Expertenstimme

PISA-Spitzenland : Japan: Beharrlichkeit wird großgeschrieben

Was macht die Schulsysteme der PISA-Spitzenländer Estland, Japan, Singapur und Finnland so erfolgreich? Das hat sich Lehramtsabsolvent Alexander Brand gefragt. Nach dem Abschluss seines Ersten Staatsexamens reiste er – noch kurz vor der Corona-Pandemie – in fünf Monaten durch die vier Länder. Er schaute sich Schulen an, sprach mit Lehrkräften, Eltern und Kindern. In seinem Gastbeitrag für das Schulportal schreibt er über seine Reise nach Japan, wo er den „Ganbaru-Spirit“ kennenlernte, was so viel bedeutet wie „nicht aufgeben“ und „sein Bestes geben“. Ist das Erfolgsgeheimnis des japanischen Bildungssystems eine Frage der Einstellung?

Alexander Brand Alexander Brand / 04. Februar 2021
Schüler sitzen in der Klasse und melden sich
Schülerinnen und Schüler in Japan besitzen den „Ganbaru-Spirit“. Rückschläge demotivieren nicht, sondern sind ein Teil des Lernprozesses.
©Foto: kyodo/dpa

Es kommt nicht oft vor, dass ich mich in der Gegenwart von 14-Jährigen underdressed fühle. Auf Wunsch meines Gastgebers, dem Leiter einer japanischen Mittelschule, stellte ich mich mit ans Schultor, während er die Schülerinnen und Schüler begrüßte, die an diesem Morgen ins Schulgelände eintrudelten. „Ohayou gozaimasu!“ – „Guten Morgen!“ Gekleidet mit blauem Blazer, Krawatte und weißem Hemd grüßten sie zurück, verneigten sich kurz und machten sich auf den Weg ins Klassenzimmer.

Schule, so würde ich es in den darauffolgenden Wochen lernen, läuft in Japan etwas anders.

„Wir wollen bei den Schülerinnen und Schülern ein Bewusstsein dafür schaffen, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind“, erzählte mir der Schulleiter später bei einer Tasse grünem Tee in seinem Büro. „Ihr Handeln beeinflusst andere in ihrem Umfeld. Daran versuchen wir sie oft zu erinnern.“

Grundschulklassen werden in Kleingruppen eingeteilt

Grundschulkinder in Japan beim gemeinsamen Mittagessen.
Das Mittagessen im Klassenzimmer und das gemeinsame tägliche Putzen gehören zum Schultag.
©Alexander Brand

Die Bedeutsamkeit von Gemeinschaft zeigt sich an vielen Stellen im japanischen Schulalltag. Grundschulklassen werden in Kleingruppen von vier bis sechs Kindern, in sogenannte Han, eingeteilt. Kinder eines Han sitzen zusammen, essen zusammen und sind kollektiv für den gemeinsamen Lernfortschritt verantwortlich. Das Mittagessen im Klassenzimmer und das gemeinsame tägliche Putzen des Klassenraumes und Schulgebäudes sind – schon in der ersten Klasse – fester Bestandteil des Schultages.

Putzpersonal gibt es keins, alle Lehrkräfte machen mit und Gäste offenbar auch. Ehe ich mich versah, drückte mir ein Schüler einen Besen in die Hand und forderte mich auf, doch mitzuhelfen.

Ab der Mittelstufe nehmen die allermeisten Schülerinnen und Schüler nach dem Unterricht an Schulklubs teil, meistens in den Bereichen Sport, Musik oder Kunst. Im Leben japanischer Jugendlicher nehmen sie einen überaus großen Stellenwert ein. Fast jeden Nachmittag und sogar am Wochenende treffen sich die Klubmitglieder mehrere Stunden lang zum Üben. Der Klub wird quasi zur zweiten Familie. Oft erstellen die älteren Klubmitglieder den Trainingsplan und unterstützen oder coachen die jüngeren. Sobald sich jemand für einen Klub entscheidet, erwartet die Schule, dass man so lange dabeibleibt, bis er oder sie am Ende des letzten Schuljahres „in den Ruhestand geht“, um sich auf die Aufnahmeprüfungen für die Highschool oder Universität vorzubereiten.

