Expertenstimme

Schulentwicklung : Corona-positiv: Innovationsschub für das Bildungssystem?

Die Corona-Pandemie hat den Schulalltag verändert. Seit Monaten kann der Unterricht nicht mehr so stattfinden, wie wir es über Jahrzehnte gewohnt waren. Der Bildungsforscher Michael Schratz, der auch Sprecher der Jury des Deutschen Schulpreises ist, lenkt den Blick aber weg von den Einschränkungen hin zum Innovationsschub, den viele Schulen durch die neue Situation erlebt haben. In seinem Gastbeitrag für das Schulportal nennt er fünf Schlüsselbereiche, in denen Schulen sich schon auf den Weg gemacht haben und sich weiterentwickeln sollten.

Michael Schratz Michael Schratz / 29. Dezember 2020
Innovationsschub für Schulen Kinder auf Schulflur
Die Corona-Pandemie hat den Schulalltag auf den Kopf gestellt. Gewohntes konnte nicht mehr stattfinden. Zugleich hat die Krise aber auch für einen Innovationsschub gesorgt.
©Josef Vostrek/CTK/dpa

Die pandemiebedingte Unterbrechung des gewohnten (Schul-)Alltags hat vieles verrückt, was bisher als nicht hinterfragbar galt: Tradierte Normen, gelebte Strukturen und strikt getaktete Abläufe wurden von einem Tag auf den anderen außer Kraft gesetzt. Was haben Schulen aus der Jahrhundertchance eines sozialen Experiments gelernt, das es forschungsethisch nie hätte geben dürfen?

„Die Corona-Pandemie bot uns die großartige Chance, Schule neu zu denken!“, so drückte es eine Schulleiterin aus. „Neu denken“ meint, jenen Träumen und Visionen zum Durchbruch zu verhelfen, die viele als innere Bilder einer idealen Schule in sich tragen. „Das Bedürfnis nach Veränderung war schon vorher da – aber der Zeitpunkt nicht“, hieß es an einer anderen Schule.

Wie kommt das Neue in die Schule?

Der Not geschuldet, hat die unvorstellbare Situation „Es ist Schule und keiner geht hin“ – von Ministerium über Schulamt bis zur einzelnen Schule – „engagiertes Chaos“ ausgelöst, wie es ein Schulleiter beschrieb. Der „ver-rückte“ Alltag war neu zu organisieren – die alten Muster funktionierten nicht mehr, neue waren noch nicht vorhanden. Das hat für einen Innovationsschub gesorgt.

Michael Schratz
Bildungsforscher Michael Schratz
©Universität Innsbruck

 

Der Wegfall der strukturierten Regelungsdichte hat somit zum Verlust von Orientierung und Sicherheit geführt, aber dafür Chancen eröffnet, aus den eingefahrenen Strukturen auszubrechen.

Die Innovationsforschung erkennt in der Inkubationsphase die Grundlage für das Entstehen von Neuem, denn das bisher Gewohnte wird infrage gestellt. So waren die im Präsenzunterricht verwendeten Arbeitsblätter für den Distanzunterricht kaum brauchbar, eine bestimmte Schülerschaft wurde damit gar nicht erreicht.

Der Wegfall der strukturierten Regelungsdichte hat somit zum Verlust von Orientierung und Sicherheit geführt, aber dafür Chancen eröffnet, aus den eingefahrenen Strukturen auszubrechen, zu experimentieren und sich auf Unbekanntes einzulassen. Dazu der O-Ton aus einer Schule: „Corona bildete in dieser Zeit nicht nur eine enorme Herausforderung, sondern auch einen unverhofften Anstoß, überkommene Strukturen infrage zu stellen und aufzubrechen, und das in einer Geschwindigkeit, die in einer normalen Situation unwahrscheinlich gewesen wäre.“

Bewerbungen für denDeutschen Schulpreis Spezial 2020/21“ zeigen Innovationsschub

Viele Kollegien wurden ermutigt, unkonventionelle Wege zu gehen und agile Schritte zu setzen. Dazu waren Kreativität, Problemlösen, Eigenwilligkeit und Willenskraft genauso gefragt wie Perspektiven und Visionen. Besondere Sensibilität erforderte der Umgang mit der schwer erreichbaren Schüler- sowie mit der besorgten und belasteten Elternschaft. Dazu gab es vielfältige Ideen, Konzepte und Maßnahmen, wie die Bewerbungen für den Deutschen Schulpreis Spezial 2020/21 zeigen.

Der Reichtum an kreativen Lösungen, die Schulen ge- und erfunden haben, lässt fünf Schlüsselbereiche erkennen, in denen das Innovationspotenzial für die zukünftige Entwicklung von Schule und Unterricht genutzt werden kann: Gestaltung von Raum, Zeit, Beziehung, Digitalität, Well-being.

Der Raum als „dritter Pädagoge“

Der virtuelle Raum wurde zum „dritten Pädagogen“ zwischen Lehrenden und Lernenden. Nicht die räumliche Nähe bestimmte den Unterrichtserfolg, sondern die lernseitige Haltung: Manche Kinder und Jugendliche berichteten, sich im virtuellen Raum mehr eingebracht oder mehr persönlichen Kontakt zur Lehrperson gehabt zu haben als im Klassenzimmer. Pandemiebedingt erfolgte ein neues Nähe-Distanz-Bewusstsein, die stärkere Einbeziehung des Lebensraums und die Öffnung des Schulraums zum Umfeld, zum Beispiel in der „Draußenschule“.

