Kolumne

Quarantäne : Mit Husten und Schnupfen in die Schule? Bloß nicht!

Seit den Sommerferien waren die beiden Kinder unserer Kolumnistin Sandra Garbers immer wieder zu Hause statt in der Schule. Entweder mussten sie in Quarantäne, weil es einen Corona-Fall an der Schule gab. Oder sie hatten ein bisschen Husten oder leichtes Halskratzen und blieben zu Hause, „um nicht aus Versehen der Depp zu sein, der die ganze Schule lahmlegt“. Für die Familie war die Situation eine Herausforderung. Aber eigentlich hätte alles viel schlimmer kommen können …

Sandra Garbers Sandra Garbers / 22. Dezember 2020
Quarantäne Kind mit Taschentuch
Wegen eines Schnupfens die Kinder nicht zur Schule schicken? In normalen Wintern ist das für viele Eltern keine Option. Aber in diesem Winter ist alles anders.
©Imgorthand/iStock

Endlich Weihnachtsferien. Das passt bei uns dieses Jahr nicht nur wegen des Lockdowns gerade recht gut, sondern auch, weil der Siebenjährige ohnehin gerade in Quarantäne ist. Es war am Wochenende, als wieder eine der gefürchteten Mails von der Schulleitung kam: „Liebe Eltern, leider ist ein Kind in Klasse eins positiv auf das Coronavirus getestet worden …“ Kann sich noch jemand daran erinnern, wie es vorher war? Unschöne Mails aus der Schule lauteten bis vor Kurzem in etwa so: „… leider fällt morgen Religion aus …“ Oder: „… leider ist erneut ein Fall von Kopfläusen in der Klasse 2 aufgetreten. Bitte kontrollieren Sie die Köpfe Ihrer Kinder.“

Wie harmlos all das war. Doch die neuen Mails, die von einer Minute auf die andere alles auf den Kopf stellen können, kommen nun fast im Wochentakt. Und mit jeder dieser Mails rückt die Krankheit ein kleines Stück näher. Und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass es jemanden aus der Familie betrifft. Oder aus dem Freundeskreis.

Immer wieder Quarantäne, weil die Vorsicht vor die Schulpflicht gestellt wird

Meine Freundin C. haben diese sich nähernden Einschläge schon viermal erwischt. Sie belegt bei uns Eltern den ersten Platz in Sachen Quarantäne. Zweimal war es wegen der Kita des kleinen Sohnes, einmal wegen der Büronachbarin. C. ist mittlerweile so weich gekocht von ihrem Hausarrest, dass sie Sätze sagt wie: „Nur noch zwei Tage, dann kann ich endlich wieder in den Supermarkt …“ Während andernorts noch die Frauenquote in Vorständen diskutiert wird, ist man also an der Basis wieder bei den kleinen Dingen angekommen: Endlich wieder Supermarkt! Die neue Chiffre für Freiheit.

Was man von den Vätern in Quarantäne oder Isolation hört, klingt nicht weniger beunruhigend. Im Gegensatz zu den Müttern, die sich weiterhin frei in der Familie bewegen dürfen, weil sie offenbar ja irgendwie systemrelevanter sind, werden die Väter weggesperrt. Wenn genügend Platz ist, werden sie in Arbeitszimmern oder dem Au-pair-Raum im Keller untergebracht. Essen wird ihnen vor die Tür gestellt. Nur nachts, wenn der Rest der Familie in den Betten liegt, haben sie ein bisschen Auslauf und dürfen aufs Klo. Sind das die vielleicht bemitleidenswerten Personen, für die Rilke einst seinen „Panther“ schrieb? „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt …“ Nach zwei Wochen freuen sich auch diese Männer wieder richtig auf die Freiheit in der Familie. Endlich wieder die Geschirrspülmaschine ausräumen oder die streitenden Brüder trennen.

Die Moral sinkt umgekehrt proportional zur Ansteckungsrate.

Aber selbst wenn sich das Gesundheitsamt nicht meldet und eine zweiwöchige Quarantäne anordnet, bleibt man dieser Tage von Zeit zu Zeit vorsichtshalber zu Hause. Und das wird auch nach den Ferien so bleiben: Im Zweifel für den Angesteckten.

