Expertenstimme

Schulschließungen : Wie die Pandemie die Entwicklung von Jugendlichen beeinträchtigt

Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres sind die Schulen wochenlang geschlossen. Das hat nicht nur Folgen für die kognitive Entwicklung von Kinder und Jugendlichen und ihre Bildungschancen, sondern wirkt sich auch auf ihre psychosoziale Entwicklung aus. In ihrem Gastbeitrag für das Schulportal beschreiben die Bildungs- und Sozialforscher Dieter Dohmen und Klaus Hurrelmann, welche Probleme und Defizite entstehen können, wenn sich Schülerinnen und Schüler nicht mehr im Sozialraum Schule bewegen, kaum noch Kontakt zueinander haben und die gewohnte Tagesstruktur fehlt.

Klaus Hurrelmann und Dieter Dohmen Klaus Hurrelmann und Dieter Dohmen 10. Februar 2021 Aktualisiert am 02. März 2021
psychosoziale Entwicklung 3 Jugendliche im Tunnel
Die wochenlangen Schulschließungen und die damit verbundenen Einschränkungen haben Folgen für die psychosoziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.
©Julian Stratenschulte/dpa

Immer wieder wurde in den letzten Wochen darauf hingewiesen, wie stark die schulischen Leistungen der Kinder und Jugendlichen leiden, wenn der reguläre Schulbetrieb mit Präsenzunterricht unterbrochen oder eingestellt wird. Auch das beste digitale Programm kann diese Lücke nicht füllen, besonders nicht bei jüngeren Kindern in den Grundschulen und den unteren Stufen des Sekundarbereichs.

In vielen Bereichen des Berufslebens ist die Arbeit auf Distanz genauso produktiv wie die Arbeit im Präsenzmodus, aber bei Bildungsprozessen gelten eindeutig andere Regeln. Völlig zu Recht werden aus diesen Gründen die drohenden Leistungsabfälle der Schülerinnen und Schüler in der Diskussion sehr ernst genommen.

Wie sich Kontakteinschränkungen auswirken

Was aber auch nicht übersehen werden darf, sind die sozialen und psychischen Folgen der Schulschließungen und Kontakteinschränkungen. Die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen verläuft nicht nur auf der intellektuellen und kognitiven Ebene, sondern ebenso intensiv im Bereich der körperlichen, seelischen und emotionalen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Beide Bereiche hängen auf das Engste zusammen.

Die interdisziplinäre Sozialisationstheorie arbeitet die „Entwicklungsaufgaben“ heraus, vor denen junge Menschen stehen:

  • die Schulung ihrer intellektuellen und kognitiven Fertigkeiten durch Bildung und Qualifikation
  • den Aufbau von Beziehungen zu Gleichaltrigen, engen Freundschaften und intimen Beziehungen, verbunden mit der Ablösung von den Eltern
  • die Entwicklung eines souveränen Freizeit-, Konsum- und Medienverhaltens mit dem Ziel der Selbstkontrolle und Selbstdisziplin
  • die Etablierung eines Wertesystems und die Entwicklung von sozialem und politischem Engagement

In welchen Bereichen die psychosoziale Entwicklung eingeschränkt wird

Die Pandemie wirkt sich negativ auf alle vier Entwicklungsaufgaben aus:

  • Durch den eingeschränkten Schulbetrieb leidet das Training der intellektuellen Fähigkeiten.
  • Eine unbefangene Entwicklung von Kontakten zu Freunden und Gleichaltrigen ist nicht möglich, die Ablösung von den Eltern verzögert sich.
  • Das Freizeit- und Konsumverhalten ist weitgehend auf digitale Kanäle eingeschränkt. Junge Leute sind zwar digital affin, aber wenn digitale Medien fast zur einzigen Verbindung zur sozialen Welt wird, können sich Störungen aufbauen.
  • Die Entwicklung einer Lebensorientierung in Krisenzeiten ist erschwert, das soziale und politische Engagement nur begrenzt möglich.

