Expertenstimme

Sprachmittler : Mehr Kommunikation zwischen geflüchteten Eltern und Schulen!

Die Aufnahme zugewanderter Schülerinnen und Schüler an den Schulen bringt viele Herausforderungen mit sich. Ein großes Thema dabei ist die Kommunikation zwischen Lehrkräften und Eltern. Oft ist die sprachliche Verständigung schwierig. Außerdem kennen die Familien aus ihren Heimatländern häufig andere Bildungssysteme und reagieren daher auf manches Neue zurückhaltend oder sogar ablehnend – was Schulen wiederum als Ignoranz auffassen können. Um solche Missverständnisse von Anfang an zu vermeiden, sollten an Schulen mehr Sprach- und Kulturmittler arbeiten, findet Hareth Almukdad. Der Journalist ist 2016 von Syrien nach Deutschland geflüchtet und arbeitet seit zwei Jahren als Sprachmittler an einer Sekundarschule in Berlin. Seine Erfahrungen schildert er in diesem Gastbeitrag für das Schulportal.

Hareth Almukdad Hareth Almukdad 29. April 2022
Mutter mit Kindern von hinten zu Sprachmittlern helfen Zugewanderten
Für zugewanderte Familien ist das deutsche Schulsystem erst mal fremd. Hier können Infoveranstaltungen und Sprachmittler helfen.
©Sebastian Gollnow/dpa

Im Dezember 2019 bat mich meine Kollegin, an einer Schulkonferenz teilzunehmen, weil die syrischen Eltern der beteiligten Schülerinnen und Schülern kein Deutsch gesprochen haben. Meine Rolle beschränkte sich auf die Übersetzung zwischen dem Schulleiter und den Lehrkräften auf der einen Seite sowie den Eltern auf der anderen Seite.

Das Bildungssystem in Deutschland gehörte damals noch nicht zu meinen Interessen, weil meine Tochter zu dem Zeitpunkt erst drei Jahre alt war und es mir reichte, das System der Kitas in Deutschland zu kennen. Aber während der Schulkonferenz ist mir aufgefallen, wie tief die Kluft zwischen Schulleitung und Lehrkräften sowie den zugewanderten Familien ist. Und damit meine ich nicht nur die Sprache, sondern die Kultur und das Verständnis über das Bildungssystem im Allgemeinen.

Zugewanderte Familien kennen oft nicht die Unterschiede in den Bildungssystemen

Es schien mir, als säßen beide Seiten auf einer eigenen Insel und es gäbe keine Brücken zwischen ihnen. Die Eltern hatten keine Ahnung von der Bedeutung der Schulkonferenz, weil es so etwas im Bildungssystem in Syrien nicht gibt. Eltern dürfen dort nicht einmal ihre Meinung zum Bildungsprozess äußern. Und das ist nicht der einzige Unterschied im Bildungssystem zwischen Syrien und Deutschland. Die Lehrerinnen und Lehrer wiederum hatten keine Ahnung vom kulturellen Hintergrund der Familie und dem Bildungssystem in Syrien. Auch das Schulnotensystem in Syrien ist völlig anders, da 10 die beste Note und 1 die schlechteste Note ist. Außerdem gibt es keine Punkte im Zeugnis, die sich auf das Sozialverhalten und die Einhaltung von Regeln in der Schule beziehen.

Nach Ende der Konferenz habe ich mit dem Schulleiter gesprochen und wir haben vereinbart, dass ich an den nächsten Konferenzen, Elternabenden und Elternversammlungen in der Schule teilnehme, um die Kommunikation mit den Eltern zu stärken. Erst war ich nur ehrenamtlich tätig, dann bekam ich einen Arbeitsvertrag auf Stundenbasis, weil die Schulleitung gesehen hat, wie wichtig meine vermittelnde Rolle für den Fortschritt des Bildungsprozesses war und wie sehr sie die Kommunikation zwischen Eltern mit Migrationshintergrund und Schulen erleichtert hat. Heute bin ich zwei Tage pro Woche an der Schule.

Meine Rolle als Sprachmittler beschränkt sich nicht nur auf das Übersetzen. Viele Begriffe existieren gar nicht im Arabischen oder in anderen Sprachen, zum Beispiel der Begriff „Elternsprecher“, weil es diese Aufgabe in vielen Ländern nicht gibt.

Heute, nach mehr als zwei Jahren, kann ich sagen, dass die syrischen Eltern viel mutiger geworden sind, in die Schule zu kommen und bei Bedarf um Treffen mit Lehrerinnen und Lehrern zu bitten. Auf der anderen Seite ist es für die Lehrkräfte einfacher, mit den Eltern zu kommunizieren. Sie sparen viel Zeit und Mühe, um die Eltern zu erreichen und ihnen Dinge zu erklären. Insgesamt ist dadurch die Kommunikationskultur an der Schule viel besser geworden. Denn durch die Arbeit mit neu zugewanderten Familien wurden auch die Eltern, deren Kinder schon länger an der Schule sind, offener und mutiger. Sie wurden mit dem Bildungssystem vertrauter und begannen, aktiv an Elternabenden teilzunehmen.

Kommunikationsbrücken in der Corona-Pandemie aufgebaut

In der Zusammenarbeit mit der Schulleitung und den Lehrerinnen und Lehrern konnten wir Brücken der Kommunikation zu den Eltern bauen, was sich auch positiv auf die Schülerinnen und Schüler selbst ausgewirkt hat.

