Expertenstimme

PISA-Spitzenreiter : Finnland: Eine Lehrerausbildung der anderen Art

Was macht die Schulsysteme der PISA-Spitzenländer Estland, Japan, Singapur und Finnland so erfolgreich? Das hat sich Lehramtsabsolvent Alexander Brand gefragt. Nach dem Abschluss seines Ersten Staatsexamens reiste er – noch kurz vor der Corona-Pandemie – in fünf Monaten durch die vier Länder. Er schaute sich Schulen an, sprach mit Lehrkräften, Eltern und Kindern. In diesem Gastbeitrag für das Schulportal schreibt er über seine Reise nach Finnland. Einen wesentlichen Grund für den Bildungserfolg in Finnland sieht Brand in der Lehrerausbildung.

Alexander Brand Alexander Brand 22. September 2021 1 Kommentar
In Finnland gehören Praxisphasen an Übungsschulen von Anfang an zur Lehramtsausbildung.
©Getty Images

Solange es wärmer als minus 20 Grad ist, spielen die Kinder draußen. Das ist die Regel, sie haben keine Wahl. In dieser Hinsicht ähnelt die von mir besuchte Schule jeder anderen Grundschule in Finnland. Wie in jeder anderen Grundschule kommen die Schülerinnen und Schüler aus der unmittelbaren Umgebung.

Doch diese Schule ist besonders. Jede Lehrkraft hat ein Büro, das an ihr Klassenzimmer anschließt. In jedem Klassenzimmer steht hinten ein Sofa, auf dem es sich ein Besucher wie ich gemütlich machen kann. Blickt man nach vorn, sieht man manchmal eine erfahrene Lehrkraft, welche die Klasse unterrichtet. Doch meistens sind es ein, zwei oder drei Studierende, die den Unterricht halten. Weit haben sie es nicht. Der Uni-Campus liegt nur wenige Hundert Meter entfernt.

Ich bin zu Gast bei einer der elf sogenannten Übungsschulen, die in Finnland die praktische Lehramtsausbildung verantworten. Jede Übungsschule ist einer Universität zugeordnet, und die dort arbeitenden Lehrkräfte sind alle in der Ausbildung tätig. Ein Referendariat gibt es hier nicht. Stattdessen sind die Praxisphasen – von wenigen Wochen bis hin zu mehreren Monaten – über die gesamten fünf Jahre des Studiums verteilt.

Lehramtsstudierende übernehmen den Unterricht

Die Grundschullehrerin einer sechsten Klasse, seit zehn Jahren an der Übungsschule tätig, erzählt mir, wie sich ihre Arbeit von der einer regulären Lehrerin unterscheidet. Zum Beispiel hält sie selbst nur wenig Unterricht. Ab und zu gibt es eine Woche, in der sie Vollzeit unterrichtet und die Studierenden nur hospitieren. Doch im Regelfall übernehmen die Studierenden den Großteil des Unterrichts.

Die an der Schule tätigen Lehrkräfte unterrichten dann oft nur bis zu fünf Stunden pro Woche. Die Schülerinnen und Schüler scheint das nicht zu stören. Sie sind daran gewöhnt, zumal die Studierenden während eines Praktikums meistens nur einer Klasse zugeordnet sind, um diese besser kennenzulernen.

Die Lehrerin ist im Unterricht immer anwesend, ihre Hauptaufgabe aber ist die Betreuung der Studierenden. Zu Beginn des Studiums wird jedes Detail einer Unterrichtsstunde gemeinsam durchgesprochen. „Natürlich treffen sie die Entscheidungen“, versichert mir die Lehrerin. „Ich will ihnen nichts vorschreiben, aber ich bin für sie da.“ Im Laufe des Studiums lernen sie dann Schritt für Schritt, den Unterricht weitgehend selbstständig vorzubereiten.

Direktes Feedback gibt die Lehrerin selten. „Ich stelle Fragen“, sagt sie. „Ich will sie zum Nachdenken anregen.“ Nach diesem Mantra arbeiten alle Ausbildungslehrkräfte: Anstatt dass sie den richtigen oder falschen Weg aufzeigen, helfen sie den Studierenden dabei, den Unterricht und das Verhalten der Kinder selbst zu analysieren.

Lehrkräfte treiben die Bildungsforschung voran

Der Unterricht und die Lehrerausbildung sind nicht die einzigen Aufgaben der Lehrkräfte einer Übungsschule. Sie sind auch verpflichtet, Forschung zu betreiben – entweder selbstständig oder zusammen mit der Universität, zum Beispiel indem sie eine Promotion anstreben. Die Grundschullehrerin, mit der ich spreche, promoviert über das berufliche Selbstverständnis von Ausbildungslehrkräften. Regelmäßig veröffentlicht die Übungsschule einen Band mit Forschungsbeiträgen, welche die Lehrerinnen und Lehrer dort auf Basis eigener Projekte verfassen. Durch solche Forschungsbände gelangen dann neue, praxiserprobte Erkenntnisse ins Schulsystem.

Für den Band, der im nächsten Frühling erscheinen wird, hat meine Gesprächspartnerin zwei Forschungsartikel eingereicht. Im ersten dokumentierte sie zusammen mit einer Sportlehrkraft die Ergebnisse eines zweijährigen Projekts, für das sie eine Unterrichtsreihe zum Thema „Wellbeing“, also Wohlbefinden, entwickelt hatten. Eine zweijährige Kooperation mit einer Partnerklasse aus Spanien war Gegenstand des zweiten Forschungsartikels, den sie gemeinsam mit der spanischen Lehrerin verfasst hatte.

