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Corona-Maßnahmen : Warum die Schulen so unzufrieden sind mit der Bildungspolitik

Lehrkräfte geben den Kultusministerien schlechte Noten für das Corona-Management an Schulen. Das zeigt die jüngste Umfrage des Deutschen Schulbarometers. Ist die Kritik berechtigt? Die Verantwortung für viele Probleme, die sich in der Pandemie zeigen, liegt in der Vergangenheit, schreibt Bildungsexperte und Autor Jan-Martin Wiarda in seinem Gastkommentar für das Schulportal.

Jan-Martin Wiarda Jan-Martin Wiarda / 22. Januar 2021 / 1 Kommentar
Schuld am Schultor mit der Aufschrift "Schule heute geschlossen - Der Schulleiter"
Jede dritte Lehrkraft gibt der Landesregierung eine „Fünf“ für das Corona-Management.
©Jonas Güttler/dpa

Wäre es ein Zeugnis, die Kultusministerinnen und Kultusminister hätten die Versetzung nicht geschafft.

1.015 Lehrerinnen und Lehrer wurden bundesweit für das zweite Deutsche Schulbarometer Spezial zur Coronakrise befragt, die Ergebnisse sind repräsentativ für die Lehrkräfte aller allgemeinbildenden Schulen in der Bundesrepublik. Umso mehr dürften die Ergebnisse den Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitikern wehtun: Aufgefordert, das „Corona-Management der Landesregierung im Hinblick auf Schulen“ zu bewerten, entschieden sich 14 Prozent der Lehrer für die Note „Sechs“ und 32 Prozent für eine „Fünf“. Nur ein knappes Drittel wollte eine „Drei“ oder besser geben. Eine „Eins“? Gab es nur von 1 Prozent der Lehrkräfte. Vielleicht hatten diese aber auch nur die Frage falsch verstanden.

Der Hinweis, dass die Lehrkräfte in der Umfrage die Corona-Schulpolitik der Landesregierung insgesamt beurteilt haben, bietet den Verantwortlichen in den Kultusministerien wenig Entlastung. Am Ende müssen ja doch vor allem die Ressortchefs für das Beschlossene geradestehen. Selbst Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler), immerhin um 0,5 Notenpunkte besser bewertet als der Bundesschnitt und sogar um 0,9 Notenpunkte besser als das Schlusslicht, NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP), dürfte seine 3,7 nicht gerade in die nächste Pressemitteilung packen.

Der Frust der Schulen mit der Bildungspolitik sitzt tief

Eines sind die Umfrageergebnisse indes nicht: unerwartet. Der Frust der Schulen mit der Bildungspolitik sitzt tief, er bricht sich seit Monaten in den sozialen Medien Bahn, in den Leserbriefspalten der Presse oder, wie zuletzt, in Onlinepetitionen gegen vorzeitige Schulöffnungen.

Sind die Schulen jetzt besser auf den Fernunterricht vorbereitet?

Spannende Ergebnisse bietet die Folgebefragung von Lehrkräften für das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise

Zur Umfrage

Die Enttäuschung der Lehrkräfte mit ihren obersten Dienstherren scheint auch bei anderen Fragen des Schulbarometers durch, das die Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit der „ZEIT“ in Auftrag gegeben hat. Nur 38 Prozent fanden im Dezember, ihre Schule sei von der Digitaltechnik her gut auf Fernunterricht vorbereitet – gerade mal 5 Prozentpunkte mehr als im April. 80 Prozent sahen vor Weihnachten großen Verbesserungsbedarf bei der technischen Ausstattung der Schülerinnen und Schüler; jeweils 58 Prozent nannten diesbezüglich die technische Ausstattung der Schule und der Lehrkräfte.

Und doch erlebt eine Überraschung, wer sich die Antworten der Lehrkräfte im Schulbarometer genauer anschaut. Offen (das heißt: ohne Vorgaben) gefragt, was sie als größte Herausforderungen in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sehen, sagten die meisten Befragten: die Versorgung und Integration der Schüler im Fernunterricht; die Umsetzung der Schutzmaßnahmen, des Lüftens, der Abstandsregeln. Und erst dann folgte, gleichauf mit dem ständigen Maskentragen, die technische Ausstattung der Schulen. Noch weiter hinten: die Schnellbeschlüsse der Politik, die dadurch fehlende Planungssicherheit.

Die Macht der Kultusministerien, kurzfristig etwas zu ändern, ist begrenzt

Woraus man zweierlei ableiten könnte. Erstens: Die meisten Probleme, die aus Sicht der Lehrkräfte am kritischsten sind, hätten sie auch dann, wenn die Kultusministerien in Sachen Krisenmanagement alles richtig gemacht hätten. Zweitens: Die Bildungspolitik wird auch deshalb zum Objekt der Wut vieler Lehrkräfte, weil sie nicht wissen, wo sie sonst hinsollten mit ihrer Ohnmacht und Hilflosigkeit. Obgleich die meisten Befragten, bäte man sie um eine differenzierte Einschätzung, anerkennen würden, dass vermutlich auch die Macht der Kultusministerinnen und Kultusminister, kurzfristig an den Umständen etwas zu ändern, begrenzt sei.

Beispiel Digitalisierung im Unterricht: Viel Geld wurde investiert in den vergangenen acht Monaten – in Geräte, Medien, Netzwerke und Plattformen. Doch konnte all das eben nur einen Bruchteil von dem ausgleichen, was in den vergangenen acht bis 15 Jahren verpennt worden ist. Nicht nur, aber vor allem von den Kultusministerien – die allerdings selbst bei ihren zaghaften Digitalisierungsversuchen oft mit dem erbitterten Widerstand aus Lehrerverbänden zu kämpfen hatten.

