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Neue Studie : Was bringt eine Fortbildungspflicht für Lehrkräfte?

Gerade während der Corona-Pandemie wird der Ruf nach mehr verpflichtenden Fortbildungen für Lehrkräfte laut. So hatte der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion im Sommer gefordert, dass Lehrerinnen und Lehrer die Ferien nutzen sollten, um sich für den digitalen Unterricht zu qualifizieren. Aber was bringt eine Fortbildungspflicht eigentlich? Fördert sie die Bereitschaft, an Weiterbildungen teilzunehmen? Mit diesen Fragen hat sich eine neue Untersuchung des Arbeitsbereiches Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung der Universität Potsdam befasst. Das Team dieser Studie fasst im Gastbeitrag für das Schulportal die Ergebnisse zusammen.

Fortbildungspflicht: Lehrkräfte in einem Seminar
Die Bereitschaft von Lehrkräften, sich weiter zu qualifizieren, erhöht sich nicht durch eine Fortbildungspflicht.
©Getty Images

Die regelmäßige Teilnahme an Fortbildungen ist für Lehrkräfte angesichts sich ständig wandelnder schulischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und Anforderungen unverzichtbar. Trotz der hohen Bedeutsamkeit von Fortbildungen für die Kompetenzentwicklung von Lehrkräften existieren nur wenige klare Vorgaben in den Bundesländern zum Umfang dieser Fortbildungspflicht. So bestehen nur in Hamburg, Bremen und Bayern konkrete Zeitangaben zum Umfang der zu besuchenden Fortbildungen. In Hamburg und Bremen sind Lehrkräfte beispielsweise verpflichtet, 30 Stunden Fortbildung innerhalb eines Schuljahres zu absolvieren.

Vorgaben zur Fortbildungspflicht in den Bundesländern sind unterschiedlich

Neben diesen Vorgaben zum Umfang der Fortbildungspflicht legen einige Bundesländer fest, dass die Fortbildungsaktivitäten der Lehrkräfte dokumentiert werden sollen. Zu ihnen gehören neben den Bundesländern mit Vorgaben zum Fortbildungsumfang auch Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. In diesen Ländern müssen Lehrerinnen und Lehrer die von ihnen absolvierten Fortbildungen zum Beispiel in Form eines Portfolios dokumentieren.

Bislang lagen noch keine empirischen Befunde darüber vor, wie die unterschiedlichen Regelungen zur Fortbildungspflicht mit der tatsächlichen Teilnahme an Fortbildungen zusammenhängen. In unserer Studie haben wir daher untersucht, inwiefern die Teilnahme sowie die Anzahl besuchter Fortbildungen in Zusammenhang stehen mit Vorgaben, die es in einem Bundesland zum Fortbildungsumfang und der Pflicht zum Nachweis absolvierter Fortbildungen gibt. Ziel unserer Arbeit war es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie sich Pflicht und Teilnahme zueinander verhalten.

Lehrkräfte besuchen mehr Fortbildungen, wenn ein bestimmter Umfang vorgegeben ist

Zur Untersuchung dieser Fragestellung haben wir Daten zur Fortbildungsaktivität von Lehrkräften aus den IQB-Ländervergleichen 2011, 2012 und dem IQB-Bildungstrend 2015 ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen nur für eine der drei Studien, dass Lehrkräfte mit höherer Wahrscheinlichkeit an Fortbildungen teilnehmen, wenn eine spezifische Fortbildungspflicht besteht. Allerdings berichten zwischen 21,2 und 33,2 Prozent der Lehrkräfte in den Ländern mit einer konkreten, zeitlich umschriebenen Fortbildungsverpflichtung, an keiner Fortbildung teilgenommen zu haben.

Darüber hinaus konnte für die Anzahl der besuchten Fortbildungen festgestellt werden, dass diese in Ländern mit einer konkreten Vorgabe zum Fortbildungsumfang höher ausfällt als in Ländern ohne diese Vorgabe. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass Lehrkräfte in diesen Bundesländern bemüht sind, den Vorgaben zum Umfang zu absolvierender Fortbildungen nachzukommen. Hinsichtlich der Nachweispflicht von Fortbildungen konnte kein systematischer Zusammenhang zur Fortbildungsteilnahme festgestellt werden.

In anderen Ländern ist die Gehaltserhöhung an eine Fortbildungsteilnahme geknüpft

Zusammengenommen verweisen die Ergebnisse darauf, dass sich die Teilnahme an Fortbildungen nur in begrenztem Ausmaß durch gesetzliche Vorgaben steuern lässt. Es konnte zwar gezeigt werden, dass in den Bundesländern, die eine konkrete Vorgabe zum Umfang dieser Verpflichtung machen, einzelne Lehrkräfte eine höhere Anzahl an Fortbildungen absolvieren als in Bundesländern ohne konkrete Verpflichtung. Die Vorgabe einer konkreten Mindestzeit führt jedoch auf Basis unserer Analysen nicht dazu, dass der Gesamtanteil der Lehrkräfte, die überhaupt an einer Fortbildung teilnehmen, tatsächlich höher ist.

