Kolumne

Ausblick auf den Herbst : Normalität in Schulen bleibt eine Wunschvorstellung

Die Kultusministerien wünschen sich angesichts steigender Corona-Zahlen für die Schulen im Herbst größtmögliche Normalität. Doch auch im dritten Herbst im Zeichen von Corona ist sicher, dass die Schulen nicht ausreichend unterstützt werden. Es ist Zeit, sich grundsätzlichere Gedanken zu machen.

Bob Blume Bob Blume 05. August 2022 2 Kommentare
Kinder mit Schulranzen im Sonnenschein
Gute Aussichten für das neue Schuljahr? Wohl kaum, meint Bob Blume.
©Karl-Josef Hildenbrand/dpa

„Magisches Denken bezeichnet in der Psychologie eine Erscheinungsform des Denkens, bei der eine Person annimmt, dass ihre Gedanken, Worte oder Handlungen Einfluss auf ursächlich nicht verbundene Ereignisse nehmen“, so heißt es bei Wikipedia. Das mag vielen Lehrerinnen und Lehrern in Bezug auf den Anspruch, der vom Dienstvorgesetzten formuliert wird, und der Wirklichkeit, mit der sie konfrontiert sind, bekannt vorkommen. Oder anders formuliert: Nur weil das Kultusministerium beschließt, dass im nächsten Schuljahr „größtmögliche Normalität“ herrschen soll (Beschluss der KMK vom 12.06.2022), wird nicht plötzlich „größtmögliche Normalität“ herrschen.

Das hat unterschiedliche Gründe. Ein Grund ist aber, dass wir selbst dann keine Wunschvorstellung von Normalität hätten, wenn Corona plötzlich verschwinden würde. Und damit meine ich nicht das politische Wunschdenken in diese Richtung.

Auch ohne Corona wären Schulen von Normalität weit entfernt

Der Begriff Normalität ist in Bezug auf Schule geradezu zynisch. Denn jüngst konnten wir aus der Lehrer-Umfrage Deutsches Schulbarometer erfahren, dass neun von zehn Lehrkräften stark oder sehr stark belastet sind und dass eine von zehn Lehrkräften vorhat, in Teilzeit zu gehen. Die Gründe sind verschieden und haben mit dem stetig wachsenden Anspruch zu tun, der an Schule gestellt wird. Ein Anspruch, der nicht mit Mitteln ausgeglichen wird. Es kommt also immer mehr hinzu, während genau nichts wegfällt.

Die Beispiele dafür sind vielfältig und reichen vom Inklusionsanspruch über den Anspruch, möglichst individuell zu arbeiten, dabei Hunderttausende Geflüchtete zu integrieren und, wie jüngst im bald verbindlichen Rahmen für Unterrichtsqualität in Baden-Württemberg festgelegt, dabei als Lehrkraft in der Klasse „allgegenwärtig“ zu sein. Das ist kein Scherz.

Nun wird keiner bestreiten, dass dieser Anspruch an Schule berechtigt ist. Er leitet sich aus dem Grund- und dem Schulgesetz ab, wobei man sich nach einer solchen Ableitung in der Tat fragen muss, ob das dreigliedrige Schulsystem dem standhält. Wenn wir aber stattdessen zunächst darauf schauen, welche politischen Entscheidungen dem gegenüberstehen, so kann man nur staunen. Oder irritiert sein. Oder schreien. Denn geplant ist das Gegenteil von Entlastung.

Größere Klassen und weniger Teilzeit

Anstatt ernst zu nehmen, dass die Bedingungen den Lehrkräften so zu schaffen machen, dass sie in Teilzeit gehen. Anstatt zu sehen, dass man als voll arbeitende Lehrkraft im Grunde keinen (nach den Maßstäben des Kultusministeriums) guten Unterricht mehr machen kann. Statt festzustellen, dass jetzt schon eine individuelle Betreuung, wie sie gefordert wird und wie sie im Übrigen als unterrichtliche Tiefenstruktur evidenzbasiert für gelingenden Unterricht gilt, nicht möglich ist. Anstatt also die eigenen Ansprüche ernst zu nehmen und sich zu fragen, wie man dem begegnen kann, hören wir ernsthaft, dass Teilzeitkräfte nun mehr arbeiten sollen. Dass die Klassen sich vergrößern sollen, weil die Klassengröße nichts zu gelingendem Unterricht beitragen würde.

