Expertenstimme

Bildungsforschung : Es ist Zeit, Schulleitungen zu stärken

Schulleitungen haben Einfluss darauf, wie Lehrkräfte den Unterricht gestalten und welchen Lernerfolg Schülerinnen und Schüler haben. Unsere Gastautoren Marcus Pietsch und Pierre Tulowitzki haben an zahlreichen internationalen Studien mitgewirkt, die zeigen, dass es vor allem die Führung einer Schule ist, die maßgeblich darüber bestimmt, ob an einer Schule erfolgreiche Arbeit geleistet wird oder nicht. Daher halten es die beiden Bildungsforscher – gerade vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl unbesetzter Stellen – für notwendig, die Schulleitungen stärker in ihrer Führungsrolle zu unterstützen.

Schulleitung und Lehrerin im Gespräch
Eine erfolgreiche Schulleitung setzt auf Kommunikation und schafft Räume für Partizipation von Lehrkräften.
©Getty Images

„Schulleitung macht den entscheidenden Unterschied!“ Mit diesen Worten lässt sich die empirische Befundlage zur Wirksamkeit von Schulleitungen knapp zusammenfassen. Egal, ob es um das Lernen von Schülerinnen und Schülern oder die Entwicklung der Einzelschule geht: Eine Vielzahl internationaler Studien zeigt, dass es insbesondere die Führung einer Schule ist, die maßgeblich darüber bestimmt, ob an einer Schule erfolgreiche Arbeit geleistet wird oder nicht. Dabei wirkt Führung in der Regel dort am stärksten, wo sie am meisten benötigt wird: an Schulen, an denen unter herausfordernden Bedingungen gearbeitet werden muss, an Schulen in Umbruchsituationen und an Schulen, die sich ehrgeizige Ziele gesetzt haben.

Auch in Deutschland konnten wir zeigen, dass die Führung an Schulen einen Einfluss darauf hat, wie Lehrkräfte ihren Unterricht gestalten, und dass an Schulen, an denen alle Schülerinnen und Schüler besonders viel lernen, die Schulleitung einen maßgeblichen Anteil an diesen Lernerfolgen hat. Wir sahen aber auch, dass sich der gesamte Unterricht an Schulen deutlich verändern kann, wenn eine Schulleitung eine Schule verlässt und sich in der Folge die Führung ändert. Diese Befunde machen deutlich, wie wichtig es ist, Schulleitungen in ihrer Führungsrolle zu stärken. In Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen der Eberhard Karls Universität Tübingen haben wir daher in einer aktuellen Untersuchung die Karrieren von Schulleitungen in Deutschland untersucht. Ziel war es, zu klären, was sie bewegt, ein solches Amt anzustreben, wie zufrieden sie mit dieser Entscheidung sind, welche Unterstützung sie am Arbeitsplatz erhalten und was Schulleitungen letztlich dazu bewegt, eine Schule zu verlassen und ihren Arbeitsplatz wechseln zu wollen.

Es hat sich gezeigt, dass erfolgreiche Schulleitungen auf ein ähnliches Repertoire an Führungspraktiken zurückgreifen, diese jedoch sowohl kontext- als auch anlassbezogen unterschiedlich gewichten.

Anders als Schulmanagement, bei dem es vor allem darum geht, Dinge richtig zu machen, kommt es bei der Führung an Schulen darauf an, die richtigen Dinge zu tun. Schulmanagement zielt dabei hauptsächlich auf die Arbeit innerhalb der vorhandenen Strukturen ab. Es geht darum, den Betrieb der Schule sicherzustellen, den schulischen Alltag zu planen, zu koordinieren, zu beaufsichtigen und, wo möglich, gegebenenfalls zu optimieren. Führung hingegen zielt hauptsächlich auf die Arbeit mit Personen sowie auf deren als auch auf schulische Entwicklungsprozesse ab. Wesentliche Elemente sind hier, Ideen zu entwickeln, zu sammeln und zu kommunizieren, dem Kollegium Orientierung zu geben und mit ihm zu arbeiten, um die eigene Schule weiterzuentwickeln. Dabei gehen Führung und Management immer Hand in Hand.

Die Leitung einer Schule besteht daher stets aus einem dynamischen Wechselspiel von Führung und Management. Es geht darum, die richtigen Dinge richtig zu tun. Gleichwohl ist es insbesondere der Aspekt der Führung, der positive Effekte nach sich ziehen kann. Diesbezüglich hat sich gezeigt, dass erfolgreiche Schulleitungen auf ein ähnliches Repertoire an Führungspraktiken zurückgreifen, diese jedoch sowohl kontext- als auch anlassbezogen unterschiedlich gewichten. Dieses – im internationalen Sprachgebrauch häufig „Leadership for Learning“ oder „Learner-Centered Leadership“ genannte – Repertoire umfasst Aspekte der unterrichtsbezogenen, der transformationalen, der geteilten sowie der kontextsensitiven Führung.

Die Qualifikation und Fortbildung von Schulleitungen ist eine der wirksamsten und gleichzeitig kostengünstigsten Möglichkeiten, um den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern systemweit nachhaltig zu verbessern.

Erfolgreiche Schulleitungen sind somit in der Lage, ihre Aufmerksamkeit auf die Qualität des Unterrichts an ihrer Schule zu legen (unterrichtsbezogene Führung), aber auch die berufliche Weiterentwicklung der Lehrkräfte sowie die grundsätzliche Innovationskultur an der Schule in den Blick zu nehmen (transformationale Führung). Ebenso schaffen sie Räume für Partizipation und Verantwortungsübernahme von Lehrkräften (geteilte Führung) und passen ihr Alltagshandeln an die individuelle Situation und die Rahmenbedingungen vor Ort an (kontextsensitive Führung).

