Expertenstimme

Studium und soziale Herkunft : „Der Bildungsaufstieg ist großartig und schrecklich zugleich“

Wer in Deutschland studiert, das bestimmt häufig noch immer die soziale Herkunft. Nach Zahlen des neuen nationalen Bildungsberichts 2022 entscheiden sich Studienberechtigte aus Nichtakademikerfamilien nach wie vor seltener für ein Studium. Unsere Gastautorin Stella Pfeifer ist als Erste in ihrer Familie an die Uni gegangen – und hat ihr Germanistik- und Soziologie-Studium vor sieben Jahren erfolgreich abgeschlossen. Doch auf dem Weg ins Studium musste sie einige Hürden nehmen. Für das Schulportal hat sie einen Erfahrungsbericht geschrieben.

Stella Pfeifer Stella Pfeifer 01. August 2022 Aktualisiert am 02. August 2022
Studierende im Hörsaal
Studierenden aus Nichtakademikerfamilien ist vieles an der Uni fremd, weil sie nicht das gleiche soziale Kaptal mitbringen wie ihre Kommilitonen aus Akademikerfamilien.
©Rolf Vennenbernd/dpa

Meine erste Erkenntnis als Studentin hatte ich gleich nach meinem ersten Tag an der Universität: Ich wusste nicht, was das Wort „Kommilitone“ bedeutet. Ich wusste nicht mal, wie man es schreibt.

Zugeben wollte ich das nicht, also habe ich den Begriff nachgeschlagen. Mein erstes Learning im Studium war eine Vokabel, für deren Nichtwissen ich mich fast schämte, mindestens jedoch unwohl fühlte – eben fehl am Platz. Aber woher sollte ich es auch besser wissen? Ich gehöre zu den Studierenden, die als Erste in ihren Familien studierten. Ich gehöre zu den Studierenden, die das Studium als große Chance und gleichzeitig die Hochschule als einen Ort voller Unsicherheiten wahrgenommen haben.

Längst sind wir keine Minderheit mehr. Laut den Ergebnissen des Hochschul-Bildungs-Reports 2020 kommen 47 Prozent der Studierenden an deutschen Hochschulen aus Nichtakademikerfamilien. Und für Menschen wie mich gibt es sogar eine eigene Zuschreibung: „Arbeiterkinder“.

Wer aus einer Nichtakademikerfamilie kommt, bricht häufiger das Studium ab

Unterschiede zwischen Arbeiterfamilien und Akademikerfamilien gibt es bereits direkt zu Beginn der Hochschulkarrieren – zumindest, was die Datenlage laut Hochschul-Bildungs-Report betrifft. Denn von 100 Schülerinnen und Schülern aus Arbeiterfamilien beginnen lediglich 27 Personen ein Studium. Haben bereits die Eltern studiert, sind es von 100 Schülerinnen und Schülern immerhin ganze 79 Personen, die sich dazu entschließen, zu studieren. Wie erfolgreich diese Studierenden sind, ist laut der Erhebung aber auch abhängig von der sozialen Herkunft. Bei Studierenden aus Nichtakademikerfamilien schließen 20 erfolgreich das Bachelorstudium ab, bei Akademikerfamilien sind es 64 Absolventinnen und Absolventen. Und nach oben dünnt es sich weiter aus. Den Master vollenden von 20 Arbeiterkindern nur noch 11, von 64 Akademikerkindern sind es 43. Woran liegt das?

Wir sollen lernen – und gleichzeitig wird Wissen vorausgesetzt

Das erste Semester beginnt für viele Studierende mit ganz vielen Fragen. Ist mein Studienfach das richtige für mich? Werde ich mich mit meinen Mitstudierenden, den Kommilitonen, verstehen? Bin ich gut genug? Diese Fragen stellen sich alle – unabhängig von der sozialen Herkunft. Vielmehr sind sie Typfragen. Ich habe sie von Personen gehört, bei denen alle Geschwister längst im Studium stecken, und ich hatte sie selbst. Und dann gibt es Fragen, die ich mich nicht einfach so auf der Erstifete zu stellen getraut habe: Wie schreibt man ein Exposé für eine Hausarbeit – müsste ich das nicht wissen? Welche Möglichkeiten habe ich, wenn ich es mir nicht leisten kann, in ein anderes Bundesland zu fahren, weil dort die Erstausgabe eines wichtigen Buchs verwahrt wird, das ich für eine Recherche brauche?

