Expertenstimme

Globale Bildungskrise : Das Kindeswohl in der Schule in den Mittelpunkt stellen

Was können wir tun, um die globale Bildungskrise zu bewältigen? An Teilproblemen herumzubasteln, wird nicht funktionieren. Es ist an der Zeit, die sozialen Ungleichheiten in unserer Gesellschaft, das digitale Suchtverhalten und unsere Ausbeutung der Natur entschlossen zu bekämpfen, schreibt der US-amerikanische Gastautor Dennis Shirley.

Dennis Shirley Dennis Shirley 10. November 2022 Aktualisiert am 11. November 2022
Kind beim Yoga
Kinder sollten früh lernen, auch mal auf die Pausetaste zu drücken.
©Taras Grebinets/iStock

Noch vor einem Jahrzehnt war das Bildungswesen weltweit für die politischen Entscheidungsträger:innen und auch für einen Großteil der Öffentlichkeit überschaubar. Tests wie PISA der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)  versprachen eine objektive Bewertung dessen, was 15-jährige Schüler:innen können und was nicht. Um Kritiker:innen entgegenzuwirken, die behaupteten, dass die Tests wichtige Aspekte der menschlichen Entwicklung außer Acht ließen, fügte die OECD 2018 eine Erhebung zur Messung des Wohlergehens von Kindern hinzu. Wenn die Testergebnisse eines Landes stiegen, gab es Grund zum Feiern; wenn sie sanken, wurden die mutmaßlichen Schuldigen zur Rechenschaft gezogen.

Machen Sie den Sprung in die Gegenwart, und diese einfache Logik ist verschwunden – wohl für immer. Während einige Schulsysteme in der Lage waren, das Ausmaß der Covid-19-Pandemie in den letzten zwei Jahren gut zu bewältigen, hatten die meisten von ihnen sehr damit zu kämpfen, ebenso wie ihre Schüler:innen und Lehrer:innen. Eine Umfrage ergab, dass Jugendliche die Gruppe stellten, die am stärksten von der Pandemie betroffen war: 65 Prozent der Jugendlichen aus 112 Ländern gaben an, dass sie weniger lernten als vor der Pandemie. Eine andere weltweite Studie mit mehr als 40.000 Jugendlichen berichtete von erhöhtem Stress, Angst und Depressionen als häufige Reaktionen von Teenagern auf die Pandemie. In Deutschland fliehen Lehrer:innen aus dem Beruf, weil sie unzureichende Unterstützung für Schüler mit schwerwiegenden psychologischen und sozialen Problemen sowie einen allgemeinen Erschöpfungszustand feststellen. Auch in den USAAustralien  und Großbritannien werfen Lehrer das Handtuch, so dass die Schulleiter händeringend nach Ersatz suchen.

Kleine Maßnahmen in den Klassen, große Politikveränderungen

Was ist zu tun? Wir brauchen ein ganzes Bündel von Lösungen. Diese müssen von den kleinsten Maßnahmen, die jede Lehrkraft im Klassenzimmer ergreifen kann, bis hin zu groß angelegten Umstellungen reichen, die Politikveränderungen auf nationaler und internationaler Ebene erfordern.

Erinnern wir uns zunächst an das professionelle Urteilsvermögen, das Lehrer:innen sofort ausüben können und müssen, um das Wohl ihrer Schüler:innen zu verbessern. Untersuchungen, die ich in den vergangenen drei Jahren unter der Schirmherrschaft der Robert Bosch Stiftung mit Pädagog:innen in Deutschland und den USA durchgeführt habe, zeigen, dass es nicht an guten Ideen mangelt, um unseren Schüler:innen zu helfen, ihr Selbstvertrauen und ihr Wissen zu erweitern. Einige Pädagog:innen haben auf die Pandemie reagiert, indem sie den Schüler:innen nicht nur beibringen, wie sie besser selbstständig lernen können, sondern ihnen auch die nötigen Kenntnisse vermitteln, um ihre eigenen Fortschritte objektiv zu bewerten. Andere  haben mit Hilfe digitaler Technologien neue Fähigkeiten entwickelt, die es ihnen ermöglichen, die Lernschwierigkeiten der Schüler:innen besser als zuvor zu erkennen. Wieder andere, die Schüler:innen aus sozial benachteiligten Familien betreuen, haben sich einfach darauf konzentriert, dafür zu sorgen, dass alle ihre Kinder während der langen Monate des Lockdowns zu Hause etwas zu essen haben.

Dass es viele positive Ansätze zur Förderung des Schüler:innen-Wohls gibt, liegt auf der Hand. Doch wir müssen auch auf einige eindeutig falsche Strategien aufmerksam machen. Viele gängige Definitionen des Kindeswohls lassen wesentliche Aspekte der menschlichen Entwicklung, wie zum Beispiel die körperliche Gesundheit, außer Acht. Vielleicht weil sie sich gegen die in den letzten Jahrzehnten so weit verbreiteten Testverfahren wehren. Andere übersehen die positive Seite negativer Emotionen, wie etwa die gerechtfertigte Empörung über soziale Ungerechtigkeiten, bei deren Beseitigung unsere jungen Menschen eine Rolle spielen können und auch sollten. Das Kindeswohl und das Wohl von Schülerinnen und Schülern sind eine ernste Angelegenheit. Wir tun einer heranwachsenden Generation keinen Gefallen, wenn wir ihr die oberflächlichen Verlockungen des Glücks auf Kosten eines dauerhaften, hart erkämpften Gefühls der Erfüllung bieten.

