Expertenstimme

Dänemark : Mehr „hygge“ in Schulen? Von der dänischen Bildungspolitik lernen

Dänemarks Schulen gelten als innovativ, inklusiv und digital. Aber was macht die Schulpolitik im Nachbarland anders und möglicherweise sogar besser als in Deutschland? Um das herauszufinden und um sich Best-Practice-Beispiele vor Ort anzuschauen, hat das Forum Bildung Digitalisierung im September 2021 eine Bildungsreise nach Dänemark zu verschiedenen Schulen organisiert. Dabei waren auch Jacob Chammon, Vorstand des Forums, und Vincent Steinl von der Deutschen Schulakademie. In ihrem Gastbeitrag für das Schulportal schildern sie ihre Eindrücke.

Jacob Chammon und Vincent Steinl Jacob Chammon und Vincent Steinl 08. Dezember 2021 Aktualisiert am 09. Dezember 2021
Schule in Dänemark Dänische Flagge
In Dänemark dauert die gemeinsame Grundschulzeit zehn Jahre.
©Astrakan Images/Alamy Stock

Auch wer das dänische Bildungssystem wenig kennt, weiß wahrscheinlich zwei Dinge: Die dänischen Schulen sind sozial sehr inklusiv und sie sind sehr digital. Internationale Vergleichsstudien wie PISA 2018 haben gezeigt, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Dänemark nur halb so groß ist wie in Deutschland.

Und als die dänischen Schulen vor eineinhalb Jahren coronabedingt in den Distanzunterricht wechseln mussten, hat das technisch und meist auch didaktisch reibungslos funktioniert.

Verfügbarkeit von WLAN in den dänischen Schulen fast flächendeckend

ICILS 2018 hat herausgefunden, dass digitale Medien viermal so häufig für schulbezogene Zwecke eingesetzt werden und sowohl die IT-Ausstattung mit Endgeräten für Lernende als auch die Verfügbarkeit von Lernmanagement-Systemen an dänischen Schulen doppelt so hoch ist wie in Deutschland. Die Ausstattung der Lehrkräfte mit Dienstgeräten und die Verfügbarkeit von WLAN in Schulgebäuden ist sogar fast vollständig und flächendeckend. In deutschen Schulen war beides bis vor der Pandemie eher wenig ausgeprägt.

Und die Schülerinnen und Schüler in Dänemark erreichen laut der ICILS-Studie im internationalen Vergleich mit die höchsten Kompetenzen im Bereich „Computational Thinking”. Überdies ist dabei im Gegensatz zu Deutschland der Zusammenhang mit der sozialen Herkunft sehr viel geringer ausgeprägt.

Aber woran liegt das?

Im Rahmen einer Bildungsreise unter anderem mit KMK-Präsidentin Britta Ernst (SPD), zu der das Forum Bildung Digitalisierung eingeladen hatte, wollten wir diesen Fragen auf den Grund gehen und herausfinden, was wir von Schulen und Bildungspolitik in Dänemark lernen können. Einige Aspekte sind allerdings besonders herausfordernd zu transferieren, weil sie tief im System angelegt sind, so wie die Dezentralisierung der Steuerungsverantwortung und die pädagogische Autonomie der Schulen.

Wechselseitiges Vertrauen zwischen den Steuerungsebenen in Dänemark

Mit knapp sechs Millionen Einwohner:innen ist Dänemark etwas kleiner als Hessen – trotzdem wird im Bildungsministerium in Kopenhagen nur der Rahmen quasi wie „Zaunpfähle“ gesetzt: Zum Beispiel die nationalen Lernziele und Kerncurricula, zentrale Abschlussprüfungen, die Unterrichtspflicht oder die Beitragsfreiheit von Schulen.

Die Verantwortung für die Ausgestaltung dieses nationalen Rahmens liegt bei den Kommunen – und bei den Schulen selbst. Noch einmal gesteigert wird dies aktuell im Rahmen des Freiheits-Modellversuchs „velfærdsaftale“ (etwa „Wohlfahrtsstaatvereinbarung“), der den Schulen in ausgewählten Kommunen wie in Esbjerg noch mehr Freiräume ermöglicht.

Das Zukunfts-Paradigma schafft so einen diskursiven Rahmen zwischen den Akteur:innen – und ermutigt sie gleichzeitig, neue Dinge auszuprobieren.

Möglich ist dies, weil offensichtlich ein großes wechselseitiges Vertrauen zwischen den einzelnen Steuerungsebenen herrscht, dass alle „das Richtige“ machen. Man kann aber sicherlich ebenso davon ausgehen, dass dieses nicht „einfach so“ da ist, sondern immer wieder hergestellt werden muss. Aber wie geschieht dies?

Ein Strukturelement, das sich sicherlich stark auswirkt, ist die zehnjährige gemeinsame Grundschulzeit – und damit nicht nur die strukturell eingebaute Notwendigkeit von Binnendifferenzierung, sondern auch die Ermöglichung von durchgängigen Bildungsbiografien in Verantwortung einer Institution.

Bildungspolitische Konzepte sind in Dänemark zukunftsorientiert

Auf der Ebene der sozialen Interaktionen zwischen den Akteur:innen sind daneben vor allem zwei Aspekte augenfällig: eine sehr hohe Professionalität und eine ausgeprägte Zukunftsorientierung: „Die Zukunft“ spielt als Narrativ eine große Rolle – so ist zum Beispiel die Umsetzung des Freiheit-Modellversuchs in Esbjerg mit „Fremtidens Folkeskole“ („Volksschule der Zukunft“) überschrieben.

