Expertenstimme

Mehrsprachigkeit : „Doppelte Halbsprachigkeit gibt es nicht“

Die Meinung, Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, könnten „doppelt halbsprachig“ werden, ist ein Irrglaube aus der frühen Mehrsprachigkeitsdiskussion, der durch zahlreiche Studien längst widerlegt ist. Warum hält sich dieser Mythos aber so hartnäckig in der öffentlichen Debatte? Heike Wiese, Professorin für Deutsch in multilingualen Kontexten an der Humboldt-Universität zu Berlin, geht dieser Frage nach. In ihrem Gastbeitrag für das Deutsche Schulportal zeigt sie, was zu dem Mythos der „Doppelten Halbsprachigkeit“ geführt hat und welche Hürden dadurch für Schüler:innen aufgebaut werden.

Heike Wiese Heike Wiese 02. November 2022 3 Kommentare
Wand mit Graffiti Doppelte Halbsprachigkeit
Das Standarddeutsche ist nur eine Varietät unter vielen, neben regionalen Dialekten, Umgangssprache, jugendsprachlichen Varianten, Sprachmischungen.
©Heike Wiese

In der öffentlichen Diskussion zu mehrsprachigen Familien wird mitunter vor der Gefahr einer sogenannten „Doppelten Halbsprachigkeit“ gewarnt. Damit ist gemeint, dass Kinder, die mit einer weiteren Familiensprache neben dem Deutschen aufwachsen, am Ende keine der beiden Sprachen vollständig beherrschen könnten. Diese Annahme wurde in den 1970er-Jahren in Kanada kurz diskutiert, jedoch direkt widerlegt: Zahlreiche sprach- und erziehungswissenschaftliche Studien zeigten, dass das Aufwachsen mit mehreren Sprachen nicht zu „Halbsprachigkeit“ führt. Es handelt sich also um einen recht kurzlebigen Irrglauben aus der „Mottenkiste“ der frühen Mehrsprachigkeitsdiskussion des letzten Jahrhunderts.

In Deutschland findet man in der öffentlichen Debatte und teilweise selbst im Bildungsbereich diese Annahme jedoch noch heute. Warum hält sich dieser längst widerlegte Mythos so hartnäckig? Es gibt hierfür vor allem zwei Gründe, die beide etwas mit unserer eingeschränkten Sicht auf Sprache zu tun haben: Wir tun in Deutschland so, als seien wir eine einsprachig deutsche Gesellschaft (der sogenannte „monolinguale Habitus“) und als sei innerhalb des Deutschen nur eine Variante richtig, nämlich das Standarddeutsche.

Mehrsprachigkeit, nicht Einsprachigkeit ist normal

Die Mehrheit der Menschheit ist mehrsprachig. In Indien werden beispielsweise mehr als 400 Sprachen gesprochen, in Namibia gibt es neben der Amtssprache Englisch noch 11 „Nationalsprachen“ (zu denen auch das Deutsche zählt, denn es gibt eine deutschsprachige Minderheit in Namibia). Auch Deutschland ist vielsprachig: Neben dem Deutschen existieren Minderheitensprachen wie zum Beispiel das Sorbische, das Romanes oder die Deutsche Gebärdensprache. Außerdem gibt es die Mehrsprachigkeit in Grenzgebieten sowie eine Vielzahl an Sprachen, die im Zuge von Migration über die Jahrhunderte hinzugekommen sind.

Wir haben als Menschen nicht ein bestimmtes kognitives Budget zum Spracherwerb, das mit einer Sprache bereits aufgebraucht wird.

Wir tun aber so, als seien wir ein einsprachig deutsches Land, und dies ist ein Erbe der europäischen Nationalstaatenbildung im 19. Jahrhundert: In diesem Zusammenhang kam die Idee auf, eine Nation müsse durch eine einzelne „Nationalsprache“ charakterisiert sein. Das entsprach damals ebenso wenig den Tatsachen wie heute, führte aber dazu, dass Einsprachigkeit nach und nach als etwas Normales angesehen wurde und Mehrsprachigkeit entsprechend als eine problematische Abweichung. Die Realität ist genau umgekehrt: Mehrsprachigkeit ist ein positives Training für das Gehirn, das nicht nur sprachliche Reflexionsfähigkeit fördert, sondern auch Hirnfunktionen wie Aufmerksamkeitssteuerung, mentale Flexibilität, Arbeitsgedächtnis und Kreativität. Demgegenüber ist ein einsprachiges Aufwachsen aus kognitiver Sicht verarmt. Beispielsweise treten Demenzsymptome bei Menschen, die einsprachig leben, im Vergleich zu Mehrsprachigen durchschnittlich vier bis fünf Jahre früher ein.

