Expertenstimme

Lehren aus der Pandemie : Warum jetzt neue Konzepte für Hausaufgaben gefragt sind

Die Pandemie rückt die viel diskutierte Frage nach Sinn und Unsinn von Hausaufgaben erneut in den Fokus. Die Erfahrungen im Distanzunterricht haben gezeigt, dass häusliches Lernen nur dann zum Erfolg führt, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Bildungsexperte Werner Klein erklärt in seinem Gastbeitrag, welche Lehren sich aus dem Homeschooling auf die Hausaufgaben übertragen lassen und warum Schulen jetzt nicht zu überholten Hausaufgaben-Mustern zurückkehren sollten.

Werner Klein Werner Klein 15. November 2021
Schülerinnen und Schüler stehen vor erheblichen Herausforderungen, wenn Lernprozesse im Wesentlichen durch Hausaufgaben bewältigt werden müssen.
©Jonas Güttler/dpa

Hausaufgaben, die in der Regel zur Übung und Festigung des im Präsenzunterricht Gelernten genutzt werden, standen während der pandemiebedingten Schulschließungen plötzlich im Zentrum des Distanzunterrichts. Schülerinnen und Schüler wurden von einem Tag auf den anderen damit konfrontiert, ohne die vorgegebene feste Struktur des Präsenzunterrichts sich durch Hausaufgaben neue Lerninhalte zu erarbeiten. Die häufig diskutierten Fragen nach Sinn und Zweck von Hausaufgaben erwiesen sich damit auch als zentral bedeutsam für den Erfolg oder Misserfolg des Distanzlernens.

Schulen haben sich in vielfältiger Weise bemüht, die damit zusammenhängenden Herausforderungen zu bewältigen. Insbesondere Schulen, die mit dem Deutschen Schulpreis 2021 ausgezeichnet wurden, bieten beeindruckende Beispiele dafür, wie das gelingen konnte.

Präsenzunterricht lässt sich nicht durch Hausaufgaben ersetzen

Die aktuell vorgelegten Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers belegen dennoch, dass die Lernrückstände durch den Distanzunterricht deutlich sind und stark vom sozialen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler abhängen. Daraus lässt sich die wenig überraschende, wenngleich aus verschiedenen Gründen erfreuliche Erkenntnis ableiten, dass der Präsenzunterricht nicht durch Distanzlernen und damit überwiegend durch Hausaufgaben zu ersetzen ist.

Legt man die aus empirischen Untersuchungen abgeleiteten Dimensionen guten Unterrichts zugrunde, erscheint dies auch nicht verwunderlich. Denn Schülerinnen und Schüler stehen vor erheblichen Herausforderungen, wenn Lernprozesse im Wesentlichen durch Hausaufgaben bewältigt werden müssen:

  • Schülerinnen und Schüler müssen die von Lehrkräften gewährleistete Klassenführung mit klarer Strukturierung des Lernstoffs, eindeutigen Regeln und Ritualen, wirksamem Verhalten bei Störungen und effektiver Nutzung der Lernzeit – das heißt: das persönliche Classroom-Management – in eigener Verantwortung selbst leisten. Diese Regulationsfähigkeit müssen Schülerinnen und Schüler aber je nach Alter, Vorerfahrung und Kompetenz in einem unterschiedlichen Ausmaß überhaupt erst mal schrittweise erwerben.
  • Die konstruktive Unterstützung durch eine lernförderliche Umgebung, positive Fehlerkultur, reziprokes Feedback und wertschätzende Beziehungen wird auf die elterliche Umgebung begrenzt oder erfolgt zeitlich versetzt durch das Feedback zu den Hausaufgaben durch Lehrkräfte. Damit gewinnen die unterschiedlichen Rahmenbedingungen des Elternhauses ein entscheidendes Gewicht: Findet der Schüler, die Schülerin eine ruhige Arbeitsatmosphäre mit förderlicher elterlicher Unterstützung vor, oder müssen – bei engen Wohnverhältnissen und fehlenden Endgeräten – eventuell nebenbei die Geschwister betreut oder andere Aufgaben erledigt werden?
  • Schülerinnen und Schüler sind darauf angewiesen, dass die von den Lehrkräften gestellten Hausaufgaben zu ihrem Kompetenzstand passen und tatsächlich geeignet sind, die angestrebte kognitive Aktivierung, Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und sichtbare Lernfortschritte einzulösen. Direkte Rückfragen und unmittelbares Feedback der Lehrkräfte sind aber nicht möglich.