Stichwort Hygienemaßnahmen: Da könnten die Kultusminister kurzfristig noch so viele Lüftungsgeräte anschaffen oder den Schulen Pandemie-Leitfäden zur Verfügung stellen – den Platzmangel und die veraltete Raumtechnik, die viele Pandemiekonzepte zum Scheitern bringen, beseitigen sie dadurch nicht. Die haben ihre Ursache nämlich in einem Sanierungsstau, der nur deshalb auf schwindelerregende 44 Milliarden Euro (KfW-Kommunalpanel) und mehr ansteigen konnte, weil auch Finanzminister und Regierungschefs die Schulen im Regen stehen gelassen haben.

„Zu wenig Lehrkräfte“ bedeutet zu wenig Zeit für Weiterbildungen

Und warum fällt es vielen Lehrkräften jetzt so schwer, im Fernunterricht ihre Schülerinnen und Schüler angemessen zu erreichen? Weil sie zu wenige sind. Weil ihr Stundendeputat zu hoch ist und ihnen kaum Zeit zur Weiterbildung blieb. Weil der von den Kultusministern nicht vorhergesehene Lehrermangel viele Schulen schon lange vor der Pandemie strapazierte.

Ironischerweise hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) in den vergangenen zwei, drei Jahren vor der Krise an vielen Stellen begonnen, die Versäumnisse der Vergangenheit vor sich selbst einzugestehen, und einen föderal-zaghaften Umbruch eingeleitet. Deutlichste Belege waren eine neue Digitalstrategie, eine bessere Lehrerbedarfsplanung und erst vor Kurzem der Abschluss eines neuen KMK-Bildungsabkommens sowie die Einrichtung einer Ständigen Wissenschaftlichen Kommission zur systematischen Beratung der Politik durch Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher.

Nur reicht „föderal-zaghaft“ schon in normalen Zeiten kaum. Und in der Pandemie können sich die Schulen aus Reformschwüren und Zukunftsversprechen keine digitale Technik, keine besseren Gebäude und auch nicht die fehlenden Kolleginnen und Kollegen zaubern.

Festhalten am Präsenzunterricht ist wahrscheinlich die angemessene Konsequenz

Wissend um all das, was fehlt, haben die Kultusministerinnen und Kultusminister, zusammen mit dem Bund, seit Pandemiebeginn nicht nur bei der Digitalisierung Tempo gemacht. Zugleich haben sie mit aller Kraft darauf gedrängt, die Schulen trotz steigender gesamtgesellschaftlicher Infektionszahlen offen zu halten. Weil sie glaubten, so am besten die Bildung und die Teilhabe gerade von Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern zu sichern. Aus demselben Grund versuchen sie derzeit, im Shutdown möglichst vielen Kindern die Betreuung in Kitas und Schulen zu ermöglichen.

Vermutlich haben die Kultusministerinnen und Kultusminister mit ihrer Haltung recht. Wahrscheinlich ziehen sie mit ihrem Festhalten am Präsenzunterricht die einzig angemessene Konsequenz aus der real existierenden Wirklichkeit an vielen Schulen. Eine Wirklichkeit, für die sie selbst und ihre Vorgängerinnen und Vorgänger aber eben einen großen Teil der Verantwortung tragen.

Sie wissen es – und sind offenbar bereit, deswegen sogar jede Menge öffentliche Kritik auszuhalten. Nur eines werden sie dafür von den Lehrkräften nicht erwarten dürfen: eine wohlwollendere Beurteilung und bessere Noten. Dieser Zug ist lange vor der Pandemie abgefahren.

Zur Person

  • Jan-Martin Wiarda ist freier Autor und Moderator. In seinem Blog schreibt der Journalist, Politikwissenschaftler und Volkswirt regelmäßig über aktuelle Ereignisse in Bildung und Forschung.
  • Als Autor arbeitet er unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“, den „Tagesspiegel“ und „DIE ZEIT“.
  • 2016 veröffentlichte er seine Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Thema „Über die Folgen von Politikberatung für die Wissenschaft am Beispiel des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung“.

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1 Kommentar

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25.01.2021 Carolin K.

Präsenzunterricht "as usual" als Maß aller Dinge während einer Pandemie???

Als Elternvertreterin halte ich es nach wie vor für einen Kardinalfehler der Bildungspolitiker*innen aller Bundesländer und dort regierenden Parteien, nach den Sommerferien "Schule wie immer" als oberste Maxime auszugeben und daran um jeden Preis festzuhalten, bis auch sie wenige Tage vor Weihnachten vor der Realität endlich kapitulieren mussten. Wechselunterricht von Anfang dieses Schuljahres an und eine Einigung über die "Fundamental-Lernziele/-inhalte" pro Jahrgangsstufe in diesem Pandemie-Schuljahr hätten den Schulen vernünftige, weitgehend planbare Rahmenbedingungen und Möglichkeiten zur selbstwirksamen Gestaltung verschafft. Die Schulen hätten in den letzten Wochen und Monaten keine wöchentlichen, de facto täglichen organisatorischen Alpträume durchleben müssen und sich stattdessen sehr weitgehend auf ihren pädagogischen Auftrag konzentrieren können. Was erwarte ich von der Bildungspolitik? Bitte zum Schuljahr 2021/22 kein Zurück zum Status Quo vor Corona!