Expertenstimme

Lesementoren : Wir bringen alle Kinder zum Lesen

Jeder fünfte 15-Jährige kann nicht richtig lesen. Die ehrenamtlichen Lesementorinnen und Lesementoren an Schulen wollen das ändern. In ihrem Gastbeitrag für das Schulportal beschreibt Margret Schaaf, die Vorsitzende von MENTOR – Die Leselernhelfer Bundesverband e.V, wie die Ehrenamtlichen selbst Kinder, die kaum Deutsch sprechen, zum Lesen bringen.

Margret Schaaf Margret Schaaf / 18. Dezember 2019
Mentor mit Jungen bei einem Sprachspiel
Eine Mentorin oder ein Mentor trifft mindestens ein Jahr lang einmal pro Woche ihre oder sein Lesekind in einer Eins-zu-Eins-Situation.
©Andreas Endermann

Die aktuelle PISA-Studie hat wieder gezeigt, dass viele Kinder und Jugendliche nicht ausreichend lesen können. Ihnen fehlt damit die zentrale Voraussetzung für ihren Bildungserfolg. In einem der reichsten Länder der Erde, das seine Zukunft auf der Bildung seiner Bevölkerung aufbaut und das ein einzigartiges kulturelles Erbe hat, kann jeder fünfte 15-Jährige kaum auf Grundschulniveau lesen. Sie und die jüngeren Schülerinnen und Schüler brauchen dringend Unterstützung, damit sie nicht am Schulabschluss scheitern.

Superheldencomics, Sprachmemory oder Einhornromane

Wir vom MENTOR – Die Leselernhelfer Bundesverband e.V. treffen uns jede Woche mit Kindern und Jugendlichen, die Defizite im Lesen und in der Sprache haben. Wir finden heraus, was sie interessiert, was sie können und was noch nicht. Wir lesen gemeinsam, wir lesen mit ihnen Fußballgeschichten, Superheldencomics oder Einhornromane und spielen auch mal ein Sprachmemory. Wir begeistern sie für das Lesen, weil wir auf ihre Interessen eingehen und sie ernst nehmen. Eine Mentorin oder ein Mentor trifft mindestens ein Jahr lang einmal pro Woche ihre oder sein Lesekind in einer Eins-zu-Eins-Situation. Lesekompetenz aufzubauen ist ein langwieriger Prozess, bei dem das regelmäßige Lesen auch die Sprachfähigkeit der jungen Menschen verbessert.

Wir begeistern sie für das Lesen, weil wir auf ihre Interessen eingehen und sie ernst nehmen.

Wir – das sind aktuell 12.500 ehrenamtliche Lesementorinnen und -mentoren, die bundesweit 16.500 Schülerinnen und Schüler unterstützen. Gegründet wurde MENTOR als Reaktion auf die erste PISA-Studie im Jahr 2000. Damals, als der Schock tief saß, weil deutsche Schülerinnen und Schüler so enorm schlecht waren im Lesen und in den naturwissenschaftlichen Fächern, entwickelte ein Buchhändler in Hannover diese Idee. Heute gibt es bundesweit 86 Vereine und 11 Initiativen, die die Einführung und Weiterbildung der 12.500 Lesementorinnen und -mentoren und ihre Zusammenarbeit mit den Schulen organisieren. Unsere Lesestunden finden ausschließlich in Kooperation mit den Schulen statt. Denn nur dort erreichen wir alle Kinder mit Leseproblemen.

Zeit schenken und Mut machen

Wir treffen auf Kinder, deren Lern- und Leseinteresse nicht gefördert wird, die keinen Rückzugsraum zum Lernen haben. Kinder, die uns anvertrauen, dass sie schon froh wären, wenn sie ein eigenes Bett hätten und nicht zusammen mit ihren Geschwistern in einem schlafen müssten. Kinder, die sich freuen, dass endlich mal ein Erwachsener ihnen exklusiv Zeit schenkt, sie unterstützt und an sie glaubt. Diesen Kindern und Jugendlichen bringt es nichts, wenn ihnen mit gut gemeinten Aktionen zur Leseförderung einfach Bücher geschenkt werden. Sie brauchen jemanden, der mit ihnen liest und über das Gelesene spricht. Ihre Eltern können das oft gar nicht leisten.

So ging es auch Sude, die mit 14 Jahren erst vier deutsche Worte kannte und mit 19 ihr Abitur machte. Heute ist sie sicher, dass sie das ohne die Unterstützung ihrer Lesementorin nicht geschafft hätte, weil diese ihr Verständnis für die Sprache und den Mut geweckt hat. Ohne sie hätte sie sich nicht für die Oberstufe beworben.

Die Zeit und Zuwendung, die die Lesementorinnen und -mentoren den jungen Menschen schenken, können die Lehrkräfte nicht für einzelne Schülerinnen und Schüler aufbringen. Sie sind mit einer Vielzahl von Aufgaben betraut und haben dafür keine Kapazitäten. Auch aus diesem Grund sind die Schulen für unsere Unterstützung mehr als dankbar. Unser Angebot wird begeistert angenommen.

Leseförderung an den Schulen reicht nicht aus

Wir und die anderen ehrenamtlichen Leseförderer haben schon sehr viel erreicht, aber es reicht noch lange nicht aus. Das zeigt die enorme Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die nicht richtig lesen können. Um die Ursachen zu bekämpfen, muss sich das Bildungssystem grundlegend ändern: An den Schulen sollte es frühzeitig mehr Fördermaßnahmen in Kleingruppen geben – zusätzlich zum regulären Leseunterricht.

So könnten die Lehrkräfte auf die Schülerinnen und Schüler individueller eingehen und ihnen Bücher zugänglich machen, deren Inhalte sie motivieren. Denn viele Kinder lesen nicht gern, weil sie das eine Buch, das ihre Klasse gemeinsam im Deutschunterricht liest, einfach nicht interessiert. Wir brauchen im Lehrplan sogenannte Vielleseprogramme. Dafür müssen Lehrkräfte und Zeiten eingeplant werden.

Wir brauchen im Lehrplan sogenannte Vielleseprogramme. Dafür müssen Lehrkräfte und Zeiten eingeplant werden.

Um ausreichend Grundschullehrerinnen und -lehrer einstellen zu können, brauchen wir mehr Studienplätze für die Lehrerausbildung und eine relevante Ausbildung aller Lehrkräfte. Denn die Lesekompetenz gehört nicht nur in den Deutschunterricht. Die Schülerinnen und Schüler müssen auch in Mathe und Biologie lesen und schreiben. Solch ein sprachsensibler Fachunterricht ergänzt die viel zu kurze reine Leselernzeit.

Irland steigert Lesekompetenz mit einer nationalen Strategie

Ein Land, das Leseförderung in allen Fächern implementiert hat, ist Irland. Die irischen Lehrkräfte binden jede Woche eine halbe Stunde extra Lesen in allen Fächern ein. Jede Lehrerin, jeder Lehrer soll die Sprache ihres oder seines Faches mit einbeziehen und muss das über Lehrpläne und Tests nachweisen. Geht es beispielsweise in Physik um Fotographie, wird geklärt, was „Foto“ und was „graphie“ heißt, wie es geschrieben wird, aus welcher Sprache es stammt und welche verwandten Wörter es gibt. Das ist Teil einer nationalen Strategie zur Förderung der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenz. Sie steht auf vielen Füßen, mit einem Etat von 17 Millionen Euro jährlich. Auf zehn Jahre angelegt, startete sie 2011 als Irlands Reaktion auf PISA 2009. Damals landeten die Iren auf Platz 17 unter den OECD-Ländern im Bereich Lesekompetenz. In der aktuellen PISA-Auswertung belegen sie den vierten Platz (Deutschland kommt auf Platz 15).

