Expertenstimme

Online lernen : „Virtueller Unterricht ist ein Zukunftsmodell, keine Notmaßnahme“

In den USA entscheiden sich mehr und mehr Schüler:innen für Online-Unterricht. Eine Vision auch für Deutschland? In der Entkopplung von Unterricht und Lernort liegen Gefahren, aber auch neue Chancen, schreibt Dominik Dresel in seinem Gastbeitrag für das Schulportal. Der Mitbegründer eines EdTech-Unternehmens ist überzeugt, dass virtuelle Zusatzangebote künftig zur Lernerfahrung der Kinder und Jugendlichen dazugehören werden.

Dominik Dresel Dominik Dresel 14. Februar 2022
In den USA besuchten 2019/20 etwa 300.000 Schüler:innen rein virtuelle Schulen.
©iStock

„Wenn ihr denkt, dass ich jemals zurück in die Schule gehe, habt ihr euren Verstand verloren“, zitiert die „New York Times“ am 28. Oktober 2020 die Schülerin Saige Aryee-Price. Doch aus den Worten der 13-Jährigen – einer von ca. 1,1 Millionen Schüler:innen im öffentlichen Schulbezirk von New York – spricht nicht etwa Lernüberdrüssigkeit. Vielmehr hat sich das Distanzlernen für das Mädchen als reiner Segen entpuppt. Während ihre Tochter sich im Präsenzunterricht oft rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sah, so Saiges Mutter, könne sie sich nun ganz auf das Lernen konzentrieren.

Damit ist die 13-Jährige nicht allein: Eine wachsende Anzahl US-amerikanischer Familien hat den Online-Unterricht an sogenannten Virtual Schools während der Pandemie schätzengelernt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Während manche Kinder und Jugendliche Mobbing- und Diskriminierungserfahrungen aus dem Weg gehen wollen, arbeiten andere einfach lieber in ihrem eigenen Tempo. Jungen Leistungssportler:innen kommt die zeitliche und örtliche Flexibilität beispielsweise ebenso entgegen wie Kindern mit Konzentrationsschwierigkeiten. Begabte Schüler:innen erhoffen sich von virtueller Beschulung herausfordernden Unterricht auf Universitätsniveau – etwa an der vor bereits 15 Jahren gegründeten renommierten Online High School der kalifornischen Stanford University.

Bereits seit den 1990er-Jahren gibt es in den USA Schulen, an denen Jugendliche ihre Schulpflicht (bzw. Bildungspflicht) online erfüllen können. Doch während diese Schulen lange ein Dasein in verschiedenen Nischen fristeten (etwa in der Hochbegabung oder in geografisch abgelegenen Regionen), besuchten im Schuljahr 2019/20 bereits ca. 300.000 Schüler:innen rein virtuelle Schulen – das entspricht ca. 0,5 Prozent aller schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen in den Vereinigten Staaten. Und obwohl für das vergangene Schuljahr noch keine offiziellen Zahlen vorliegen, darf davon ausgegangen werden, dass sich diese Zahl während der Pandemie massiv erhöht hat. Unter den Angeboten finden sich viele sogenannte Charter Schools (öffentlich finanzierte Schulen in privater Trägerschaft), aber auch immer mehr öffentlich betriebene Angebote, sowohl auf lokaler als auch auf Landesebene.

Für viele Leser:innen hierzulande dürfte die Vorstellung vom „Schulbesuch am Bildschirm“ vor allem eins sein: gruselig. Schließlich sind Schulen nicht lediglich Orte der fachlichen Wissensvermittlung – sondern auch (oder vor allem?) Begegnungsstätten, demokratische Treibhäuser, soziale Lernräume, Orte der Zwischenmenschlichkeit, des Spiels, der Freundschaft. Gerade in der Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig Zugehörigkeit, Teilhabe und gesunde Beziehungen zu Gleichaltrigen für Kinder und Jugendliche sind.