Nach Rückkehr in den schulischen Normalbetrieb stellen sich daher viele Lehrkräfte, aber auch Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern erneut Fragen nach dem Sinn und dem Stellenwert von Hausaufgaben, auch wenn diese nicht mehr die Lernprozesse im selben Maß dominieren wie noch während der Schulschließungen:

  • Welchen Einfluss auf den Lernerfolg haben Hausaufgaben? Können schwächere Schülerinnen und Schüler bestimmte Lerndefizite durch zusätzliche häusliche Lernzeit ausgleichen, oder verstärken Hausaufgaben noch die ohnehin bestehende große Abhängigkeit des Kompetenzerwerbs von der sozialen Herkunft?
  • Auf welche Weise können Hausaufgaben dazu beitragen, die Selbstregulation der Schülerinnen und Schüler zu verstärken? Wie können Schülerinnen und Schüler durch Hausaufgaben lernen, sich zu motivieren, zu disziplinieren, Arbeitsabläufe zu steuern und erledigte Aufgaben auf Fehler zu kontrollieren?
  • Wie können Lehrkräfte Hausaufgaben entwickeln, die den Lernmöglichkeiten und Lernbedürfnissen der Schülerinnen und Schüler möglichst adaptiv entsprechen und deren Lernmotivation fördern? Wie können Hausaufgaben sinnvoll mit dem Präsenzunterricht verbunden werden?
  • Welchen Einfluss haben die Eltern auf den Lernerfolg bei Hausaufgaben? Wie können Eltern ihre Kinder sinnvoll unterstützen und Fehler vermeiden?

Effekte von Hausaufgaben sind positiver, wenn Eltern sich nur wenig einmischen

Zur Beantwortung dieser Fragen kann eine Reihe von Forschungsergebnissen beitragen, die in den vergangenen Jahren zu verschiedenen Aspekten der Hausaufgaben vorgelegt wurden. Dabei zeigt sich, dass die Debatte über Sinn und Unsinn von Hausaufgaben ebenso kontrovers wie lang ist und auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse kein eindeutiges Bild ergeben. Erwartungen, wonach die Forschungsergebnisse eindeutig belegen würden, dass Hausaufgaben keine Lernfortschritte bewirken würden und daher abgeschafft werden sollten, bestätigen sich aber nicht.

Zusammengefasst ergibt sich folgendes Bild:

Zunächst wird deutlich, dass bei Fragen nach den Effekten von Hausaufgaben für den Lernerfolg das Zusammenwirken verschiedener Komponenten berücksichtigt werden muss. Beteiligt am Erfolg oder Misserfolg von Hausaufgaben sind die Schule insgesamt, die Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, aber auch die Eltern:

  • Aufseiten der Schülerinnen und Schüler sind vor allem der Zeitaufwand, die Anstrengungsbereitschaft, die Motivation und die zur Verfügung stehenden Lernstrategien von zentraler Bedeutung. Hier bieten die sozialen Medien viele Möglichkeiten, um Hausaufgaben zu unterlaufen; das umständliche Abschreiben im Schulbus oder in der großen Pause entfällt.
  • Die Lehrkräfte sind verantwortlich für die Qualität der gestellten Hausaufgaben, das heißt: inwieweit das Anspruchsniveau der Aufgaben eine angemessene Passung zum Kompetenzstand der Schülerinnen und Schüler gewährleistet, Freude am Lernen und Erfahrungen von Selbstwirksamkeit ermöglicht. Von Bedeutung ist auch, ob und wie Hausaufgaben von den Lehrkräften kontrolliert werden und inwieweit Hausaufgaben sinnvoll in die schulische Lernkultur integriert werden.
  • Und schließlich spielen eine wichtige Rolle auch die Erwartungen, die Interessen und das Verhalten der Eltern, die unterstützen und anregen, aber auch Druck ausüben und sanktionieren können,.

