Expertenstimme

Nationaler Bildungsbericht : Bildung muss Vorrang haben

Noch weiß niemand genau, wie hoch die Lernrückstände tatsächlich sind, die die coronabedingten Einschränkungen im Schulbetrieb verursacht haben. Wahrscheinlich aber ist, dass sie längerfristige und umfassende Folgen haben werden. Schulportal-Gastautor Werner Klein hat sich die Wirkungen und Erträge von Bildung genauer angeschaut und zeigt auf, wie sich ein Mangel an Bildung in der persönlichen Lebensführung und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben niederschlägt.

Werner Klein Werner Klein / 02. Oktober 2020
Pflanze Erde Hand als Symbol für Erträge von Bildung
Gastautor Werner Klein zeigt, wie sich Bildung auf das persönliche Leben und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben auswirkt.
©saruyat/iStock

Die Corona-Pandemie mit den sozialen Einschränkungen führt vielen Menschen nicht nur den Wert eines lange vermissten Restaurantbesuchs, einer gestrichenen Urlaubsreise oder einer ausgefallenen kulturellen Veranstaltung vor Augen, sondern macht vor allem den hohen Stellenwert deutlich, den Bildung für jeden Einzelnen und jede Einzelne wie für die Gesellschaft insgesamt hat.

Lassen sich Urlaubsreisen, Restaurant- und Konzertbesuche nachholen, sobald das Virus medizinisch beherrschbar sein sollte, bleibt die Frage offen, inwieweit und ob überhaupt die durch Kita- und Schulschließungen entstandenen Entwicklungs- und Lernrückstände wieder aufgeholt werden können. Aber auch für die berufliche Bildung, für Hochschulen und für Weiterbildungsangebote, die ebenfalls von erheblichen Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie betroffen sind, stellt sich diese Frage. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Ergebnisse des im Sommer 2020  vorgelegten Berichts „Bildung in Deutschland“ zu längerfristigen Wirkungen und Erträgen von Bildung an aktueller Bedeutung.

Bildung ist mehr als Kompetenzerwerb

Wie umfangreich die Entwicklungs- und Lernrückstände von Schülerinnen und Schülern durch die coronabedingten Schließungen von Schulen ab März 2020 sind, werden Lehrerinnen und Lehrer erst in diesem Schuljahr feststellen. Die dazu vorliegenden Umfrageergebnisse zu den tatsächlichen Lernzeiten zeigen, wenig überraschend, dass das Ausmaß von dadurch entstandenen Lernrückständen trotz Fernunterricht und tageweise wieder aufgenommenem Präsenzunterricht groß ist und eng mit dem sozialen Hintergrund der Kinder und Jugendlichen korreliert.

Corona könnte sich damit als ein Virus erweisen, das nicht nur die Gesundheit bedroht, sondern mit der zunehmenden Dauer von Einschränkungen des regulären Schul- und Bildungsbetriebs die ohnehin bestehende Bildungsungerechtigkeit mit gravierenderen Auswirkungen auf die Erträge von Bildung  weiter verschärft.

Dies ist umso beunruhigender, als schulische Bildung weit mehr umfasst als den Erwerb von Kompetenzen. Laut Bildungsbericht soll Bildung das Individuum in die Lage versetzen, bei sich stetig ändernden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ein selbstbestimmtes Leben zu führen und unabhängig von seiner sozialen oder ethnischen Herkunft am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Außerdem soll sie der Gesellschaft ermöglichen, ihren Bedarf an qualifizierten Fachkräften zu sichern.

Corona könnte sich damit als ein Virus erweisen, das nicht nur die Gesundheit bedroht, sondern mit der zunehmenden Dauer von Einschränkungen des regulären Schul- und Bildungsbetriebs die ohnehin bestehende Bildungsungerechtigkeit mit gravierenderen Auswirkungen auf die Erträge von Bildung weiter verschärft.   Was bei weiteren Schließungen oder Einschränkungen von Bildungsangeboten auf dem Spiel stünde, wird  anhand folgender Daten  deutlich:

Gute Bildung zahlt sich aus

 Arbeitsmarktbezogene Erträge: Mit zunehmendem Bildungsstand nimmt die Quote der Erwerbstätigkeit zu. Auch wenn sich die Erwerbsquote von Menschen ohne einen beruflichen Abschluss aufgrund der guten wirtschaftlichen Lage der vergangenen Jahre positiv entwickelt hat, lag sie 2014 bis 2018 dennoch um knapp 20 Prozent unter der Erwerbsquote von Personen mit einem berufsbildenden Abschluss im Sekundarbereich II.