Laut der Initiative ArbeiterKind.de, die sich zum Ziel gesetzt hat, junge Menschen aus Nichtakademikerfamilien zu einem Studium zu ermutigen, decken sich meine Erfahrungen mit denen vieler Erstakademikerinnen und Erstakademiker. Oft werden zwei Themenfelder genannt, mit denen Studierende aus Arbeiterfamilien hadern: das finanzielle und das soziale Kapital.

Ungeschriebene Gesetze an der Universität

Die Universität ist ein sozialer Raum mit einer ganz eigenen Dynamik. Hier gibt es ungeschriebene Gesetze, deren Einhaltung erwartet und vorausgesetzt werden. Das beginnt bereits bei der Immatrikulation und geht in den ersten Seminaren weiter.

Mich hat zu Beginn verunsichert, wer wann etwas sagen darf. Wie ich die Professorin ansprechen kann, wenn ich Fragen habe. Überhaupt, das Lehrpersonal: Dass eine Lehrperson viel intensiver mit mir zum Lehrstoff arbeiten kann, als das noch in der Schule der Fall war – das wusste ich einfach nicht. Heute fühlt es sich an wie eine vertane Chance, mir nicht viel intensiver Feedback zu meinen akademischen Arbeiten geholt zu haben. Dazu hätte ich wissen müssen, dass das wirklich möglich ist, dass es fast schon erwartet wird. Ich aber wollte der Lehrperson nicht auf die Nerven gehen. Ich wusste nicht, dass es genau darum geht.

Würde die Lehrperson nicht schnell merken, dass ich so vieles nicht weiß? Würde sie vielleicht sogar denken, ich gehöre hier nicht hin? Das Risiko war mir einfach zu groß.

Viele meiner Mitstudierenden haben Sprechstundentermine vereinbart und ihre Fragen adressiert. Meine erste Sprechstunde hatte ich, um meine Bachelorarbeit anzumelden. Dieses Gespräch fand ich fast anstrengender als die Thesis selbst. Ich wusste schließlich, wie man wissenschaftliche Arbeiten schreibt, darin war ich geübt. Wie ich mich jedoch adäquat im Gespräch mit einer Professorin oder einem Professor verhalten soll, war mir neu. Würde die Lehrperson nicht schnell merken, dass ich so vieles nicht weiß? Würde sie vielleicht sogar denken, ich gehöre hier nicht hin? Das Risiko war mir einfach zu groß.

Privilegien werden häufig als selbstverständlich wahrgenommen

Das merkte ich auch auf Netzwerkveranstaltungen. Während viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen ganz selbstverständlich mit Professorinnen und Professoren sprachen, habe ich mich einfach nicht getraut. Mir fehlte die dazugehörige Routine, eine Anleitung, wie ich mich zu verhalten habe. Kurz: Mir fehlte das soziale Kapital. Denn Studierende aus Akademikerhaushalten hatten wahrscheinlich bereits Kontakt mit anderen Akademikern – und konnten sich in einem sicheren, wertfreien Umfeld ausprobieren. Das hat mir gefehlt. Privilegien werden häufig als selbstverständlich wahrgenommen. Aber das sind sie nicht.

Neben fachlichen Begrifflichkeiten und einem akademischen Habitus waren es bei mir vorrangig finanzielle Fragen, die zu Beginn, aber auch während des Studiums viel meiner Denkkapazität in Anspruch nahmen: Wie soll ich all das nur finanzieren? Denn ein Studium ist teuer: Die Lebenshaltungskosten für Studierende liegen 2022 in Deutschland zwischen 672 und 1.615 Euro pro Monat – an staatlichen Hochschulen ohne allgemeine Studiengebühren.

Die meisten Studierenden aus Arbeiterfamilien gehen arbeiten

Das BAföG hat bei mir nicht gereicht, also ging ich wie 69 Prozent aller Studierenden aus Arbeiterfamilien arbeiten, so ein Ergebnis der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Dabei ist die Herkunft auch entscheidend für die Art des Jobs: Mehrheitlich arbeiten Kinder aus Arbeiterfamilien in Jobs, die nichts mit ihrem Studium zu tun haben. Sie kellnern, arbeiten in Fabriken. So war das auch bei mir: Während in den Semesterferien einige meiner Kommilitonen die Welt bereisten, räumte ich zunächst im Supermarkt Regale ein. Dass ich bereits im Studium als studentische Aushilfe in meinem angestrebten Berufsfeld arbeiten und dadurch auch praktische Einblicke bekommen und wichtige Kontakte knüpfen kann, das wurde mir erst später klar.

