Expertenstimme

Flexible Oberstufe : Wie eine Online High School das Bildungsangebot erweitert

Die University of California (UC) hält schon seit Jahren ein Angebot an Online-Kursen für Oberstufenschülerinnen und -schüler bereit, um sie optimal auf das Studium vorzubereiten. An der Online High School UC Scout können Schülerinnen und Schüler der staatlichen Schulen kostenlos Kurse der Stufen 9 bis 12 buchen, die an ihren Schulen nicht angeboten werden oder in denen sie Lücken haben. Auch Lehrkräfte greifen auf die Online-Kurse zurück, um sie zum Beispiel während der Pandemie für den Distanzunterricht zu nutzen. Solche Angebote des Fernlernens könnten auch in Deutschland das Lernen flexibler gestalten und für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen, meinen die Bildungsforscherinnen Anne Sliwka und Lena Kleber.

Anne Sliwka und Lena Kleber Anne Sliwka und Lena Kleber 19. März 2021 Aktualisiert am 22. März 2021
Die Schülerinnen und Schüler können die Online-Kurse bearbeiten, wann immer es in ihren Tagesablauf passt.
©Jay Laprete/AP/dpa

Schulen in Deutschland versuchen sich seit Beginn der Corona-Pandemie an Distanzunterricht und Online-Lernen – mit mehr oder weniger Erfolg. Neben der mangelnden technischen Ausstattung fehlt es oft an professioneller Software und an didaktischem Know-how in der Gestaltung digitaler Lernumgebungen. International betrachtet sind nicht alle Schulsysteme so schlecht aufgestellt in die Situation gekommen, Unterricht in kürzester Zeit auf den Digitalbetrieb umstellen zu müssen. Seit der Jahrtausendwende sehen wir im internationalen Vergleich viele Schulsysteme, die die Digitalisierung gezielt nutzen, um Bildungsprozesse – gerade auch bei benachteiligten und schlecht erreichbaren Zielgruppen – auf professionelle Weise zu fördern.

Passgenaue Bildungsangebote für Jugendliche in unterschiedlichen Lebenslagen

Im Folgenden erläutern wir am Beispiel von UC Scout, der Online High School des US-amerikanischen Bundesstaates Kalifornien, wie Distanzunterricht auf kostengünstige Weise realisiert werden kann, um passgenaue Bildungsangebote für Schülerinnen und Schüler in ganz unterschiedlichen Lebenslagen zu machen. Nicht nur in technischer und mediendidaktischer Hinsicht, auch vor dem Hintergrund des Ziels von mehr Bildungsgerechtigkeit können sich Bildungsverantwortliche in den deutschen Bundesländern von UC Scout inspirieren lassen.

„Scout“ – Pfadfinder – nennt der US-amerikanische Bundesstaat Kalifornien seine zusammen mit der University of California (UC) entwickelte Online-Schule. Das Programm wurde 1999, damals noch als UC College Prep, ins Leben gerufen und ist seit 2012 unter dem aktuellen Namen und Format bekannt. Bei UC Scout werden High-School-Kurse angeboten, die den Aufnahmevoraussetzungen der staatlichen University of California sowie der California State University (CSU) entsprechen und auf Basis des kalifornischen Bildungsplans entwickelt wurden. Demnach erfüllen alle Kurse die Anforderungen, die vom Staat Kalifornien an kalifornische Schulen gestellt werden.

In allen Kursen können auch Prüfungen abgelegt werden, die für den High-School-Abschluss anerkannt werden.

UC Scout ist keine „klassische“ High School und möchte die Schulen Kaliforniens auch nicht ersetzen, sondern das bereits vorhandene Bildungsangebot durch Online-Kurse gezielt ergänzen. Derzeit gibt es insgesamt 65 Kurse in den Bereichen Geschichte/Sozialkunde, Englisch, Mathematik, Naturwissenschaften, Fremdsprachen, Bildende Kunst und Musik. Zusätzliche Kurse in Fächern wie Jura, Wirtschaft, Umweltwissenschaften oder Psychologie bieten einen ersten wissenschaftsnahen Einblick in diese Bereiche und dienen dadurch der Berufs- und Studienwahlorientierung. Insgesamt 26 Kurse werden auf dem erweiterten Oberstufenniveau angeboten, dem sogenannten ,„Advanced Placement“ (AP). Diese Kurse, die sich an besonders leistungsfreudige und begabte Lernende richten, haben ein durchgängig hohes Niveau und sind hervorragend zum Enrichment (Erweiterung des Curriculums) und zur Akzeleration (beschleunigtes Durchlaufen des Bildungsplans) geeignet.