  • Personen ohne einen beruflichen Abschluss waren 2016 etwa neun Mal so häufig arbeitslos wie Personen mit einem Hochschulabschluss und ca. fünf Mal häufiger als Personen mit einem beruflichen Ausbildungsabschluss.
  • Bedingt durch die Corona-Pandemie hat zwar die Arbeitslosigkeit unter akademisch ausgebildeten Menschen stärker zugenommen als bei gering Qualifizierten. Aber Akademikerinnen und Akademiker konnten häufiger als Personen mit einem geringeren Bildungsniveau ins Homeoffice wechseln und damit eine höhere Flexibilität in einer zunehmend digitalen Arbeitswelt zeigen.
  • Arbeitszufriedenheit: Auch wenn die Arbeitszufriedenheit in Deutschland im Bildungsbericht 2020 als allgemein sehr hoch eingeschätzt wird, zeigt sich, dass sich die Qualität eines Bildungsabschlusses nicht nur positiv auf die Erwerbstätigkeit, sondern auch auf die Arbeitszufriedenheit auswirkt.
  • Monetäre Erträge: Der seit 2000 bestehende Aufwärtstrend im Stundenlohn für Hochschulabsolventinnen und -absolventen sowie für Personen mit einem Meisterabschluss oder einem äquivalenten Abschluss ging an gering qualifizierten Arbeitsnehmerinnen und Arbeitnehmern ohne einen Bildungsabschluss vorbei; sie verdienten über den gesamten Zeitraum auch zunehmend weniger als Personen mit einem dualen Abschluss.
  • Die wachsende Differenz der Löhne zwischen gering und hoch Qualifizierten verweist auf die zunehmende Bedeutung von Bildung für die monetären Erträge in einer wissensbasierten Wirtschaft.

Gute Bildung trägt zur Gesundheit bei

 Als für das Wohlergehen der Menschen wichtiger nichtmonetärer Ertrag beeinflusst der Bildungsstand auch eine gesundheitsbewusste Ernährung. Formal gering Qualifizierte ernähren sich mit der geringsten und Hochschulabsolventinnen und -absolventen mit der höchsten Wahrscheinlichkeit in einer gesunden Art und Weise.

Dies wird in einem gesonderten Schwerpunktkapitel des Bildungsberichts 2018 „Wirkungen und Erträge von Bildung“ an Beispielen wie Rauchen, Sport und Übergewicht ausgeführt:

  • Mit zunehmendem Bildungsstand rauchen Personen weniger, zusätzlich werden geschlechtsspezifische Muster deutlich, da Frauen generell  seltener rauchen als Männer.
  • Auch die Wahrscheinlichkeit, sich regelmäßig sportlich zu betätigen, wird vom Bildungsstand beeinflusst. So sind Personen mit höherem akademischem Bildungsstand sechs Mal häufiger regelmäßig sportlich aktiv als Personen mit einem Abschluss im Sekundarbereich II.
  • Im Zusammenwirken mit individuellen Dispositionen kann niedrigere Bildung im Extremfall zu Adipositas führen. Umgekehrt gilt: Je höher der Bildungsstand einer Person ist, desto seltener ist diese adipös. So gelten in Deutschland unter den Personen mit einem höheren akademischen Abschluss 10,5 Prozent als adipös, während dieser Anteil unter den Personen mit einem Abschluss im Sekundarbereich II bei 20,5 Prozent liegt.

 Gute Bildung fördert politisches Interesse

 Politisches Interesse und gesellschaftliches Engagement sind wichtige Voraussetzungen für eine lebendige, funktionierende Demokratie. Beide Einstellungen sind eng mit dem Bildungsstand verbunden und damit ein weiterer zentraler nichtmonetärer Ertrag von Bildung:

  • Personen mit einem höheren Bildungsstand zeigen mit höherer Wahrscheinlichkeit politisches Interesse, gehen tendenziell häufiger zu Wahlen und nehmen eher an nichtinstitutionellen Formen der politischen Beteiligung teil wie Petitionen, Unterschriftensammlungen oder Demonstrationen.
  • Im Unterschied dazu sind Personen mit einem Abschluss in der dualen Ausbildung seltener politisch interessiert. Die geringste Wahrscheinlichkeit, sich politisch zu interessieren, verzeichnen die formal gering Qualifizierten. Hier gibt weniger als ein Fünftel an, politisch interessiert zu sein.
  • Machten bei der Bundestagswahl 2017 insgesamt 55,2 Prozent aller wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger im Wahllokal und 22,1 Prozent per Briefwahl von ihrem Wahlrecht Gebrauch, zeigte sich, dass die Wahlbeteiligung bei höherem Schulabschluss zunahm. Lag die Wahlbeteiligung im Wahllokal von Personen im Alter von 40 bis 59 Jahren mit Fachhochschulreife oder Abitur bei 65 Prozent, betrug sie bei Personen mit einem Hauptschul-, Volksschul- oder ohne Schulabschluss in der gleichen Altersspanne lediglich 50 Prozent.