Es überrascht daher auch nicht, dass das National Education Policy Center an der University of Colorado in Boulder im Mai 2021 einen Bericht veröffentlichte, der die Schwachstellen US-amerikanischer virtueller Schulen schonungslos offenlegte:

„Die Schülerzahlen an virtuellen Schulen steigen weiter, obwohl sowohl der Forschungsstand als auch die bislang gemessene Leistungsfähigkeit dieser Schulen unzureichend ist. […] Die politischen Entscheidungsträger müssen sich mit sechs dringenden Problembereichen im Zusammenhang mit virtuellen Schulen befassen: Verwaltung, Finanzierung, Rechenschaftspflicht, Lehrinhalte, Unterrichtsqualität und die Qualität der Lehrkräfte.“

Wie also sollte man über virtuelle Lehr- und Lernformate nachdenken?
Gibt es Kontexte, in denen virtuelle Beschulung dem konventionellen Unterricht im Klassenzimmer vorzuziehen ist? Und gibt es Szenarien, in denen sie innerhalb des Schulwesens Mehrwert stiften könnten?

Virtuelle Zusatzangebote werden langfristig zur Schulerfahrung gehören

Zu dieser Fragestellung möchte ich drei Thesen aufstellen.

These 1: Die komplett virtuelle Schule wird höchstwahrscheinlich ein Nischenangebot bleiben – aber virtuelle Zusatzangebote werden langfristig die Schulerfahrung fast aller Kinder und Jugendlichen bereichern, auch in Deutschland.

Wenn wir „Schule“ sagen, dann haben wir unweigerlich sofort das Bild eines Gebäudes im Kopf. Und selbst wenn es wenige Ausnahmen geben mag – es ist auch in Zukunft zu erwarten, dass die meisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland ihren Schulalltag weiterhin gemeinsam unter einem Dach verbringen werden. Und während der Begriff „virtual school“ in den USA heute zumeist bedeutet, dass Schüler:innen von zu Hause aus am Unterricht teilnehmen, ist aus meiner Sicht ein anderes Szenario viel entscheidender. Es können nämlich genauso gut die Lehrkräfte sein, die aus der Ferne unterrichten.

Stellen wir uns mal ein paar Szenarien vor, in denen das klassische Schulmodell durch virtuelle Zusatzangebote aufgewertet würde:

  • Der Oberstufenkurs Mandarin: Japanisch, Norwegisch, Esperanto, Gebärdensprache – an einer Handvoll deutscher Schulen werden diese Fremdsprachen unterrichtet. Fraglos ist die Nachfrage nach solchen Fächern größer als das bestehende Angebot – die entsprechenden Lehrkräfte sind allerdings rar. Macht aber nichts, wenn sich die geografisch verstreuten (Oberstufen-)Schüler:innen einfach zu Stundenbeginn in den online unterrichteten Kurs einwählen können. Auch jenseits des Fremdsprachenunterrichts könnten Schüler:innen unkonventionelle Kursangebote wahrnehmen (zum Beispiel Robotik, Carbon Literacy, Design Thinking, Computer Science etc.), die in den meisten Schulen hierzulande bisher undenkbar sind.
  • eSports als Nachmittagsangebot in der offenen Ganztagsschule: Und wem eSports nicht gefällt, der oder die wählt einfach: Kreatives Schreiben, Hip-Hop, Kunstgeschichte, Mentale Gesundheit, Softwareprogrammierung, „Aktien für Anfänger“, Lernstrategien oder ein anderes der vielen Angebote, die hypothetisch zur Verfügung stehen könnten. Dass das vor Ort nicht leistbar ist, ist dabei kein Hindernis – solange außerschulische Partner virtuell eingebunden werden.
  • Unterrichtsversorgung in MINT-Fächern: In einer 2020 veröffentlichten Studie der Deutschen Telekom Stiftung wird prognostiziert, dass deutsche Schulen im Schuljahr 2030/31 voraussichtlich nur ein Drittel (!) der benötigten MINT-Fachlehrkräfte zur Verfügung haben werden. Eine mögliche Antwort darauf wäre ein oft als „Master Teacher Model“ bekannter Ansatz: Ausgebildete Lehrkräfte unterrichten online, während vor Ort eine fachfremde Lehrkraft die Klasse beaufsichtigt oder bei der Vertiefung der Lerninhalte begleitet.

Diese Beispiele sind dabei nur eine kleine Auswahl von möglichen Einsatzgebieten virtueller Lehr- und Lernangebote. Doch sie illustrieren: Virtuelle Formate könnten – sofern sie professionell konzipiert und technisch reibungslos umgesetzt werden – großen Mehrwert im bestehenden Präsenzmodell schaffen.