Wie Lehrkräfte zur Fortbildungsteilnahme motiviert werden können, ist eine wichtige Frage für zukünftige Forschungsarbeiten. Einen möglichen Ansatz stellt beispielsweise die systematische Implementierung von Anreizen zur Fortbildungsteilnahme dar. Derartige Anreize werden in anderen europäischen Ländern bereits umgesetzt. Beispielsweise ist in der Slowakei und in Spanien die Teilnahme an Fortbildungen zwar freiwillig geregelt, jedoch sind mit ihr Gehaltserhöhungen und beruflicher Aufstieg verknüpft. Die Umsetzung solcher Anreize könnte in Deutschland aufgrund der rechtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen im Lehrberuf mit Hürden verbunden sein.

Fortbildungen sollten verstärkt online angeboten werden

dem Hintergrund der aktuellen pandemiebedingten Einschränkungen ist es schließlich von besonderer Bedeutung, Lehrkräften weiterhin die Teilnahme an Fortbildungen beispielsweise durch Onlineveranstaltungen zu ermöglichen. Hierzu müssten Fortbildungsformate umstrukturiert und sowohl Lehrkräfte als auch Fortbildnerinnen und Fortbildner mit den notwendigen technischen Mitteln ausgerüstet werden. So wird sichergestellt, dass Lehrkräfte ihrer Fortbildungsverpflichtung nachkommen können.

Zur Person

Jenny Kuschel
Jenny Kuschel
©Yizhen Huang
  • Rebecca Lazarides (r.) ist Erziehungswissenschaftlerin und seit 2016 Juniorprofessorin für Schulpädagogik an der Universität Potsdam.
  • Studiert hat sie an der Freien Universität Berlin und promoviert an der Technischen Universität Berlin.
  • In ihrer Forschung befasst sie sich damit, wie Unterricht bei Lernenden unterschiedlich ausgeprägte motivationale und emotionale Lernmerkmale aufgreifen kann und welche Bedeutung Lehrermotivation und Unterrichtsqualität für die Motivation von Lernenden haben.

 

 

Prof. Dirk Richter, Universität Potsdam
Prof. Dirk Richter von der Universität Potsdam
©Die Hoffotografen
  • Jenny Kuschel (l.) arbeitet im Team des Projekts „CoMMIT. Kooperation an Schulen – Innovation im Team“ der Universität Potsdam und der Bergischen Universität Wuppertal.
  • Sie hat bis 2018 an der Universität Potsdam Lehramt für die Primarstufe studiert. Seitdem ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung an der Universität Potsdam.
  • Ihre Forschungsschwerpunkte sind schulinterne und -externe Lehrkräftefortbildungen sowie die Kooperation zwischen Lehrkräften
Rebecca Lazarides
Rebecca Lazarides
©privat
  • Dirk Richter ist seit 2016 Professor für Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung an der Universität Potsdam und Co-Sprecher des Departments Erziehungswissenschaft.
  • Zuvor war er Juniorprofessor für quantitative Forschungsmethoden in der Bildungsforschung an der Bergischen Universität Wuppertal und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen der Humboldt-Universität Berlin.
  • Der Arbeitsbereich Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung untersucht vor allem die Professionalisierung pädagogischen Personals in der Institution Schule. Im Fokus steht dabei die universitäre Lehrerbildung sowie die berufliche Fort- und Weiterbildung.

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1 Kommentar

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#1 – 14.09.2020 Thorsten K.

Die von Widerständen geprägte Dynamik der Lehrer-Schüler-Beziehung

Etwas überzeichnet könnte man formulieren, dass Lehrer auf Druck (anscheinend erfolgreich) mit passivem Widerstand reagieren. Aus Schülersicht sehr bedauerlich ist, dass sie als Lehrende selber wenig Freude am Lernen mitbringen. Diese Unlust wird ihnen von den Schülern insgesamt gespiegelt, junge Leute lernen natürlich am Vorbild, von ihren wesentlichen Bezugspersonen. Leider ohne dass die Erwachsenen diesen Zusammenhang verstehen würden; was die Voraussetzung dafür ist, dass er durchbrochen werden könnte. So sind Lehrer bis zum heutigen leider weitgehend blind für die zentrale Beziehungsdynamik im Klassenzimmer, die so schwer eigentlich gar nicht zu verstehen ist.