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Zukunft der Oberstufe : „Wissen allein reicht nicht mehr aus“

Während sich die Welt rasend schnell verändert, sei die gymnasiale Oberstufe in Deutschland seltsam statisch, schreiben die Bildungsforscherin Anne Sliwka und Marie Lois Roth in ihrem Gastbeitrag für das Schulportal. Viele Schülerinnen und Schüler quälen sich von einer Klausur zur nächsten und fragen sich nach dem Abitur, was sie eigentlich können, wollen und zu bieten haben. Wie müsste sich die Oberstufe weiterentwickeln, damit sie junge Menschen auf die Lebens- und Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts vorbereitet? Der Blick auf zwei Schulen in Australien und in Neuseeland zeigt, wie es gehen könnte.

Unterricht Oberstufe
In einer neu strukturierten Oberstufe ändert sich auch die Rolle der Lehrkraft. Es geht weniger um Wissensvermittlung, dafür mehr um konstruktive Zusammenarbeit.
©Getty Images

Das 21. Jahrhundert ist geprägt von weitreichenden gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Transformationsprozessen. Digitalisierung treibt die schnelle Veränderung von Arbeitsmärkten, Flucht und Migration erhöhen die Diversität der Bevölkerung. Gleichzeitig fordern Pandemie und Klimawandel die Weltbevölkerung dazu heraus, komplexe Probleme mit weltweiten Auswirkungen gemeinsam und effektiv zu lösen.

Vor dem Hintergrund all dieser Veränderungen wirkt die Institution Schule seltsam statisch. In diesem Text stellen wir uns vor dem Hintergrund der skizzierten Veränderungen die Frage, wie die gymnasiale Oberstufe sich weiterentwickeln müsste, um junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsenenalter gut auf die Lebens- und Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts vorzubereiten. Wenn das Abitur die „Reifeprüfung“ ist, wie sieht dann heute eine Bildung aus, die zu einer den Anforderungen an die Generation entsprechenden „Reife“ befähigt? Es geht darum, die Oberstufe unter Berücksichtigung der skizzierten Entwicklungen und des internationalen Diskurses weiterzudenken.

Kollaboratives Arbeiten in multiprofessionellen Teams ist gefragt

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Studien der „Foundation for Young Australians“ (FYA). Sie zeigen, dass sich vor allem die Digitalisierung, die Globalisierung und die Veränderung der Arbeitsformen auf die Berufs- und Lebenswelt des 21. Jahrhunderts auswirken. Erstens: Vor allem diejenigen kognitiven und manuellen Tätigkeiten, die von einem hohen Maß an Routine geprägt sind, werden automatisiert und von Computern oder Maschinen übernommen. Absolventen und Absolventinnen von Oberstufen werden bereits in naher Zukunft ganz überwiegend Tätigkeiten ausüben, die kognitiv geprägt sind und wenig Routine mit sich bringen.

Die Globalisierung, zweitens, ermöglichte schon in den vergangenen Jahren verstärkt physische Mobilität, wird aber nun zunehmend virtuelle Mobilität zur Norm machen. Hoch Qualifizierte werden verstärkt ko-konstruktiv in heterogenen Teams arbeiten, deren Mitglieder sich an unterschiedlichen Orten der Welt befinden und verschiedene Muttersprachen sprechen. Die zu bearbeitenden Sachverhalte und die zu lösenden Probleme weisen dabei eine Komplexität auf, die das kollaborative Arbeiten in multiprofessionellen Teams erfordert, die zudem in Bezug auf Kultur, Sprache oder Expertise von Diversität geprägt sind. So kann es zum Beispiel durchaus sein, dass vier von fünf Teammitgliedern die Arbeitssprache Englisch als Fremdsprache gelernt haben und unterschiedlich gut beherrschen, fünf unterschiedliche Ausbildungshintergründe aufweisen und über drei Zeitzonen verteilt arbeiten.