Eine 2001 veröffentlichte repräsentative Studie zu Hausaufgaben im Mathematikunterricht der 7. Klasse (Trautwein, Ulrich; Köller, Olaf; Baumert, Jürgen: „Lieber oft als viel: Hausaufgaben und die Entwicklung von Leistung und Interesse im Mathematik-Unterricht der 7. Jahrgangsstufe“, Zeitschrift für Pädagogik 47 (2001) 5, S. 703–724) kommt zu durchaus überraschenden Ergebnissen, die durch weitere Untersuchungen vertieft und ergänzt werden:

Demnach haben regelmäßige Hausaufgaben durchaus einen positiven Einfluss auf die Leistungsentwicklung; umfangreichere Hausaufgaben gehen dagegen mit weniger Lernfortschritten einher. Die Passung von Hausaufgaben zum Kompetenzstand der Schülerinnen und Schüler ist dabei wichtiger als deren Länge. Dies zeigt sich auch bei Schülerinnen und Schülern, die vergleichsweise lange an ihren Hausaufgaben sitzen, aber weniger Lernfortschritte erzielen.

Werden Schülerinnen und Schüler bei der Erledigung von Hausaufgaben durch Eltern, Geschwister oder andere Personen überwacht, zeigen sie einen geringeren Leistungsfortschritt. Langfristige Interventionen von Eltern führen eher zu fehlender Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler und behindern ihre Selbstregulation.Mischen sich die Eltern relativ wenig ein, stehen aber unterstützend zur Verfügung, hat dies eher positive Effekte.

Kontrolliert die Lehrkraft die Hausaufgaben oder gibt sie Feedback, wirkt sich das positiv auf die Interessenentwicklung der Schülerin oder des Schülers aus, weil dies als Wertschätzung ihrer Arbeit aufgefasst werden kann.

Eher überraschend, scheinen lernschwächere Kinder von umfangreicheren Hausaufgaben zu profitieren, weil dadurch die Leistungsdifferenz innerhalb einer Klasse etwas reduziert werden kann. Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass ein Verzicht auf Hausaufgaben sozial und kognitiv benachteiligten Kindern eher schadet als nutzt. Die Studie enthält auch keinen Beleg für die These, dass Kinder mit höherem sozioökonomischen Hintergrund in besonderem Maße von Hausaufgaben profitieren.

Forscher der Universität Tübingen stellten darüber hinaus fest, dass eine sorgfältige Erledigung der Hausaufgaben von einem Anstieg der generellen Gewissenhaftigkeit begleitet ist und somit einen positiven Einfluss auf die Persönlichkeitsbildung hat. (Göllner, R.; Damian, R. I.; Rose, N.; Spengler, M.; Trautwein, U.; Nagengast, B. & Roberts, B. W. (2017): „Is doing your homework associated with becoming more conscientious?“ Journal of Research in Personality, 71, S. 1–12; doi:10.1016/j.jrp.2017.08.007)

Die Qualität der Hausaufgaben ist für die Motivation entscheidend

Was folgt daraus für die Hausaufgabenpraxis an den Schulen nach Rückkehr zum Präsenzunterricht?

Die Rückkehr in den schulischen Normalbetrieb bietet Schulen eine gute Gelegenheit, um die Erfahrungen aus dem Distanzunterricht auswerten. Laut aktuellem Schulbarometer hat bisher weniger als die Hälfte der befragten Schulen (43 Prozent) entsprechende Befragungen durchgeführt. Eine wichtige Frage könnte sich darauf beziehen, welche Konsequenzen aus dem Distanzunterricht für die zukünftige Gestaltung, die Qualität und den Stellenwert von Hausaufgaben an der Schule gezogen werden sollen.

Im Fernunterricht hat sich in besonderer Weise bestätigt, was generell für Hausaufgaben gilt: Die Qualität der Hausaufgaben ist für die Motivation der Schülerinnen und Schüler, sich bei der Bearbeitung der Hausaufgaben anzustrengen und dadurch etwas zu lernen, entscheidend. Schülerinnen, die sich bei der Erledigung von Hausaufgaben überfordert fühlen oder sich langweilen, erzielen schlechtere Leistungen als Schüler, die mit Freude und Neugierde ihre Hausaufgaben bearbeiten. In die Pausenklingel hineingerufene Hausaufgaben erfüllen eher ein gewohntes Ritual und ergeben wenig Sinn. Hausaufgaben, die diesen Voraussetzungen nicht entsprechen, sollten daher besser entfallen, damit Schülerinnen und Schüler ihre Zeit nach der Schule sinnvoller nutzen können.

Unter der Voraussetzung, dass die Aufgaben möglichst passgenau, anregungsreich und motivierend sind, können Hausaufgaben einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Selbstregulation und damit die Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler zu stärken.