Da wurde Bildungsforscher Hattie mal wieder bewusst falsch verstanden. Man sollte die Verantwortlichen fragen: Zu welchem Unterricht genau? Wenn alle dasselbe zur gleichen Zeit machen sollen, dann können wir uns ab jetzt als ganze Schule in der Aula treffen und Videos schauen. Dann brauchen wir nur noch zehn Lehrer pro Schule. Aber ist das die kognitive Unterstützung, ist das die Individualisierung, ist das die Allgegenwärtigkeit, von der immer die Rede ist? Wohl kaum!

Chancengleichheit bedeutet, länger zusammen lernen

In Wahrheit geht es längst nicht mehr darum. In Wahrheit sehen wir, dass Schule so, wie sie momentan gedacht wird, nicht funktioniert und nicht funktionieren kann. Wenn das Abitur als einzig verbliebenes Zertifikat gedacht ist, das etwas wert ist (was nicht so ist), und das Gymnasium damit für sozial (was im Grunde ja monetär bedeutet) benachteiligte Menschen zum äußerst schwer erreichenden Schloss für den gesellschaftlichen Aufstieg wird, dann müssen wir uns fragen, ob Anspruch und Wirklichkeit in diesem System noch in Einklang zu bringen sind. Die Antwort ist: Nein, ist sie nicht.

Wenn wir Individualisierung und Chancengleichheit wollen, dann bedeutet das, dass Kinder länger zusammen lernen können. Dann bedeutet das, dass die Klassen kleiner statt größer werden müssen. Dann bedeutet das, dass das Soziale und die Teilhabe einen viel größeren Raum einnehmen müssen. Dann bedeutet das, dass in Sozialarbeiter, Psychologen, Systemadministratoren und Lernbegleiter investiert werden muss.

Und im Grunde bedeutet das eine neue Schule. Eine Schule für alle, in der Kinder und Jugendliche sich zu einem Zeitpunkt dafür entscheiden können, ob sie wissenschaftspropädeutisch, dual oder praktisch weitermachen und so ihre Schwerpunkte stärken können. Vielleicht nach der neunten Klasse.

Eine gymnasiale Oberstufe bleibt dann bestehen (falls es nun einige Gemüter gibt, die sich beruhigen lassen müssen).

Wir fassen also zusammen, dass wir einen weiteren Herbst erleben werden, der dazu führen wird, dass Lehrerinnen und Lehrer Schulen verlassen, nicht mehr können oder in Teilzeit gehen. Und wir fassen zusammen, dass das nicht nur wegen Corona so ist, sondern weil man mit magischem Denken keine Normalität erreichen kann. Vor allem dann nicht, wenn Normalität ein Begriff ist, der sich auf eine Zeit bezieht, die längst vorbei ist.

Bildung ist die wichtigste Ressource, die wir haben. Wenn man sieht, wie sie behandelt wird, würde man nicht darauf kommen. Das wird ein Herbst!

Zur Person

  • Bob Blume ist Oberstudienrat am Windeck-Gymnasium in Bühl und unterrichtet die Fächer Englisch, Deutsch und Geschichte. Zuvor arbeitete er an einer Realschule im Schwarzwald.
  • Neben seiner Arbeit als Lehrer betreibt er einen Youtube-Kanal und einen Blog, in dem er über die Herausforderungen des Referendariats, die Chancen der Digitalisierung und politische Themen schreibt.
  • Als „Netzlehrer“ ist er auf Twitter unterwegs und betreibt auch einen Podcast mit diesem Namen. Nebenher publiziert er für Zeitungen und veröffentlicht Texte in verschiedenen Online-Magazinen – wenn er nicht mit seiner Tochter und seiner Frau das Leben in den Offenburger Weinbergen genießt.
  • Er ist Autor des Buches „Deutschunterricht digital. Vom didaktischen Rahmen zur praktischen Umsetzung.“, erschienen im Beltz-Verlag. Im Mai 2022 erschien sein Buch „10 Dinge, die ich an der Schule hasse und wie wir sie ändern können“ im Mosaik Verlag – ein Aufruf zum Handeln, um die Schulen ins 21. Jahrhundert zu führen.