Expertenstimme

PISA-Spitzenreiter : Singapur: Die Hochburg der Lehrerfortbildung

Was macht die Schulsysteme der PISA-Spitzenländer Estland, Japan, Singapur und Finnland so erfolgreich? Das hat sich Lehramtsabsolvent Alexander Brand gefragt. Nach dem Abschluss seines Ersten Staatsexamens reiste er – noch kurz vor der Corona-Pandemie – in fünf Monaten durch die vier Länder. Er schaute sich Schulen an, sprach mit Lehrkräften, Eltern und Kindern. In diesem Gastbeitrag für das Schulportal schreibt er über seine Reise nach Singapur. Eines der Erfolgsrezepte entdeckte er in den ständigen Fortbildungen, die hier ganz selbstverständlich zum Lehreralltag gehören. Die Unterrichtsverpflichtungen für Lehrkräfte sind dafür reduziert.

Alexander Brand Alexander Brand 28. April 2021 Aktualisiert am 03. Mai 2021
In der Aus- und Fortbildung setzt Singapur häufig darauf, die besten Ideen aus dem Ausland ins eigene System einzubringen.
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Jeden Dienstagnachmittag treffen sich die sechs Mathematiklehrkräfte der 9. Klassen der in dieser Woche von mir besuchten Schule am Stadtrand von Singapur. Eine bis anderthalb Stunden lang sitzen sie dicht gedrängt in einem kleinen Konferenzraum, jeder mit seinem Laptop. Sie planen Projekte, diskutieren ihre Erfahrungen und überlegen, wie sie den Unterricht für ihre Schülerinnen und Schüler verbessern können. An diesem Dienstag bin ich eingeladen, ihrem Treffen beizuwohnen.

Das Team erklärt mir, dass sie an einer Projekteinheit zur Modellierung exponentiellen Wachstums arbeiten. Die Idee: Die Schülerinnen und Schüler sollen in Zweiergruppen eine Scheibe Toastbrot in einer durchsichtigen Plastiktüte aufbewahren und über mehrere Wochen hinweg das Wachstum des Schimmels messen, der sich auf dem Brot ausbreitet. Anschließend sollen sie eine Funktion finden, die das Wachstum am besten beschreibt.

In den letzten Wochen hat jede Lehrkraft das Experiment zu Hause ausprobiert, jeweils mit einer anderen Sorte von Toastbrot. Heute präsentieren sie ihre Ergebnisse und besprechen, wie man diese Aufgabe für die Klassen am besten strukturieren könnte. Eine Lehrerin vertritt die Ansicht, dass man verschiedene Funktionen zur Auswahl stellen soll, um zu vermeiden, dass die Schülerinnen und Schüler den falschen Funktionstyp wählen, zum Beispiel eine quadratische Funktion.

Fachlehrkräfte diskutieren gemeinsam ihren Unterricht

Frau K. leitet die Diskussion und ist anderer Meinung: „Wir sind doch keine Helikoptereltern, die den Jugendlichen alles vorkauen. Auch wenn es der falsche Funktionstyp ist – wir müssen würdigen, was sie sich ausgedacht haben, solange es auf den gemessenen Daten basiert.“ Es werden mögliche Diskussionsfragen für die Klasse besprochen: Warum muss das Toastbrot zuvor mit ein wenig Staub bestreut werden? Welche Faktoren tragen zum Schimmelwachstum bei? Wie viel Schimmel wird nach 100 Tagen vorhanden sein? Eine Fangfrage, weil die Funktion mehr Schimmelfläche voraussagt, als es Brot gibt.

Zum Ende der Sitzung staune ich über die hohe Qualität der didaktischen Diskussion, der ich gerade beigewohnt habe. Zehn Minuten lang haben die Lehrkräfte über den Wortlaut einer Frage debattiert und ich habe eine Menge gelernt – nicht nur über den Unterricht in Singapur, sondern über guten Matheunterricht ganz allgemein.