Wir haben seit den Sommerferien bereits vier- oder fünfmal die Vorsicht vor die Schulpflicht gestellt. Zwei Kinder – dreimal Fieber, einmal Bauchschmerzen, einmal schlimme Kopfschmerzen. Einer kann nichts schmecken oder riechen. Beide fragen noch nicht mal nach Keksen oder Schokolade. Also bleiben sie zu Hause. Vorsichtshalber. Um niemanden zu gefährden. Um Panik bei den anderen Eltern zu vermeiden. Um nicht aus Versehen der Depp zu sein, der die ganze Schule lahmlegt oder Großeltern gefährdet. Halskratzen? Zu Hause bleiben! Husten? Zu Hause bleiben! Erhöhte Temperatur? Zu Hause bleiben! Wegen Kleinigkeiten, bei denen man vorher noch nicht mal nachgedacht hätte, ob sie einem Schulbesuch im Wege stehen.

Mit dem November zog auch in die Familie die Schwere ein

Gleich nach den Sommerferien ging es los. Es war wie der schrecklichste aller ersten Kitawinter, die Kinder schienen durch die lange Trennung von den Schulfreunden ihre Immunität gegenüber kleinsten Infekten wieder auf null gestellt zu haben. Viren und Bakterien konnten eine Party feiern. Die Glücklichen.

Die gewisse Leichtigkeit, die man im ersten Lockdown noch verspüren konnte, wenn man denn danach suchte, fehlt dieses Mal völlig. Und selbst wenn man sich die allergrößte Mühe gibt: „Mensch ärgere Dich nicht“ mit den Kindern, gemütliches Vorlesen mit Tee und Adventskalender, Waldlauf mit Hund, Weihnachtssterne kleben, Weihnachtskekse backen – über allem hängt diese Schwere, die gemeinsam mit dem November eingezogen ist.

Die Fünftklässlerin muss nun auch im Unterricht und in den Pausen Maske tragen, der kleine Bruder nicht. Nur weil sie größer sei, heiße das doch nicht automatisch, dass sie weniger Sauerstoff brauche, rief die Zehnjährige empört. Die Moral sinkt umgekehrt proportional zur Ansteckungsrate. Bislang hatten die Kinder alles mitgemacht, alles verstanden, aber neuerdings braucht es immer längere Erklärungen, um sie zu überzeugen.

Wo ist die Aussicht auf einen Ausweg?

„Meinst du, dass ich meine Freundinnen irgendwann wieder umarmen darf?“, fragte kürzlich die Fünftklässlerin. „Ja, natürlich! Wir umarmen und küssen uns wieder. Und wir fahren auch wieder in den Urlaub, und ihr macht wieder Übernachtungspartys und Kinoabende! Das kommt alles wieder!“ Eine befreundete Kinderpsychologin hat mal gesagt: Egal, was passiert ist – Großes oder auch Kleineres –, die Kinder bräuchten immer die Aussicht auf einen Ausweg.

„Und müssen wir dann keine Maske mehr tragen?“, fragte der Zweitklässler. Ihn hat es diesmal besonders erwischt. Als Fünftklässler hat man ja schon gelernt, dass es manchmal Dinge gibt, die getan werden müssen: Vokabeln lernen, obwohl draußen die Sonne scheint. Die Projektarbeit fertigstellen, obwohl damit der Reitunterricht ausfallen muss.

Für den Zweitklässler ist die Quarantäne schwer auszuhalten

Aber ein Zweitklässler hat diese Lernkurve noch vor sich. Und deshalb habe ich dieser Tage oft einen siebenjährigen traurigen Jungen auf dem Schoß, für den zwischendurch immer mal wieder die kleine Welt zusammenbricht und alles Außergewöhnliche ausfällt: Skiurlaub, Kletterwald, Kindergeburtstage, Eisbahn und vor allem der Weihnachtsbesuch bei den Großeltern. Kurz überlege ich dann, ob ich von den Ururgroßeltern erzählen soll und von Ostpreußen und der großen Flucht im Winter, aber das spare ich mir für die Erwachsenen auf, die über Maskenpflicht jammern.

Wir sitzen lieber einfach da und malen uns aus, was wir bald alles wieder tun können. Ganz bald. Und in der Zwischenzeit rösten wir in der Pfanne gebrannte Mandeln. Die machen auch ein bisschen glücklich und schmecken viel besser als auf dem Weihnachtsmarkt. Der Glühwein auch.

Es könnte alles noch viel schlimmer sein. Immerhin gab es schon lange keinen Läusealarm mehr.

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Ihre Tochter geht in die fünfte, ihr Sohn in die zweite Klasse.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb Sandra Garbers die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie für das Schulportal aus Elternperspektive auf den Schulalltag.