Expertenstimme

Studie : Wie individuelles und soziales Lernen zusammengehen

Individualisierung des Lernens ist angesichts der heterogenen Klassen das Gebot der Stunde. Da sind sich die Expert:innen einig. Doch wie kann verhindert werden, dass bei all der Individualisierung das gemeinsame, soziale Lernen auf der Strecke bleibt? Die Studie „Adaptivität und Unterrichtsqualität im individualisierten Unterricht“ (Ada*Q) hat sich an Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises angeschaut, wie Individualisierung und Gemeinschaft zusammengehen können. Dabei haben die untersuchten Grundschulen unterschiedliche Wege gefunden. Erste Ergebnisse hat Bildungsforscher Simon Ohl von der Universität Potsdam für das Schulportal zusammengefasst.

Simon Ohl Simon Ohl 21. Juni 2022 Aktualisiert am 19. September 2022
Kinder ziehen gemeinsam an einem Seil
Wie können Schüler:innen individuell gefördert werden und gleichzeitig Teil einer Gemeinschaft sein?
©iStock

In Diskussionen um den „richtigen“ Umgang mit Heterogenität im Unterricht finden sich häufig zwei unterschiedliche Argumentationsstränge: Der erste setzt beim Individuum an und fordert optimale individuelle Förderung aller Schüler:innen, die durch eine Individualisierung des Unterrichts erreicht werden kann. Der zweite hat in erster Linie das Lernen in der Gemeinschaft im Blick, wobei die Heterogenität der Schüler:innen als besondere Lerngelegenheit zum Aufbau sozialer Kompetenzen betrachtet wird. „Individuum und Gemeinschaft“ werden dabei oft als Gegensatzpaar beschrieben, was zu einem Denken im Entweder-oder einlädt. Doch handelt es sich hierbei wirklich um zwei gegensätzliche Herangehensweisen?

In ihrem Beitrag „Wie viel Individualisierung und wie viel Gemeinschaft braucht das Lernen?“ beschreibt Marie-Louise Spitta eindrücklich zwei prototypische Beispiele beider Herangehensweisen. Im ersten Beispiel steht eine Schule im Vordergrund, die auf individuelle Lernprozesse fokussiert, was dazu führt, dass soziales Lernen in der Gruppe vernachlässigt wird. Im zweiten Beispiel wird eine Schule vorgestellt, bei der das gemeinschaftliche Lernen Priorität hat, mit der Folge, dass die stärksten und die schwächsten Schüler:innen nicht optimal gefördert werden. Um zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen lösen zu können, werden jedoch sowohl individuelle Fähigkeiten als auch gemeinschaftliches Handeln benötigt, so die Autorin. Daher empfiehlt sie Schulen, voneinander zu lernen, wie individuelles und soziales Lernen miteinander verbunden werden kann.

Wie können also Schüler:innen individuell gefördert werden und gleichzeitig Teil einer Gemeinschaft sein? Im Ada*Q-Projekt sind wir unter anderem dieser Frage nachgegangen. Dazu haben wir Grundschulen besucht, die den deutschen Schulpreis gewonnen haben und sich durch innovative Unterrichtskonzepte auszeichnen. Im Folgenden stellen wir erste Ergebnisse vor, die auf einer schriftlichen Befragung der Schüler:innen sowie Interviews mit den Lehrkräften beruhen.

Heterogenität der Lerngruppe wird aktiv thematisiert

Gemeinsam war den von uns besuchten Grundschulen eine grundlegende Sensibilität gegenüber heterogenen Lernvoraussetzungen. In allen Lerngruppen wurde Heterogenität aktiv thematisiert und den Schüler:innen vermittelt, dass alle Menschen unterschiedlich sind und jeder Mensch eigene Stärken und Schwächen hat. Und Unterschiede gab es zahlreiche: Denn wie in Grundschulen üblich, kamen auch in den Lerngruppen der Preisträgerschulen Schüler:innen auf unterschiedlichen Entwicklungsständen zusammen. In fast allen Lerngruppen wurden außerdem Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf inklusiv unterrichtet. Teilweise wurde die Heterogenität sogar zusätzlich erhöht, indem mehrere Jahrgangsstufen gemeinsam unterrichtet wurden.

Teilweise wurde die Heterogenität sogar zusätzlich erhöht, indem mehrere Jahrgangsstufen gemeinsam unterrichtet wurden.