Ungleichheit als größtes Hindernis auf dem Weg zum Wohlergehen

Abgesehen davon, dass man sich auf die Kreativität und den guten Willen der einzelnen Lehrkräfte verlassen und falsche Vorstellungen vom Wohlergehen von Kindern vermeiden sollte – was sollte auf der oberen Ebene der Schulsysteme getan werden? Meine Forschungen mit Andy Hargreaves zum Thema „Well-being“ weisen auf drei Möglichkeiten hin, wie die Regierungen eine entscheidende Führungsrolle übernehmen können.

Erstens müssen sich die politischen Entscheidungsträger:innen direkt mit ihrer Mitschuld an der Vergrößerung der schwindelerregenden wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheit auseinandersetzen, die in viel zu vielen Ländern zu beobachten ist. Die Forschungen von Richard Wilkinson und Kate Pickett zeigen immer wieder, dass ein hohes Maß an Einkommensungleichheit mit einem geringen Wohlergehen der Menschen einhergeht, was sich in einer niedrigen Lebenserwartung und einer hohen Zahl an psychischen Erkrankungen ausdrückt. Diese Art von Problemen wird in den Schulen endemisch und kann nicht von Pädagog:innen allein gelöst werden. Wann immer politische Entscheidungsträger:innen soziale Ungleichheiten verringern können, müssen sie dies tun, wenn sie den Anspruch erheben wollen, das Wohlergehen in der Bevölkerung zu fördern.

Zweitens: In dem Maße, in dem unser Leben immer stärker mit den neuen digitalen Technologien verwoben ist, müssen wir alle auf die Pausentaste drücken und uns nicht nur fragen, was bequem ist, sondern auch, was an dem Ausmaß unserer digitalen Abhängigkeiten krankhaft sein könnte. Aus einer kürzlich durchgeführten Umfrage geht hervor, dass die US-Amerikaner:innen heute alle vier Minuten oder 344 Mal am Tag auf ihr Mobiltelefon schauen. Andere Studien haben ergeben, dass die Zeit, die Jugendliche mit ihrem Handy verbringen, in engem Zusammenhang mit ihrer Depressionsrate steht. Ist es angesichts solcher Statistiken wirklich ratsam, dass Schulen Innovation mit Technologie gleichsetzen? Es gibt unendlich viele andere Möglichkeiten, innovativ zu sein, zum Beispiel indem man die Schüler:innen ermutigt, Themen ihrer eigenen Wahl zu finden, die sie über Monate hinweg unter der Anleitung erfahrener Lehrer:innen und durch nachhaltige Interaktion mit ihren Mitschüler:innen vertiefen.

Nachhaltigkeit als Bestandteil moderner Bildung

Drittens zeigen die positiven Forschungsergebnisse dazu, wie wir alle auf die erholsame Kraft der Natur reagieren, dass es auch andere Wege gibt, um Schüler:innen zu motivieren. In Deutschland hat das Konzept der „Draußenschule“ im Zuge von Covid-19 neue Aufmerksamkeit erhalten, da junge Menschen heute mehr denn je die Interaktion und Beschäftigung mit ihren lokalen Ökosystemen brauchen. Die beispiellose Hitzewelle dieses Sommers lehrt uns alle, dass die Zeit für eine Änderung der Lebensweisen, die sich viel zu sehr auf den endlosen Konsum als bevorzugten Lebensstil stützen, längst überfällig ist. Unser Wohlergehen ist also nicht nur eine psychologische Einstellung, sondern eine ganze Lebensweise, die darauf abzielen sollte, die ökologische Nachhaltigkeit als wesentlichen Bestandteil der modernen Bildung zu fördern.

Ist das Wohl von Kindern und Jugendlichen in der Schule in Reichweite? Ja, wenn wir die richtigen Wege finden, um Pädagog:innen und Schüler:innen zu befähigen und gleichzeitig den dreifachen Gefahren der sozialen Ungleichheit, der digitalen Sucht und der Entfremdung von der Natur zu begegnen. Der deutsche Theologe Dietrich von Bonhoeffer schrieb: „Der ultimative Test einer moralischen Gesellschaft ist die Welt, die sie ihren Kindern hinterlässt.“ Werden wir in der Lage sein, diese Prüfung zu bestehen? Das ist die Frage, die wir uns jetzt stellen müssen.

Zur Person

  • Dennis Shirley ist Professor für Bildung und Gabelli Faculty Fellow an der Lynch School of Education am Boston College in den USA.
  • Außerdem ist Dennis Shirley Richard von Weizsäcker Fellow der Robert Bosch Academy in Berlin.
  • Er hat in 30 Ländern auf sechs Kontinenten Forschungen durchgeführt und Workshops zur beruflichen Weiterentwicklung von Lehrer:innen, Schulleiter:innen sowie weiterem Schulpersonal geleitet.
  • Sein neues Buch, das er gemeinsam mit dem Bildungsexperten Andy Hargreaves geschrieben hat, heißt „Well-being in Schools“.
Dennis Shirley
© Lee Pellegrini