Jugendliche, die heute ins Berufsleben starten, werden bis zu fünf unterschiedliche Karrieren durchlaufen

Die dritte relevante Entwicklung bezieht sich auf die Veränderung von Arbeitsformen. Die FYA geht davon aus, dass die Jugendlichen von heute über ihr Berufsleben hinweg bis zu 17 unterschiedliche Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber innerhalb fünf unterschiedlicher Karrieren haben werden. Zudem wird das parallele Arbeiten in Teilzeit für mehrere Arbeitgeber gegenüber einer Vollzeittätigkeit für einen Arbeitgeber an Bedeutung gewinnen. Diese Entwicklung ist ambivalent. Die den Menschen abverlangte Flexibilität kann einerseits Chancen zur Selbstwirksamkeit bieten, andererseits aber auch Unsicherheit und Verlust an Gewissheit bedeuten. Wie sie sich letztlich auf Lebens- und Arbeitsqualität auswirken wird, hängt von dem sozialstaatlichen Rahmen ab, den es im 21. Jahrhundert politisch neu zu gestalten gilt.

Neben den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert sich die Oberstufe auch durch die Zusammensetzung der Schülerschaft. So hat sich der Anteil einer Jahrgangskohorte, der eine Oberstufe besucht, von ca. 2 Prozent vor 100 Jahren über 11 Prozent im Jahr 1968 auf bis zu aktuell 50 Prozent entwickelt, was nicht nur vor dem Hintergrund höherer Bildungsaspirationen und besserer Bildungschancen, sondern vor allem auch vor dem Hintergrund eines kontinuierlichen „Upskilling“ und „Upgrading“ von Berufsprofilen zu verstehen ist. Das heißt: Mit den wachsenden Anforderungen wachsen auch die Zugangsvoraussetzungen zu vielen Berufen.

Homogene Lerngruppen gibt es in der Oberstufe nicht mehr

Die Vorstellung, dass die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe eine homogene Lerngruppe seien, kann daher als überholt gelten. Bildungsbiografien von Oberstufenschülerinnen und -schülern unterscheiden sich – bedingt durch unterschiedliche Bedingungen des Aufwachsens – erheblich voneinander. In der Oberstufe kann es daher nicht mehr Ziel sein, eine hohe Messlatte zu setzen, die alle im gleichen Tempo und mit der gleichen Unterstützung erreichen müssen. Im Gegenteil kann angesichts der Heterogenität der Schülerschaft vielmehr davon ausgegangen werden, dass die hohen Qualifizierungsanforderungen des 21. Jahrhunderts im Kontext der Oberstufe nur durch Diagnostik, Differenzierung und Flexibilisierung erreicht werden können. „One Size Fits All“ kann den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Lernenden in der Oberstufe nicht mehr gerecht werden und zudem ihre (teils versteckten) Potenziale nicht angemessen sichtbar machen und fördern.

Im internationalen Diskurs über die Weiterentwicklung der Oberstufe kristallisieren sich vor den skizzierten Veränderungen zwei Entwicklungsstränge heraus: Einerseits geht es darum, durch neue Lehr- und Lernformen die Oberstufe zu einem Lernraum für Wissen und Kompetenzen – die sogenannten 21st Century Skills, die im 21. Jahrhundert rapide an Bedeutung gewinnen – weiterzuentwickeln, um eine adäquate Vorbereitung auf die Berufs- und Lebenswelt zu ermöglichen. Andererseits bietet eine stärkere Flexibilisierung und Modularisierung der Oberstufe bessere Möglichkeiten, der Heterogenität von Bildungsbiografien gerecht zu werden, um für ganz unterschiedliche Menschen ein hohes Leistungsniveau in Kernbereichen der Bildung mit der Entfaltung individueller Potenziale zu verbinden.

Wissen als der zentrale Rohstoff, reicht allein nicht mehr aus

Dass Wissen nach wie vor eine zentrale Kategorie von Bildung ist, haben kognitionspsychologische Studien immer wieder zeigen können. Ohne substanzielles und vertieftes (Fach-)Wissen ist weder Problemlösen noch kritisches Denken oder kreatives Handeln möglich. In der „Wissensgesellschaft“ muss Wissen vielmehr als zentraler Rohstoff von Bildungsprozessen verstanden werden. Wissen allein reicht aber eben auch nicht mehr aus. Dazu kommen die sogenannten 21st Century Skills, oft pointiert zusammengefasst durch die vier K „Kommunikation“, „Kollaboration“, „Kritisches Denken“ und „Kreativität“.