Bezüglich der Unterrichtsgestaltung stellten wir fest, dass die von uns besuchten Lerngruppen sehr unterschiedliche Ansätze verfolgten, um den Unterricht zu individualisieren. Von Lernteppichen über Lerntagebücher bis hin zu Projektlernen, Team Teaching, flexiblen Gruppierungen und vielem mehr konnten wir die verschiedensten Unterrichtskonzepte und -methoden beobachten. Häufig ging die Individualisierung mit einer Öffnung des Unterrichts einher, was konkret bedeutete, dass die Schüler:innen zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Aufgaben und Fächern arbeiteten, in verschiedenen Sozialformen zusammenkamen oder sich auf mehrere Räume verteilten. Die Lerngruppen variierten dabei stark in dem „Ausmaß der Individualisierung“, also in welchem Maße das Unterrichtsangebot ausdifferenziert und individuell angepasst wurde, wie viel Autonomie die Schüler:innen in ihrem Lernprozess hatten und welche Rolle selbstreguliertes Lernen dabei spielte.

Kein Zusammenhang zwischen Ausmaß der Individualisierung und Gemeinschaftsgefühl

Um zu untersuchen, ob diese Individualisierung des Unterrichts tatsächlich mit einem niedrigeren Gemeinschaftsgefühl einhergeht, legten wir den Schüler:innen einen Fragebogen vor. Darin fragten wir unter anderem, ob sie sich gegenseitig unterstützen, ob sie sich miteinander verbunden fühlen und ob sie immer füreinander da sind (z. B. Frage: „Bei uns im Unterricht sind wir immer füreinander da.“ Antwortmöglichkeiten: „stimmt gar nicht“, „stimmt eher nicht“, „stimmt eher“ oder „stimmt genau“). Außerdem gingen wir davon aus, dass die Wertschätzung von Vielfalt wichtig für das Gemeinschaftsgefühl ist: Denn nur wenn alle Schüler:innen akzeptiert und geschätzt werden, können sie auch als Teil der Gemeinschaft verstanden werden. Wir fragten daher auch, ob in der Lerngruppe eine positive Einstellung gegenüber Vielfalt vorherrscht (z. B. Frage: „Bei uns im Unterricht akzeptieren wir jedes Kind so, wie es ist.“ Antwortmöglichkeiten: „stimmt gar nicht“, „stimmt eher nicht“, „stimmt eher“ oder „stimmt genau“). Wie erwartet hingen beide Aspekte eng miteinander zusammen: Lerngruppen, die positiver gegenüber Vielfalt eingestellt waren, hielten demnach auch stärker zusammen. Wir betrachteten die Wertschätzung von Vielfalt fortan als einen essenziellen Teil des Gemeinschaftsgefühls in heterogenen Lerngruppen.

Interessanterweise fanden wir keinen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Individualisierung und der Ausprägung des Gemeinschaftsgefühls. Entgegen der Befürchtung, dass die Individualisierung des Unterrichts zu Vereinzelung und wenig sozialem Austausch führt, nahmen die Schüler:innen die Lerngruppe auch in einem stark individualisierten Unterricht nicht weniger als eine Gemeinschaft wahr. Wir deuteten dies als ersten Hinweis darauf, dass das Erleben von Gemeinschaft auch in einem individualisierten Unterricht durchaus möglich ist und „Individuum und Gemeinschaft“ hier nicht als Gegensatzpaar zu sehen ist.

Um besser zu verstehen, was genau im Unterricht dieser Schulen passiert, haben wir die Lehrkräfte in einem Interview gefragt, welchen Stellenwert die Gemeinschaft in ihrem Unterricht hat, wie das mit der Individualisierung des Unterrichts zusammenpasst und welche Rolle die Heterogenität der Schüler:innen dabei spielt. Dabei zeigte sich: Alle Lehrkräfte waren sich darüber einig, dass die Gemeinschaft in ihrem Unterricht eine wichtige Bedeutung hat.

Helfersysteme und Gruppenarbeitsphasen sind zentrale Elemente des Unterrichts

Für die meisten Lehrkräfte war das gegenseitige Lernen – sowohl fachlich als auch sozial – ein zentrales Element ihres Unterrichts. So nutzten die Lehrkräfte die heterogenen Fähigkeiten und Wissensstände ihrer Schüler:innen, indem sie diese sich gegenseitig unterstützen ließen. Dabei regelten Helfersystemen während individualisierter Selbstlernphasen, an welche Schüler:innen man sich bei Fragen wenden soll oder wie Hilfe eingefordert werden kann. Durch gegenseitige lernbezogene Unterstützung lernten die Schüler:innen so nicht nur die Inhalte, sondern auch Hilfestellungen zu geben und zu suchen.

In Gruppen- und Partnerarbeitsphasen achteten die Lehrkräfte darauf, die Schüler:innen immer in wechselnden Konstellationen zusammenarbeiten zu lassen, damit das gemeinsame Lernen unabhängig von Freundschaften und Sympathien stattfindet. So würden die Schüler:innen lernen, sich auf unterschiedliche Menschen einzulassen und gemeinsame Lösungen für Probleme zu finden. Auch in Gruppenarbeiten war es den Lehrkräften wichtig, für alle eine Möglichkeit der Mitarbeit zu finden, die von den anderen anerkannt und wertgeschätzt wurde. Für die Schüler:innen wurde diese Art der Zusammenarbeit zur Selbstverständlichkeit, sodass sie auch selbst darauf achteten, alle miteinzubeziehen.