Wer mehrere Instrumente spielt, ist nicht weniger musikalisch

Mit mehreren Sprachen aufzuwachsen ist also nicht nur unproblematisch, sondern hat positive Auswirkungen. Wir haben als Menschen nicht ein bestimmtes kognitives Budget zum Spracherwerb, das mit einer Sprache bereits aufgebraucht wird, sondern wachsen an unseren Aufgaben – so, wie man auch jemanden, der mehrere Instrumente spielt, nicht als weniger musikalisch, sondern ganz im Gegenteil als kompetenter ansehen würde. Hier ein Cartoon, den wir in der Forschungsgruppe „Emerging Grammars“ in Kooperation mit der Comiczeichnerin Nadja Hermann (erzaehlmirnix) zu dem Thema entwickelt haben:

Cartoon zu Doppelte Halbsprachigkeit
©Nadja Hermann / erzaehlmirnix

In Familien, in denen noch eine andere Sprache gesprochen wird, ist dies nie die einzige Sprache, sondern auch das Deutsche ist immer Teil der Familienkommunikation. Eben weil unsere Gesellschaft von einem starken monolingualen Habitus geprägt ist, ist das Deutsche so dominant, dass Kinder, die hier aufwachsen, schon sehr früh damit in Kontakt kommen – auf dem Spielplatz, beim Einkaufen mit den Eltern, auf der Straße und natürlich auch im Kindergarten. Geschwister untereinander sprechen daher meist eher Deutsch, und die andere Sprache wird vor allem mit Eltern oder Großeltern verwendet. Dennoch werden Kinder, die zu Hause beispielsweise noch Türkisch sprechen, in der Schule oft nicht als Deutschsprecher:innen gesehen, und das Deutsche nicht als eine ihrer „Muttersprachen“ (Erst- oder sehr frühe Zweitsprache).

Wachsen Kinder mit dem Englischen oder Französischen auf, wird dies meist als Bildungsvorteil erkannt, beim Türkischen oder Arabischen dagegen nicht.

Ich habe das Türkische hier nicht zufällig als Beispiel gewählt: Das Schreckgespenst der „Doppelten Halbsprachigkeit“ wird nicht überall an die Wand gemalt, sondern nur im Zusammenhang mit bestimmten Sprachen: Wachsen Kinder mit dem Englischen oder Französischen auf, wird dies meist als Bildungsvorteil erkannt, beim Türkischen oder Arabischen dagegen nicht. Nur bei Sprachen mit einem niedrigen sozialen „Marktwert“ wird die Gefahr einer „Doppelten Halbsprachigkeit“ gesehen; das unterstreicht noch einmal, dass es gar nicht so sehr um Sprache geht, sondern eher um gesellschaftliche Vorurteile. Diesen Aspekt nimmt ein anderer unserer Cartoons auf:

©Nadja Hermann / erzaehlmirnix

Das Standarddeutsche ist eine Hegemonialsprache

Woran kann es aber liegen, wenn Schüler:innen im Deutschen nicht gut abschneiden? Um dies zu beantworten, muss man sich zunächst klarmachen, was mit „dem Deutschen“ hier gemeint ist: Im Zusammenhang mit Schule beziehen wir uns vorwiegend auf das Standarddeutsche. Dies ist aber nur eine Varietät unter vielen, neben regionalen Dialekten, Umgangssprache, jugendsprachlichen Varianten, Sprachmischung und vielem mehr. Das Standarddeutsche ist nicht komplexer oder gehobener als andere Varietäten, aber es hat zwei Besonderheiten: Es orientiert sich am Sprachgebrauch der Mittelschicht, und es ist die Varietät, die in der Schule als „richtiges Deutsch“ zählt.

Das macht es zu einer Hegemonialsprache: Wir erwarten von allen Schüler:innen, dass sie sich an der Sprache der Mittelschicht orientieren, und wer von zu Hause einen anderen Sprachgebrauch mitbringt, muss sich sprachlich anpassen und somit von Anfang an mehr leisten. Schüler:innen aus anderen sozialen Schichten werden so von Anfang an benachteiligt, sprachlich verunsichert und mit sprachlichen Zusatzaufgaben belastet. Ihnen wird signalisiert, dass der Sprachgebrauch ihrer Familie weniger gut ist, während Schüler:innen aus der Mittelschicht auch sprachlich privilegiert werden, der Sprachgebrauch ihrer Familie wird auch in der Schule wertgeschätzt und unterstützt.

