem sollten sich einige Schulen noch stärker als Ausbildungsort verstehen. Die Corona-Pandemie stellt überdies alle Beteiligten vor besondere Herausforderungen. Wir hoffen, dass zumindest dies dem nächsten Jahrgang erspart bleibt.

Reaktionen aus dem #Twitterlehrerzimmer

Wir wollten wissen, welche Erfahrungen angehende Lehrerinnen und Lehrer bei ihren Praxiseinsätzen während des Lehramtsstudiums gemacht haben. Über Twitter haben wir gefragt, was sie verändern würden.

Zur Person

Hanin Ibrahim ist Lehramtsstudentin an der Freien Universität Berlin. Sie schrieb bis April 2021 den Newsletter der Initiative Kreidestaub und hat dort 2019 das Format „Themenstunden“ mit ins Leben gerufen. Bei dem Format bieten externe Expertinnen und Experten ein- bis zweitägige Workshops zu bildungspolitisch relevanten Themen an, die im Studium bislang fehlen.

Claudius Baumann ist Lehramtsstudent an der Freien Universität Berlin. Er engagiert sich seit Ende 2017 für den Standort Berlin-Potsdam und hat zusammen mit Anne Wilke das Projekt Beziehung entwickelt. Er engagiert sich ebenfalls in der Initiative Kreidestaub. Er ist außerdem in verschiedenen strukturgebenden  Arbeitsgruppen aktiv und Teil des Organisationsteams des Lehramtsfestivals.

Kreidestaub e. V. ist eine deutschlandweite studentische Initiative mit Sitz in Berlin. Ihr Ziel ist die Verbesserung der Lehrkräftebildung. Seit 2013 vernetzt sie junge Menschen, die den Anspruch haben, „gute Schule“ zu machen. Sie entwickelt und initiiert vor allem praktisch orientierte Projekte, durch die die Lehrkräftebildung wirkungsvoll ergänzt werden kann.