Im Klubsport werden Tugenden fürs Leben eingeübt

Ein Englischlehrer – ein Amerikaner, der seit über 25 Jahren in Japan unterrichtet – erläuterte: „Wenn du im Basketballklub spielst, spielst du im Grunde nur Basketball, und zwar 365 Tage im Jahr, drei Jahre lang.“ Er fragte einmal einen Basketballtrainer, warum Jugendliche nicht einfach eine Saison lang Basketball spielen und dann die Sportart wechseln, wie es in den USA üblich ist. Der Trainer antwortete darauf: „Basketball ist kein Sport, Basketball ist ein Weg zum Leben.“ Der Klubsport diene im Grunde nur dem Ziel, wichtige Tugenden fürs Leben einzuüben.

Die Fähigkeit, sich einer Sache über einen langen Zeitraum hinweg widmen zu können, ist in der japanischen Kultur eine Kardinaltugend. Ganbaru – japanisch für „sein Bestes geben“ oder „nicht aufgeben“ – wird Kindern schon in jungen Jahren vermittelt. Anstatt vor einer Prüfung „Viel Glück!“ zu wünschen, sagt man „Ganbatte“ („Gib dein Bestes!“). Der Prüfungserfolg hänge von den Bemühungen des Kindes ab und nicht von willkürlichen Einflüssen oder einer höheren Gewalt.

Für den Unterricht entwerfen Lehrkräfte bewusst Aufgaben, die ein wenig über dem Leistungsniveau ihrer Lerngruppe liegen, damit ihre Schützlinge ihre Frustrationstoleranz erhöhen. Sobald die Aufgabe gemeistert ist, weist die Lehrkraft explizit darauf hin, dass es harte Arbeit und Mühe waren, die die Schülerinnen und Schüler zum Erfolg geführt haben.

Erfolg wird in Japan Anstrengung statt Begabung zugeschrieben

„Wir erziehen tüchtige Menschen“, schilderte mir die Mutter eines Grundschülers. Jeden Tag gibt ihr Sohn seine Hausaufgaben bei der Lehrerin ab, aber sie korrigiert die Fehler nicht, sondern markiert nur, welche Antworten richtig und welche falsch waren. Dann bittet sie die Schülerinnen und Schüler, sich an den Aufgaben so lange zu versuchen, bis alle richtig gelöst sind. „Sie haben täglich zwar nur eine Mathe- und eine Japanisch-Hausaufgabe auf, was nicht viel ist, wenn man sie im ersten Anlauf lösen kann. Aber wenn nicht, dann summieren sich die Hausaufgaben so lange, bis man alle richtig hat.“

Wie in vielen Kulturen Ostasiens schreiben auch Japaner Erfolg eher ihren Anstrengungen als angeborenen Begabungen zu. Bis zum Ende der Mittelstufe wird folglich von so gut wie allen Schülerinnen und Schülern erwartet, dass sie dieselben anspruchsvollen Lernziele erreichen. Wenn eine Lehrkraft merkt, dass zum Beispiel ein Schüler hinter den Rest der Klasse zurückfällt, fordert sie ihn auf, nach dem Unterricht für zusätzliche individuelle Förderung dazubleiben. So werden Leistungsunterschiede innerhalb der Klasse so klein wie möglich gehalten.

