Expertenstimme

Hybridunterricht : Leitlinien für eine zeitgemäße Transformation des Referendariats

Die Corona-Pandemie zeigt, dass das klassische Referendariat nicht mehr funktioniert. Während hybride Lernsettings mit neuen Lernformaten gefordert sind, wird in den praktischen Prüfungen im Referendariat immer noch die 45-Minuten-Unterrichtsstunde begutachtet. Wie es anders geht, zeigt das Buch „Hybrid-Unterricht 101“ für angehende Lehrkräfte. Tim Kantereit, Ausbilder für Lehrkräfte und Herausgeber des Buches, schreibt in seinem Gastbeitrag für das Schulportal, warum das Referendariat in seiner jetzigen Form überholt ist und wie es sich ändern lässt.

Tim Kantereit Tim Kantereit 24. November 2020 Aktualisiert am 16. März 2021 2 Kommentare
Hybridunterricht erfordert neue Lernformate und damit auch neue Wege im Referendariat.
©dpa

„Ich fühle mich um meine Ausbildung betrogen!“ Dieser Ausspruch einer Referendarin deutet an, dass die klassische Lehrkräfteausbildung nicht mehr funktioniert. Was die angehende Lehrerin meint, sind die traditionellen Unterrichtsstrukturen, die durch die Corona-Pandemie nur noch schwer umsetzbar sind. Maskenpflicht im Unterricht, Abstand halten, ständiges Lüften, eingeschränkte Gruppenarbeit und Ermahnen der Schülerinnen und Schüler, auf dem Pausenhof in ihren Kohorten zu bleiben. Erschwerend kommt hinzu, dass die wichtigen Unterrichtsbesuche entfallen oder durch Online-Beratungsgespräche ohne vorausgehenden Unterrichtsbesuch durchgeführt werden. Die Referendarinnen und Referendare haben somit von ihren Ausbilderinnen und Ausbildern in einem Zeitraum von vier bis sechs Monaten deutlich weniger Feedback erhalten, als ihre Kolleginnen und Kollegen in den Ausbildungsjahren zuvor. Sie müssen aber immer noch die gleiche Prüfung bestehen. Stimmt nicht ganz: Es gibt Ersatzprüfungen. Prüfungen ohne die Beobachtung von durchgeführtem Unterricht, allerdings mit einem Planungspapier, das einen traditionellen Unterricht skizziert.

Ein Problem: „Das Schulsystem wird nach Corona wohl nicht mehr dasselbe sein wie vor Corona.“ Das hat die Referendarin festgestellt. „Die allgemeine Hinterfragung von gängigen Unterrichtskonzepten auf ihre Sinnhaftigkeit hin hat gerade stattgefunden.“ Die Corona-Pandemie fegt über das Bildungssystem hinweg und macht deutlich, wo es hakt.

Wie muss sich die Lehrkräfteausbildung wandeln, um mit der Veränderung durch Corona Schritt zu halten?

Um diese Frage zu beantworten, betrachten wir nun drei für das Referendariat typische Bereiche genauer:

1.     Prüfungskultur

Die klassische Prüfung im Referendariat besteht aus der Bewertung der Planungskompetenz durch den Unterrichtsentwurf, der Durchführungskompetenz im Unterricht sowie der Reflexionskompetenz im Auswertungsgespräch. Typischerweise wird 45 Minuten lang beobachtet, was die angehende Lehrkraft im Unterricht macht, wie sie mit den Kids umgeht, wie sie Lernprozesse aufgreift und Feedback gibt. Dieser immanent wichtige Teil der Prüfung wird nun an vielen Standorten nicht mehr durchgeführt. Stattdessen gibt es Ersatzprüfungen ohne den Beobachtungsteil. Kann eine Prüfung in dieser Form überhaupt eine Lösung sein?

Das Problem ist, dass die Prüfungen von einem Unterrichtskonzept ausgehen, das im 19. Jahrhundert entwickelt wurde. Die Lehrkraft gibt Lernwege vor, sie kontrolliert das Geschehen, nichts ist dem Zufall überlassen.