Professionelle Lerngemeinschaften sind die Regel

Während meiner Hospitationen an anderen Schulen in Singapur erfahre ich, dass Szenen wie diese nicht die Ausnahme, sondern die Regel darstellen. Alle Lehrkräfte, mit denen ich spreche, sind an solchen wöchentlichen Arbeitsgruppen beteiligt. Diese Art der intensiven Zusammenarbeit ist Teil einer nationalen Strategie, um landesweit die Qualität des Unterrichts zu steigern.

Solche sogenannten „Professional Learning Communities“, zu Deutsch professionelle Lerngemeinschaften– ein Modell aus der US-amerikanischen Fortbildungsforschung – sind manchmal nach Fächern, manchmal nach Klassenstufen organisiert. Einige Gruppen arbeiten fächerübergreifend an einer didaktischen Idee, welche die Lehrkräfte ausprobieren wollen, z. B. digital gestützte Prüfungsformate. Alle Umsetzungen haben gemeinsam, dass die Treffen fest in den Stundenplänen der Lehrkräfte eingeplant sind.

Manchmal sind die Themen als Forschungsfragen angelegt, bei denen Lehrkräfte ihre Unterrichtsbeobachtungen festhalten und Daten zum Lernerfolg sammeln. Jedes Jahr bestimmt das Kollegium zusammen mit der Schulleitung verschiedene Schwerpunkte. Die Ergebnisse der Lerngemeinschaften können dann in pädagogischen Konferenzen in der eigenen Schule oder in einem Cluster von circa zwölf Schulen präsentiert werden.

Frau K., die auch meine Ansprechpartnerin an ihrer Schule ist, erklärt mir, dass die Lerngemeinschaften nur ein Teil des Fortbildungsprogramms an Schulen in Singapur seien. Alle Lehrkräfte haben Anspruch auf 100 Stunden Weiterbildung pro Jahr, die als bezahlte Arbeitszeit gelten. Regelmäßige Fortbildungen für das gesamte Kollegium oder für einzelne Fachabteilungen seien fest im Stundenplan verankert. Darüber hinaus gebe es viele Gelegenheiten zur kollegialen Hospitation. Ermöglicht wird dies dadurch, dass die Lehrverpflichtung im Vergleich zu Deutschland oft um etwa ein Drittel geringer ist.

Fortbildung bietet Chancen zum beruflichen Aufstieg

Singapur hat auch die Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs für Lehrkräfte neu konzipiert. Wenn früher eine Lehrkraft aufsteigen wollte, bedeutete das in der Regel die Übernahme von zusätzlichen administrativen Aufgaben. Wie in den meisten Schulsystemen unterschieden sich die Aufgaben von langjährigen Lehrkräften kaum von denen von Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern.

Wenn sich Lehrkräfte für die didaktische Laufbahn entscheiden, übernehmen sie mit jeder neuen Beförderungsstufe mehr Verantwortung für die Weiterbildung in ihrer Schule und in der größeren Lehrkräftegemeinschaft in Singapur

Das Ministerium führte daher als Gegenstück zur klassischen Schulleitungs-Laufbahn eine didaktische Laufbahn ein, den sogenannten „teaching track“. Wenn sich Lehrkräfte für die didaktische Laufbahn entscheiden, übernehmen sie mit jeder neuen Beförderungsstufe mehr Verantwortung für die Weiterbildung in ihrer Schule und in der größeren Lehrkräftegemeinschaft in Singapur. Die erste Stufe ist die des „Senior Teacher“. Mit leicht reduzierter Lehrverpflichtung arbeitet ein Senior Teacher vor allem als Mentorin oder Mentor für junge Lehrkräfte oder für die Kolleginnen und Kollegen, die selbst eine didaktische Laufbahn einschlagen wollen. Sie sind diejenigen Mitglieder des Kollegiums, die am häufigsten ihre Klassenzimmertüren für andere öffnen, um neue Lehrmethoden zu demonstrieren.