In allen Kursen können auch Prüfungen abgelegt werden, die für den High-School-Abschluss anerkannt werden. Die AP-Kurse sind vom „College Board“ der USA zertifiziert und werden an der Universität im ersten Semester als Credits anerkannt.

Der Zugang zu UC Scout ist für Schülerinnen und Schüler im kalifornischen Schulsystem bewusst sehr niedrigschwellig und demokratisch. Da eines der zentralen Ziele von UC Scout die Überwindung der Bildungsungerechtigkeit rund um den Hochschulzugang ist, gibt es keinen formalen Bewerbungsprozess. Schülerinnen und Schüler können sich relativ flexibel in bestimmten Zeitkorridoren im Schuljahr oder auch für den Sommer für einen Kurs einschreiben und mit dem Lernen beginnen. Auch Lehrkräfte in Kalifornien haben kostenfrei Zugang zu den Videos und Aufgaben der Kurse und können diese in ihrem eigenen Unterricht nutzen oder über die Lernplattform ihren Schülerinnen und Schülern digital zugänglich machen.

Die Lernenden arbeiten selbstständig und erhalten formative Rückmeldung durch Tutorinnen und Tutoren

Das Programm wird vom Staat Kalifornien aus Steuermitteln finanziell gefördert, sodass kalifornische Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte öffentlicher Schulen völlig kostenlos am Angebot teilnehmen. Lehrkräfte und Lernende an kalifornischen Privatschulen sowie an Schulen außerhalb von Kalifornien zahlen eine geringe Gebühr für die Kurse.

Interessierte können zwischen drei Paketen wählen: Basic, Plus und On Demand. Basic und Plus sind komplett kostenfrei und werden vor allem von Schülerinnen und Schülern an kalifornischen Schulen und deren Lehrkräften genutzt. Die Lernenden arbeiten im Lernmanagementsystem „Canvas“ (auch als App verfügbar) selbstständig in den Kursen, die sich aus hochwertigen Videos und kompetenzorientierten Aufgaben zusammensetzen, und erhalten Feedback von Lehrkräften an ihrer jeweiligen Schule, die sich in das System einloggen. Lehrkräfte nutzen die Materialien wie Videovorlesungen, kompetenzorientierte Aufgaben und Tests auch für ihren Unterricht an der Schule oder um den Leistungsfortschritt der Lernenden digital zu überprüfen. Die in den Kursen angebotenen digitalen Formate werden von UC Scout aufwendig produziert und den Lehrkräften des Schulsystems zur Nutzung überlassen.

Für die On-Demand-Variante, die typischerweise von Schülerinnen und Schülern außerhalb des kalifornischen Systems gebucht wird, fällt eine Gebühr an. Damit finanziert UC Scout eigene Lehrkräfte, die UC-Scout-Tutorinnen und -Tutoren, die die Kurse leiten und Feedback zu den Aufgaben geben. In den Kursen bearbeiten die Schülerinnen und Schüler auch Prüfungsaufgaben, die dann mit Punkten versehen und für die Course Credits erworben werden. Diese Kurse, die ein oder zwei Semester dauern, werden online über ein Scouts Learning Management System (LMS) für die Teilnehmenden angeboten und mit von anderen Schulen und Hochschulen anerkannten Prüfungen und Zertifikaten abgeschlossen.

Auch Lernlücken werden durch die Kurse geschlossen

UC Scout wurde mit dem Ziel gegründet, dass alle der knapp zwei Millionen kalifornischen Oberstufenschülerinnen und -schüler die Möglichkeit haben, hochwertige Kurse zur Vorbereitung auf die Universität besuchen zu können. Die Teilnehmerzahlen an den Kursen steigt stetig, die Schülerinnen und Schüler entscheiden sich aus mehreren Gründen für UC Scout: Zum Beispiel, weil die entsprechenden Kurse nicht an ihrer eigenen High School angeboten werden oder weil es zu Stundenplankollisionen kommt, wenn sie alle Kurse an ihrer High School belegen, die sie interessieren. Darüber hinaus werden die Kurse von UC Scout häufig zum Schließen von Lücken sowie zum Erwerb von wichtigen Kursen für die College- oder Unibewerbung genutzt. Während der Corona-Pandemie nehmen die Schülerinnen und Schüler besonders viele Kurse wahr: Freizeit- und Sportaktivitäten fallen weg, sodass sie die zusätzliche Zeit zum Verfolgen ihrer akademischen Interessen nutzen können.

Für die Schülerinnen und Schüler bietet UC Scout zudem den Vorteil, dass sie die Kurse bearbeiten können, wann immer es in ihren Tagesablauf passt.

