Expertenstimme

Lernprozesse : Wie viel Individualisierung und wie viel Gemeinschaft braucht das Lernen?

Eine Lehrerin aus Baden-Württemberg hat sich in einem Sabbatjahr Unterrichtskonzepte an verschiedenen Schulen angeschaut. Unter anderem hat sie sich dabei mit der Frage auseinandergesetzt, wie Schulen mit Heterogenität umgehen und welche Lernangebote sie Kindern machen. Sie hat sich dabei zwei Extreme angeschaut: eine Gemeinschaftsschule, die den Lernprozess ganz individualisiert hat, und eine Montessori-Schule, die im Lernprozess ganz auf die Gemeinschaft setzt. In ihrem Gastbeitrag für das Schulportal beschreibt sie ihre Erfahrungen mit den Unterrichtskonzepten beider Schulen und geht der Frage nach, wie Kinder und Jugendliche besser auf ihre Zukunft vorbereitet werden.

Marie-Louise Spitta Marie-Louise Spitta 23. November 2021 Aktualisiert am 27. November 2021
Jugendliche im Lernprozess im Klassenraum
Schulen gestalten den Lernprozess unterschiedlich. Die Frage ist, ob es ein Ideal zwischen einem inidividualisiertem Lernprozess und dem gemeinschaftlichen Lernen gibt.
©Ridofranz/iStock

Ein Jahr lang bin ich „auf die Walz gegangen“ und habe mir in einem Sabbatjahr Unterrichtspraxis an mehreren Schulen in Deutschland angeschaut. „Die Walz“ war mitunter eine Reise der Kontraste und entlang der Extreme unseres öffentlichen Schulsystems. Ein Kontrast, den ich durch den Besuch zweier Schulen unmittelbar hintereinander als besonders eindrücklich empfunden habe, war jener zwischen dem individualisierten Lernen in einer Gemeinschaftsschule und dem Lernen in der Gemeinschaft in einer Montessori-Schule.

Beide Schulen tragen in ihrer Ausrichtung der Heterogenität der Lerngruppen Rechnung, sind dabei aber zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Aus beiden Schulen habe ich eine Vielzahl von Eindrücken mitgenommen, die mich nach wie vor beschäftigen und mich zur Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen beider Konzepte bewegen.

Im individualisierten Lernprozess lernen Kinder, selbstständig zu arbeiten

Die Gemeinschaftsschule hat hinsichtlich der Individualisierung eine beeindruckende Entwicklung hinter sich. Die Lerninhalte stehen als Selbstlernmaterialien online oder in Papierform zur Verfügung. Jedes Kind hat ein eigenes iPad und kann entsprechend seinem Lernstand an dem Material in seinem eigenen Tempo und in der Art und Weise lernen, die ihm liegt. Dies macht das Lernen unabhängig von bestimmten Lehrpersonen, Lernpartner:innen, Räumlichkeiten oder Zeitfenstern. Den Lerntag organisieren die Schüler:innen weitestgehend selbst.

Der Tag an dieser Schule beginnt mit einer persönlichen Begrüßung zwischen Lernbegleiter:in und Kind im Lernatelier. Je nachdem was der persönliche Lernplan vorsieht, besucht das Kind dann einen „Input“, lernt in Einzelarbeit im Lernatelier oder mit seiner Peergroup auf dem sogenannten Marktplatz. Die Peergroup ist eine selbst gewählte Gruppe von zwei bis vier Kindern, die gut miteinander auskommen und gern zusammen lernen. Einmal in der Woche hat jedes Kind ein individuelles Coaching mit seinem oder seiner Lernbegleiter:in, bei dem Raum für persönliche Themen ist, der aktuelle Lernstand besprochen wird und neue Ziele gesetzt werden.