Eine Stufe darüber steht die Position des „Lead Teacher“, welche vom Ansehen und von der Bezahlung her der einer stellvertretenden Schulleitung gleicht. Als eine von drei Lead Teachers an der Schule hat sich Frau K. auf die Didaktik für besonders begabte Schülerinnen und Schüler spezialisiert. Sie ist stark in schulinterne Fortbildungen eingebunden, coacht erfahrenere Lehrkräfte und teilt ihr Wissen mit anderen Schulen des gleichen Clusters – und das alles ohne Verwaltungs- oder Vorgesetztenaufgaben. Ihr Ziel, so erzählt sie mir, sei es, zum sogenannten „Master Teacher“ aufzusteigen. In dieser Position würde sie die Ausrichtung der Fortbildungen zu ihrer Spezialisierung für das ganze Land mitbestimmen.

In der Aus- und Fortbildung vom Ausland lernen

In der Aus- und Fortbildung setzt Singapur häufig darauf, die besten Ideen aus dem Ausland ins eigene System einzubringen. Zum Beispiel sind alle angehenden Schulleiterinnen und Schulleiter verpflichtet, das Bildungssystem eines anderen Landes zu besuchen. An einer Singapurer Schule werde ich von einem jungen Grundschullehrer betreut, der kurz zuvor sein Masterstudium in Harvard absolviert hat – mit staatlichem Vollstipendium für Lehramtsstudierende.

Um sich für ihre jetzige Stelle zu qualifizieren, legte Frau K. mit Anfang 40 ein Sabbatjahr zur Weiterbildung ein, um an der Columbia University in New York zu studieren, einer der renommiertesten Universitäten in den USA. Im Masterstudium wollte sie sich dort auf den neuesten Stand der Unterrichts- und Lernforschung bringen. Ihr Resümee: Während der Westen vom Osten lernen will, wie man im Unterricht die Fachlichkeit stärkt, versucht der Osten beim Westen abzuschauen, wie man problemorientierter unterrichten kann. Unter diesem Zeichen stehen auch Projekte wie das anfangs beschriebene Toastbrot-Projekt, die mittlerweile in Singapur typisch sind.

Dennoch, betont die Lehrerin, werde sehr auf die Balance zwischen solchen Anwendungsprojekten und einem soliden fachlichen Fundament geachtet, das durch sorgfältig geplanten und größtenteils von der Lehrkraft gesteuerten Unterricht gelegt wird.Doch es ist bezeichnend, dass Schulen in Singapur – im Gegensatz zu vielen westlichen Schulsystemen – mittlerweile auch Klausuren durch alternative Leistungsnachweise wie Gruppenprojekte ersetzen dürfen.

Es ist geradezu paradox, dass dieses Land auf dem besten Weg zu sein scheint, die vom Westen übernommenen Ideen flächendeckender umzusetzen als so manches westliches Schulsystem. Dass Singapur so stark in die Zusammenarbeit, Fortbildung und berufliche Entwicklung seiner Lehrkräfte investiert, ist sicherlich ein Grund dafür, warum der Beruf so hohes Ansehen genießt. Doch darüber hinaus sind es genau diese Investitionen, welche Lehrerinnen und Lehrer dazu befähigen, Innovationen im Schulsystem voranzutreiben.

Zur Person

  • Alexander Brand ist angehender Lehrer für Mathematik und Physik. Mit seinem Lehramtsabschluss in der Tasche beschloss er 2019, in vier der leistungsstärksten Schulsysteme der Welt zu reisen, um die Gründe für deren Erfolg zu finden. Fünf Monate lang besuchte er Schulen in Estland, Japan, Singapur und Finnland.
  • In seinem Schulportal-Gastbeitrag „Estland: Reise ins Digital-Wunderland“ berichtete er über seine widersprüchlichen Eindrücke in Estland. Im Schulportal-Beitrag „Japan: Beharrlichkeit wird großgeschrieben“beschrieb er den „Ganbaru-Spirit“, der ihm dort an den Schulen begegnet ist.
  • Zudem schreibt er über die auf seiner Weltreise gewonnenen Erkenntnisse zu den PISA-Spitzenländern in seinem Blogund auf Twitter @Alexander_Brand.
  • Zurzeit absolviert er das Masterstudium „Bildung, Staatstätigkeit & Gerechtigkeit“ (Education, Public Policy & Equity) an der University of Glasgow in Großbritannien.