Dahinter steckt auch die lauter werdende Forderung, die Oberstufe als Lernraum für Handlungskompetenz (Agency) auszugestalten. Der die Oberstufe vielerorts noch dominierende lehrkraftzentrierte Unterricht wird dieser Anforderung kaum gerecht. Es braucht daher neue Lehr-/Lernformate, die anspruchsvolles und vertieftes Fachwissen mit Phasen des auf dieses Wissen bezogenen Forschens und Handelns in einem kohärenten Lernsetting verknüpfen. Wie ein solches „Deeper Learning“ in der Oberstufe realisiert werden kann, soll anhand von Einblicken in die Praxis zweier innovativer staatlicher Schulen aus Australien und Neuseeland verdeutlicht werden.

Fächerübergreifende Module in hybriden Lernumgebungen in der Oberstufe

Die Australian Science & Mathematics School (ASMS) in Adelaide/Südaustralien richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge zehn bis zwölf, die einen Fokus auf Mathematik und Naturwissenschaften legen möchten. Das Curriculum der Jahrgänge zehn und elf basiert auf zwölf interdisziplinären Modulen, die in einer hybriden Lernumgebung – vor Ort im modernen Schulgebäude und in einer multifunktionalen digitalen Lernumgebung –unterrichtet werden.

Neben Modulen wie „Truth and Perception“, „Dream, Design, Develop“ oder „Sustainable Futures“ gibt es zum Beispiel das Modul „Body in Question“, in dem Schülerinnen und Schüler sich zunächst naturwissenschaftliches Fachwissen zu unterschiedlichen Innovationen im Kontext von Medizin und Gesundheit aneignen. In einem nächsten Schritt arbeiten sie dann zunehmend selbstständiger in Teams an Projekten, die hierzulande am ehesten mit Projekten bei „Jugend forscht“ vergleichbar sind.

Die Module wurden in Teams von Lehrkräften – unter Einbezug von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – kooperativ entwickelt. Jedes Modul wird in der digitalen Lernplattform durch passende Lernvideos, digitale Vorträge, Arbeitsmaterialien abgebildet. Bei „Body in Question“ wird tiefgreifendes Fachwissen aus Mathematik, Physik, Psychologie, Physiologie und Immunologie einbezogen und sinnvoll miteinander verknüpft. Die Projekte, die dann, darauf basierend, von den Schülerteams bearbeitet werden, ermöglichen die authentische Aneignung von „Agency“ und 21st Century Skills in einer situierten und hybriden Lernumgebung. Den Lernenden stehen dabei nicht nur Fachlehrkräfte als Mentoren zur Verfügung, sondern häufig auch Expertinnen und Experten, die per Videocall oder vor Ort hinzugezogen werden.

Fachliches Wissen nutzen, um kreative Lösungen zu entwickeln

Das Rolleston College in der Nähe von Christchurch/Neuseeland ist eine Oberstufenschule, die im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Erdbeben 2011 pädagogisch wie auch baulich als „21st Century School“ konzipiert wurde. Das Schulkonzept basiert auf drei unterschiedlichen „Hülsen“, in denen Lernen stattfindet: „AKO“, „Selected“ und „Connected“.