Der Vormittag ist vor allem den Hauptfächern (Mathematik, Deutsch, Englisch, Wahlpflichtfach) sowie Kunst, Musik und Sport gewidmet. Nach der Mittagspause, die individuell gestaltet wird, finden die sogenannten Clubs statt. Hier werden die Inhalte der Nebenfächer in möglichst praxisorientierten Formaten angeboten. Die Schüler:innen wählen die Clubs alle zwölf Wochen neu, sodass die Zusammensetzung der Lerngruppen dann ebenfalls wechselt.

Lernen in der Gruppe fördert soziale Kompetenzen

In der Montessori-Schule habe ich mir vor allem die Lerngruppe 7 und 8 angeschaut. Hier geht es ganz anders zu. Der Unterricht beginnt in einem Sitzkreis um einen runden Teppich. Die Lerngruppe besteht aus Kindern unterschiedlichen Alters und Lernstands. Je nach Anlass sammelt die Gruppe Vorwissen, löst zusammen eine Aufgabe oder bespricht den aktuellen Arbeitsstand eines Projekts. Die Kinder hören einander zu und bringen sich in das Gespräch ein, ohne sich dafür melden zu müssen.

Es gibt in der Gruppe auch Kinder mit den Förderschwerpunkten Sprache oder geistige Entwicklung, bei denen es etwas dauert, bis sie einen Gedanken verständlich formuliert haben. Doch bei den anderen Kindern ist keine Ungeduld zu spüren.

Beim Lernen in diversen Gruppen müssen die Kinder in Aushandlungsprozesse gehen, eigene Bedürfnisse gegen die der anderen vertreten oder zurückstellen.

Nach dem Einstieg im Kreis schließen sich häufig Phasen der Partner- oder Gruppenarbeit an. Dabei sind viele Lernprozesse projektorientiert gestaltet. Die Gruppen werden nach unterschiedlichen Kriterien zusammengesetzt – mal zufällig, mal nach Lernstand, mal wiederum themenspezifisch oder nach Sympathie. Die Kinder arbeiten so immer wieder mit Menschen unterschiedlichster Charaktere oder Fähigkeiten zusammen. Beim Lernen in diversen Gruppen müssen Kinder in Aushandlungsprozesse gehen, eigene Bedürfnisse gegen die der anderen vertreten oder zurückstellen.

Innerhalb der Lerngruppe kennen sich die Kinder gut, da sie einen Großteil des Tages miteinander lernen. Ganz ohne Aufforderung der Lehrkraft achten sie selbstständig darauf, dass jede:r etwas zum Gruppenergebnis beitragen kann. Sie unterstützen und ermutigen einander gegenseitig. Ganz offensichtlich besteht das Verständnis, dass jede:r mal etwas kann und bei etwas anderem mal Hilfe benötigt. Dabei ist der Umgangston untereinander respektvoll, und nur selten kommt es zu größeren Konflikten. Und falls doch, zeigen die Kinder erstaunliche soziale Kompetenzen bei deren Lösung und vor allem in der Kommunikation.

Schulen gehen unterschiedlich mit Heterogenität in einer Lerngruppe um

Beide Beispiele zeigen, dass es auf die Frage nach dem Umgang mit Heterogenität innerhalb einer Lerngruppe verschiedene Antworten geben kann. Beide Schulen haben ihren jeweils eigenen Weg gefunden und den Fokus unterschiedlich gesetzt. Beide Systeme haben ihre Stärken.

Bei der Fokussierung auf die Individualisierung des Lernprozesses kann ein Kind seine eigenen Lernstrategien entwickeln, kann, unterstützt durch das Coaching, herausfinden, wie, wo und mit wem es gut lernen kann, und übernimmt Verantwortung für das eigene Lernen. Es kann immer auf dem Niveau lernen, auf dem es gerade ist, und sich mit dem Problem auseinandersetzen, das es gerade interessiert. Die Lernprozesse werden nicht durch mögliche Auseinandersetzungen im sozialen Miteinander beeinträchtigt. Das Kind wird mit einer guten Kompetenz zur Selbstorganisation aus der Schule gehen, die ihm bei eigenen Projekten oder im Beruf nützen wird.