Aktuell nähern sich EdTech-Unternehmen diesen Zukunftsvisionen vor allem aus zwei grundlegenden Richtungen an:

  1. Über Nachhilfeangebote: Das österreichische Nachhilfe-„Unicorn“ (so nennt man Unternehmen, die mit mehr als 1 Mrd. Euro bewertet sind) GoStudent bezeichnet sich selbst als „Global School“. Und warum auch nicht? Dort unterrichten Tausende Lehrkräfte Hunderttausende Schüler:innen – und zwar überall auf der Welt.
    GoStudent ist mit rund einer Million Nachhilfestunden pro Monat übrigens ein kleiner Fisch im Vergleich mit Anbietern im asiatischen Raum; beim indischen Start-up BYJU’S, dem derzeit am höchsten bewerteten Bildungstechnologieunternehmen der Welt, sind ca. 100 Millionen Schüler:innen registriert.
  2. Über außerschulische Zusatzangebote: Die oben aufgeführten Nachmittagsangebote (eSports, Hip-Hop etc.) sind allesamt unter den meistnachgefragten Kursen der US-Plattform Outschool (die ebenfalls eine Unternehmensbewertung jenseits der Milliardengrenze vorweisen kann).

Darüber hinaus gibt es bereits heute – auch in Deutschland – einige Anbieter, die die gesamte Schulbildung online abbilden wollen. Das Berliner Start-up Bina kann da als Beispiel dienen. Dessen Erfolgswahrscheinlichkeit schätze ich zwar als gering ein – in den Kindergarten- und Grundschuljahren, auf die Bina sich fokussiert, sind virtuelle Schulen meines Erachtens nach fehl am Platz. Aber dass GoStudent in ein paar Jahren den Japanischunterricht für niedersächsische Oberstufen durchführt, ist genauso denkbar wie die Vorstellung, dass Outschool-Kurse Teil des Nachmittagsangebots an Realschulen in Hessen werden.

Nicht von den Fehlern der Gegenwart auf die Zukunft schließen

 These 2: Wir befinden uns gerade in der Anfangsphase einer neuen, unausgereiften Technologie. Es wäre sinnvoll, sie nach ihrem Potenzial anstatt ihrer derzeitigen Leistungsfähigkeit zu beurteilen.

Um Bill Gates zu paraphrasieren: Die meisten Menschen überschätzen, was sie in einem Jahr erreichen können, und unterschätzen, was sie in zehn Jahren erreichen können.

Was aber ist das Versprechen von virtuellem Lernen? Ich werde nie vergessen, wie ich 2018 an einer wissenschaftlichen Studie zu technologiegestütztem Lernen teilnehmen durfte. Mit einer „Microsoft HoloLens“-Smartbrille und einem rudimentären Baukastenset (im Wert von ca. 3 US-Dollar) ausgestattet, leitete mich der in mein Sichtfeld eingeblendete Professor an: Ich möge aus den Bauteilen einen Lautsprecher anfertigen. Das Besondere an dem Aufbau des Experiments war dies: Ich konnte anhand der „HoloLens“-Brille sowohl Schall- als auch Elektrizitätswellen sehen!

Solche Geräte und Anwendungen könnten sicherlich auch den konventionellen Präsenzunterricht besser machen. Worauf ich aber hinauswill ist, dass diese Art von Technologie zwei Versprechen einlöst:

  1. Der Unterricht wird nicht nur anschaulicher, relevanter, besser für die Lernenden
  2. Der Unterricht wird vom Lernort entkoppelt – wer eine VR-Brille trägt, dessen tatsächlicher Aufenthaltsort ist nicht mehr entscheidend.

Um in diesem Beispiel zu bleiben: Während Schüler:innen für ein physikalisches Experiment bislang in einem Physiksaal zusammenkommen müssten, kann dieses Experiment nun in einer komplett virtuellen Welt („Virtual Reality“) oder einer teilweise virtuellen Welt („Augmented -“ oder „Mixed Reality“) stattfinden. Und ob sich die als Hologramm eingeblendete Lehrkraft im selben Raum oder Hunderte Kilometer weit entfernt aufhält, ist sekundär.

Zugegeben, die wenigsten virtuellen Schulen lösen diese Versprechen ein. Selbst renommierte und anspruchsvolle Schulen wie die Stanford Online High School oder die bereits 1997 gegründete Florida Virtual School führen vorrangig konventionellen Unterricht durch – nur eben nicht im Klassenzimmer, sondern online. Aber es wäre eben ein Fehler, uns ausschließlich an der Gegenwart zu orientieren, wenn die Zukunft so viel Potenzial birgt.