Misserfolg motiviert, härter zu arbeiten

Die Betonung von Anstrengung anstelle von angeborener Intelligenz hat interessante Konsequenzen für die Art und Weise, wie Schülerinnen und Schüler auf Fehler reagieren. Der Psychologe Steven Heine untersuchte in einer Studie, wie Schulabgängerinnen und Schulabgänger aus Japan und Kanada mit Misserfolgen umgehen. Dazu führte er mit seinem Team einen Kreativitätstest bei Studierenden im ersten Semester durch. Der Schwierigkeitsgrad des Tests wurde variiert und eine Gruppe wurde dazu verleitet zu glauben, sie hätte überdurchschnittlich gut abgeschnitten, während der anderen Gruppe das Gegenteil glaubhaft gemacht wurde. Es folgte ein zweiter ähnlicher (und freiwilliger) Test mit einer Mischung aus schweren und leichten Fragen. Um die Motivation der Studierenden einzuschätzen, wurde dieses Mal auch gemessen, wie lange sie durchhielten, bevor sie den Test abbrachen.

Kanadische Studierende, die im ersten Test schlecht abgeschnitten hatten, verbrachten im Vergleich zu ihren Mitstudierenden weniger Zeit mit dem neuen Test. Dachten sie, dass sie den ersten gut gemeistert hatten, so arbeiteten sie länger am zweiten. Das Erfolgserlebnis motivierte sie. Interessanterweise zeigte sich bei den japanischen Studierenden jedoch eine gegenteilige Tendenz. Diejenigen, die im ersten Test schlecht abgeschnitten hatten, verbrachten tatsächlich mehr Zeit mit der Bearbeitung des zweiten Tests als ihre erfolgreicheren Kommilitoninnen und Kommilitonen. Der anfängliche Misserfolg motivierte sie folglich, härter zu arbeiten.

Geringere Kluft zwischen Leistungsstarken und -schwachen

Dieses überraschende Verhalten kann laut der amerikanischen Psychologin Carol Dweck durch Unterschiede im Selbstbild der Probandinnen und Probanden erklärt werden. Menschen mit einem statischen Selbstbild sehen die eigenen Fähigkeiten sowie ihre Intelligenz als angeboren und unveränderbar an. Misserfolge werden als Ausdruck fehlender Begabung interpretiert, Erfolg als Bestätigung des eigenen Talentes. Personen, die ein dynamisches Selbstbild haben, betrachten die eigenen Fähigkeiten dagegen als etwas Variables, das sich durch Anstrengung und Übung ausbauen lässt. Für sie sind Fehler Möglichkeiten, sich zu verbessern. Rückschläge demotivieren sie nicht, sondern sind ein natürlicher Teil des Lernprozesses. Mit anderen Worten: Sie besitzen den „Ganbaru-Spirit“.

Dass das japanische Schulsystem nicht nur eine geringere Kluft zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern hervorbringt, sondern auch insgesamt sehr gute Ergebnisse erzielt, sollte uns nachdenklich stimmen. Natürlich gibt es individuelle Unterschiede in den Begabungen und Möglichkeiten von Schülerinnen und Schülern. Doch es bleibt die Frage, ob es immer in unserem Interesse ist, sich auf diese Unterschiede zu fixieren. Vielleicht sollten wir stattdessen den Grundsatz verinnerlichen, dass es mit entsprechender Anstrengung und Unterstützung jedes Kind schaffen kann.

Zur Person

  • Alexander Brand ist angehender Lehrer für Mathematik und Physik. Mit seinem Lehramtsabschluss in der Tasche beschloss er 2019, in vier der leistungsstärksten Schulsysteme der Welt zu reisen, um die Gründe für deren Erfolg zu finden. Fünf Monate lang besuchte er Schulen in Estland, Japan, Singapur und Finnland.
  • In seinem Schulportal-Gastbeitrag „Estland: Reise ins Digital-Wunderland“ berichtete er über seine Eindrücke in Estland. Zudem schreibt er über die auf seiner Weltreise gewonnenen Erkenntnisse zu den PISA-Spitzenländern in seinem Blogund auf Twitter @Alexander_Brand.
  • Zurzeit absolviert er das Masterstudium „Bildung, Staatstätigkeit & Gerechtigkeit“ (Education, Public Policy & Equity) an der University of Glasgow in Großbritannien.