Besonders wichtig war die Kommunikationsbrücke auch während der Corona-Pandemie. Niemand verfügte über Erfahrungen mit Schulschließungen und Homeschooling. Lehrerinnen und Lehrer mussten daher täglich mit Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern kommunizieren, um das neue Vorgehen zu erklären. Da war es besonders schwierig, Familien mit Migrationshintergrund, die Probleme mit der deutschen Sprache hatten, zu erreichen. Auch diese Phase haben wir aber durch die intensive Vermittlung zwischen Eltern und Lehrkräften gut überstanden.

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Meine Rolle als Sprachmittler beschränkt sich dabei längst nicht nur auf das Übersetzen. Viele Begriffe existieren gar nicht im Arabischen oder in anderen Sprachen, zum Beispiel der Begriff „Elternsprecher“, weil es diese Aufgabe in vielen Ländern im Bildungssystem nicht gibt. Hier muss ich also über die Übersetzung hinaus erklären, was das heißt. Gleichzeitig gebe ich den Lehrerinnen und Lehrern eine Vorstellung vom Bildungssystem in Syrien, damit sie den kulturellen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler besser verstehen können. Das wiederum erleichtert den Lehrkräften den Umgang mit den Schülerinnen und Schülern und hilft dabei, manches Verhalten besser zu verstehen.

Über Kommunikation beugen Sprachmittler Konflikten vor

Oft muss ich auch zwischen den Kulturen vermitteln, wenn es zum Beispiel um Themen wie den Hijab in der Schule oder den Schwimmunterricht geht. Einige Eltern lehnen manches im deutschen Schulsystem erst mal ab, weil es ihnen fremd ist und im Widerspruch zu ihren Traditionen steht.

Ich arbeite auch mit Eltern zu Meinungsfreiheit, Homosexualität, Respekt vor der Kultur und dem Glauben anderer, Antisemitismus, Vorurteile und Mobbing. Solche Themen werden in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich wahrgenommen. Das Gespräch mit den Eltern darüber ist sehr wichtig, damit es keine großen Unterschiede gibt zwischen dem, was die Schülerinnen und Schüler in der Schule lernen, und dem, was sie zu Hause erfahren. So lassen sich auch Konflikte zwischen Eltern und ihren Kindern vorbeugen.

Es hilft schon, wenn man Eltern das Schulsystem in einfacher Sprache erklären würde. Das würde Hürden nehmen und sie motivieren, in der Schule mitzuwirken. Sie würden sich dann eher willkommen fühlen und als Teil der Schulgemeinschaft sehen.

Ich halte es für sehr wichtig, dass Schulen Sprach- und Kulturmittler haben, weil die Teilhabe von zugewanderten Eltern am Schulleben und deren Verständnis für das Bildungssystem meiner Erfahrung nach der wichtigste Teil des Integrationsprozesses in der deutschen Gesellschaft ist und auch eine wichtige Rolle für die Zukunft ihrer Kinder spielt.

Allerdings haben bislang nur wenige Schulen solche Vermittler, und es wird wohl auch schwierig sein, das Modell an allen Schulen umzusetzen. Alternativ kann man ein- bis zweimal oder häufiger im Jahr eine Informationsveranstaltung für Eltern von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund, die kein Deutsch sprechen, organisieren und dazu eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher einladen. Und es hilft auch schon, wenn man Eltern das Schulsystem in einfacher Sprache erklären würde. Das würde Hürden nehmen und  sie motivieren, in der Schule mitzuwirken. Sie würden sich dann eher willkommen fühlen und als Teil der Schulgemeinschaft sehen.

Sprachmittler gerade in der aktuellen Situation sehr wichtig

Es gibt auch viele Freiwillige in Hilfsorganisationen, die Geflüchtete beim Ankommen in den Schulen unterstützen können. Viele der Ehrenamtlichen, die auch als Sprachmittler arbeiten können, haben selbst einen Fluchthintergrund und sind Eltern von Schulkindern. Sie kennen die Probleme, die zugewanderte Eltern haben können, also sehr gut.

Gerade in der aktuellen Situation, in der jetzt viele Geflüchtete aus der Ukraine an die Schulen kommen, halte ich die Zusammenarbeit mit Sprachmittlern für sehr wichtig. Mir ist aufgefallen, dass die Eltern viele Fragen zum Schulsystem und auch zum Kindergarten haben. Daher hoffe ich, dass eine gute Kommunikation von Anfang an im Fokus steht und dass Eltern zu Informationsveranstaltungen eingeladen werden, bei denen ihnen das deutsche Bildungssystem in Anwesenheit von Übersetzerinnen oder Übersetzern erklärt wird. Denn Kommunikation und Dialog erleichtern das Zusammenleben und die Zusammenarbeit aller Schulbeteiligten – fehlende Informationen aber führen zu Vorurteilen, die oft falsch sind.

Zur Person

Hareth Almukdad
©privat
  • Hareth Almukdad kommt aus Daraa in Syrien. Von 2005 bis 2011 hat er Journalismus an der Universität in Damaskus studiert und war danach als Journalist tätig.
  • 2016 kam er zusammen mit seiner Frau nach Deutschland. Seit 2018 arbeitet er als Bild- und Arabisch-Redakteur beim Berliner Magazin „kulturTÜR“.
  • Seit 2020 ist er außerdem Sprachmittler an der Gail S. Halvorsen Schule, einer integrierten Sekundarschule in Berlin. Und er begleitet geflüchtete Menschen auch beim Berliner Sozialträger Mittelhof e.V.