In der Zusammenarbeit mit der spanischen Kollegin bemerkte sie einen entscheidenden Unterschied zwischen den zwei Systemen: Obwohl die Grundschullehrerin aus Spanien, genauso wie sie selbst, ein Hochschulstudium hinter sich hatte, tat sich diese mit dem Verfassen des Forschungsbeitrags sehr schwer. Meiner finnischen Gesprächspartnerin hingegen fiel es leicht, sich Forschungsfragen auszudenken, Daten zu erheben und auszuwerten sowie die Resultate wissenschaftlich niederzuschreiben. Dieser Unterschied überraschte sie. Sie hielt es für selbstverständlich, dass Lehrerinnen und Lehrer über genügend Expertise in den Methoden der Erziehungswissenschaften verfügen, um selbstständig Forschung zu betreiben.

Studienplätze in der Lehrerausbildung sind hart umkämpft

Am Uni-Campus bin ich mit einer Lehramtsstudentin für die Grundschule verabredet, die in der Studierendenvertretung aktiv ist. Sie gehört zu den glücklichen etwa zehn Prozent, die jedes Jahr einen Studienplatz fürs Grundschullehramt ergattern können. Dazu musste sie ein strenges Auswahlverfahren durchlaufen. Ihre Abiturnote spielte dafür erst mal keine Rolle, wie sie mir erzählt. Stattdessen stand am Anfang eine schriftliche Prüfung. Etwa fünf Wochen vor dem Prüftermin erhalten die Prüflinge einen Band mit aktuellen Forschungsartikeln aus den Erziehungswissenschaften. Geprüft wird, inwieweit die Bewerberinnen und Bewerber diese Studien durchdrungen haben.

Etwa fünf Wochen vor dem Prüftermin erhalten die Prüflinge einen Band mit aktuellen Forschungsartikeln aus den Erziehungswissenschaften. Geprüft wird, inwieweit die Bewerberinnen und Bewerber diese Studien durchdrungen haben.

Wie für das Fachgebiet typisch, erreichen solche Forschungsartikel oft eine Länge von ca. 20 Seiten. Sie behandeln auch Fragestellungen aus der Schulpolitik, zum Beispiel zu Bildungsgerechtigkeit. Der Prüfungsband als Ganzes umfasst bis zu 150 Seiten oder mehr.

„Wenn man als frische Schulabgängerin noch nie eine wissenschaftliche Studie gelesen hat, ist das ziemlich mühsam“, so die Studentin. Vor allem die Mathematik hinter den quantitativen Auswertungen sei eine Herausforderung. Zur Vorbereitung hat sie an einem Online-Kurs eines Privatanbieters teilgenommen, der sich auf diese Prüfung spezialisiert hat.

Teamarbeit spielt schon im Auswahlverfahren eine große Rolle

Wer in der schriftlichen Prüfung gut genug war, wird zur zweiten Auswahlphase eingeladen. Im Einzelinterview wird man beispielsweise gefragt, warum man Lehrerin oder Lehrer werden möchte, aber auch, was man gern am Schulsystem verändern würde. Im Gruppeninterview wird dann geschaut, wie man sich in einem Team schlägt. „Sie wollen sehen, wie man sich in einer Gruppe zurechtfindet, wie man sich einbringt und wie man mit anderen diskutiert“, schildert die Studentin. Das sei später im Studium äußerst wichtig, denn jeder ihrer Kurse verlangt in irgendeiner Form Teamarbeit. So wird beispielsweise eine der Praxisphasen von den Studierenden im Tandem absolviert.

Aus den integrierten Praxisphasen bringen die Studierenden in der Regel dann eigene Interessen und Ideen für die Masterarbeit mit, die sie dort wissenschaftlich vertiefen können. Mit mehreren Seminaren zu den Forschungsmethoden der Pädagogik ist das Lehramtsstudium, vor allem das Masterstudium, forschungsorientiert ausgerichtet.

„Der Beruf ist anstrengend. Und anderswo, etwa an Privatschulen in den USA, kann man viel mehr verdienen“, resümiert die Studentin, die auch als Vertretungslehrerin arbeitet. „Doch hier bleibt man in dem Beruf. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber fast jeder und jede hat eine gewisse Art von Leidenschaft für das Unterrichten gefunden.“

Ähnlich wie Japan  oder Singapur  sieht Finnland seine Lehrerinnen und Lehrer nicht nur in der Rolle, die nächste Generation auf die Zukunft vorzubereiten, sondern auch als Innovationstreiber für den Beruf an sich. Kooperativ und evidenzbasiert entwickeln sie den eigenen Unterricht und das System als Ganzes weiter. Es wundert nicht, dass die Lehramtsausbildung sie auf diese Aufgabe professionell vorbereiten will. Die finnische Lehrerbildung kombiniert dazu – recht elegant, wie ich finde – praxisorientierte Forschung und forschungsorientierte Praxis. Wir in Deutschland könnten uns eine Scheibe davon abschneiden.

Zur Person

  • Alexander Brand ist angehender Lehrer für Mathematik und Physik. Mit seinem Lehramtsabschluss in der Tasche beschloss er 2019, in vier der leistungsstärksten Schulsysteme der Welt zu reisen, um die Gründe für deren Erfolg zu finden. Fünf Monate lang besuchte er Schulen in Estland, Japan, Singapur und Finnland.
  • An der University of Glasgow in Großbritannien absolvierte er ein interdisziplinäres Masterstudium zu Bildungspolitik & -gerechtigkeit (MSc Education, Public Policy & Equity). Dort forschte er zur Umsetzung von Bildungsreformen in leistungsstarken Schulsystemen.
  • Über die auf seiner Weltreise gewonnenen Erkenntnisse zu den PISA-Spitzenländern schreibt er in seinem Blog und auf Twitter @Alexander_Brand.