Expertenstimme

Orientierungsjahr in der Oberstufe : Das irische „Transition Year“ – ein Modell auch für Deutschland?

Ein ganzes Schuljahr lang ohne Notendruck eigene Interessen erkunden, Praktika absolvieren und sich um die wahren Probleme der Menschheit kümmern – was für Oberstufenschülerinnen und -schüler in Deutschland wie eine Utopie klingt, ist in Irland Wirklichkeit. Im „Transition Year“, einer Art Orientierungsjahr, können die Jugendlichen zwischen Mittelstufe und Oberstufe den vorgegebenen Bildungsplan für ein Schuljahr unterbrechen und sich voll und ganz ihrer Persönlichkeitsentwicklung widmen. Wie das funktioniert und welche Wirkung ein solches „Transition Year“ hat, beschreiben die Bildungsforscherinnen Anne Sliwka und Lea Deinhardt in ihrem Gastbeitrag für das Schulportal.

Mädchen mit Fotoapparat
Im Transition Year in Irland erkunden die Schülerinnen und Schüler ihre Interessen in Kursen abseits vom Lehrplan. Auch Fotokurse gehören häufig dazu.
©DEEPOL by plainpicture/jackSTAR

Das irische „Transition Year“ (TY) ist ein weltweit einzigartiges Programm, das einen flexibel gestaltbaren Übergang zwischen Mittel- und Oberstufe ermöglicht und Raum für die persönliche Entfaltung der Schülerinnen und Schüler bietet. Eingeführt wurde es in Irland als Modellprojekt bereits in den 1970er-Jahren. Heute wird das „Transition Year“, eine Art Orientierungsjahr, von circa 80 Prozent der irischen Schulen angeboten, 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler nehmen daran teil. Meist ist die Teilnahme freiwillig. Was bedeutet: Die Schülerinnen und Schüler können das Jahr auch überspringen. An einigen Schulen ist es aber auch verpflichtend.

Ein ganzes Schuljahr wird damit explizit der Persönlichkeitsentwicklung, Interessenfindung und der beruflichen Orientierung der Jugendlichen gewidmet.

Die Grundidee des „Transition Year“

Die Grundidee des „Transition Year“ hat der ehemalige irische Bildungsminister Richard Burke bei der Einführung des Modellprojekts in den 1970er-Jahren so beschrieben: „(…) to stop the academic treadmill and release students from competitive educational pressure for one year“. Es geht also darum, die akademische Tretmühle zu unterbrechen und die Schülerinnen und Schüler ein Jahr lang vom schulischen Leistungsdruck zu befreien. Ein ganzes Schuljahr wird damit explizit der Persönlichkeitsentwicklung, Interessenfindung und der beruflichen Orientierung der Jugendlichen gewidmet.

Ziel ist es, die Jugendlichen auf ihre Rolle als autonome und verantwortliche Mitglieder der Gesellschaft vorzubereiten. Besonders betont werden dabei Aspekte wie „Reife“ (maturity), „Interdisziplinarität“ und „Selbstgesteuertes Lernen“. Außerdem sollen statt der üblichen Tests und Noten alternative Formen der Leistungserbringung eingesetzt werden, wie etwa Erfahrungstagebücher, Selbsteinschätzung (Self Assessment) oder selbst zusammengestellte Portfolios.

Der Aufbau des „Transition Year“

Wahlfächer, Praktika, Vorträge, Exkursionen – während des „Transition Year“ können irische Schülerinnen und Schüler vielfältige Erfahrungen sammeln. Angesiedelt ist das TY im 10. Schuljahr. Bei der Ausgestaltung haben die Einzelschulen große Freiräume. Lediglich bestimmte „Bausteine“ werden von staatlicher Seite vorgeben: Die Jugendlichen werden in Kursen durchmischt und können unter vielen Kursthemen wählen.