Gute Bildung stärkt ehrenamtliches Engagement

Neben dem politischen Interesse steht auch das ehrenamtliche gesellschaftliche Engagement in einem positiven Zusammenhang mit dem Bildungsabschluss:

  • Insgesamt gilt, dass sich über alle Altersgruppen hinweg Personen mit höherem Bildungsstand häufiger ehrenamtlich engagieren als Personen mit einem niedrigeren Bildungsstand.
  • Dieser Zusammenhang zeigt sich bereits in der Schulzeit. Dem dritten Engagementbericht, den das Bundesfamilienministerium im Juni 2020 veröffentlicht hat, zufolge engagieren sich 60 Prozent der Jugendlichen ehrenamtlich. 73 Prozent davon besuchen  ein Gymnasium, 48 Prozent eine Hauptschule.

Mangelnde Bildung, so das Resümee, wirkt sich in negativer Weise nicht nur auf die Integration und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus, sondern auch auf die persönliche Lebensführung und die Teilhabe an sozialen wie gesellschaftlichen Aktivitäten.

Mangelnde Bildung passt daher gut ins Geschäft all derjenigen, die eine offene und lebendige demokratische Gesellschaft ablehnen.

Populisten, Nationalisten, Verschwörungstheoretiker, die zurzeit nicht nur in Deutschland eine beunruhigende Konjunktur erleben, weil sie die durch Corona ausgelösten Ängste mehr oder weniger geschickt für ihre Zwecke nutzen, setzen auf Vorurteile, Stereotype und Neidgefühle gegenüber Minderheiten. Wahlen werden gewonnen durch nationalistische Parolen, haltlose Versprechungen und Diskriminierung von Lebensformen, die von der Mehrheitsgesellschaft abweichen. Aufklärung durch Fakten, kritische Vernunft, objektive Informationen, ein offener Diskurs sind dabei störend. Mangelnde Bildung passt daher gut ins Geschäft all derjenigen, die eine offene und lebendige demokratische Gesellschaft ablehnen.

Kants Forderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, gilt daher in Zeiten der Corona-Pandemie mehr denn je. Kritische Urteilsfähigkeit, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv einzubringen als unverzichtbare Voraussetzungen für das Funktionieren demokratischer Gesellschaften entstehen aber nicht von selbst, sondern gehören zum Bildungsauftrag von Schule.

Intelligente Unterrichtsformen sind gefragt

Bildung sollte daher nicht nur in Zeiten der Corona-Pandemie absoluten Vorrang in einer demokratischen Gesellschaft haben. Das bedeutet aktuell, den Kita- und Schulbetrieb, soweit dies unter den gegebenen hygienischen Vorsichtsmaßnahmen zu verantworten ist, stabil aufrechtzuerhalten und Schule um intelligente neue Unterrichtsformen wie den Hybridunterricht als Verbindung von Präsenz- und Fernunterricht zu erweitern. Erneute Schließungen gesamter Kitas und Schulen sollten durch gezielte Nachverfolgungen von Infektionen, umfangreiche Testungen und die strikte Einhaltung von Vorsichtsmaßnahmen vermieden werden.

Unabhängig von der aktuellen Situation und als Lerneffekt aus der Corona-Pandemie sollte Bildung in jeder Hinsicht den ihr zustehenden zentralen Stellenwert in dieser Gesellschaft einnehmen. Dies bedeutet in jedem Falle, deutlich mehr finanzielle Mittel für den Bildungsbereich als Investition in die Stabilität dieser Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, um die erheblichen personellen wie materiellen Ausstattungsdefizite an Schulen, vor allem im Bereich digitaler Bildung, zu beheben .

So könnte langfristig verhindert werden, dass Viren jeglicher Art den Zusammenhalt und die Grundlagen dieser demokratischen Gesellschaft gefährden.

Zur Person

  • Werner Klein leitete beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz in Berlin die Abteilung Qualitätssicherung, internationale und europäische Angelegenheiten und Statistik.
  • Zuvor arbeitete der Pädagoge im Bildungsministerium Schleswig-Holstein als Leiter des Referats Qualitätsentwicklung an Schulen und im Landesinstitut.
  • Schwerpunkte seiner Arbeit sind systematische Schulentwicklung und Bildungsmonitoring.
  • Werner Klein gehörte bis Ende 2019 zum Programmteam der Deutschen Schulakademie.