Expertenstimme

Kulturelle Bildung : Es ist Zeit für eine neue, kreativere Lernkultur

„Endlich wieder Schule!“, werden sich viele in diesem von Corona geprägten Jahr gesagt haben. Der plötzlich im Frühjahr notwendig gewordene Fernunterricht war für alle eine Strapaze. Und er hat, wie eine aktuelle Studie des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt, tatsächlich leider in weiten Teilen nicht funktioniert, meint Tobias Diemer von der Stiftung Mercator. In seinem Gastbeitrag für das Schulportal beschreibt er, warum Schulen gerade jetzt eine kreative Lernkultur brauchen und welchen Beitrag kulturelle Bildung dabei leisten kann.

Tobias Diemer Tobias Diemer / 28. August 2020 / 1 Kommentar
Junge mit einem Bündel von Malpinseln
Kreative Lernprozesse können mit den Mitteln der verschiedenen Kunstsparten im Unterricht gefördert werden.
©Viacheslav Lakobchuk/AdobeStock

Neben den unbestreitbar drängenden Aufgaben im Bereich des Infektionsschutzes und der technischen Ausstattung von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern sollte in den kommenden Wochen und Monaten die Frage einer zukunftsfähigen Lernkultur nicht vergessen werden. Gerade in Verbindung mit der nun schnell voranschreitenden Digitalisierung der Schulen ist dies auch dringend geboten. Die Nutzung digitaler Technik muss eingebettet sein in einen pädagogischen Rahmen, der eine pädagogisch sinnvolle Nutzung digitaler Geräte und Inhalte ermöglicht.

Bestimmt nicht den einzigen, aber einen vielversprechenden Ansatz, der in Fachkreisen derzeit hoch gehandelt wird, stellt das Konzept des „Deeper Learning“ dar. „Deeper Learning“ meint im Kern, dass die Lernenden sich fachliches Wissen und praktische Fertigkeiten auf eine Weise aneignen, die es ihnen erlaubt, diese nicht nur zu reproduzieren, sondern zur Lösung komplexer Probleme kreativ anzuwenden.

Laut der von der „Deeper Learning Initiative“ an der Heidelberg School of Education beschriebenen Konzeption sind für eine entsprechende Pädagogik zwei Dimensionen wesentlich: Zum einen steht deutlich die Aneignung von Wissen und Fertigkeiten im Fokus. Hinter dieser Priorisierung steht die Einsicht, dass für das Lösen von Problemen und für Kreativität immer ein bestimmtes Wissen und bestimmte Fertigkeiten notwendig sind. Zum anderen geht es gleichzeitig um die Verknüpfung von Wissen und Fertigkeiten mit dem Erwerb zentraler überfachlicher Zukunftskompetenzen wie Kommunikation, Kollaboration, kritischem Denken und Kreativität, die zukünftig immer wichtiger werden und im internationalen Kontext auch als „21st Century Skills“ bezeichnet werden. Das heißt, dass das angeeignete Wissen und die erworbenen Fähigkeiten für die Bearbeitung komplexer, offener Aufgaben- und Problemstellungen im Austausch und in der Zusammenarbeit mit anderen verwendet werden.

Digitalisierung erfordert neue Lernformate

Für ein solches Konzept des Lernens spricht, auch unabhängig von Corona, eine Reihe von Gründen, die seit geraumer Zeit von unterschiedlichen Stimmen aus Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft immer wieder vorgebracht werden. Ein Grund ist, dass Informationen und Wissen in ganz anderer Weise und in ganz anderem Umfang verfügbar geworden sind. Ein zweiter Grund ist die zunehmende Globalisierung und kommunikative Vernetzung, die es zunehmend möglich und nötig machen, zu kommunizieren und zusammen zu arbeiten. Ein weiterer Grund, von dem angenommen wird, dass er in naher und mittlerer Zukunft zunehmend an Bedeutung gewinnen wird, ist drittens die rasant fortschreitende Digitalisierung in fast allen Lebensbereichen, die bereits jetzt Auswirkungen auf die Arbeitswelt und viele andere gesellschaftliche Bereiche hat und weiter haben wird. Von daher liegt sehr deutlich auf der Hand, dass wir dringend an neuen Lernformaten entlang von Konzepten wie „Deeper Learning“ arbeiten müssen.

Im Kern geht es darum, die Aneignung von Wissen und Fertigkeiten mit kreativem, problemlösendem Arbeiten zu verknüpfen.

Im Kern geht es darum, die Aneignung von Wissen und Fertigkeiten mit kreativem, problemlösendem Arbeiten zu verknüpfen. Anne Sliwka, die Initiatorin der „Deeper Learning Initiative“, beschreibt dafür ein einfach strukturiertes Modell, das aus drei Phasen besteht: eine erste Phase der Aneignung von Fachwissen, eine zweite Phase problemlösender und kreativer Aktivitäten und eine dritte Phase der „authentischen Leistung“, zum Beispiel in Form von Präsentationen, Aufführungen, Ausstellungen und Ähnlichem.

Entsprechend gestaltete Lernsettings schaffen so eine Situation, in der Kinder und Jugendliche „engagiert“ – also aktiv, kooperativ und gestaltend, und das heißt: zu wesentlichen Teilen auch selbstgesteuert – lernen. Dabei wird die Lehrerin oder der Lehrer nicht verzichtbar, aber auch ihre Rolle ändert sich: Sie wird zur Lernbegleiterin, die die Schülerinnen im Lernprozess durch die drei Phasen hindurch aktiv mit Wissen, Struktur und Hilfestellungen unterstützt.