Das „Transition Year“ setzt sich aus folgenden vier Komponenten zusammen:

  • Verpflichtend ist auch während des TY die Belegung der Kernfächer – meist Englisch, Irisch, Mathematik und Fremdsprache. Hinzu kommen bis zu sechs Wahlfächer wie Physik, Geschichte, Musik oder Wirtschaft. Bestimmte Fächer können zudem auf einem erhöhten Anforderungsniveau belegt werden. Anders als in regulären Schuljahren gibt es im TY kein vorgegebenes Curriculum für die Fächer, sodass Lehrkräfte Unterrichtsinhalte auswählen und den Unterricht freier gestalten können. So kann in Mathematik beispielsweise ein ungewöhnlicher Themenbereich wie Kryptografie (Datenverschlüsselung) behandelt werden. Außerdem wird Raum für interdisziplinäres Arbeiten geschaffen: Lernende können beispielsweise die klimatische und gesellschaftliche Bedeutung eines Stadtparks erforschen. Durch „Negotiated Learning“ – die Mitbestimmung der Lernenden über die Lerninhalte und Lernprozesse – werden diese stärker in die eigene Verantwortung für ihr Lernen genommen und ihnen die Entscheidung darüber an die Hand gegeben, was sie besonders interessiert und was sie lernen möchten. Zu jeder „Transition Year“-Erfahrung gehört unter anderem „Projektorientiertes Lernen“, zum Beispiel in Form von Musical-Produktionen, dem Designen einer Website oder dem Bauen eines Roboters.
  • Über die Kernfächer hinaus gibt es innovative Kurse. Wie konkret in diesem Bereich das Angebot gestaltet ist, hängt von den jeweiligen Schulen ab – häufig gibt es Angebote wie Fotografie, Theater, Journalismus, Ägyptologie, Chinesisch, Psychische Gesundheit, Soziale Innovation, Schülerfirmen, Tourismus, Alternative Medizin, Selbstverteidigung oder Schreinerei.
  • Das dritte prägende Element des „Transition Year“ zielt auf die berufliche Orientierung und soziale Sensibilisierung der Schülerinnen und Schüler. Mindestens drei Praktikumswochen – aufgeteilt in Berufs- und Sozialpraktika – sind daher fester Bestandteil des TY. Die berufspraktischen Phasen können entweder in Blockwochen oder über einen längeren Zeitraum an einem festen Tag pro Woche erfolgen.
  • Ergänzt wird das Bildungsprogramm des „Transition Year“ um Angebote wie Vorträge, Workshops und Exkursionen. Vorträge können beispielsweise durch Mitarbeitende von NGOs, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Alumni der Schule gehalten werden. Externe Expertinnen und Experten geben Workshops zu Themen wie Sexuelle Gesundheit, Informationstechnologie, Verkehrssicherheit oder Erste Hilfe. Zudem gibt es komplexe Simulationen wie zum Beispiel „Mock Trials“ – simulierte Gerichtsprozesse, in denen die Lernenden spielerisch das Rechtssystem kennenlernen. Exkursionen reichen vom Besuch historischer Stätten bis zu mehrtägigen Teambuilding-Tagen in der Natur, und auch für internationale Schüleraustausche bleibt Zeit.

Flankierend haben sich in Irland zahlreiche außerschulische Kooperationsangebote entwickelt, die bei der Gestaltung dieses Orientierungsjahres unterstützen. Hierzu zählt beispielsweise das Programm „Young Social Innovators“: Die Jugendlichen bearbeiten hier ein gesellschaftliches (schulisches, lokales oder globales) Problem, das sie wichtig finden. Nach einer intensiven Phase der kognitiven Auseinandersetzung entwickeln die Lernenden einen Plan, wie sie das ausgewählte Problem angehen können, und setzen ihre Problemlösung anschließend in die Tat um.

Ergänzt wird das Programm durch die Möglichkeit der Teilnahme an nationalen Wettbewerben sowie an Studien- und Berufsmessen, die sich explizit an Schülerinnen und Schüler des TY richten. Das „Transition Year“ endet mit einer von den Jugendlichen organisierten Abschlussfeier, bei der Eindrücke aus dem Jahresverlauf in Form von Fotos, Videos, Redebeiträgen oder Ausstellungen geteilt werden. Hierbei überreicht die Schulleitung auch die Abschlusszertifikate, die die individuellen Lernwege der Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage eines von ihnen selbst erstellen Portfolios würdigt.

Die Auswirkungen des irischen „Transition Year“

Kann das „Transition Year“ seine Bildungsziele tatsächlich erreichen? Durch den geringen Leistungsdruck und die freien, projektorientierten Unterrichtsformen erhofft man sich positive Effekte auf Persönlichkeitsentwicklung, Selbstständigkeit, Sozialkompetenz und die berufliche Orientierung der Schülerinnen und Schüler. Im Idealfall soll das TY leistungsschwächeren Lernenden auch eine Möglichkeit zum Aufholen geben, während es für leistungsstärkere die Möglichkeit bereithält, neue Interessen zu entwickeln und zu vertiefen.