  • „AKO“ ist ein innovatives Konzept, um Fähigkeiten in den Schlüsselbereichen Englisch und Mathematik jeweils passgenau zum Lernstand jeder oder jedes Einzelnen weiterzuentwickeln.
  • „Selected“ umfasst ein breites Wahlpflichtangebot, das von hochakademischen Kursen (wie Japanisch und mathematischer Beweisführung) bis zu handwerklichen Angeboten wie „Kulinaristik international“ für jede und jeden Lernenden einen zu Persönlichkeit und Talenten passenden Weg durch die Oberstufe ermöglicht.
  • Das sogenannte „Connected Learning“ schafft einen Raum für fächerübergreifende Projekte. Ähnlich den Modulen an der ASMS werden hier von Lehrkräften in Teams entwickelte interdisziplinäre Projektkurse angeboten, die den systematischen Wissensaufbau im Kontext der Aneignung von 21st Century Skills ermöglichen. In einem „Connected“-Projekt entwickeln die Lernenden zum Beispiel eigene „Food Products“. Sie eignen sich mithilfe von Expertengesprächen und digital verfügbaren Informationen Fachwissen aus Biologie, Medizin und Nahrungsmittelchemie an, entwickeln dann in Teams auf Basis von selbst geführten Interviews drei konzeptionelle Designs möglicher Food-Produkte, um sich dann auf eines zu einigen. Dieses wird zu einem Prototyp weiterentwickelt, der dann zum Beispiel chemisch und ernährungsphysiologisch untersucht wird, bevor er in größerer Zahl produziert wird. Das Beispiel zeigt: Schülerinnen und Schüler sollen fachliches Wissen auf der Basis ihrer Neugier und Vorstellungskraft nutzen, um kreative Lösungen zu entwickeln.

Lehrkräfte nehmen unterschiedliche Rollen ein

Beide Beispiele geben einen Einblick, wie sich das Lernen in der Oberstufe verändert. Vertieftes Fachwissen ist eine Voraussetzung für kreatives Problemlösen – doch es geht nicht mehr ausschließlich um Wissensvermittlung, sondern um das Arbeiten mit Wissen. Von Lehrkräften ko-konstruktiv vorbereitete interdisziplinäre Projekte in hybriden Lernumgebungen schaffen einen Raum, in dem Oberstufenschülerinnen und Oberschüler sich weit mehr aneignen können, als das der klassische lehrerzentrierte Oberstufenunterricht vermag: Im Fokus steht nicht mehr der Wissenserwerb für die Klausur, sondern die aktive Arbeit mit dem „Rohstoff Wissen“ im ko-konstruktiven Lösen von Problemen oder im ko-kreativen Gestalten.

Das verändert Raum und Zeit. Aus dem 45-Minuten-Unterricht wird eher ein Zeitfenster von 90 oder 100 Minuten. Der Raum ist nicht mehr durch vier Wände begrenzt, sondern wird durch eine hybride Lernumgebung in die Welt erweitert. Lehrkräfte nehmen unterschiedliche Rollen ein – von Lerndesignerinnen und -designern im Team mit anderen über die klassische Rolle der Wissensvermittlerinnen und -vermittler bis hin zu Coaches und Mentorinnen und Mentoren, die bei Bedarf Lerngerüste bauen und formatives Feedback geben.

Der Handlungsdruck war schon vor der Corona-Krise groß. Viele Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschüler quälen sich durch eine eng getaktete Zeit von einer Klausur zur nächsten und fragen sich nach dem Abitur, was sie eigentlich können, wollen und zu bieten haben.

Die vergangenen Wochen haben uns zwei Dinge gezeigt. Erstens: Die Probleme unserer Zeit sind so komplex, dass wir sie nur noch gemeinsam handelnd bewältigen können. Und zweitens: Veränderungen im Schulsystem sind auch schnell möglich. Jetzt wäre daher der richtige Zeitpunkt, um das Lernen in der Oberstufe endlich ins 21. Jahrhundert zu führen.

Zur Person

  • Anne Sliwka ist Professorin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg. Sie forscht über Schul- und Schulsystementwicklung sowie Lehrerprofessionalität in international-vergleichender Perspektive. Als Mitglied des Programmteams der Deutschen Schulakademie verantwortet sie das Thema: „Neue Oberstufe entwickeln“. Das Programmteam hat elf Themen definiert, die für eine erfolgreiche Schulentwicklung relevant sind.
  • Marie Lois Roth studiert an der Universität Heidelberg Englisch & Philosophie, Profillinie Lehramt Gymnasium mit dem Ziel Master of Education. Seit April 2020 ist sie als Mitarbeiterin bei Anne Sliwka im Rahmen einer Erarbeitung zum Thema „Neue Oberstufe“ für die Deutsche Schulakademie tätig. Außerdem ist sie Mitglied im Arbeitskreis Lehramt des Studierendenrates der Universität Heidelberg.

Mehr zum Thema

Quellen

Weiterführende Links zu Deeper Learning und 21st Century Skills: