Expertenstimme

Ukrainische Schüler in Deutschland : Wie wir die gute, inklusive Schule für die Einwanderungs­gesellschaft bauen

Die deutsche Schule ist im Krisenmodus – und jetzt noch die Aufnahme ukrainischer Schüler:innen? Tatsächlich bietet sich eine Chance für alle. Die Bertelsmann Stiftung und die Robert Bosch Stiftung haben im März dieses Jahres eine Initiative gestartet, um Schulen bei der Aufnahme geflüchteter ukrainischer Schüler:innen und Lehrkräfte zu unterstützen. In einem Gastbeitrag entwickeln Anette Stein, Director im Programm „Bildung und Next Generation“ der Bertelsmann Stiftung, und Dirk Zorn, Leiter des Bereichs Bildung bei der Robert Bosch Stiftung, Gedanken, wie alle Schüler:innen in Deutschland von der neuen Situation profitieren könnten. Der Gastbeitrag ist zuerst im „Tagesspiegel” erschienen.

Dieser Inhalt wird im Rahmen einer gemeinsamen Initiative der Robert Bosch Stiftung und der Bertelsmann Stiftung bereitgestellt. >> Mehr erfahren

Unterrichtssituation
Willkommen in der Schule - doch oft waren Kollegien schon vor der Aufnahme der neuen Flüchtlinge überfordert.
©dpa

Wie lange werden die nach Deutschland geflüchteten Kinder und Jugendliche aus der Ukraine bleiben? Wie lassen sich die Fehler eines integrationsfeindlichen Parallelschulsystems der 1970er Jahre vermeiden und welche Erfahrungen aus den Fluchtbewegungen von 2015/16 können wir nutzen?

Fragen wie diese dominieren derzeit die schulpolitische Debatte. Dabei verdeckt der notwendige Blick auf die akute Unterstützung für ukrainische Schüler:innen die dahinterliegende, grundsätzliche Herausforderung für das deutsche Schulsystem: Wie bauen wir in der Einwanderungsgesellschaft eine krisenfeste, gute Schule für alle Kinder?

Das deutsche Schulsystem bleibt im Krisenmodus. Die Pandemie ist noch nicht vorbei, da stehen Schulen und Lehrerschaft vor der nicht minder fordernden Aufgabe, die vor dem Krieg in ihrer Heimat flüchtenden Schüler:innen und Lehrkräfte aus der Ukraine aufzunehmen. Möglichst schnell, unbürokratisch und zielgerichtet soll die Unterstützung für all jene erfolgen, die inzwischen fast täglich in deutschen Klassenzimmern ankommen.

Die Maßnahmen, die jetzt im Hinblick auf eine rasche Integration für ukrainische Schüler:innen erwogen werden, sind wichtig und richtig. Sie sollten perspektivisch aber allen zugutekommen. So könnten wir eine gute, inklusive und krisenfeste Schule für das Einwanderungsland Deutschland bauen. Das lässt sich an drei Aspekten zeigen.

Traumatisierte Kinder begleiten

Erstens: Schulen benötigen mehr psychosoziale Unterstützungsangebote, um die oft traumatisierten ukrainischen Kinder und Jugendlichen gut zu begleiten. Zumal Traumatisierungen weiter zunehmen dürften, je länger der Krieg in der Ukraine andauert. Allerdings sind Maßnahmen zur psychosozialen Unterstützung nicht ausschließlich für Geflüchtete vonnöten.

Zuletzt stieg als Folge der Corona-Pandemie die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit psychosozialen Belastungen; die Wartezeiten auf einen Therapieplatz haben sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt. Prüfungsdruck, soziale Bindungsängste, Verhaltensaufälligkeiten und Konzentrationsprobleme, Mobbing und Traumatisierung: Neben professioneller Unterstützung bei Belastungen müssen wir auch deutlich mehr in Prävention investieren.