Die Zukunftsfrage: Welche Möglichkeitsräume (er)finden wir, die auf Kreativität abzielen und die Lebenswelt einbeziehen, um alle Schülerinnen und Schüler zu erreichen, ohne dass sie ihren Unterricht im Klassenraum absitzen müssen?

Zeit schafft Struktur

Die Einteilung der Zeit taktet den Schulalltag und bestimmt über Freiheit und Kontrolle. Je mehr Kinder und Jugendliche bereits im regulären Unterricht Verantwortung für ihre eigene Lernzeit übernehmen konnten, umso leichter taten sie sich. Zeitmanagement, Selbstverantwortung und die zeitliche Organisation im Alltag erfordern entsprechendes Training.

Die Zukunftsfrage: Welche zeitliche Organisation von Lerngelegenheiten sehen wir vor, um die Nutzung von „Qualitätszeit“ in die Eigenverantwortung der Betroffenen zu geben und deren Fähigkeit zur Strukturierung des Alltags zu stärken?

Beziehung braucht einander

Der Verlust an Nähe hat trotz oder gerade wegen der Distanz die Bedeutung der Beziehung erst richtig spürbar gemacht. Das Ausbleiben von Feedback oder gar das „Verlieren“ einzelner Kinder hat deutlich gemacht, dass Unterricht ein responsives Geschehen ist. Ebenso das Miteinander im Kollegium, was sich in der Aussage offenbart: „Ohne Psychologen und Sozialarbeiter wären wir schlichtweg aufgeschmissen!“

Die Zukunftsfrage: Wie gestalten wir Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden, Elternhaus und Schule sowie innerhalb des Kollegiums, um den Bildungserfolg jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen sicherzustellen?

Schule im Zeitalter der Digitalität

Der Digitalisierungsschub an Schulen war dem „Notunterricht“ geschuldet. Er machte diesbezügliche Schwachstellen im System sichtbar, insbesondere auch im Hinblick auf Chancengerechtigkeit. Mehr denn je stellen sich Fragen, wie junge Menschen im Zeitalter der Digitalität und der damit verbundenen gesellschaftlichen Transformation (über)leben lernen.

Die Zukunftsfrage: Wie nutzen wir den Digitalisierungsschub, um die künftigen Generationen auf die veränderten globalen Herausforderungen zur Selbstbestimmung und -verantwortung vorzubereiten?

Well-being als gesellschaftliche Perspektive

Die Schulschließung offenbarte, was Kinder an Schule haben: Die fehlende Sicherheit hat vielerorts das Leben destabilisiert und zu psychosozialen Herausforderungen geführt. Je stärker Kinder in der Schule Resilienz entwickeln können, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Leben ungewohnten Herausforderungen und unklaren Situationen mit Selbstwirksamkeit und Zuversicht begegnen.

Die Zukunftsfrage: Welche Maßnahmen setzen wir, damit Kinder und Jugendliche zu gereiften Persönlichkeiten werden, die im gesellschaftlichen Miteinander ein erfülltes Leben führen können und die erforderliche Resilienz erwerben, um an Herausforderungen zu wachsen?

Schulen brauchen Freiraum, um Innovationsschub zu nutzen

Aus den disruptiven Erfahrungen stellen sich abschließend die zentralen Fragen:

  • Passen unsere fest eingewurzelten Vorstellungen von Unterricht und von dessen Ergebnissen noch in unsere Zeit und zu unserer Schülerschaft?
  • Wollen wir zurück zu der mancherorts wieder ersehnten „Normalität“ aus der Zeit, wie wir sie vor den Schulschließungen erlebt hatten?

Wenn wir die Jahrhundertchance und den damit verbundenen Innovationsschub nutzen wollen, bedarf es der Offenheit, mutig aus bisherigen Gewohnheiten auszubrechen und im Kollegium den Umgang mit Raum, Zeit, Beziehung, Digitalität und Well-being neu zu bestimmen. Dazu benötigen Schulen jenen Freiraum, der das Kollegium rasch und flexibel handeln lässt, wie es während der Schulschließung erforderlich war. Gelingt der Abbau von Regelungsdichte und überbordender Bürokratie zugunsten von mehr Eigenverantwortung am Einzelstandort nicht, kommt es wohl zur Schubumkehr zurück in die „alte Normalität“.

Zur Person

  • Der österreichische Erziehungswissenschaftler und Schulpädagoge Michael Schratz ist Gründungsdekan der School of Education an der Universität Innsbruck.
  • In seiner Arbeit fokussiert sich Michael Schratz auf die Schulentwicklung und die Professionalisierung von Führungspersonen im Bildungsbereich.
  • Als hochkarätiger Experte aus der Wissenschaft ist er Mitglied der Jury des Deutschen Schulpreises und zugleich deren Sprecher.
  • Für das Deutsche Schulportal schreibt Michael Schratz regelmäßig Gastbeiträge und beobachtet Entwicklungen in der Bildungslandschaft.