Das Problem ist, dass die Prüfungen von einem Unterrichtskonzept ausgehen, das im 19. Jahrhundert entwickelt wurde. Die Lehrkraft gibt Lernwege vor, sie kontrolliert das Geschehen, nichts ist dem Zufall überlassen. Sie gibt das Tempo vor. Sie belehrt Kinder, lobt und tadelt. Das nennen wir traditionell „Pädagogik“. In einer Kultur der Digitalität (Stalder 2016), in einem digitalen Zeitalter tritt die Heutagogik, das „selbstbestimmte lebenslange Lernen“ (Walcherberger 2010) hervor. Ein solches Lernverständnis folgt dem Denkmodell des „Rauskiegens“ (Rosa 2017) und ist lernerzentriert, erforschend, problemorientiert, ergebnisoffen und im Austausch mit anderen. Im Jahr 2030 werden Schülerinnen und Schüler zudem auf komplett veränderte Wirtschaftsmodelle treffen (OECD Lernkompass 2030). Die Fähigkeit, selbstbestimmt und lebenslang zu lernen, wird immer wichtiger.

Und welche Rolle spielt Corona? Das Virus macht deutlich, dass das Schulsystem mit einer Pandemie schlicht überfordert ist. Mit aller Kraft will man am Präsenzunterricht festhalten, dabei tun sich ganz neue Perspektiven und Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung auf.

Unterricht in Präsenz 1:1 durch digitale Medien in Distanz abzubilden funktioniert mäßig gut. Es macht Sinn, Hybridunterricht durch asynchrone und synchrone Phasen zum Beispiel über ein Projekt zu strukturieren. Die Schülerinnen und Schüler bekommen dann eine Einführung in ein Thema im synchronen Unterricht oder in Distanz per Videokonferenz oder in der Schule. Dann werden ihnen Aufgaben zur Vertiefung angeboten, aus denen sie wählen können, etwa einen bestimmten Sachverhalt in Form eines Videos oder Podcasts darzustellen. Lehrkräfte bieten regelmäßig zu bestimmten Zeitpunkten Hilfestellungen an. Wenn der Projektunterricht an Scrum (Mittelbach u. a. 2020) angelehnt wird, kann in kleinen Lernschleifen gearbeitet werden.

Das heißt, am Ende eines definierten Zeitraumes müssen die Schülerinnen und Schüler in synchronen Phasen vorstellen, was sie bisher erarbeitet haben, und erhalten anschließend Feedback von der Lehrkraft und gegebenenfalls der Peergroup (Reviews) und können ihr Produkt weiter anpassen. In den Sprints, also den Phasen zwischen den Reviews, sind die Kinder auf sich gestellt und arbeiten zu Hause oder in der Schule eigenverantwortlich an ihren Aufgaben.

Die Corona-Pandemie zwingt das Schulsystem immer wieder in Distanzunterricht. Das bedeutet für die unterrichtspraktischen Prüfungen, dass es zwar Sinn macht, synchrone Phasen des Unterrichts zu begutachten, aber eben noch mehr, die gesamte Lerneinheit zu sehen, also die Planung des Unterrichtsgangs. Im Rahmen der eTeaching-Ausbildung des ZFL Köln (Zentrum für LehrerInnenbildung) konnte ich solche Planungen begutachten. Die Entwürfe kamen zumeist nicht in reiner Textform als PDF daher, sondern als digitale Präsentationen, Videos, Padlets oder Mind Maps. Um hybride Lernsettings darzustellen, wurde auf digitale Tools zurückgegriffen.

Wenn wir also die von staatlichen Prüfungsämtern entworfene Idee der Ersatzprüfungen aufgreifen, dann können und sollten wir diese Prüfungen nicht mit Blick auf eine traditionelle 45-minütige Unterrichtsstunde richten, sondern neue Lernformen und -möglichkeiten in Betracht ziehen und Planungsentwürfe gestalten, wie sie im Buch „Hybrid-Unterricht 101“ zu finden sind.

2.     Seminardidaktik

Wenn also ein neues Lernverständnis erforderlich ist, dann sollten meines Erachtens Referendarinnen und Referendare im Sinne flacher Hierarchien als Kolleginnen und Kollegen mit ganz eigenen Stärken und Entwicklungsbereichen gesehen werden. Kommunikation auf Augenhöhe ist angesagt. Seminarleitungen müssen Seminare mit Blick auf die Bedürfnisse der Referendarinnen und Referendare gestalten, mit ihnen gemeinsam an ihren Herausforderungen arbeiten und offen für Mitbestimmung sein. Auch sie lernen, wie Unterricht unter neuen Bedingungen funktionieren kann.