Das führt dazu, dass Kinder, die nicht aus der Mittelschicht stammen, in Schuleingangstests zum Deutschen oft schlechter abschneiden – auch wenn sie aus einsprachig deutschen Familien kommen. Dass es auch ohne eine solche Hegemonialsprache geht, zeigt der Erfolg der Schulpolitik in Norwegen, wo Lehrer:innen angehalten sind, sich den Dialekten ihrer Schüler:innen anzupassen, nicht umgekehrt.

Das Problem liegt in der Privilegierung einsprachiger Mittelschichtsfamilien.

Ein Problem für sprachliche Kompetenzen und schulischen Erfolg ist also nicht die Mehrsprachigkeit: So etwas wie eine „Doppelte Halbsprachigkeit“ gibt es nicht. Das Problem liegt in der Privilegierung einsprachiger Mittelschichtsfamilien. So lange wir Einsprachigkeit als Normalität und Mehrsprachigkeit als Problem ansehen und so lange wir nur den Sprachgebrauch der Mittelschicht als „gutes Deutsch“ akzeptieren, haben mehrsprachige Schüler:innen und solche aus anderen sozialen Schichten mit zusätzlichen Herausforderungen zu kämpfen, die ihren Schulerfolg negativ beeinflussen können.

Der Irrglaube an die „Doppelte Halbsprachigkeit“ passt damit zu anderen sprachlichen Defizit-Mythen, die sich gegen Schüler:innen richten, die nicht aus der Mittelschicht stammen, etwa die Annahme eines „restringierten Codes“, die ebenfalls in den 1970er-Jahren kursierte. Zum Abschluss daher ein Zitat des Begründers der modernen Soziolinguistik, William Labov, der bereits 1970 in seinem Aufsatz: „The logic of non-standard English“ zu solchen Mythen sagte: „Dass die Pädagogische Psychologie stark durch eine Theorie beeinflusst ist, die so wenig den sprachlichen Fakten entspricht, ist bedauerlich. Aber dass Kinder die Opfer dieses Unwissens sein sollten, ist untragbar.“ (Übersetzung: Heike Wiese)

Zur Person

  • Heike Wiese ist Professorin für Deutsch in multilingualen Kontexten an der Humboldt-Universität zu Berlin. In ihrer Forschung untersucht sie die Dynamik des Deutschen in mehrsprachigen Kontexten von Berlin bis Windhoek.
  • Ihr 2012 erschienenes Buch „ Ein neuer Dialekt entsteht“ (C.H. Beck, 280 Seiten, 12,95 Euro) hat das Bewusstsein für neue Dialekte und Sprachvariation außerhalb des Standarddeutschen geschärft.
  • 2020 veröffentlichte sie gemeinsam mit Rosemarie Tracy und Anke Sennema das Duden-Debattenbuch „Deutschpflicht auf dem Schulhof? Warum wir Mehrsprachigkeit brauchen.“ (Duden, 64 Seiten, 5,99 Euro). Eine Leseprobe der Debatten-Schrift steht hier zum Download bereit.
Heike Wiese
©Inya Stewart-Wiese

Mehr zum Thema

  • Eine Expertise einschlägiger sprachwissenschaftlicher Forschungszentren, die sich bereits 2010 gegen den Mythos der „Doppelten Halbsprachigkeit“ wandte, ist hier veröffentlicht.
  • Im Humboldt-Forum Berlin gibt es eine Medienstation zu Kiezdeutsch, Mehrsprachigkeit und Sprachvariation, die von Heike Wiese organisiert ist.
  • Auf der Seite „Deutsch ist vielseitig“ an der Humboldt-Universität zu Berlin gibt es kostenlose Unterrichtsmaterialien zum Thema Mehrsprachigkeit, die von Heike Wieses Arbeitsgruppe in Kooperation mit Lehrer:innen, Erzieher:innen und dem Berliner Senat entwickelt wurden.
  • Die Cartoons sind Teil der Plakatserie „7 Punkte zur Sprache [bringen]“, die hier zum kostenlosen Download zur Verfügung steht.