Auch andere bildungspolitische Konzepte werden mit den zukünftigen Herausforderungen begründet. Die Schulen nehmen für sich in Anspruch, pädagogische Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, die junge Menschen bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten. Das Zukunfts-Paradigma schafft so einen diskursiven Rahmen zwischen den Akteur:innen – und ermutigt sie gleichzeitig, neue Dinge auszuprobieren. Diese Offenheit ist sicherlich auch ein wichtiger Aspekt des professionellen Selbstverständnisses.

Lehrkräfteausbildung ist weniger stark abgegrenzt als in Deutschland

Dazu gehören aber noch einige weitere Facetten, die uns aufgefallen sind: Rollenklarheit, kontinuierliche professionelle Entwicklung, kollegialer Austausch, die Arbeit im Team und datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung, um nur einige zu nennen. Dies alles ist an den Schulen, die wir besucht haben, strukturell abgesichert. Dies in den Arbeitszeitmodellen für Schulleitungen und Lehrkräfte zu verankern wäre auch ein wichtiger Schritt in der deutschen Bildungspolitik. Aber es ist zugleich ein schwieriger Schritt, da er stark mit personalrechtlichen Fragen zusammenhängt.

Unterschiede gibt es außerdem bei der Lehrkräfteausbildung. Sie ist in Dänemark phasenübergreifend und stärker integriert aufgebaut – und nicht so stark abgegrenzt wie in Deutschland. Gesehen haben wir das am VIA University College in Herning, unter dessen Dach nicht nur Lehrkräfte ausgebildet werden, sondern auch das „Center for Undervisningsmidler“ (etwa „Zentrum für Lernmittel“) beheimatet ist. Das ist eine Fortbildungseinrichtung, die gleichzeitig Medienzentrum und eine Bibliothek für Lernressourcen ist – und übrigens auch dem Zukunfts-Paradigma folgt: Lehrkräfte können in einem sogenannten Makerspace beispielsweise selbst neue digitale Tools ausprobieren und neben Büchern auch neue Lernmaterialien wie Roboter, Kameras und VR-Brillen als Klassensatz ausleihen.

Kommunen in Dänemark sind größer und handlungsfähiger

Auch in Deutschland wäre eine engere Zusammenarbeit zwischen lehrkräftebildenden Hochschulen und Landesinstituten für Lehrkräftebildung, aber auch anderen Fortbildungseinrichtungen oder den in einigen Kommunen etablierten Medienzentren wünschenswert. Häufig scheitert dies an unterschiedlichen Ebenen, Ressort-Zuständigkeiten und Logiken in der Finanzierung.

Vielleicht ist gerade jetzt – angesichts der Herausforderungen der Zukunft – die Zeit für mutige Entscheidungen.

In Dänemark ist das anders: Nach einer Kommunalreform hat eine durchschnittliche Kommune in Dänemark eine Größe von 55.000 Einwohner:innen – in Deutschland ist es gerade einmal ein Zehntel. Dänische Kommunen sind damit in der Lage, die zentrale Position, die sie in der Bildungssteuerung innehaben, auch auszufüllen.

In Deutschland zeigt sich nicht zuletzt bei der Ausgabe der Mittel aus dem Digitalpakt, dass Kommunen hier teilweise große Probleme haben und wenig handlungsfähig sind. Dabei sind, gerade bei „Zukunfts-Themen“ wie der Digitalisierung, aber auch Ganztag oder Inklusion, innere und äußere Schulangelegenheiten immer schwerer zu trennen – und immer wichtiger zusammenzudenken.

Kooperation zwischen Bund, Ländern und Kommunen in Deutschland verbessern

Dies alles zeigt, dass wir vom dänischen Bildungssystem zwar viel lernen können. Aber es zeigt auch, dass eine direkte Übertragung schwierig ist. Insbesondere hinter den strukturellen Aspekten stecken teilweise jahrzehntealte Entscheidungen und Erfahrungen. Aber vielleicht ist gerade jetzt – angesichts der Herausforderungen der Zukunft – die Zeit für mutige Entscheidungen. Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung thematisiert genau dieses Zusammenspiel von Bund, Ländern und Kommunen und ruft ein Kooperationsgebot aus – ein ambitioniertes Ziel, aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, wie wir auch auf unserer Reise sehen konnten.

Wenn wir uns wünschen könnten, was Schulen und Bildungspolitik in Deutschland sich von Dänemark abschauen sollen, wären dies die Offenheit, der Optimismus und der Möglichkeitssinn hierfür!

Mehr zur Bildungsreise nach Dänemark

  • Das Forum Bildung Digitalisierung hat die Bildungsreise nach Dänemark hier dokumentiert.
  • Eindrücke von der Reise zeigt auch der Community Call:
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Zur Person

Jacob Chammon
  • Jacob Chammon ist seit April 2020 Vorstand des Forums Bildung Digitalisierung.
  • Zuvor war der gebürtige Däne Schulleiter der Deutsch-Skandinavischen Gemeinschaftsschule in Berlin und hat dort den Entwicklungsprozess zu einer digitalen Schule gestaltet.
  • Dabei konnte er auf seine Erfahrungen in Dänemark zurückgreifen. Dort hat er als Lehrer und Berater von Schulleitungen und Schulverwaltungen gearbeitet.
Vincent Steinl
  • Vincent Steinl ist seit August 2019 verantwortlich für das Kooperationsmanagement der Deutschen Schulakademie. 
  • Zuvor hat er vier Jahre lang den Aufbau des Forums Bildung Digitalisierung begleitet.
  • Neben Digitalisierung und zeitgemäßer Bildung sind Chancengleichheit und Demokratiepädagogik wichtige Themen für ihn.