Vorteile bietet UC Scout zur Genüge. Die Schulen verwenden die Materialien sowie die Plattform von UC Scout, um spezielle Zusatzangebote (zum Beispiel zusätzliche Fremdsprachen- oder spezielle Naturwissenschaftskurse) anzubieten, für die sie die Ressourcen nicht hätten. Besonders in der schnellen Umstellung von Präsenz- auf Distanzunterricht während der Corona-Pandemie war und ist UC Scout eine wertvolle Quelle für aufwendig produzierte Unterrichtsmaterialien. Auch werden durch das Format hochwertige Bildung und optimale Vorbereitung für die Universität für alle kalifornischen Schülerinnen und Schüler zugesichert, egal welche High School sie besuchen und wo sie wohnen. Für die Schülerinnen und Schüler bietet UC Scout zudem den Vorteil, dass sie die Kurse bearbeiten können, wann immer es in ihren Tagesablauf passt. Darüber hinaus können sie in ihrem eigenen Tempo lernen, was sowohl leistungsstarken Schülerinnen und Schülern entgegenkommt als auch denjenigen, die bestimmte Themen mehrfach wiederholen möchten, um sie zu verstehen.

Der größte Vorteil von UC Scout ist die Tatsache, dass das Programm nicht aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie entwickelt wurde, sondern schon seit längerer Zeit systematisch weiterentwickelt und ausgebaut wird. Auf Basis der bereits gesammelten Erfahrungen werden die Kurse regelmäßig aktualisiert und neue Angebote hinzugefügt. So sind unlängst auch sehr aktuelle Kurse wie „Introduction to Robotic Engineering“ oder ein Kurs zur Einführung in die Programmiersprache Java hinzugefügt worden.

Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zum Online-Unterricht werden für die Weiterentwicklung der Kurse genutzt, sodass die Kurse dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Didaktik entsprechen. Zu diesen Erkenntnissen zählt beispielsweise, wie lange ein Video maximal sein darf, damit die Lernenden konzentriert folgen, oder wie Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler optimal online erreichen können.

Auch in Kanada und in Australien gibt es ähnliche Angebote

Neben UC Scout gibt es weltweit noch weitere erprobte und vor allem staatlich zertifizierte Programme, die das schulische Bildungsprogramm erfolgreich digital erweitern. In Kanada, wo die Digitalisierung schon seit vielen Jahren für die Verbesserung der Bildung genutzt wird, hat jede Provinz ein solches Angebot. So gibt es zum Beispiel das Alberta Distance Learning Centre, das kostenlose Ressourcen für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte in dieser Provinz bereitstellt. Die Ontario eSecondary School bietet ebenfalls kostenlose Online-Kurse für kanadische Schülerinnen und Schüler an. Dieses Programm können auch internationale Schülerinnen und Schüler gegen eine Kursgebühr nutzen. Palliser Beyond Borders ist ein weiteres kanadisches Format für Distanzunterricht. Die längste Tradition hat Australien: Bereits seit 1951 gibt es in Australien die Alice Springs School of the Air, die Unterricht für Schülerinnen und Schüler – mittlerweile auf digitalem Weg – in abgeschiedene Orte Australiens bringt.

UC Scout macht deutlich, dass Online-Unterricht durchaus effektiv und erfolgreich umgesetzt werden kann, um das Bildungsangebot zu erweitern und Bildungslücken zu schließen. Die finanzielle Situation der Familien spielt dabei keine Rolle, weil alle Schülerinnen und Schüler kostenlos Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung erhalten. Auch für Deutschland – oder zumindest einzelne Bundesländer –, wäre ein solches Modell durchaus denkbar, um die Lehrkräfte zu unterstützen und entlasten sowie allen Schülerinnen und Schülern mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung ein flexibles und erweitertes Bildungsangebot zu machen.

Zur Person

  • Anne Sliwka ist Professorin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg. Sie forscht über Schul- und Schulsystementwicklung sowie Lehrerprofessionalität in international vergleichender Perspektive. Sie gehört zum wissenschaftlichen Beirat des neuen Instituts für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW), das eine datengestützte Qualitätsentwicklung im Bildungssystem des Landes unterstützen soll. Sliwka ist auch Mitglied im Programmteam der Deutschen Schulakademie und vertritt dort das Themenfeld „Neue Oberstufe“.
  • Lena Kleber nahm 2014 ihr Studium an der Ruprecht-Karls-Universität in den Fächern Englisch, Erziehungswissenschaft, Politik und Wirtschaft. 2016 absolvierte sie ein Auslandsjahr an der Middlesex University London und 2020/21 legte sie ihr Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab. Seit Januar 2021 ist sie als wissenschaftliche Hilfskraft bei Anne Sliwka am Institut für Bildungswissenschaft in der Deeper Learning Initiative tätig.