Expertenstimme

Unflexibel : Warum Corona-Aufholprogramme kaum Wirkung entfalten können

Die Namen der Corona-Aufholprogramme sind wohlklingend, für Schulen jedoch oft nicht hilfreich. Schulleiter Matthias Förtsch staunt in seinem Gastbeitrag, dass es angesichts der großen Herausforderung immer noch so wenig Kreativität für gute Lösungen vor Ort gibt und fordert mehr Handlungsspielraum für Schulleitungen. Mit überholten Arbeitszeitmodellen und unflexiblen Vorgaben beim Einsatz der Gelder könnten die Programme wenig Wirkung entfalten.

Matthias Förtsch Matthias Förtsch 10. Februar 2022 Aktualisiert am 14. Februar 2022
Ein Lehrer mit einer Schülerin im Unterricht
Personal für die Aufholprogramme ist auf dem Arbeitsmarkt kaum mehr verfügbar.
© Marijan Murat/dpa

Lernen mit Rückenwind“ (BW), „Ankommen und Aufholen für Kinder und Jugendliche“ (NRW), „gemeinsam.Brücken.bauen“ (Bayern) – die Namen der Aufholprogramme der verschiedenen Bundesländer sind illuster und der Werbeaufwand für diese Angebote groß. Sie alle sind Teil des Bund-Länder-Aktionsprogramms „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“, in dem insgesamt zwei Milliarden Euro zur Verfügung stehen.

Ziel dieser Programme ist das Stopfen der „Lernlücken“ nach Corona und die sozial-emotionale Förderung derjenigen Schülerinnen und Schüler, die unter dem Lockdown gelitten haben. Das klingt nach einem wohldurchdachten Plan, und tatsächlich stehen die Mittel dafür auch zur Verfügung. Ist das vielleicht endlich der lang erwartete Aufbruch in die Bildungsrepublik Deutschland nach Corona? In das Wahrnehmen des/der Einzelnen?

Das Wunschkonzert …

Schaut man auf das Personal in Schulen anderer Länder, so tummeln sich dort neben dem Lehrpersonal auch Sozialpädagoginnen, Psychologen, Krankenpfleger oder Bibliothekarinnen. Multiprofessionelle Teams kümmern sich um die Bedürfnisse und Anliegen der Schülerinnen und Schüler, können in Krisenfällen bei der Intervention helfen und engagieren sich wie selbstverständlich bei der Gewaltprävention. Dürfte ich mir als Schulleiter etwas wünschen, so würden die Gelder der Aufholprogramme in genau solche Teams fließen.

… und die Herausforderungen

Doch es gibt mehrfache Herausforderungen: Die Finanzierung der Programme ist auf zwei Jahre angelegt und damit wenig nachhaltig; zudem reichen die zur Verfügung stehenden Gelder für eine durchschnittlich große Schule maximal zur Finanzierung einer einzelnen Stelle aus, Personal für die genannten Bereiche ist auf dem Arbeitsmarkt kaum mehr verfügbar. Und so sind die klaren Vorschriften zur Bezahlung zusätzlicher Kräfte an Schulen nicht nur fernab der Realität, sondern auch wenig flexibel: Für „Pädagogische Assistenz“ ist z. B. in Baden-Württemberg die Tarifgruppe S 8a vorgesehen. Damit bleiben der Unterstützungskraft ca. 16 bis 18 Euro netto pro Stunde – da muss das Personal dann schon auch hoch motiviert und nicht nur qualifiziert sein. Ein flexibler Einsatz der Gelder ist nicht vorgesehen.

Besondere Zeiten – besondere Maßnahmen

Besondere Zeiten bedürfen besonderer Maßnahmen. So ist es doch sehr erstaunlich, dass es, angesichts der Beteuerung der Bedeutung von schulischer Bildung und Präsenzunterricht, noch kein ausgedehntes Programm gibt, das (Lehramts-)Studierende an die Schulen holt, bei den Betreuungsaufgaben für Unterstützung sorgt, Lehrerinnen und Lehrer entlastet und Kinder und Jugendliche begleitet.

Es ist erstaunlich, dass immer noch jeder Euro umgedreht wird, wenn es um die Frage der Lüftungsanlagen oder der Anmietung zusätzlicher Räumlichkeiten geht, wie es die ehemalige Bildungsministerin Karliczek in Aussicht gestellt hatte.

Es ist erstaunlich, dass man die Lehrerarbeitszeit noch immer ausschließlich in Deputatsstunden (also Unterrichtsstunden) misst und damit ignoriert, wie vielfältig die schulischen Aufgaben gerade in diesen Zeiten sind. Alternative Modelle fehlen weitgehend.

Und es ist erstaunlich, dass es noch immer an gedanklicher Flexibilität und auch an Kreativität fehlt, um für gute Lösungen vor Ort sorgen zu können. Denn genau darin bestünde nun auch die Chance: Schulleitungen benötigen jetzt den Rückenwind der Kultusverwaltungen, das Vertrauen derselben, indem diese loslassen und den Schulen jenen Handlungsspielraum geben, den es braucht, um den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen in diesen Zeiten besser gerecht werden zu können. Multiprofessionelle Teams sollten dabei ein wesentlicher Bestandteil sein.

Wenn der „Rückenwind“ seine Wirkung entfalten soll, braucht es mehr davon; und es braucht Schulen und Leitungen, die selbst entscheiden können, wie sie den Wind nutzen möchten.

Zur Person

Matthias Förtsch ist Schulleiter am Gymnasium des Bischof Sproll Bildungszentrums in Biberach. Er ist zudem Autor und Coach für die Themen Schulentwicklung und Kultur der Digitalität. Über diese Themen schreibt er auch auf Twitter und in seinem Blog.
Für das Deutsche Schulportal schreibt Matthias Förtsch regelmäßig Gastbeiträge.