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Medienpädagogik : Selbstgesteuertes Lernen ist Voraussetzung für Medienkompetenz

Nur wenn Schülerinnen und Schüler in der Lage sind, selbstbestimmt und selbstgesteuert zu lernen, können sie auch Medienkompetenz für ein sinnvolles Lernen mit digitalen Medien einsetzen. Davon ist unser Gastautor Dieter Spanhel überzeugt. In seinem Beitrag für das Schulportal fordert der Professor für Pädagogik Schulen und Lehrkräfte auf, dafür entsprechende Handlungsspielräume und Konzepte zu schaffen. Das sei keine Aufgabe für die Zukunft, sondern längst überfällig.

Dieter Spanhel Dieter Spanhel / 27. Oktober 2020 / 1 Kommentar
Medienkompetenz Tablet mit Händen
Schulen sollten sich an den Medienkompetenzen orientieren, die Kinder und Jugendliche mit digitalen Medien in ihrem Alltag erlangen.
©Uli Deck/dpa

„Schulen ans Netz“ war ein Slogan in den 1990er-Jahren. Seither bemühen wir uns in der Medienpädagogik nicht nur um die Vermittlung von Medienkompetenz beziehungsweise  Medienbildung, sondern auch um Konzepte zur Medienintegration in den Schulalltag. Es ist eine Schande, dass in einem der reichsten Länder der Welt unsere Schulen immer noch unzureichend mit Netzanschlüssen und digitalen Medien ausgestattet sind. Und es ist klar, dass die rasanten Medienentwicklungen neue Anforderungen an die Vermittlung von Medienbildung stellen.

Aber selbst mit einer guten Medienausstattung der Schulen, einem verstärkten Medieneinsatz und einer fundierten Medienbildung ist das gegenwärtige Problem unserer Schulen nicht zu lösen. Die pädagogische Herausforderung in einer digitalisierten Gesellschaft und unter den Bedingungen von Corona liegt auf einer viel tieferen Ebene. Es geht um eine grundlegende Forderung, die bis heute nicht ausreichend erfüllt wird: die Befähigung der Schülerinnen und Schüler zu einem selbstbestimmten, selbstgesteuerten und selbstorganisierten Lernen.

Erst wenn Schülerinnen und Schüler gelernt haben, selbstständig zu arbeiten, eröffnen sich beim Einsatz der digitalen Medien ganz neue Lernchancen und Arbeitsmöglichkeiten.

Das ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass die Lernenden zu Hause ihre Aufgaben eigenständig, ohne Hilfe der Eltern, erledigen und dabei auch sinnvoll die digitalen Medien nutzen können. Erst wenn Schülerinnen und Schüler gelernt haben, selbstständig zu arbeiten, eröffnen sich beim Einsatz digitaler Medien ganz neue Lernchancen und Arbeitsmöglichkeiten.

Die Heranwachsenden verfügen heute alle über digitale Medien. Sie nutzen sie in ihrer Freizeit sehr häufig und ganz selbstverständlich, weil sie ihnen vielfältige offene Erfahrungsräume zum Kommunizieren und zur Kontaktpflege, zum Spielen und auch zum Lernen bieten. Diese medialen Freiräume eröffnen den Jugendlichen nicht nur Übungsmöglichkeiten für selbstgesteuertes Lernen, sondern sie sind lebens- und entwicklungsnotwendig bei der Bewältigung ihrer Alltagsprobleme und Entwicklungsaufgaben und beim Prozess der Identitätsbildung.

Schule müsste die Medienkompetenzen, die die Heranwachsenden durch den Umgang  mit digitalen Medien in ihrem Alltag erlangen, als Bildungspotenziale für das Lernen erkennen und nutzen.

Schule müsste die Medienkompetenzen, die die Heranwachsenden durch den Umgang  mit digitalen Medien in ihrem Alltag erlangen, als Bildungspotenziale für das Lernen erkennen und nutzen. Dazu müsste sie das selbstbestimmte Lernen der Heranwachsenden in ihrer Freizeit genauer beobachten und die schulischen Lernprozesse entsprechend umgestalten. Aber sie müsste auch die damit verbundenen Entwicklungsgefährdungen für die Jugendlichen erkennen und bearbeiten.

Selbstbestimmtes Lernen setzt Autonomie voraus. Schulleitungen und Lehrkräfte müssen sowohl auf der Ebene der Schule als auch auf der Ebene des Unterrichts Handlungsfreiräume für die Schülerinnen und Schüler organisieren. So lernen sie, ihre Lernziele und Themen selbst zu bestimmen, allein oder mit anderen eigene Lernwege entsprechend ihren Fähigkeiten zu erproben und den Arbeitsprozess und die Darstellung der Ergebnisse zeitlich und räumlich zu organisieren.

In offenen Lernumgebungen können die digitalen Medien erst ihre volle Wirksamkeit entfalten.

In diesen Freiräumen können dann Arbeitsmaterialien, Lernprogramme, Informationen, die digital zur Verfügung stehen, vielfältige Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Lehrkräfte geben bei Bedarf Hilfestellung, beurteilen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern die Lernwege und Lernergebnisse, die Formen und den Nutzen des Medieneinsatzes und unterziehen sie einer kritischen Reflexion.

Um das zu ermöglichen, müssten Schulen eine „Schulkultur der Offenheit” aufbauen. In offenen Lernumgebungen können die digitalen Medien erst ihre volle Wirksamkeit entfalten. Das sind die Kontexte, in denen die Schülerinnen und Schüler nicht nur Medienkompetenz und eine kritische Haltung gegenüber den Medien aufbauen, sondern die digitalen Medien auch bei der Bearbeitung ihrer Entwicklungsaufgaben nutzen können.

Die Befähigung der Schülerinnen und Schüler zum eigenständigen Lernen geht nicht von heute auf morgen, sondern muss allmählich eingeübt und über die Schuljahre hinweg fortlaufend verbessert werden. Aber jede Schule, jede Lehrperson kann in kleinen Schritten sofort damit beginnen.

Zur Person

Bildungsforscher Dieter Spanhel
©privat
  • Dieter Spanhel war Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Pädagogik an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg.
  • Der Professor für Pädagogik hat sich in seiner Forschungsarbeit vor allem mit dem Aufbau der Medienkompetenz im frühen Kindesalter und dem Prozess der Medienbildung bei Kindern und Jugendlichen befasst.
  • Außerdem beschäftigt er sich mit der schulischen Medienerziehung und der Medienpädagogik in der Lehrerausbildung.

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1 Kommentar

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#1 – 28.10.2020 Heinz-Walter H.

Selbstgesteuertes Lernen

Das Ziel "Selbstgesteuertes Lernen" muss insbesondere in Coronazeiten ein Hauptanliegen sein. Woran es mangelt, ist die konkrete Umsetzung im Schulalltag. Genau darauf geht mein Buch "Gebt unseren Schulkindern mehr Chancen!: Schule neu denken nach Corona" ein. Selbstgesteuertes Lernen kann nicht einfach als eine neue Unterrichtsform eingeführt werden, unsere Schülerinnen und Schüler müssen für jedes Fach umfassend darauf vorbereitet werden, das bedarf einer Umstrukturierung des gesamten Unterrichts und es braucht Zeit.