Individuellen Lernfortschritt in der Gruppe sichtbar machen

Wichtig war den Lehrkräften dabei immer, den individuellen Lernfortschritt einzelner Schüler:innen zu würdigen und in der Lerngruppe sichtbar zu machen. So waren Präsentationen oder Berichte über das Gelernte mit anschließendem Feedback durch die Mitschüler:innen in den meisten Lerngruppen ein fester Bestandteil des Unterrichts. Dabei wurde darauf geachtet, produktives und wohlwollendes Feedback zu geben, um einen sicheren Raum zu schaffen. Vergleiche wurden nie zwischen den Schüler:innen, sondern immer nur in Bezug auf die eigene Entwicklung gezogen. Grundsätzlich wurden Stärken und Schwächen jeder Art als Bereicherung und Lerngelegenheit für die Gruppe herausgestellt.

Grundsätzlich wurden Stärken und Schwächen jeder Art als Bereicherung und Lerngelegenheit für die Gruppe herausgestellt.

Phasen des individuellen Lernens gingen mit gemeinsamen Lernphasen Hand in Hand und bezogen sich stets aufeinander. Das Individuum und die Gemeinschaft wurden von den Lehrkräften demnach nicht gegenübergestellt, sondern in produktiver Weise aufeinander bezogen. Individuelles Lernen wurde gleichermaßen durch die Gemeinschaft unterstützt, wie auch die Gemeinschaft von individuellen Beiträgen profitierte. Indem beides zusammengedacht wird, können die Schüler:innen sich selbst und die anderen in der Gemeinschaft besser kennenlernen, wie eine Lehrkraft beschreibt:

„Also, es gibt ja Befürchtungen, dass, wenn man so individualisiert arbeitet, dass man das Drumherum nicht mehr lernt und dass man einfach nur ein ‚Ich denke nur an mich‘ hat, aber das finde ich überhaupt nicht, […] weil man sich so auch mit sich selbst, aber dadurch auch mit den anderen auseinandersetzt, ne? Wie denken wir, wie leben wir, wie sind wir eigentlich.“

Unsere Haupterkenntnis aus der Studie ist, dass Individualisierung und Gemeinschaft im Unterricht sich nicht ausschließen müssen, sondern es inspirierende Beispiele gibt, wie beides miteinander in Verbindung gebracht werden kann. Eine Gemeinsamkeit in allen von uns besuchten Lerngruppen lag darin, Individualität wertzuschätzen und hervorzuheben, dabei aber keine Hierarchien von Wertigkeiten zu erzeugen. Die gegenseitige Anerkennung der individuellen Unterschiede diente vielmehr als Grundlage einer Gemeinschaft, deren gemeinsames Ziel das Lernen war – sowohl gemeinschaftlich als auch individuell.

Auf einen Blick

Das Projekt „Adaptivität und Unterrichtsqualität im individualisierten Unterricht“ (Ada*Q)

  • Projektleitung: Jasmin Decristan, Hanna Dumont & Benjamin Fauth
  • Mitarbeiter:innen: Nora Fröhlich, Ann-Kathrin Jaeckel, Simon Ohl & Enkeleta Shtërbani
  • Beteiligte Institutionen und Standorte: Bergische Universität Wuppertal, Universität Tübingen, Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW) Stuttgart, Universität Potsdam, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation Berlin
  • Projektlaufzeit: 04/2018 – 01/2022

Kurzbeschreibung:

Das Projekt „Adaptivität und Unterrichtsqualität im individualisierten Unterricht“ (Ada*Q), das im Rahmen des Programms „Wie geht gute Schule? – Forschen für die Praxis“ der Robert Bosch Stiftung angesiedelt ist, untersucht, wie individualisierter Unterricht in der Grundschule an den Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises umgesetzt und gestaltet wird. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Grad der Adaptivität des Unterrichts sowie auf Unterrichtsqualitätsmerkmalen. Übergeordnetes Ziel ist es, gemeinsam mit den Preisträgerschulen wissenschaftliche Erkenntnisse und praxisrelevantes Wissen zum produktiven Umgang mit Heterogenität im Unterricht zu generieren. Zurzeit arbeitet das Projektteam an der Auswertung der Daten und an ersten Publikationen zu Fragestellungen des Projekts.

Zur Person

Simon Ohl hat Bildungs- und Erziehungswissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen (BA) und der Freien Universität Berlin (MA) studiert. Er promoviert im Projekt Ada*Q (Adaptivität und Unterrichtsqualität im individualisierten Unterricht), zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und  jetzt an der Universität Potsdam, wo Ohl für den Forschungsverbund „Schule macht stark – SchuMaS“ tätig ist.