Die Orientierung am Durchschnitt ist keine ideale Lösung

Beim Lernen in der Gruppe hingegen ist der inhaltliche Lernprozess deutlich stärker von anderen abhängig. Kommt die Gruppe nicht voran, begrenzt das auch den und die Einzelne im Lernen. Dem individuellen Lernen sind nach oben und unten hin Grenzen gesetzt, da sich das Niveau meist am Mittel orientiert. Dies kann durchaus zu Frust und verschenkten Chancen führen.

Als ehemalige Waldorfschülerin erinnere ich mich noch gut daran, wie ich in der neunten Klasse zum gefühlt zehnten Mal das Simple Past wiederholen musste, während es einigen Mitschüler:innen noch immer neu schien. Besonders starke oder besonders schwache Lernende bekommen in einem gemeinschaftlichen Setting möglicherweise nicht immer das Angebot, das sie bräuchten. Das ist eine Beobachtung, die ich mitunter auch in den höheren Klassenstufen der Montessori-Schule machen konnte.

Im Lernprozess müssen Kinder soziale Erfahrungen machen

Die Stärke des gemeinschaftlichen Lernens liegt im sozialen Bereich. Es erscheint mir allerdings für die soziale Kompetenz nicht zuträglich, wenn sich ein Kind immer aussuchen kann, ob und mit wem es zusammenarbeiten möchte. Es kommt dann selten in die Situation, sich mit einer Person auseinandersetzen zu müssen, die möglicherweise anderer Meinung ist, auf andere Weise arbeitet oder die es nicht leiden kann. Es fehlt die Gelegenheit, die entsprechenden sozialen und verbalen Kompetenzen zu erwerben, die es in solchen Situationen bräuchte.

Auch Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich in sozialen Situationen zurechtzufinden, fehlt es in individualisierten Lernsettings an Gelegenheit, dies zu üben. So können sie sich keine Strategien aneignen, mit anderen in Interaktion zu treten, machen diesbezüglich keine neuen Erfahrungen und haben nicht die entsprechenden Erfolgserlebnisse.

Vielfalt als gesellschaftliche Realität in der Schule erleben

In dem stark individualisierten Setting der Gemeinschaftsschule konnte ich beobachten, dass Kinder mit Behinderung oder sozialen Schwierigkeiten häufig keine Peergroup hatten und die meiste Zeit getrennt von den anderen lernten. Auch die Tatsache, dass Schüler:innen derselben Lerngruppe nach sieben Wochen Schule noch immer nicht alle Mitschüler:innen mit Namen ansprechen konnten, stimmte mich nachdenklich. Ich frage mich, ob in einem so individualisierten Setting nicht ganz entscheidende Kompetenzen für die Zukunft ungelernt bleiben.

Wenn Kinder sich in den Peergroups nur mit Menschen umgeben, die ihnen ähneln und mit denen sie sich gut verstehen – entgeht ihnen da nicht die Erfahrung, dass „Vielfalt gesellschaftliche Realität ist und die Identität anderer keine Bedrohung für die eigene Identität bedeutet“, wie es die Leitperspektive für den Bildungsplan von Baden-Württemberg formuliert?

In der alltäglichen Begegnung mit ebendieser Vielfalt kann diese Erkenntnis doch erst entstehen. Die Kinder an der Montessori-Schule haben mich in der Art und der Qualität der Kommunikation untereinander, auch bei Aushandlungsprozessen und Konflikten, immer wieder beeindruckt. Sie haben in vielfältigen Situationen bewiesen, dass sie den Respekt sowie die gegenseitige Achtung und Wertschätzung von Verschiedenheit wirklich verinnerlicht haben.

Man kann keinen Montessori-Teppich in ein Lernatelier legen – und muss es auch nicht.

Was nehme ich nun aus diesen Erfahrungen mit? Klar ist, dass Schulen sich immer für einen Fokus entscheiden und dabei zwangsläufig Abstriche in anderen Bereichen machen müssen. Man kann keinen Montessori-Teppich in ein Lernatelier legen – und muss es auch nicht.

