Expertenstimme

Monitor Lehrerbildung : Frischer Wind in der Debatte um inklusive Bildung

Der Transformationsprozess zu einem inklusiven Bildungssystem ist in Deutschland seit Jahren ins Stocken geraten. Nun kommt neuer Schwung in die Debatte, schreibt Mark Rackles, Ex-Staatssekretär für Bildung in Berlin, in seinem Kommentar zum „Monitor Lehrerbildung“ zur Inklusion. Untersucht wurde dabei nicht nur der Status quo an den Hochschulen. Kernbotschaft ist die Notwendigkeit einer verpflichtenden Ausbildung von Kompetenzen inklusiver Bildung für alle Lehramtsstudierenden in allen Lehrämtern, und zwar nach bundeseinheitlichen Maßgaben.

Mark Rackles Mark Rackles 14. September 2022 Aktualisiert am 30. September 2022
Inklusion ist nach wie vor nicht flächendeckend verpflichtender Bestandteil des Lehramtsstudiums.
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Einrichtungen wie der „Monitor Lehrerbildung“ oder das „Deutsche Schulportal“ sind für die Weiterentwicklung und als Impulsgeber des deutschen Bildungssystems unerlässlich. Wenn das theoretische Potenzial föderaler Bildungssysteme wirklich erschlossen werden soll, dann nur durch transparente Vergleiche der Länderansätze, die offene Diskussion von „Good Practice“ (seltener von „Bad Practice“) und thematische Impulse in länderübergreifend relevante Themen. Mit dem eben veröffentlichten Policy Brief Inklusion übernimmt der „Monitor Lehrerbildung“ genau diese Rolle. Der Beitrag bringt frischen Wind in die notwendige Diskussion um inklusive Bildung und inklusive Schulentwicklung, deren Kern die Lehrkräftebildung ist.

Große Länderunterschiede bei inklusiver Bildung

Im Anschluss an die deutsche Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in 2009 gab es bis etwa 2015 sehr breite und produktive Debatten in den Ländern um die Umgestaltung zum inklusiven Schulsystem. Ab 2015 nahmen die Dynamik und der politische Gestaltungswille deutlich ab, ein einheitlich ausgerichteter Transformationsprozess zu einem inklusiven Bildungssystem ist in Deutschland ins Stocken geraten. Im Ergebnis gibt es 16 länderspezifische Transformationsprozesse unterschiedlicher Qualität. Die Umsetzung des durch die UN-BRK formulierten Menschenrechts auf inklusive Bildung ist damit in den einzelnen Bundesländern nicht überall auf gleiche Weise gewährleistet. Eine Studie kommt 2021 zum Ergebnis, dass sechs Länder einen relativ klaren inklusionsorientierten Weg beschreiten (Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen und Thüringen), drei Länder ambivalent agieren (Brandenburg, Saarland und Schleswig-Holstein) und sieben Länder eher als „Exklusionsländer“ einzuordnen sind (Bayern, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Sachsen-Anhalt).

Ab 2015 nahmen die Dynamik und der politische Gestaltungswille deutlich ab, ein einheitlich ausgerichteter Transformationsprozess zu einem inklusiven Bildungssystem ist in Deutschland ins Stocken geraten.

Eine Revitalisierung der Debatte auf Bundesebene ist heute dringender denn je. Dazu gehört eine konsensorientierte Suche nach länderübergreifenden Leitplanken der weiteren Entwicklung und nach inklusionsrelevanten Standards gerade in der Lehrkräftebildung. Der „Monitor Lehrerbildung“ liefert in diesem Zusammenhang Ergebnisse über den Status quo und den gemeinsamen Ausgangspunkt in der deutschen Lehrkräftebildung. Demnach ist die Inklusion nach wie vor nicht flächendeckend verpflichtender Bestandteil des Studiums; am ehesten finden sich Pflichtveranstaltungen in den Lehrämtern Grundschule und Sonderpädagogik. Inklusion wird zwar in den letzten Jahren verstärkt als Querschnittsthema angesehen, wirklich verankert ist es jedoch vorwiegend in den Bildungswissenschaften und Fachdidaktiken und eben nicht in den Fachwissenschaften. Der an sich zukunftsfähige Weg der Ausgestaltung von Studiengängen mit integrierter Sonderpädagogik (wie etwa in Berlin) wird nur selten beschritten. Auch hier überwiegt das Grundschullehramt.

Konkrete Vorschläge für bundeseinheitliche Leitplanken

Der Policy Brief Inklusion geht über die Beschreibung der Situation hinaus und formuliert fünf Empfehlungen für die weitere Debatte.

(1) Kernbotschaft ist die Notwendigkeit einer verpflichtenden Ausbildung von Kompetenzen inklusiver Bildung für alle Lehramtsstudierenden (unabhängig vom gewählten Lehramt).