Auch die deutschen Schulen müssen die Motivation und Lesekompetenz durch ein systematisches Lesecurriculum in der gesamten Schulzeit bei allen Schülerinnen und Schülern sicherstellen. Doch bis entsprechende Maßnahmen dafür umgesetzt sind und bei ihnen ankommen, vergeht in der Regel viel Zeit. Für viele Kinder zu viel Zeit. Sie scheitern in der Zwischenzeit an den weiterführenden Schulen, weil sie nicht lesen können. Deshalb plädieren wir für mehr ehrenamtliche Leseförderung an den Schulen. Es gibt hier viel Potenzial, das schnell aktiviert werden kann.

Noch mehr Menschen, die das Lesen und die Bücher lieben, wären bereit, sich zu engagieren. Denn das Lesen mit Kindern spricht viele Menschen an, die sonst noch nie ehrenamtlich tätig waren, wie uns die Mentorinnen und Mentoren bestätigen. Wir Mentoren erleben immer wieder, wie erfüllend es auch für uns ist, Kinder für das Lesen zu begeistern.

Ehrenamtliche Leseförderung braucht mehr Unterstützung

Um noch mehr Menschen für die ehrenamtliche Leseförderung schnell zu aktivieren, brauchen wir weitere Unterstützung durch die Politik, Verwaltung und Wirtschaft.

Die Politik kann die Bildungseinrichtungen über Möglichkeiten der ehrenamtlichen Leseförderung informieren. Ihr Ziel sollte dabei sein, diese Förderung als festen Bestandteil in den Schulalltag zu integrieren. Die Politik kann außerdem noch mehr Menschen motivieren, sich für die Schülerinnen und Schüler zu engagieren, indem sie unser Ehrenamt noch stärker anerkennt und dazu aufruft.

Die Verwaltung kann aktiv werden, um die Integration der ehrenamtlichen Leseförderung in den Schulen zu unterstützen, denn es gibt eine ganze Reihe organisatorischer Aspekte zu bewältigen. Die Wirtschaft, der gut ausgebildete junge Menschen letztendlich zu Gute kommen, sollte finanziell fördern. Auch Ehrenamtler brauchen Budgets für ihre Materialien und vor allem für ihre Qualifizierung. In Einführungsseminaren und regelmäßigen Weiterbildungen sollten sie auf ihre verantwortungsvolle Aufgabe mit den Kindern und Jugendlichen gut vorbereitet werden. Dazu gehören auch Kenntnisse darüber, wie sie die Kinder befähigen, eine Lesekompetenz aufzubauen. Denn nur wer die Bedeutung der Worte erfasst, kann einen Text auch verstehen. Die Finanzierung dieser Qualifizierung gewährleistet, dass Leseförderung auf einem hohen Niveau stattfindet.

So können wir gemeinsam noch mehr jungen Menschen – zusätzlich zum Schulunterricht – Lesekompetenz vermitteln und sie unterstützen, ihre Chancen auf Bildung zu ergreifen.

Zur Person

  • Margret Schaaf ist die 1. Vorsitzende von MENTOR – Die Leselernhelfer Bundesverband e.V. Sie studierte Romanistik und Sozialwissenschaften und war lange in der Erwachsenenbildung als Dozentin für Französisch und Deutsch als Fremdsprache tätig.
  • In Hürth initiierte Margret Schaaf im seit 2006 bestehenden Verein der Lesefreunde Hürth e.V. eine MENTOR-Gruppe, die sie aufbaute und bis heute leitet.
  • Seit Juni 2013 ist Margret Schaaf Vorsitzende des Bundesverbandes. Er hatte damals 27 Mitglieder, heute sind es 86. Der Verband fördert die Kinder nach dem  Eins-zu-Eins-Prinzip und besteht seit elf Jahren. Insgesamt sind bundesweit über 12.500 Lesementorinnen und Lesementoren mit 16.500 Kindern und Jugendlichen aktiv.
  • www.mentor-bundesverband.de