In der Pubertät, etwa ab dem 14. oder 15. Lebensjahr, ist das körperliche Erkunden der physischen und sozialen Umwelt und der Aufbau von Kontakten typisch für die gesunde Entwicklung. In diese Lebensphase fällt auch der erste Umgang mit körperlicher Intimität und die Entwicklung der Sexualität. All diese Aktivitäten sind gegenwärtig beeinträchtigt oder sogar völlig blockiert. Vielen Jugendlichen gelingt es einfach nicht, ihrem Freiheitsdrang nachzukommen und die gewünschten Beziehungen aufzunehmen.

Drei Varianten der Problembewältigung

Die Sozialisationstheorie geht von der Annahme aus, dass es bei einer Blockade der normalen Entwicklungsmöglichkeiten typischerweise zu drei unterschiedlichen Formen der Problembewältigung kommt:

  • der aggressiven Variante, die sich jetzt während der Corona-Pandemie in Gestalt von Hyperaktivität, Konfliktverhalten und auch körperlicher Gewalt ausdrückt. Der große Mangel an Bewegung und die Verschlechterung des Schlaf-Wach-Rhythmus sowie des Essverhaltens während des Tages werden gewissermaßen exteriorisiert, also nach außen abgeführt.
  • der regressiven Variante, die sich in Sorge und Abgeschlagenheit bis hin zu Depressionen und suizidalen Stimmungen niederschlägt. Sie ist oft verbunden mit einer Verschlechterung der sozialen Beziehungen und einer Verunsicherung der Eltern in ihrem Erziehungsverhalten.
  • der evasiven, ausweichend-fluchtartigen Variante, die sich zum Beispiel in einem gestiegenen Konsum von Drogen oder Medienangeboten ausdrückt, die über das normale und anregende Maß weit hinausgehen und Sucht- wie Missbrauchsgefahren

Alle drei Varianten führen auf unproduktive Wege der Problemverarbeitung und können die weitere Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigen oder sogar blockieren. Das ergibt sich inzwischen aus einer ganzen Reihe von empirischen Studien, die in verschiedenen Ländern durchgeführt wurden. Auch in Deutschland liegt eine erste konkrete Studie vor.

Studie zu den Folgen für die psychosoziale Entwicklung

Die Studie Corona und Psyche (COPSY), die am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf unter der Leitung von Ulrike Ravens-Sieberer durchgeführt wurde, nimmt eine sorgfältige Erfassung der psychischen und sozialen Einschränkungen von Gesundheit und Lebensqualität bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 17 Jahren vor. Die repräsentative Studie greift auf das Befragungsinventar der Längsschnittstudie BELLA zum seelischen Wohlbefinden und Verhalten zurück. So können Unterschiede der psychischen Gesundheit der Kinder und Jugendlichen vor und während der Pandemie miteinander verglichen werden. Außerdem lässt sich identifizieren, welche Gruppen der Jugendlichen besonders stark unter den Auswirkungen der Pandemie leiden.

Die Ergebnisse bestätigen die oben genannten Annahmen. Isolation und Kontaktbeschränkungen werden von einem großen Teil der Kinder und Jugendlichen als ein tiefer Einschnitt in ihre Lebensgewohnheiten wahrgenommen. Etwa ein Drittel der jungen Menschen leidet nach eigenen Angaben psychisch und sozial unter diesen Maßnahmen. Sie empfinden die Situation als ein kritisches Lebensereignis, auf das sie in keiner Weise vorbereitet wurden. Sie fühlen sich bei der Bewältigung ihrer alterstypischen Entwicklungsaufgaben stark behindert.

Familienleben wird durch Schulschließungen beeinträchtigt

Die COPSY-Studie weist auf negative Konsequenzen für das Familienleben und das Schulleben hin. In den Familien verschlechtert sich die Atmosphäre, es kommt zu mehr Konflikten und Streitigkeiten. Wenn schon vor der Corona-Pandemie Spannungen in der Familie bestanden, dann spitzen sie sich während der Pandemie deutlich zu. Das gilt insbesondere für Familien, die wirtschaftlich schlecht dastehen oder finanziell stark belastet sind, in engen Räumlichkeiten leben oder bei denen ein oder mehrere Elternteile körperliche oder psychische Krankheiten haben.