(2) Hierzu sind abgestimmte Ländervorgaben im Sinne von Mindeststandards und Leitlinien notwendig.

(3) Die relevanten Kompetenzen müssen in den Fächern verankert und in die Fachstandards überführt werden.

(4) Studiengänge mit integrierter Sonderpädagogik sollten für alle Lehramtstypen ausgebaut werden.

(5) Hochschulinterne Strukturen sollten zur Unterstützung von Studierenden und Lehrenden zum Beispiel in Form von Kompetenzzentren für Inklusion aufgebaut werden.

Eine Lücke des Papiers ist die fehlende Einbindung in die zweite Phase (Referendariat) und die dritte Phase der Lehrkräftebildung (Fortbildung), das mag jedoch dem speziellen Fokus des „Monitors Lehrerbildung“ geschuldet sein, der explizit der ersten Phase verbunden ist.

Die Operationalisierung von Forderungen und die Übertragung in praktisches Handeln ist einer der klassischen Schwachpunkte in theoretischen Reformdebatten. Der Policy Brief Inklusion macht hier konkrete Vorschläge, indem beispielhaft auf die gemeinsamen Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) und Hochschulrektorenkonferenz (HRK) „Lehrerbildung für eine Schule der Vielfalt“ als geeignete Grundlage verwiesen wird. Analog zum Papier „Lehren und Lernen in der digitalen Welt“ in seiner operationalisierten Form vom Dezember 2021 wird die Erarbeitung von Katalogen mit möglichst konkret formulierten prioritären Kompetenzen, nötigen Maßnahmen sowie Gelingensbedingungen empfohlen. Zugleich kommt damit auch die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK ins Spiel, die das Thema mit der notwendigen fachlichen Autorität und aus einer länderübergreifenden Perspektive aufgreifen könnte. Naheliegend wäre auch ein Aufgreifen des Themas durch die anstehende KMK-Präsidentschaft Berlins im Jahr 2023: Berlin gehört zu den „Inklusionsländern“ und könnte hier positive Impulse in Bezug auf gemeinsame Eckpunkte einer inklusionsorientierten Lehrkräftebildung geben.

Breite Debatte um Reform der Lehrkräftebildung

Wie wichtig eine breite Debatte ist und wie schwergängig das Thema ohne bundesweiten Druck ist, zeigen die letzten Koalitionsverträge: Einen Bezug auf die UN-BRK enthalten zwar alle fünf Koalitionsverträge aus dem Jahr 2021, in der Regel jedoch mit einem engen (auf Behinderung) bezogenen Inklusionsverständnis und ohne konkrete Festlegungen für ein inklusives Schulsystem. Inklusion wird in Ländern wie Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg auf den Ausbau des Sonderschullehramts verengt. Positiv fallen immerhin drei Ansätze auf: In Baden-Württemberg soll für alle Schularten ein Qualitätsrahmen Inklusion und in allen Schulamtsbezirken ein Zeitplan für einen inklusiven Schulentwicklungsprozess erarbeitet werden. In Berlin erfolgt ein explizites Bekenntnis zu einem breiten Inklusionsverständnis, und in Mecklenburg-Vorpommern wird die Einrichtung einer Monitoring-Stelle zur Umsetzung der UN-BRK auf Landesebene geprüft.

Es gibt also aktuelle, positive Ansätze und Entwicklungen, an denen man mit der notwendigen Debatte um inklusive Bildung und länderübergreifende Leitplanken anknüpfen kann. Das Papier des „Monitor Lehrerbildung“ kommt hier zur richtigen Zeit und mit den richtigen Ansätzen. Die Tatsache, dass wir auf absehbare Zeit unter einem akuten Lehrkräftemangel leiden, ist dabei eher Chance als Problem: Die grundständige Lehrkräfteausbildung steht angesichts langer Ausbildungszeiten, Praxisferne und hoher Fachlichkeit inhaltlich und strukturell in Frage. Man sollte die Krise als Chance nutzen und die Empfehlungen des „Monitor Lehrerbildung“ in die weitere Debatte um die Lehrkräftebildung aufnehmen.

Mehr zum Thema

Der Monitor Lehrerbildung bietet einen deutschlandweiten Überblick über die Strukturen des Lehramtsstudium. Die Daten werden in regelmäßigen Abständen in den 16 Bundesländern sowie an lehrerbildenden Hochschulen erhoben. Zu bestimmten Schwerpunktthemen gibt es spezielle Analysen und Handlungsempfehlungen. Die Daten zur Inklusion wurden erstmals 2014 und nun 2020 erhoben, 61 Hochschulen und alle 16 Länder beteiligten sich an der Erhebung. Alle Daten dazu finden Sie hier. Handlungsempfehlungen zum Thema Inklusion im Lehramtsstudium wurden im Policy Brief Inklusion am 14. September 2022 veröffentlicht.

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