Das sollte einhergehen mit einer sinnvollen und für die Schülerinnen und Schüler nachvollziehbaren Einbindung von Hausaufgaben in die unterrichtlichen Lernprozesse. Das aus der eigenen Schülerbiografie bekannte fantasielose Unterrichtsskript, wonach die Stunde mit der Kontrolle der Hausaufgaben beginnt, dann im Lehrstoff weiter vorangeschritten wird, um am Ende wieder bei den neuen Hausaufgaben zu landen, nimmt jede Motivation und Lernfreude für Hausaufgaben.

Nach Pandemieerfahrungen entwickeln Schulen neue Konzepte

Einige Schulen haben aus den Erfahrungen des Distanzunterrichts bereits erste Weiterentwicklungen von Hausaufgaben vorgenommen:

Diese Schulen entwickeln ein gemeinsames Konzept für den Stellenwert, die Zielsetzung, den Zeitaufwand und die Qualität von Hausaufgaben, zusammen mit den dafür erforderlichen Regelungen. Dazu gehört das Feedback von Schülerinnen und Schülern zur Hausaufgabenpraxis, das in regelmäßigen Abständen eingeholt wird, um die Qualität und Wirksamkeit von Hausaufgaben zu überprüfen, Unter- und Überforderung zu vermeiden.

Im Sinne eines „Flipped Classroom“ bereiten Schülerinnen und Schüler Texte oder bestimmte inhaltliche Fragen als Hausaufgabe vor, die anschließend im Unterricht vertieft werden.

Zeitintervalle werden variabel auf den Umfang der Hausaufgaben bezogen, der mit höheren Jahrgängen ansteigt und zunehmend auf die Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler setzt.

Digitale Medien verändern Hausaufgaben

Die neuen Erfahrungen mit digitalen Medien werden in unterschiedlichster Weise für Hausaufgaben genutzt:

  • Hausaufgaben werden in Lernplattformen eingestellt, dort von den Schülerinnen und Schüler bearbeitet und anschließend hochgeladen. Auf diese Weise können auch Schülerinnen und Schüler, die (länger) erkrankt sind, Aufgaben erhalten und dem Lernprozess weiter folgen.
  • Lehrkräfte erhalten damit die Möglichkeit, die Hausaufgaben vor der nächsten Unterrichtsstunde zu kontrollieren und daraus bestimmte Konsequenzen für ihre Vorbereitung zu ziehen. Ein Unterrichtsinhalt kann zum Beispiel nochmals wiederholt oder vertieft, gelungene Hausaufgaben können als gute Beispiele präsentiert werden.
  • Es werden neue Formen von Hausaufgaben entwickelt, indem zum Beispiel Tondateien für Sprachaufnahmen im Fremdsprachenunterricht genutzt und hochgeladen werden.
  • Für bestimmte Übungsphasen werden geeignete digitale Programme, die adaptive Lernangebote beinhalten, für Hausaufgaben eingesetzt. Ältere Schülerinnen und Schüler erhalten dabei anspruchsvollere Aufgaben, die ein hohes Maß an Eigenständigkeit erfordern, als jüngere.

Fazit: Qualitätsvolle Hausaufgaben abzuschaffen, ohne etwas Besseres an ihre Stelle zu setzen, erscheint ebenso wenig sinnvoll, wie wirkungslose Hausaufgaben als leeres Ritual beizubehalten.

Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter ab 2026 und dem dringend erforderlichen weiteren Ausbau von Ganztagsangeboten oder gebundenen Ganztagsschulen im Bereich der weiterführenden Schulen besteht begründete Hoffnung, dass die Bearbeitung von Hausaufgaben immer stärker in die Nachmittagsbetreuung oder den Ganztagsunterricht integriert wird. Hausaufgaben wandeln sich damit zu individuellen Übungsphasen oder Selbstlernzeiten, um festgestellte Lerndefizite auszugleichen, Neues zu üben, Gelerntes zu festigen und die notwendigen Kompetenzen für eigenständige Lernprozesse zu erwerben – und all dies ganz ohne häuslichen Stress.

Zur Person

  • Werner Klein leitete unter anderem beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz in Berlin die Abteilung Qualitätssicherung, internationale und europäische Angelegenheiten und Statistik.
  • Zuvor arbeitete der Pädagoge im Bildungsministerium Schleswig-Holstein als Leiter des Referats Qualitätsentwicklung an Schulen und im Landesinstitut. Schwerpunkte seiner Arbeit sind systematische Schulentwicklung und Bildungsmonitoring.
  • Werner Klein war langjähriges Mitglied des Programmteams der Deutschen Schulakademie.