Auch Lehrkräften kann das TY Freiräume für neue Kreativität bieten. Der damit verbundene Enthusiasmus wiederum kann sich inspirierend auf die Jugendlichen auswirken. Andererseits ist wiederum auch denkbar, dass die ungewohnten Freiheiten sowohl die Lernenden als auch die Lehrkräfte zunächst überfordern.

Die bisherige wissenschaftliche Forschung zu den Wirkungen des „Transition Year“ ist überschaubar und dennoch aussagekräftig. Der wichtigste quantitative Befund lautet: Schülerinnen und Schüler, die das TY absolviert haben, schneiden beim „Leaving Certificate“ (dem irischen Pendant zur Abiturprüfung) im Schnitt besser ab als die Jugendlichen, die das TY übersprungen haben. Dieser Leistungsvorsprung wird darauf zurückgeführt, dass Schülerinnen und Schüler im TY lernen, selbstständig zu arbeiten, und eine eigene Motivation entwickeln. Dies spiegelt sich anschließend in der Oberstufe auch in einem größeren Durchhaltevermögen wider.

Insbesondere qualitative Studien weisen zudem wiederholt positive Effekte auf Persönlichkeitsentwicklung, selbstverantwortliches Lernverhalten, Selbstwirksamkeit, Schulzufriedenheit und die freundschaftlichen Beziehungen der Schülerinnen und Schüler nach. Auch Schüler-Lehrer-Beziehungen verbessern sich nachweislich, da Interaktionen auf Augenhöhe stattfinden und Lehrkräfte im Lernprozess als eher partnerschaftlich erlebt werden.

Es fällt jedoch auf, dass die Befunde zwischen einzelnen Schulen variieren. Die Qualität des „Transition Year“ mit der damit verbundenen hohen Gestaltungsautonomie der Schulen ist stark von deren spezifischen örtlichen Rahmenbedingungen und personellen Kapazitäten abhängig. Die Studien zeigen aber auch, dass die große Mehrheit der Jugendlichen das TY als positive Erfahrung bewertet. Kritik gibt es vor allem dann, wenn das TY verpflichtend ist oder wenn Schülerinnen und Schüler das Gefühl haben, das Jahr sei an ihrer Schule schlecht organisiert oder werde von den Lehrkräften nicht ernst genommen.

Was bringt der Blick nach Irland für die deutsche Schullandschaft?

Die Ausdifferenzierung der Arbeitswelt, die Entwicklung neuer Berufs- und Aufgabenprofile sowie die zunehmende Flexibilisierung von Bildungs- und Berufsbiografien macht in der modernen Gesellschaft für Individuen das Ausfindig-Machen eigener Interessenprofile immer wichtiger. Auch die pädagogische und bildungswissenschaftliche Forschung zeigt deutlich: Flexibilisierung und Personalisierung von Lernprozessen sind der Weg zu einer schülergerechten und zukunftsfähigen Schule.

Die deutsche Bildungspolitik verhält sich solchen Öffnungstendenzen gegenüber bisher noch immer zögerlich und setzt – insbesondere in der gymnasialen Oberstufe – weiterhin auf kanonische Bildung. Hinzu kommen hier eine zunehmende Standardisierung und damit eine weitere Einschränkung der Wahlmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler.

Ein flexibles Übergangsjahr zwischen Mittel- und Oberstufe nach irischem Vorbild könnte Raum für eine individuelle Interessenfindung bieten und Abhilfe in der anhaltenden G8/G9-Debatte schaffen.

Ein flexibles Übergangsjahr zwischen Mittel- und Oberstufe nach irischem Vorbild könnte Raum für eine individuelle Interessenfindung bieten und Abhilfe in der anhaltenden G8/G9-Debatte schaffen. Anstatt auf einem Jahr mehr oder weniger zu beharren, könnte ein „Transition Year“ hierzulande eine echte Flexibilisierung von Bildungswegen herbeiführen und die Durchlässigkeit des Schulsystems erhöhen, indem es einen niedrigschwelligen Einstieg in die gymnasiale Oberstufe ermöglicht.