Auch bei Förderprogrammen wie Stipendien ging ich automatisch davon aus, dass man dafür eine besonders gute Studentin sein musste. Ich dachte: „Ein Stipendium kannst du nur bekommen, wenn du ’nen Einser-Abschluss hast.“ Also habe ich mich mit diesen Möglichkeiten gar nicht erst beschäftigt. Und: Wie beantragt man das überhaupt?

Es gibt auch Programme für Auslandssemester. Ich hätte gerne eines gemacht, aber ich wusste nicht, wie. Die Chancen waren zwar für alle da, aber für mich doch weit entfernt.

Was für ein Versäumnis, denn inzwischen gibt es vielfältige Angebote, und die Wahrscheinlichkeit ist gar nicht gering, dass man ein Stipendium bekommt. Was ich auch nicht wusste: Oft sind diese Stipendien mit Mentorings und Fortbildungen verknüpft, die die Wissensdefizite zum sozialen Kapital ausgleichen sollen. Es gibt auch Programme für Auslandssemester. Ich hätte gerne eines gemacht, aber ich wusste nicht, wie. Die Chancen waren zwar für alle da, aber für mich doch weit entfernt.

Hätte ich mir mehr erarbeiten, mich mehr engagieren müssen? Schließlich waren die Informationen da, ich hätte sie nur finden müssen! Aber genau darum geht es: Arbeiterkinder müssen sich viele Dinge hart erarbeiten, die für Akademikerkinder selbstverständlich sind. Weil sich die Herausforderungen für sie gar nicht erst stellen, weil sie beispielsweise finanziell von ihren Eltern unterstützt werden können oder weil bestimmtes Wissen ganz natürlich weitergegeben wurde.

Bildungsmotivation ist keine Frage der Herkunft

Ob die Einordnung von Studierenden in Arbeiterkind und Akademikerkind sinnvoll ist, darüber lässt sich streiten. Schließlich hat jede Familie ihre eigene Bildungshistorie und einen individuellen Umgang damit. Bildungsmotivation ist keine Frage der Herkunft. Chancengerechtigkeit jedoch schon. Denn den Zugang zu Informationen, zu sogenanntem sozialen Kapital wie Netzwerke und Kontakte und zum Wissen über den Habitus – sollte da die Schule nicht bereits Mechanismen entwickeln, die zumindest dabei helfen, mehr Chancengerechtigkeit herzustellen?

Ich hätte mir gewünscht, dass es Pflichtteil in den schulischen Lehrangeboten ist, nicht nur über mögliche Berufe zu informieren, sondern auch darüber, wo die Unterschiede bei Bildungswegen sind – und zwar en détail. Denn oft liegt genau darin das Potenzial, viele Fragezeichen aufzulösen. Bestenfalls. Im schlimmsten Fall ist das Nichtwissen ein Grund für Scham, die völlig unberechtigt ist.

Mehr Informationen für Eltern

Neben Informationen für Schülerinnen und Schülern sollte es auch vermehrt niedrigschwellige Wissensangebote für Eltern geben. Denn auch wenn meine Eltern stolz darauf waren, dass ihre Tochter studiert, richtig helfen und unterstützen konnten sie nicht. Auch hier spielen Scham und Unwissenheit große Rollen. Ein Bildungsaufstieg kann für Familien gleichzeitig großartig und schrecklich sein, und dies gilt es aufzufangen und zu entmystifizieren. Wissen und Informationen sind gut. Sie setzen alles in eine logische Relation.

Heute weiß ich: Was ich erlebt habe, war eine sehr gute Schule. Nur mittendrin hätte ich mir gewünscht, es wäre ein wenig leichter gewesen. Dinge nicht zu wissen sollte nicht schlimm sein. Darin liegt aber auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Wie finden wir als Gesellschaft einen besseren Umgang damit, solche Erfahrungen zu labeln? Denn als Erste in der Familie zu studieren – darin liegt auch eine große Kraft. Und ein gesellschaftliches Potenzial.

Zur Person

  • Stella Pfeifer hat Germanistik und Soziologie an der Universität Kassel studiert und erfolgreich abgeschlossen.
  • Schon während des Studiums hat sie als freie Redakteurin gearbeitet, insbesondere als Reiseredakteurin für Verlage wie Reisedepeschen und Marco Polo.
  • Nach Stationen in verschiedenen Redaktionen als Branded Content Redakteurin (EDITION F, ze.tt) arbeitet sie jetzt als Senior Editor im Studio ZX.