Besonders gravierende Auswirkungen entstehen durch Suchtkrankheiten der Eltern. Das Problem verstärkt sich auch dadurch, dass Beobachtung und direkte Hilfestellungen durch das Fachpersonal in den Schulen während der Schulschließung oder des eingeschränkten Schulbetriebs nicht möglich sind.

Pandemie hat Folgen für Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen

Besonders leiden die jungen Leute unter der Einschränkung von Kontakten zu ihren Freundinnen und Freunden sowie Gleichaltrigen. Denn die Schule fällt für sie nicht nur als ein Ort des Lernens aus, sondern auch als ein Ort für den Aufbau von sozialen Kontakten und das Eintrainieren von gruppendynamischen Prozessen. Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen geben an, dass sie das Lernen in der Schule als deutlich anstrengender als vor der Corona-Krise empfinden. Sie kommen mit dem veränderten schulischen Alltag nicht gut zurecht und fühlen sich unsicher. Der eingeschränkte persönliche Kontakt beeinträchtigt ihre Beziehungen.

Auch das Gesundheitsverhalten der Kinder und Jugendlichen hat sich während der Pandemie verschlechtert. Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen berichten von einer Zunahme des Medikamentenkonsums, ein Fünftel berichtete, weniger Sport zu treiben. Ebenfalls 25 Prozent der Befragten gab an, mehr Süßigkeiten zu essen als vor der Pandemie. Das Risiko für psychische Auffälligkeiten stieg von 18 auf 30 Prozent. 24 Prozent der 11- bis 17-Jährigen zeigen Symptome einer Angststörung, vor der Krise waren es nur 15 Prozent. Auch Gefühle von Niedergeschlagenheit, Schwermut und Hoffnungslosigkeit haben während der Pandemie zugenommen. Außerdem war ein Anstieg von Beschwerden wie Gereiztheit, Einschlafprobleme, Kopfschmerzen, Niedergeschlagenheit und Bauchschmerzen zu verzeichnen.

Was ist zu tun?

Um die langfristig zu befürchtenden gravierenden Beeinträchtigungen bei einem Teil der Kinder und Jugendlichen vorzubeugen, sollte die Entwicklung von gezielten und gut zugeschnittenen digitalen Angeboten der Gesundheitsförderung und Prävention intensiviert werden. Erforderlich sind insbesondere zielgruppengerechte Angebote über die Schule oder Jugend- und Familienzentren, wo ein niedrigschwelliges Angebot möglich ist. Auch digitale Angebote sind hilfreich, an die sie sich bei Bedarf anonym wenden können.

Nicht nur die Kinder und Jugendlichen, auch deren Eltern sollten geeignete komplementäre Angebote erhalten. Die vorliegenden Studien weisen darauf hin, dass auch das Elternverhalten positive oder auch negative Rahmenbedingungen schaffen kann. Wenn es Eltern gelingt, trotz des immensen Drucks, der aktuell auf ihnen lastet, selbst entspannt zu bleiben und für die Kinder ein gut strukturiertes Umfeld zu schaffen, dann ist es für die Kinder leichter, den extremen Herausforderungen standzuhalten. Eltern können dabei unterstützt werden, einen festen Tagesrhythmus mit Schlaf-, Essens- und Bewegungszeiten zu etablieren und den Kindern Sicherheit und Zuversicht zu geben.

Auch bezogen auf die Eltern gelten die oben genannten Anforderungen: zielgruppengerecht, zielgruppennah, proaktiv, niedrigschwellig und bei Bedarf anonym per E-Mail, Telefon und/oder Chat wie etwa bei der Berliner „ElternHotline“ – und natürlich in vielen Sprachen.

Zur Person

  • Klaus Hurrelmann ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance und Senior Expert am FiBS.
  • In seiner Forschung konzentriert er sich auf die Bereiche Gesundheits- und Bildungspolitik. Er ist maßgeblich an zahlreichen nationalen Studien zur Entwicklung von Familien, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen beteiligt.
  • Dieter Dohmen ist Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Berlin.
  • Er arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Forscher und Berater und hat die ElternHotline gGmbH gegründet, die als soziales Unternehmen Eltern bei der Lernbegleitung ihrer Kinder unterstützt.