Arbeitsumgebungen verändern sich auch in der Berufswelt

These 3: Die Schule der Zukunft wird den fortschrittlichen Arbeitsumgebungen der Zukunft ähneln

Die Diskrepanz zwischen Schule und einer im Wandel begriffenen Erwachsenenwelt kann und wird nicht unendlich groß werden.

Denn wer den öffentlichen Auftrag ernst nimmt, junge Menschen auf eine volatile, komplexe, vielfältige und immer digitalisiertere Welt vorzubereiten, muss die Realitäten, die die Zukunft dieser jungen Menschen prägen werden, im Blick behalten.

Die Unternehmensberatung McKinsey führte 2020 eine Studie durch, in der sie 800 Berufstätigkeiten untersuchte und sie in insgesamt 2.000 Einzelaufgaben zerlegte (zum Beispiel: „Einen Telefonanruf entgegennehmen“). Dabei kam heraus, dass bereits heute ca. 30 Prozent aller wertschöpfenden Arbeitsschritte ohne jegliche Produktivitätseinbußen ortsunabhängig erledigt werden können. In vielen Berufen werden sich auf Dauer hybride Modelle durchsetzen, indem zum Beispiel drei Tage pro Woche im Büro und ein bis zwei Tage von zu Hause aus gearbeitet wird.

Es wirkt auf mich folgerichtig, dass die Schule der Zukunft diese Entkopplung von Ort, Zeit und Tätigkeit auf Dauer zumindest teilweise spiegeln wird.

Was spräche zum Beispiel dagegen, pro Woche einen Halbtag im Hybridmodell anzubieten – und es den Schüler:innen (bei entsprechender Unterrichtsbeteiligung) freizustellen, ob sie lieber im Klassenzimmer lernen oder sich von zu Hause aus zuschalten? Und was wäre, wenn Jugendliche ab der zehnten Klasse pro Schuljahr ein Wahlfach virtuell belegen könnten – organisiert von einer Zentralstelle im Kultusministerium und angeboten von Lehrkräften, die über das ganze Bundesland verteilt leben? Und was, wenn einmal im Monat eine Virtual-Reality-Betriebsbesichtigung oder ein virtueller Vorlesungsbesuch an einer Hochschule angeboten würde?

Rückkehr zur Normalität?

Als wir uns im 19. Jahrhundert ein öffentliches Schulsystem ausdachten, da gab es andere Bedingungen und Visionen als heute. Kein Naturgesetz schrieb uns jemals vor, dass sich 30 gleichaltrige Kinder an einem Montagmorgen um 7.30 Uhr in ein viereckiges Klassenzimmer begeben müssen, um dort von einer ortsansässigen Lehrkraft 45 Minuten lang etwas über lineare Gleichungssysteme zu lernen. Es war lediglich der praktikabelste Weg, der uns in einer analogen Welt eingefallen ist.

Als mit der Pandemie die Welt aus den Fugen geriet, haben wir uns andere Dinge ausgedacht: Distanz- und Wechselunterricht zum Beispiel. Vieles hat nicht auf Anhieb funktioniert – aber was funktioniert schon auf Anhieb?

Ich bin überzeugt, dass es ein Fehler wäre, im virtuellen Unterricht nur eine Notmaßnahme, eine zeitliche Überbrückung bis zur Rückkehr zur sogenannten Normalität zu sehen. Denn er hat das Potenzial, zwei Dinge – Lehre und Lernort – zu entkoppeln, die im 21. Jahrhundert nicht mehr notwendigerweise als Einheit gedacht werden müssen.

NachtragIn seinem Beschluss vom 19. November 2021 hat das deutsche Bundesverfassungsgericht nicht nur entschieden, dass die pandemiebedingten Schulschließungen rechtens waren, sondern den Distanzunterricht möglicherweise auch als verfassungskonforme Alternative zur Präsenzbeschulung etabliert.

Zur Person

  • Dominik Dresel hat Bildungs- und Wirtschaftswissenschaften in Deutschland und den USA studiert. Nach seiner Tätigkeit als Fellow von Teach First Deutschland gründete er das EdTech-Unternehmen eduki.
  • Für seinen Master in Education an der Harvard University zog er 2017 in die USA.
  • Zwischen 2019 und 2021 war er für einen öffentlichen Schulbezirk im US-Bundestaat Oklahoma tätig.