Und neu ist vieles. Plötzlich finden Seminare nicht mehr in Präsenz oder wenn, dann nur in geteilten Gruppen statt. Seminare werden synchron in Videokonferenzen gehalten und asynchron über ein LMS (Learning Management System) geführt. Digitale Tools, zum Beispiel zur Kollaboration, spielen eine wichtige Rolle. „Wir konnten in dieser Zeit viel Neues ausprobieren“, fasst eine Referendarin diese Phase zusammen. Seminarleitungen haben gelernt und lernen, wie sie ihre Inhalte digital aufbereiten können und synchrone Phasen durch Videokonferenzen zielführend gestalten. Das wird die Ausbildung von Lehrkräften nachhaltig verändern. Freuen wir uns also auf projektartige Formen, Barcamps, Online-Sprechstunden oder Flipped Seminars.

3.     Unterrichtsbesuche

Ob Unterrichtsbesuche in Zeiten von Corona stattfinden, ist neuerdings eine Frage des Inzidenzwertes. Ist dieser hoch, können Unterrichtsbesuche in realer Präsenz entfallen. Doch es gibt innovative Ideen und Formen der Umsetzung. Digitale Unterrichtsbesuche per Livestream, Zuschaltung in eine Videokonferenz oder der Blick in den asynchronen Lernweg in einem LMS bis hin zur Aufzeichnung des Unterrichts ermöglichen Unterrichtsbesuche 4.0. Die Beratung über Videokonferenz hat sich als praktische Alternative ergeben, die auch nach der Pandemie sicherlich gewinnbringend eingesetzt werden kann.

Welchen Weg sollen wir im Referendariat einschlagen?

Als Orientierung schlage ich Leitlinien für eine zeitgemäße Ausbildung vor.

  • Es braucht eine neue Prüfungs- und Fehlerkultur, die nicht den Fokus auf 45 Minuten legt, sondern auf eine Lerneinheit, die eher an Feedback orientiert ist und in der Fehler zu Lernanlässen werden. Hier spielt Vertrauen und Zutrauen eine wichtige Rolle.
  • Da in Zukunft viele Phasen des Lernens online stattfinden, müssen Referendarinnen und Referendare verschiedene Methoden und Medien einsetzen können, um Lernen sowohl im realen wie auch virtuellen Raum zu initiieren. Dazu muss für alle Beteiligten der Lernauftrag klar strukturiert und einfach gestaltet sein.
  • Die Seminarleitung bedient sich agiler Didaktik, um Referendarinnen und Referendare auf flacher Hierarchie zu begegnen und ihnen mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten zu bieten.
  • Die komplexer werdenden Anforderungen zeigen, wie wichtig es für Seminarleitungen ist, in einem Team zu arbeiten. Kollaboration und Kommunikation in realer wie virtueller Begegnung müssen gelernt werden.

Ob dieser Weg gelingt? Die mehrfach zitierte Referendarin findet: „Es ist eine unglaublich spannende Zeit!“

Zur Person

Tim Kantereit bildet Lehrkräfte in der ersten und zweiten Phase aus. Er ist zudem Herausgeber von „Hybrid-Unterricht 101“ und setzt sich mit seinem Podcast „Lauschcafé“ und die Online-Fortbildung „BildungsRun“ auch privat für eine zeitgemäße Bildung ein.

Mehr zum Thema

Das Buch „Hybrid-Unterricht 101. Ein Leitfaden zum Blended Learning für angehende Lehrer:innen“ aus dem Verlag Visual Ink Publishing ist ein Gemeinschaftsprojekt von 33 Autorinnen und Autoren aus den sozialen Netzwerken. Es zeigt, wie Präsenz- und Distanzunterricht verzahnt werden können. Gleichzeitig gibt es Impulse für angehende und erfahrene Lehrkräfte, eigene Ideen zu entwickeln.

Interessierte können das Buch hier kostenlos downloaden oder im Buchhandel als Taschenbuch erwerben.

Buchcover von Hybridunterricht
©Benjamin Wolba CC-BY-SA