Kunstlabore und Kulturagenten unterstützen das Lernen

Vereinfachend formuliert geht es also zum einen um so etwas wie forschendes Lernen, das dem Paradigma moderner Wissenschaft und Technik folgt. Zum anderen geht es um Formen des kreativen Arbeitens und Gestaltens, die aus dem Bereich der Künste (bildende Kunst, Literatur, Theater, Musik etc.) und der Mediengestaltung kommen.

Für den Teil des Lernens mit künstlerischen Methoden im Unterricht sind in den vergangenen Jahren in mehreren Programmen, die wir bei der Stiftung Mercator im Bereich Bildung entwickelt und gefördert haben, eine Fülle von Formaten und Materialien von Praktikern für Praktiker in Schule entwickelt und erprobt worden, die man hierfür nutzen kann. Auch wenn diese Programme noch nicht explizit auf Grundlage des noch jungen Konzepts des „Deeper Learning“ erarbeitet worden sind, so spiegeln sich die wesentlichen Phasen der Aneignung von Wissen und Fertigkeiten, der kreativen und kooperativen Problemlösung sowie der authentischen Präsentation darin zuverlässig wider.

Eines dieser Programme wurde von 2015 bis 2019 unter dem Titel „Kunstlabore“ umgesetzt: Dabei haben erfahrene Praktikern aus den Kunstsparten bildende Kunst, Literatur, Musik, Tanz und Theater in Zusammenarbeit mit mehreren Schulen neue Formate der künstlerischen Arbeit in Schulen erarbeitet. Diese Formate verbinden eine hohe künstlerischer Qualität einerseits mit hoher Praktikabilität und Anschlussfähigkeit an die tägliche Unterrichtspraxis in Schule andererseits.

Entstanden ist durch das Projekt ein umfangreiches Onlineportal (www.kunstlabore.de) mit einer Fülle von konkreten Beispielen, Arbeitshilfen und Anleitungen, wie kreative Lernprozesse mit Mitteln der verschiedenen Kunstsparten im Unterricht und des damit verknüpften Projektlernens umgesetzt werden können.

Ein zweiter großer Fundus speist sich aus den beiden Programmen „Kulturagenten für kreative Schulen“ (2011 bis 2019) und „Kreativpotentiale“ (2014 bis 2022), über die in allen 16 Bundesländern die Entwicklung von Strukturen, Inhalten und Kompetenzen zur kulturellen Bildung in Schule gefördert wurde und wird. Daraus ist insbesondere ein auf Lehrer-Online publiziertes Online-Dossier zur kulturellen Bildung im Unterricht entstanden, das Unterrichtseinheiten, Fachartikel und weiterführende Informationen umfasst, die konkret und anschaulich zeigen, wie künstlerische Methoden „ein Lehren und Lernen für das 21. Jahrhundert möglich machen und wie dies praktisch und an jeder Schule und Schulform umgesetzt werden kann“.

Corona-Pandemie erfordert gerade jetzt neue Lernkonzepte

Mit der Erwähnung dieser Beispiele ist kein Anspruch auf Vollständigkeit oder Exklusivität verbunden. Es gibt darüber hinaus vieles mehr, das in anderen Bereichen wie zum Beispiel der MINT-Bildung oder der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) durch Programme und Initiativen anderer Stiftungen, anderer zivilgesellschaftlicher Akteure und auch staatlicher Institutionen in den vergangenen Jahren entstanden ist. Die Absicht an dieser Stelle war und ist indes nur, zu sagen: Erstens, die Entwicklung einer neuen, kreativeren Lernkultur im Sinne eines „Deeper Learning“ ist nicht mehr noch eine vorläufig theoretische, sondern bereits jetzt eine praktische Aufgabe, die man unmittelbar angehen kann. Und zweitens, gerade auch künstlerische Arbeitsweisen können im Rahmen eines solchen Konzepts des „Deeper Learning“ im Unterricht einen konkreten und wirkungsvollen Beitrag leisten.

Es wird und ist somit bereits schon jetzt Zeit, eine neue, kreativere Lernkultur von der Größenordnung mehrerer Hundert Programm- und Modellschulen weiter in die Breite von bundesweit ca. 35.000 Schulen zu bringen. Durch die Corona-Krise wird dies zwar sicherlich nicht einfacher, aber auch nicht weniger dringlich. Chancen dafür bieten sich insbesondere im Zuge der nun rasch voranschreitenden Digitalisierung und bestehen darin, dass Schulen in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren neue Konzepte für die pädagogische Nutzung digitaler Tools und Medien entwickeln, die ein aktiveres, kreativeres und selbstständigeres Lernen befördern.

Zur Person

  • Tobias Diemer ist Leiter des Bereichs Bildung bei der Stiftung Mercator und verantwortet dort ein Portfolio mit Projekten zur Kulturellen Bildung sowie zentralen Themen einer zukunftsfähigen Bildung im 21. Jahrhundert (kreative Lernkultur, Zukunftskompetenzen, Digitalisierung, Abbau von Bildungsungleichheit).
  • Ein Arbeitsschwerpunkt der vergangenen Jahre war der Aufbau und die Pflege von Kooperationen mit allen 16 Bundesländern zur Entwicklung und Förderung von Länderprogrammen zur Stärkung kultureller Bildung für eine kreativere Unterrichts- und Schulkultur.
  • Als Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität Berlin hat er zuvor u.a. die Einführung und Umsetzung neuer Steuerungsinstrumente seit PISA 2000 zur Qualitätssicherung und Unterrichts- und Schulentwicklung untersucht.