Denn von einem besseren Klima an deutschen Schulen profitieren alle Kinder, und auch die Pädagog:innen. Konkret heißt das: Es braucht neben gut ausgebildeten Lehrkräften auch zusätzliche Personen an Schulen, die als Psycholog:innen, Therapeut:innen oder Sozialarbeiter:innen ein offenes Ohr, einen achtsamen Blick und vor allem Zeit für die Probleme junger Menschen haben.

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Mehr Vielfalt im Lehrerzimmer

Der zweite Punkt betrifft die Vielfalt im Lehrerzimmer. Zwar liegt der politische Fokus 2022, anders als noch 2015, sehr viel stärker auf dem Potenzial, das geflüchtete ukrainische Pädagog:innen mitbringen.

Doch so erfreulich die Bereitschaft der Kultusbehörden ist, flexibel und unkompliziert Beschäftigungsmöglichkeiten für ukrainische Lehrkräfte an Schulen hierzulande zu schaffen: Wo ist die breite Debatte darüber, dass nicht nur ukrainische Kinder etwas von Lehrkräften haben, die ihre Sprache sprechen und ihre Kultur verstehen?

Die Lehrerzimmer an deutschen Schulen sind seit jeher viel zu weiß, zu bürgerlich (und zumindest an Grundschulen zu weiblich) und bilden die Vielfalt unserer Gesellschaft nicht mal ansatzweise ab. Von flexibleren Zugangswegen ins deutsche Lehramt für Lehrkräfte, die ihren Abschluss im Ausland erworben haben oder als Quereinsteiger:innen in den Beruf finden, sollten alle profitieren können. Insbesondere die Schüler:innen, die bisher vergeblich nach einem Rollenvorbild Ausschau gehalten haben und von denen eine Assimilation an die Leistungskultur der weißen Mittelschicht gefordert wurde.

Und schließlich: Der Einbezug ukrainischer Lehrpläne und Bildungsangebote, ob digital oder vor Ort in den deutschen Schulen, ist zumindest für eine Übergangsphase zu begrüßen. So können sich die ukrainischen Schüler:innen auch in Deutschland ihrer kulturellen Identität vergewissern und, falls gewünscht, ihren ukrainischen Schulabschluss erreichen.

Unterricht auch in der Herkunftssprache

Aber auch hier gilt es, den Ansatz weiter zu denken. Denn an deutschen Schulen ist herkunftssprachlicher Unterricht bisher randständig. In aller Regel findet er nachmittags statt und ist für den Schulerfolg der Kinder kaum relevant. Es wäre jedoch sinnvoll, Konzepte dafür zu entwickeln, wie kulturelle und lebensweltliche Bezüge aus Herkunftsländern besser in den regulären Unterricht integriert und wie Herkunftssprachen prüfungsrelevant werden können.

Die aktuelle Debatte über die Integration ukrainischer Schüler:innen und Lehrkräfte bietet eine große Chance – sowohl für andere Gruppen mit Fluchtgeschichte als auch für Schüler:innen und Lehrkräfte, die in Deutschland sozialisiert wurden. Denn eine Verallgemeinerung der bislang initiierten Ansätze würde zu einer kulturellen Öffnung führen, mit belebender Wirkung für das deutsche Schulsystem.

Eine Wertschätzung unterschiedlicher kultureller und sprachlicher Hintergründe, divers besetzte Lehrerkollegien, ein stärkeres psychosoziales Unterstützungssystem: All das kann dazu beitragen, die Institution Schule zu einem Ort zu machen, an dem sich alle Kinder und Jugendliche, egal welchen Geschlechts, welcher sozialen oder kulturellen Herkunft, ob mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder ohne, gerne aufhalten und erfolgreich sein können.

Die gute, inklusive Schule in der Einwanderungsgesellschaft setzt deshalb auf Wohlbefinden und Zugehörigkeitsgefühl. Sie sind das Bindeglied in einem Bildungssystem, das Chancengerechtigkeit und Leistungsstärke vereint.