Gleichzeitig beobachte ich bei vielen Gemeinschaftsschulen einen Trend hin zur Differenzierung durch Individualisierung der Lernprozesse – und ich frage mich, ob das, in die Zukunft gedacht, der richtige Weg ist.

Schulen sind die Keimzellen der zukünftigen Gesellschaft. Braucht unsere Gesellschaft wirklich noch mehr Individualismus? Oder bei zunehmender Diversität nicht doch eher ein Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaft?

Das Miteinander in Lerngruppen stärker fördern

Den großen Herausforderungen der Zukunft – allen voran die Bewältigung der Klimakrise – werden wir nur gemeinsam begegnen können. Wir benötigen dafür das volle Potenzial eines und einer jeden Einzelnen, also individualisiertes Lernen in den Schulen, aber mindestens ebenso sehr brauchen wir das Verständnis, trotz pluraler Lebensweisen zusammenzugehören und gemeinschaftlich agieren zu müssen. Kann das entstehen, wenn wir uns in der Schule primär als voneinander unabhängige Individuen erleben? Die erfolgreiche Gestaltung sozialer Beziehungen ist außerdem ein ausschlaggebender Faktor für das persönliche Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der Menschen. Müssten wir alldem in der Schule nicht viel stärker Rechnung tragen, indem wir das Miteinander zwischen allen Teilnehmer:innen einer Lerngruppe fördern?

Die Corona-Pandemie hat dem individualisierten und selbstorganisierten Lernen an vielen Schulen Rückenwind gegeben. Das ist eine gute Nachricht, denn ein Unterricht nach dem Prinzip „Das Gleiche für alle“ ist keine Option. Doch sie hat auch die Wichtigkeit von Solidarität und psychischer Gesundheit durch soziale Interaktion sichtbar gemacht.

Hospitationen können ein Schlaglicht auf blinde Flecken werfen

Ich denke, eine Schule, die sich ihrer Rolle als Sozialisationsort der zukünftigen Gesellschaft bewusst ist, muss versuchen, Individualisierung und soziales Lernen in vielfältigen Gruppen miteinander zu vereinen. Dafür, wie das im Einzelnen geschehen kann, gibt es sicherlich kein Patentrezept. Was es aber gibt, sind andere Schulen, die sich ähnliche Fragen stellen oder schon Lösungen gefunden haben.

Deshalb halte ich die gegenseitige Hospitation und den Austausch von Schulen für einen essenziellen Baustein im Prozess der Schulentwicklung. Insbesondere bei konträren Beispielen können sie ein Schlaglicht auf die eigenen blinden Flecken werfen und dazu anregen, gelungene Komponenten anderer Schulen in das eigene System einzuflechten. Ich merke immer wieder, wie wertvoll die Einblicke und Erfahrungen sind, die ich von meiner „Walz“ mitgenommen habe. Sie haben der Brille, mit der ich Schule betrachte, neue Farben hinzugefügt.

Zur Person

  • Marie-Louise Spitta ist Lehrerin einer Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg mit der Fächerkombination Englisch, Biologie und Geografie.
  • Als sie im Schuljahr 2018/19 nach Abschluss ihres Referendariats ihre erste Stelle antrat, hat sie bereits ein Sabbatjahr beantragt, um in dieser Zeit andere Schulen zu besuchen und sich verschiedene Unterrichtskonzepte und Lernprozesse anzuschauen.
  • Im Schuljahr 2020/21 hat sie insgesamt fünf Schulen mit ganz unterschiedlichen Konzepten besucht.
  • Im aktuellen Schuljahr hat sie sich noch für ein Jahr an eine andere Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg abordnen lassen und wird voraussichtlich im kommenden Schuljahr an ihre ursprüngliche Schule zurückkehren.
  • Das Porträt über Marie-Louise Spitta und ihr Sabbatjahr können Sie hier lesen.