Ein Aspekt, der in Diskussionen über die Weiterentwicklung des deutschen Schulsystems spätestens seit den Befunden der internationalen Vergleichsstudie PISA nicht mehr ignoriert werden kann, ist die Frage nach der Bildungsgerechtigkeit. Bildungsaffine Eltern ermöglichen ihren Kindern durch ganze Schuljahre im Ausland und außerschulische Nachmittagsangebote längst Zugang zu vielfältigen Bildungsangeboten, die den Inhalten des „Transition Year“ ähneln. Das irische Modell hingegen liefert allen Jugendlichen gleichermaßen – unabhängig vom Bildungshintergrund und vom Einkommen der Eltern – die Möglichkeiten, eigene Interessen zu finden, sich bezüglich Studium und Beruf besser zu orientieren und an ihrer Persönlichkeit zu arbeiten. Voraussetzung für die positive Wirkung des TY auf die  Bildungsgerechtigkeit ist allerdings, dass Schulen die Jugendlichen finanziell (zum Beispiel bei Exkursionen) und organisatorisch (zum Beispiel bei der Praktikumsplatz-Suche) unterstützen.

Wir wünschen uns mehr Forschung, die die Erkenntnisse aus dem irischen „Transition Year“ mit dem deutschen Kontext verbindet und die Möglichkeiten einer Implementation hierzulande auslotet. Und vielleicht gibt es ja schon bald ein erstes Modellprojekt? Denn am produktivsten ist Schulentwicklungsforschung immer in der Verbindung von Theorie, Empirie und Praxis.

Mehr zum Thema

Zum irischen „Transition Year“

  • Clerkin, Aidan (2012): Personal development in secondary education: The Irish Transition Year. In: Education Policy Analysis Archives 20 (38), S. 1–21.
  • Clerkin, Aidan (2019): The Transition Year experience. Student perceptions and school variation. Dublin: Educational Research Centre.
  • Department of Education and Science (1993): Transition Year Programmes – Guidelines for Schools.
  • Jeffers, Gerry (2011): The Transition Year programme in Ireland. Embracing and resisting a curriculum innovation. In: The Curriculum journal 22 (1), S. 61–76.

Zum deutschen Kontext

  • Neumann, Marko; Trautwein, Ulrich (2014): Die (Rück?)Reform der gymnasialen Oberstufe. Hintergründe, Entwicklungen in den Bundesländern und empirische Befunde aus der TOSCA-Repeat-Studie. In: Christian Ritzi und Frank Tosch (Hg.): Gymnasium im strukturellen Wandel. Befunde und Perspektiven von den preußischen Reformen bis zur Reform der gymnasialen Oberstufe. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 247–276.
  • Kühn, Svenja M.; van Ackeren, Isabell; Bellenberg, Gabriele; Reintjes, Christian; Im Brahm, Grit (2013): Wie viele Schuljahre bis zum Abitur? Eine multiperspektivische Standortbestimmung im Kontext der aktuellen Schulzeitdebatte. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 16 (1), S. 115–136.
  • Sliwka, Anne und Roth, Marie (2020): Zukunft der Oberstufe. „Wissen allein reicht nicht mehr aus.“ Gastbeitrag auf dem deutschen Schulportal.

Zur Person

  • Anne Sliwka ist Professorin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg. Sie forscht über Schul- und Schulsystementwicklung sowie Lehrerprofessionalität in international vergleichender Perspektive. Sie gehört zum wissenschaftlichen Beirat des neuen Instituts für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW), das eine datengestützte Qualitätsentwicklung im Bildungssystem des Landes unterstützen soll. Sliwka ist auch Mitglied im Programmteam der Deutschen Schulakademie und vertritt dort das Themenfeld „Neue Oberstufe“.
  • Lea Deinhardt studiert Politikwissenschaft und Anglistik in der Profillinie Lehramt Gymnasium mit dem Ziel Master of Education an der Universität Heidelberg. Sie schreibt derzeit unter Betreuung von Anne Sliwka ihre Masterarbeit in den Bildungswissenschaften zum irischen „Transition Year“ und untersucht insbesondere die Potenziale des Modells für die deutsche Schullandschaft. Außerdem ist sie ausgebildete Theaterpädagogin und interessiert sich für ganzheitliche Lernprozesse.