Die gute Nachricht: All dies kann man lernen! Die Qualifikation und Fortbildung von Schulleitungen ist eine der wirksamsten und gleichzeitig kostengünstigsten Möglichkeiten, um den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern systemweit nachhaltig zu verbessern. Als besonders effektiv hat es sich erwiesen, Schulleitungen über einen längeren Zeitraum mit Blick auf die Verbesserung des Unterrichts von Lehrkräften zu qualifizieren. Schulleitungen, die darin geübt sind, den Unterricht von Lehrkräften fundiert einzuschätzen, ihnen qualifizierte Rückmeldungen zur Qualität des Unterrichts sowie zur Passung des Unterrichts zu den pädagogischen Zielen der Schule zu geben, und die darüber hinaus in der Lage sind, die Lehrkräfte an ihren Schulen bei deren Professionalisierung zu unterstützen, erhöhen hierdurch deutlich die Chancen der Schülerinnen und Schüler an ihren Schulen auf überdurchschnittliche Lernerfolge.

Wie wichtig Schulleitungen für den Erfolg von Schulen sind, zeigt sich häufig auch erst dann, wenn sie die Schule verlassen.

In Deutschland ist die Qualifizierung von Schulleitungen derzeit gleichwohl uneinheitlich geregelt. Länderübergreifende Standards, wie sie beispielsweise für die Lehrerbildung vorliegen, fehlen. Damit unterscheidet sich Deutschland von vielen anderen Nationen, in denen verbindliche Standards für die Aus- und Weiterbildung von Schulleitungen vorhanden sind. Jedoch existiert in zwölf deutschen Bundesländern eine Form der verpflichtenden Qualifizierung, wobei diese sich aber hinsichtlich Dauer und Art der Qualifizierung deutlich voneinander unterscheidet. Darüber hinaus gibt es in Deutschland eine Vielzahl an Bildungs- und Schulmanagement-Studiengängen. Diese werden von Hochschulen – gelegentlich in Kooperation mit Landesinstituten – angeboten, jedoch nur in wenigen Fällen als ausreichende Qualifikation für das Amt der Schulleitung anerkannt. Ob diese Qualifizierungsmaßnahmen erfolgreich sind, ist bislang unbekannt.

Wie wichtig Schulleitungen für den Erfolg von Schulen sind, zeigt sich häufig auch erst dann, wenn sie nicht mehr da sind, sie die Schule verlassen, beispielsweise aus Altersgründen oder um neue Karrierewege einzuschlagen. Häufig verliert eine Schule dann ihr institutionelles Gedächtnis, etablierte Routinen ändern sich, und soziale Beziehungen sowohl innerhalb der Schule als auch nach außen werden unter Umständen gekappt. In der Folge kann es mehrere Jahre dauern, bis sich eine Schule von dieser Veränderung erholt und eine Normalisierung eintritt. Insbesondere dann, wenn es zu wiederholten Schulleitungswechseln innerhalb kurzer Zeit kommt oder Schulleitungsstellen für lange Zeit unbesetzt bleiben, besteht die Gefahr, dass hohe Belastungen für Lehrkräfte (und, damit einhergehend, Arbeitsausfälle und Arbeitsplatzwechsel) entstehen und die Qualität des Unterrichts leidet. Vor dem Hintergrund, dass derzeit viele Anzeichen auf einen zunehmenden Schulleitungsmangel in Deutschland hindeuten, ist es daher wichtig, dafür Sorge zu tragen, dass derartige Entwicklungen gar nicht erst in Gang gesetzt werden.

Zur Person

  • Marcus Pietsch ist Privatdozent an der Leuphana Universität Lüneburg und lehrt dort im Bereich der Grundschulpädagogik sowie im interdisziplinären Komplementärstudium.
  • Er forscht zur Führung an Schulen, zu den Themen Schul- und Unterrichtsentwicklung sowie zu Reformmaßnahmen im Bildungssystem.
  • Marcus Pietsch war viele Jahre Koordinator des Methodennetzwerks des International Congress for School Effectiveness and School Improvement (ICSEI) und ist derzeit im Leibniz-Netzwerk Unterrichtsforschung.

 

  • Pierre Tulowitzki ist Professor für Bildungsmanagement und Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.
  • Er forscht hauptsächlich zu Fragen der Führung und Entwicklung an Schulen, zum digitalen Wandel sowie zu Bildungsnetzwerken. Sein Wissen und seine Erfahrungen teilt er auf zahlreichen Vorträgen und Workshops.
  • Pierre Tulowitzki ist Mitherausgeber des „Journals für Schulentwicklung“, Koordinator des Netzwerks für Pädagogische Führung der Europäischen Gesellschaft für Bildungsforschung (EERA) sowie Vorstandsmitglied des International Congress for School Effectiveness and School Improvement (ICSEI).

Gemeinsam mit Colin Cramer und Jana Groß Ophoff von der Universität Tübingen haben Marcus Pietsch und Pierre Tulowitzki gerade die Studie Karrieren von Schulleitungen veröffentlicht. Dafür wurden Ende 2019 und noch einmal während der Corona-Krise im April und Mai 2020 Schulleiterinnen und Schulleiter deutschlandweit und von allen Schularten zu ihrem Werdegang, zu ihrer Motivation und zu Problemen in der Position befragt.